Freiburg Die Heiligen des Augustinermuseums

Propheten im Augustinermuseum Freiburg

Propheten, um 1320/1330

Mehr als 600 Jahre lang schauten sie ernst und streng auf die Freiburger herunter: zehn Propheten, die in etwa 50 Meter Höhe am Münsterturm aufgestellt waren. Der Ort ist typisch: Gestalten aus dem Alten Testament wurden im Mittelalter fast immer außen an den Kirchen angebracht, im Inneren dominieren die Figuren des Neuen Testaments. Jede der Statuen ist drei Meter hoch, fast alle tragen Bart und halten Spruchbänder in den Händen. Identifizieren lässt sich nur einer: Mose. Die Standbilder wurden ab den 1950er Jahren am Münster abgebaut und durch Kopien ersetzt. Oben an der Wand sieht man das Hochrelief der Marienkrönung, das einst über dem Hauptportal des Münsters hing.

Hans Baldung im Augustinermuseum Freiburg
Walter Schmitz
Gottesmutter mit Kind
Hans Baldung gen. Grien: Muttergottes mit schlafendem Kind, 1520

In sattem Rot leuchtet der Hintergrund dieses Gemäldes – und lockt die Besucher in eine Welt voller Geheimnisse: Warum schaut die Gottesmutter so melancholisch in die Ferne? Und warum schläft das Jesuskind auf ihrem Arm so tief? Manche Kunsthistoriker meinen, darin einen Hinweis auf den Kreuzestod zu erkennen. Rätselhaft wirkt auch die Inschrift "151X", die Hans Baldung, ein Schüler Albrecht Dürers, links oben auf dem Bild hinterließ. Die wahrscheinlichste Lösung: Es handelt sich um eine Datierung, die aus arabischen und römischen Ziffern zusammengefügt ist. Aus 1510+X ergäbe sich so das Jahr 1520.

Ölgruppe Jünger im Augustinermuseum Freiburg
Walter Schmitz
Wo Schlafen die Freundschaft verrät
Ölberg-Gruppe, um 1620

Johannes war nicht nur der Jünger, der Jesus besonders nahestand – er war auch einer von denen, die ihn am Ende seines Lebens enttäuschten. In der Ölberg-Gruppe kniet Jesus hinter seinen Jüngern. Er weiß, dass er in wenigen Stunden sterben wird und betet voller Verzweiflung. Drei seiner Jünger hatte er aufgefordert, mit ihm zu wachen, doch sie sind eingeschlafen. Darunter auch Johannes, der ganz links auf einem Stuhl sitzt. Wie die anderen Figuren ist auch er fast lebensgroß dargestellt. Mit seinen Spirallocken, den gezupften Augenbrauen und dem kostbaren Gewand wirkt er kaum wie der Anhänger eines Wanderpredigers – eher wie ein Student aus gutem Hause, der über seinen Büchern eingenickt ist. Stärker vom Leben gezeichnet wirken die Apostel Jakobus und Petrus, die rechts neben ihm auf dem Boden liegen. Geschnitzt hat diese Skulpturen ein unbekannter Künstler aus Oberschwaben.
 

Christus-Johannes-Gruppe im Augustinermuseum Freiburg
Walter Schmitz
"Johannesminne"
Christus-Johannes-Gruppe, um 1320/1330

Ein älterer Bruder, der den jüngeren tröstet. Zwei Freunde, eng aneinander geschmiegt. Oder zwei, die sich lieben. Es gibt nur wenige Skulpturen des Mittelalters, die eine solche Nähe und Zuneigung ausdrücken wie die Christus-Johannes-Gruppen, die auch "Johannesminne" genannt werden. Nur gut zehn Plastiken dieser Art sind erhalten, alle entstanden in Südwestdeutschland. Sie erinnern an eine Szene beim Letzten Abendmahl: "Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte." (Joh.13,23). Die Kunstwerke standen oft in Frauenklöstern und sollten die Nonnen anregen, im Gebet dem Herrn so nahezukommen, wie es Johannes einst gelungen war.
 

Christus-Torso im Augustinermuseum Freiburg
Walter Schmitz
Geschundener Christus
Christus-Torso eines Vesperbildes, um 1350

Manche Kunstwerke werden durch Zerstörung und Beschädigung noch eindrucksvoller – wie dieser Torso des toten Christus. Seine Arme sind abgebrochen, genauso ein Teil der Beine. Der Körper wirkt so noch geschundener, als es der Künstler ohnehin geplant hatte. Überdeutlich zeichnen sich am Brustkorb die Rippen ab. Und fast obszön klafft die Seitenwunde, die ein Soldat dem toten Jesus laut Evangelienbericht zugefügt hat. Der Torso gehörte einst zu einem "Vesperbild", einer Skulpturenform, bei der Maria auf ihrem Schoß den Leichnam Christi hält. Doch hier ist der tote Gott auch von seiner Mutter verlassen, nur Marias Hände und ein Stück ihres Gewandes sind noch zu sehen.

Marien-Torso im Augustinenmuseum Freiburg
Walter Schmitz
Wo die Madonna blutige Tränen weint
Marien-Torso eines Vesperbildes, um 1330/1340

Den Maler, der diese Figur verzierte, muss Marias Schmerz sehr berührt haben. Blutige Tränen lässt er über das Gesicht der Gottesmutter laufen, wie Perlen heben sie sich vom Holz ab. Marias rotgeweinte Augen blickten einst zum leblosen Jesus auf ihrem Schoß, doch dieser Teil der Skulptur verschwand im Laufe der Zeit. Lebensnahes Detail: das Grübchen an Marias Kinn. Dieses Vesperbild war eines der ersten in Süddeutschland und stand ursprünglich im Münster von Radolfzell am Bodensee.

Palmesel im Augustinenmuseum Freiburg
Walter Schmitz
Jesus reitet auf einem Esel
Palmesel, um 1350/1360

Wehrlos, ausgeliefert – sieht so der Erlöser aus, der Sohn Gottes, der König aller Königreich’? Die Evangelien überliefern, dass Jesus in den Tagen vor seiner Kreuzigung auf einem jungen Esel in Jerusalem einritt, begrüßt von einer jubelnden Menge. Seit dem frühen Mittelalter erinnern Christen mit den Palmsonntags-Prozessionen an dieses Ereignis. Im 13. Jahrhundert kam in Süddeutschland der Brauch auf, dabei einen hölzernen Esel mit einer Christusfigur auf einem Karren durch die Straßen zu ziehen. Diese Skulptur hier stammt aus Oberrotweil im Kaiserstuhl. Verloren gegangen sind die beweglichen Unterschenkel des Herrn – sie sollten das Wippen der Füße beim Reiten nachahmen. Auffällig sind das lange, schmale Gesicht Jesu und seine Augen, die abwesend nach unten schauen – der Blick eines Mannes, der seinen Tod ahnt.

Augustinermuseum Freiburg, Augustinerplatz, Tel. 0761 2012521, www.freiburg.de/museen

Autor

Oliver Fischer

Ausgabe

Freiburg 07/2013