Deutschland Urban Gardening - Landlust in Berlin

Schrebergarten war gestern, Urban Gardening ist heute. In Kreuzberg oder auf dem Tempelhofer Feld - mitten in Berlin frönen immer mehr Menschen der Landlust 2.0. Es wächst eine neue Stadt.

Als Erstes ist da Duft, so verlockend, dass man die Augen schließt, um sich satt zu riechen. Es duftet nach Minze, nach Holz und nach Erde. Dann ist da ein Summen in der Luft. Es summt, wie man es noch nie zuvor in einer Stadt gehört hat. Man macht die Augen wieder auf und entdeckt Bienenstöcke. Ein Stück entfernt stehen ein paar Biergartentische, an denen Mittagsgäste in der Sonne Lasagne essen, weiter links ein paar Dutzend Reissäcke, aus denen sich Tomaten ranken, einige noch grün, andere schon leuchtend rot. Vor einer Hängematte zwischen Bäumen legt eine junge Frau einen Barfuß-Pfad an. Ein paar Kinder probieren ihn schon aus, ehe er fertig ist, ziehen sich die Schuhe aus und gehen kichernd los. Wie das piekt! Ein Urban Garden in seiner Perfektion.

Der Prinzessinnengarten am Kreuzberger Moritzplatz in Berlin wirkt, als hätte die Stadt sich selbst vergessen. Schwer zu entscheiden, was hier eigentlich fremd erscheint: die Bürogebäude und Wohnblöcke, das neu errichtete Kreativhaus und die Auto-Karawanen, die es fast unmöglich machen, die Straße zu überqueren. Oder dieser urbane Garten zwischen all dem Beton, gleich neben dem U-Bahnhof. Ein Stück Grün, das einfach daliegt und sich nicht stören lässt, wie eine Katze in der Sonne.

Anfang 2009 lag hier noch eine 5600 Quadratmeter große, unwirtliche Brachfläche. Bis sich der Historiker Marco Clausen und der Filmemacher Robert Shaw mithilfe vieler Freiwilliger daranmachten, sie in einen urbanen Nachbarschaftsgarten zu verwandeln. Heute ist der Prinzessinnengarten die Berliner Speerspitze einer weltweiten Bewegung, die sich dem "urbanen Gärtnern" verschrieben hat - das urban gardening. Hier wachsen mehr als 400 verschiedene Pflanzen: 16 Sorten Kartoffeln, Grünkohl und Fenchel, Malve und Kapuzinerkresse.

Was die Amateur-Gärtner über den Eigenbedarf hinaus ernten, wird verkauft - genau wie Jungpflanzen und Selbstgekochtes, das in einem zur Küche umgebauten Überseecontainer zubereitet wird. "Mir ist die Gemeinschaft hier wichtig, aber auch die Ruhe", sagt Axel Eichel, ein Heilpraktiker für Psychotherapie, der drei- bis viermal die Woche im Garten mitanpackt: "Ich möchte einen Ausgleich haben, die Hände in die Erde stecken - sehen, wie lange eine Tomate braucht, um zu wachsen, sehen, wie aus einer verbuddelten Kartoffel plötzlich ganz viele Kartoffeln werden."

Der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg.
Philip Koschel
Das Gemüse aus dem Prinzessinnengarten kann direkt vor Ort gekauft werden.
Durch den Anbau in Kisten wächst das Gemüse nicht in fragwürdiger Großstadt-, sondern in Bio-Erde. Außerdem kann der Garten so notfalls umziehen. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der das Grundstück verwaltet, ist den Gärtnern freundlich gesinnt, aber niemand weiß, ob die notorisch klamme Hauptstadt Berlin die Fläche nicht doch einmal verkaufen wird und der urbane Garten weichen muss.

Urban Gardening: Im Kleinen durchspielen, was Stadt ausmacht

Gehören Gärten nicht ohnehin dorthin, wo es genügend Platz gibt? Ist die zugebaute, mit Schadstoffen vollgepumpte Großstadt nicht das genaue Gegenteil vom Sehnsuchtsort "Land"? Marco Clausen widerspricht vehement. Er begreift das gemeinsame Tun vor allem auch politisch: "Im Garten wird im Kleinen durchgespielt, was Stadt ausmacht - er ist auch ein Experiment, wie wir mit Herausforderungen umgehen, die uns im Detail noch gar nicht bekannt sind: der Umgang mit Lebensmitteln, biologische Vielfalt und Ressourcen, der soziale Zusammenhang in einem Bezirk. Man kommt hier rein und versteht: Es geht auch anders."

Garten Rosenduft in Berlin.
Philip Koschel
Im Garten Rosenduft verarbeiten Frauen, die aus Bosnien geflohen sind, Saatgut aus ihrer Heimat
An rund 200 Standorten wird in Berlin Urban Gardening, Landwirtschaft im kleinen Maßstab, betrieben. 24 von ihnen sind sogenannte interkulturelle Gärten - Migrantenprojekte wie der "Garten Rosenduft" auf dem Gelände des Parks am Gleisdreieck. Er entstand 2006 auf Initiative des Vereins "südost Europa Kultur" und ist Anlaufpunkt für traumatisierte Flüchtlinge aus Bosnien und Herzegowina. "Es ist wichtig für die Frauen, einen Ort zu haben, an dem sie ihren Alltag gestalten können und etwas Neues zu wachsen beginnt", sagt Projektleiterin Begzada Alatovic ́, "einen Ort, an dem sie wieder Wurzeln schlagen können."

Im urbanen Garten das Vertrauen zu den Menschen wiederfinden

Am Sonntagnachmittag sitzen Frauen hier an einem Holztisch vor dem bunt angemalten Bauwagen, es gibt Tee aus Zitronenmelisse und Schoko-Minze, in einem Korb steht die Ernte des Tages: Paprika und beeindruckend große Zucchini. Gleich ist das Abendbrot fertig, Kartoffeln mit Quark und Tomaten aus dem 2000 Quadratmeter großen Garten. Die Frauen lachen so laut, dass Begzada um ein bisschen mehr Ruhe bitten muss, woraufhin sie nur noch lauter lachen. Viel Saatgut haben die Frauen aus Bosnien mitgebracht, einige der Bohnen sind nach den Höfen benannt, die einst ihre Heimat waren. "Wir sind als Kriegsflüchtlinge hierhergekommen", sagt Begzada Alatovic ́. "Wir hatten jedes Vertrauen in Nachbarschaft, in die Menschen, mit denen wir gemeinsam gelebt hatten, verloren. In diesem Garten haben wir es wiedergefunden."

Das Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld in Berlin.
Philip Koschel
Im Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld arbeiten mehr als 700 Gärtner zusammen.
Das Wachsen von Gemeinschaft - auch den Gärtnern des Allmende-Kontors auf dem Areal des ehemaligen Flughafens Tempelhof ist das mindestens so wichtig wie das Gedeihen der Pflanzen. Zwischen 700 und 1000 Menschen beackern hier etwa 300 Hochbeete Es ist ein Ort fröhlicher Anarchie, 5000 Quadratmeter Grün, auf denen sich jeder auf seine Weise gärtnerisch verwirklichen kann: Eine Piratenflagge weht im Wind, auf ein Holzschild hat jemand "Karotten-Kommune 1" geschrieben. Einer baut nur eine Sorte von Blumen an, der Nächste züchtet die prächtigste Durcheinander-Wildnis.

Das Allmende-Kontor ist das Gegenteil des klassischen Schrebergartens, ein Ort, der nicht vom Ordnungssinn des Menschen kündet, sondern vom Wucher der Natur. "Hier im urbanen Garten haben sich viele Menschen kennengelernt, die teilweise schon Jahre in der Straße nebeneinander wohnen", erzählt Frauke Hehl, Projektleiterin im Trägerverein. "Es gibt hier ganz bewusst keine Zäune. Die Gärtner tauschen sich untereinander aus, bilden Gießgemeinschaften und helfen sich mit Pflanzentipps.

Gut fünf Kilometer entfernt liegt die Schöneberger Malzfabrik. Auch hier geht es um urbane Landwirtschaft - allerdings im großen Stil und als Geschäftsidee: Das Start-up-Unternehmen "ECF - Efficient City Farming" will hier eine 1800 Quadratmeter große Stadtfarm errichten, in der jährlich 35 Tonnen Gemüse und 10 Tonnen Fisch geerntet werden sollen - lokal, ohne lange Transportwege und teure Kühlketten. Die Idee ist bereits umgesetzt, wenn auch bislang nur in einem 16 Quadratmeter großen Demo-Container mit zwei Etagen. Unten beherbergt ein Aquarium 200 Buntbarsche, oben wachsen 100 Gemüsepflanzen: Tomaten, Chilis, Basilikum und Zucchini. Das Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei entwickelte das sogenannte Aquaponic-Verfahren: die Wurzeln der Pflanzen hängen im Wasser, das vor allem mit aufbereiteten Stoffwechselprodukten der Fische gedüngt wird.

Urban Gardening - weit mehr als eine Graswurzel-Bewegung

Bundesministerin Ilse Aigner war schon zu Besuch und hat einen Barsch auf den Namen "Nepomuk" getauft, aus den USA, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben sich bereits Interessenten gemeldet. Das Projekt zeigt auf, wie sich Städte versorgen und Ressourcen schonen könnten. Urban Gardening, das wird hier klar, kann weit mehr sein als eine Graswurzel-Bewegung: eine wirtschaftliche Methode, die Zukunft von Städten anzugehen.

Kartoffeln aus der Gartenstadt Frohnau in Berlin
Philip Koschel
Es ist eigentlich ganz einfach, sein eigenes Gemüse zu züchten - außerdem schmeckt es auch viel besser.
Niklas, David, Lukas, Andreas und Max glauben jedenfalls fest daran. Im Herbst 2011 haben sie sich ein Hobby zugelegt, das für fünf Gymnasiasten zunächst einmal seltsam anmutet: Sie haben Lukas' Mutter 110 Quadratmeter ihres Gartens in Berlin-Frohnau abgeschwatzt und darauf ihren eigenen entworfen. Sie haben sich schlaugelesen, Erdbeeren, Kürbisse und Bohnen angepflanzt, mit Physalis-Samen experimentiert und mit der besten Erde für die Tomatenzucht.

Nun stehen sie in ihrem Garten, der vor einem Jahr noch bloß ein Stück Rasen war, und erzählen, wie gut selbst angebauter Feldsalat schmeckt. Eigentlich wollte man sie fragen, ob sich fünf Abiturienten nichts Aufregenderes vorstellen können, als in ihrer freien Zeit zu gärtnern. Dann zeigen sie einem die Rote Bete und die Pastinaken - ein völlig unterschätztes Gemüse, wie Lukas findet, und sie müssen überhaupt nichts mehr erklären. "Es ist so einfach, etwas zu verändern", sagt Andreas, als hätte er den Gedanken hören können. "So ein Garten ist ein Anfang."

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Nicht nur in Deutschland setzt sich das Urban Gardening durch: In Amerika ist die urbane Landwirtschaft ebenfalls ein großes Thema. Die Urban Gardens von New York gehören zum Beispiel zu den bekanntesten. Die MERIAN.de-Fotogalerie "New York: Himmel und Erde" zeigt die besten urbanen Gärten der amerikanischen Metropole. Auch Chicago ist mittlerweile für seine grünen Stadtgärten bekannt. Aus Platzgründen wird das Urban Gardening dort in lüftiger Höhle betrieben. Wer mehr erfahren möchte, findet hier den MERIAN.de-Artikel zu Chicagos urbanen Gärten.