Dresden Die Neustadt von A bis Z erleben

Bermudadreieck in Dresden.

Anton - Der sächsische König (1755-1836), der auch "Anton der Gütige" genannt wurde, galt als konservativ - ganz anders als die Siedlung, die ihm zu Ehren Antonstadt getauft wurde, heute Äußere Neustadt heißt und der quirligere Teil der gesamten Neustadt ist.

Bermudadreieck - So nennen Neustädter die Kreuzung Louisen- und Görlitzer Straße, weil dort nachts manchmal junge Menschen verschwinden. Ob sie schlicht untertauchen in der großen Spontanparty, die dort an warmen Sommerabenden begleitet von Life-Gitarrenmusik und Bierflaschen vom Spätshop zuverlässig aufbrandet, oder ob sie ihren Rausch ausschlafen gehen - man weiß es nicht.

Combo Café-Bar - Die Louisenstraße ist der Laufsteg durch die Neustadt, und die großen Fenster dieses Cafés sind ganz dicht dran. Louisenstraße 66.

Döner - Zweierlei bekommt man hier an jeder zweiten Ecke: einen neuen Haarschnitt und einen Döner. Warum sich ein Dutzend türkische Imbisse im Viertel ballen? Vielleicht, weil viele Neustädter ihr Essen gerne draußen und ohne Tischzwang einnehmen. Friseure gibt es hier übrigens noch mehr: um die 40. Vielleicht weil die Punks, die entlang der Alaunstraße immer noch gut vertreten sind, frisuren-technisch Maßstäbe setzen.

Elbhang Rot - Am Rande der Neustadt wird Bier gebraut. Diese Sorte der "Hausbrauerei Schwingenheuer" ist kupferfarben und benannt nach dem Elbhang-Fest, wo sie erstmals ausgeschenkt wurde. Schönbrunnstraße 1, www.obergaerig.de.

Flüstern - Ob es um neue Läden geht oder um Neustädter, die was bewegen: Anton Launer weiß Bescheid und teilt es in seinem Blog "Neustadt-Geflüster"allen mit.

Grün - Nicht nur in diversen Kneipen gelangt man durch den Hinterausgang ins Grüne. Die ganze Neustadt ist grün, zumindest ihr Wählerverhalten. Die einstige Protestpartei ist im einstigen Protestviertel seit Jahren zuverlässig stärkste politische Kraft.

Kunsthofpassage in der Äußeren Neustadt in Dresden.
Gregor Lengler
Die Kunsthofpassage gehört zu den letzten Höfen im Viertel.
Höfe - Ingo Mager, Chef des alteingesessenen Fachgeschäfts Messer-Mager (Alaunstraße 10), rät zu einem Blick hinter die Häuserzeilen:
Sie kennen das Viertel seit fast 30 Jahren. Welches sind die schönsten Orte?
Ich bin am liebsten in den wenigen verbliebenen Hinterhöfen. Zum Beispiel rund um das Nordbad, zwischen Louisen- und Böhmische Straße. Wenn jemand zu Besuch kommt und ein besonderes Stück Dresden sehen möchte, dann gehe ich mit ihm in die Kunsthofpassage, wo man Läden und nette Restaurants findet.
Warum gibt es nur noch wenige Höfe?

Als ich 1987 das Messergeschäft in der Alaunstraße übernahm, lebten auch schon Studenten im Viertel, viele von ihnen illegal. Die Bausubstanz war desolat. Nach der Wende wurde die Neustadt Sanierungsgebiet, heute sind fast alle alten Hinterhöfe zugebaut - leider.
Was denken Sie über die Entwicklung des Viertels?
Viele der Läden und Kneipen hier gibt es seit kurz nach der Wende - etwa die "Planwirtschaft" in der Louisenstraße. Insgesamt hat sich vieles positiv entwickelt - bis auf die Mieten. Ich möchte nur nicht, dass hier ein reines Kneipenviertel entsteht, die Vielfalt sollte erhalten bleiben.

Ideologie – Kurz vor der offiziellen Währungsunion 1990 wurde in einer Kneipe die "Bunte Republik Neustadt" (BRN) gegründet - inklusive eigener Währung: der Neustadtmark. Auf jedem Geldschein prangt wie auch auf der Republikfahne, eine Micky Maus mit Ährenkranz. Die BRN war ein politisches Signal dafür, dass man hier weder das alte DDR- noch das neue westdeutsche System wollte. Es gab eine "ordentliche provisorische Regierung", man traf sich in "Schwatzrunden". 1993 wurde die BRN aufgelöst, aus der Utopie wurde ein immer weniger politisches Straßenfest, das jedes Jahr um das dritte Juni-Wochenende stattfindet. Die Micky-Mäuse und Fotos aus der Gründungszeit kann man im BRN-Museum im Stadtteilhaus besichtigen. Prießnitzstraße 18.

J̈üdischer Friedhof- Areale, die nicht zugebaut sind, werden immer seltener in der Neustadt. Dieses wird bleiben: der älteste erhaltene jüdische Friedhof in Sachsen. Als er 1751 angelegt wurde, lag er noch außerhalb der Stadtgren- zen. Heute ist er hinter einer Mauer versteckt, durch das Tor kann man aber einen Blick auf die Grabsteine werfen. Wer mehr sehen möchte, kann sich beim Verein Hatikva (Hoffnung) für eine Führung anmelden. Pulsnitzer Straße 10/12, www.hatikva.de.

Kreativität - Bei Kristina Krömer im "Louisen Kombi Naht" (Louisenstr. 72) laufen viele Fäden zusammen.
Ist die Neustadt ein gutes Pflaster, um neue Ideen auszuprobieren?
Ja. Aber es wird nicht leichter, viele erwarten hier eine alternative Shoppingmeile. Ich möchte aber nicht nur Kleidchen nähen, sondern mit Mode gesellschaftsrelevante Themen aufgreifen.
Was machen Sie denn genau?
Ich nähe zum Beispiel Blaumänner zu Abendkleidern um. Und ich möchte gemeinsam mit anderen das Handarbeiten neu beleben - und den immer weniger werdenden Älteren aus dem Viertel beim Stricken Gelegenheit zur Begegnung bieten. Zum 13. Februar haben wir einen Leopard-I-Panzer eingestrickt, der zwei Wochen vor dem Militärhistorischen Museum stehen sollte.
Was wollen Sie damit erreichen?
Ich möchte einen Dialog aufbauen. Das ist auch gelungen. Uns wurde vorgeworfen, mit der Täter-Generation zu stricken. Es kamen aber auch gute Zeichen, etwa von jüdischen Frauen aus Leningrad. Der Panzer blieb drei Monate stehen, und die Strickhülle ist jetzt Teil der Sammlung im Museum.

Lehmann - Zwischen all der Streetart im Viertel und diversen kleinen Galerien ragt dieser Name heraus. Die Brüder Frank und Ralf Lehmann sind seit kurz nach der Wende im Geschäft - und das inzwischen dicke. Im Programm haben die beiden unter anderem den Dresdner Maler-Star Eberhard Havekost. Galerie Gebrüder Lehmann, Görlitzer Straße 16.

Müll - Kaum vorstellbar, dass auf dem Alaunplatz einst militärische Ordnung herrschte. Die königlich-sächsische Armee hielt hier vor 180 Jahren Paraden und Übungen ab. 1960 wurde der Exerzierplatz zum Park umgestaltet und ist heute die grüne Lunge des Viertels. Die langen Alaunplatz-Nächte spornen die Kreativität der Behörden an: Immer neue Mülltonnen-Varianten werden aufgestellt, um den Überresten Herr zu werden.

Nachwuchs - Nicht Berlin-Prenzlauer Berg, nicht Hamburg-Eimsbüttel, Dresdens Neustadt ist das deutsche Großstadtviertel, in dem relativ zur Einwohnerzahl die meisten Kinder zur Welt gebracht werden: 19 Geburten auf 1000 Einwohner, gut doppelt so viele wie im deutschen Durchschnitt. Das hat sichtbare Folgen: Es gibt sehr viele Spielzeugläden, sehr viele Spielplätze und manchmal vor lauter Kinderwagen wenig Platz auf den Gehsteigen. Und der Nachwuchs senkt den Altersdurchschnitt im Viertel: Er liegt bei knapp über 31 Jahren und damit deutlich unter dem bundesdeutschen Durchschnittsalter von 44 Jahren.

Ostalgie - Die Bar "Ostpol" ist im Stil der 1970er Jahre gestaltet - und zwar der Siebziger, so wie sie in der DDR aussahen. Das gilt nicht nur für die Tapeten, die Sitzmöbel und das Mitropa-Geschirr, sondern auch für das Bier, das vor allem aus Tschechien und Polen kommt. Königsbrücker Straße 47.

Preßnitz - Das kleine Flüsschen fließt durch die Dresdner Heide und windet sich dann entlang der Prießnitzstraße durch den ruhigen Teil der Äußeren Neustadt. Seine Elb-Mündung ist bei den vielen jungen Neustadt-Familien ein beliebter Treffpunkt.

Quadratkilometer - Nur ein klein wenig größer ist die Äußere Neustadt. Sie wird im Süden von der Bautzner Straße, im Norden vom Alaunpark, im Osten von der Prießnitzstraße und im Westen von der Königsbrücker Straße umschlossen.

Rundblick - Wenn die Sonne untergeht, hat man vom Turm der Martin-Luther-Kirche den schönsten Blick auf die Neustadt. Der Trubel unten ist kaum mehr hörbar, man sieht die Hinterhöfe des Viertels, die Straßen werden zu Lichterketten und die Altstadt zu einem Gemälde jenseits der Elbe. Den Zauber gibt es freitagabends und sonntagnachmittags im Sommer: Der Turm ist von Ende Mai bis Ende September für Besucher geöffnet.

Schokolade- In der Neustadt wurde die Milchschokolade erfunden. Dresdner Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass die Herren Jordan und Timaeus, nach denen zwei kleine Seitenstraßen benannt sind, schon vor den Schweizern Milchschokolade in Tafeln verkauften - aus Kakao, Zucker und Eselsmilch. Die Dresdner Schokolade war körnig und kauintensiv, sie zerging nicht wie heute auf der Zunge. Das Unternehmen gibt es schon seit den 1930er Jahren nicht mehr, aber die Timaeus-Fabrikantenvilla steht noch: im Hinterhof der Alaunstraße 71.

Tulpen von Bui- Kultstatus ist der beste Schutz gegen wachsende Konkurrenz. Da können noch so viele Biomärkte eröffnen, viele Neustädter halten einem freundlichen Vietnamesen die Treue: Bui. Seine Ladenfläche ist etwa so groß wie die Käsetheke eines Supermarkts, was er da unterbringt, ist erstaunlich: Getränke, Seife, Tabak und Gemüse. Die bunten Blumensträuße vor dem Eingang inspirierten den Neustädter Sänger und Künstler Thomas Preibisch zu einem Song, der ebenso minimalistisch wie sinnfrei ist: "Tulpen von Bui" - auf CD zu kaufen bei Bui. Louisenstraße 70.

Ulbricht - Als 1951 in der Alaunstraße ein neues Jugendheim eröffnet wurde, sollte es eigentlich nach dem SED-Generalsekretär benannt werden. Dem aber soll sein Name zu schade für "diese Scheune" gewesen sein. Als Ersatz-Namenspaten wählte man den Schriftsteller Martin Andersen Nexö - doch Ulbrichts abfällige Bemerkung wirkte nach. "Scheune" wurde der Spitz- und nach der Wende sogar der offizielle Name. In den 1980er Jahren war sie ein Treffpunkt der Subkultur, bis heute ist sie ein Kulturzentrum mit indischem Restaurant und nettem Biergarten. Alaunstraße 36-40.

Vegan - Fleisch ist schon lange out in den Küchen der Neustädter Restaurants. Jetzt werden auch Milch und Eier seltener. Der Veganismus entert mittlerweile sogar die Speisekarten von Softeis-, Burger- und Currywurst-Buden. Vegane Varianten gibt es zum Beispiel in diesen Läden: Café Komisch, Bischofsweg 50 (Softeis); Lotus Bio-Imbiss, Louisenstraße 58 (Burger); Curry & Co, Louisenstraße 62 (Currywurst).

Wanne - So heißt das Theater im Stadtteilhaus - weil dort bis 1978 im Gewölbekeller jeder ein Bad nehmen konnte, der keine eigene Wanne hatte. Seit vielen Jahren ist im alten Wannenbad eine beliebte Kneipe untergebracht: das "Oosteinde". Prießnitzstraße 18.

Xanadu - Klamottenladen der ersten Nachwende-Stunde. Damals wurden die Auslagen in ganz Dresden vor allem eins: bunt. Hier sind sie das bis heute geblieben. Katharinenstraße 23.

Yuppisierung - Den Schriftzug "Yuppies inside", der lange als Graffito an seinem Eingang prangte, kann sich das "Café Blumenau" (Louisenstraße 67) heute sparen. Sie sind mittlerweile ohnehin überall in der Neustadt.

Ziegen - Vier Ziegen leben auf einem Gelände, das zu DDR-Zeiten ein Schulgarten war. Nach der Wende zog dort ein Mitarbeiter des Jugendamtes ein. Seine Mitbewohner waren Pferde und diverses Kleingetier, darunter zwei Hängebauchschweine, als Zimmer diente ihm ein Holzverschlag. Der Stadtindianer ist längst ausgezogen, die Schweine sind dort heute verboten, die Anzahl der Pferde und Kleintiere ist limitiert. Geblieben ist der Abenteuerspielplatz "Panama", auf dem Kinder Hasen, Meerschweinchen und die Ziegen füttern dürfen. Seifhennersdorfer Straße 2.

Autor

Tinka Dippel

Ausgabe

Dresden 12/2013