Berlin-Paris Reisen mit dem Nachtzug

Berlin Hbf mit Nachtzugangebot City Night Line nach Zürich.

Raimund Gregorius hat es einfach getan. Seit über 30 Jahren war er als verlässlicher Geschichtslehrer in Bern tätig und entschloss sich eines Morgens dazu, nicht mehr in die Schule zu gehen, sondern Reißaus zu nehmen. Von Spontaneität getrieben wollte er endlich das erleben, was er in seinem geordneten Dasein bisher verpasst hatte: Freiheit, Abenteuer, pure Lebenslust.

So erzählt Pascal Mercier die Geschichte von Raimund Gregorius, der sich im gleichnamigen Bestsellerroman in den "Nachtzug nach Lissabon" setzt und sein altes Leben hinter sich lässt. Ganz so radikal muss es ja gar nicht sein, aber durch eine Nachtzugreise wird schon die romantische Vorstellung zum Leben erweckt, einfach mal aus dem Alltag auszubrechen: Am ausklingenden Tag im Zug einschlafen und morgens in einer fremden Stadt aufwachen.

Ich stehe abends am Berliner Hauptbahnhof und blicke auf die Anzeigetafel. Prag steht da geschrieben, gleich darunter Amsterdam – und Paris! Was man dort nicht alles erleben könnte: Über die Karlsbrücke schlendern, mit einem Hollandrad die Grachtengassen unsicher machen – Eis schleckend durch Montmartre laufen. In zehn Minuten geht der City Night Line nach Paris. Im Gegensatz zu Gregorius habe ich mir die nächsten Tage frei genommen, um die Kollegen nicht zu verärgern.

Auf dem Bahnsteig herrscht Gewusel. Junge Menschen mit Trekkingrucksäcken, Familien mit Kindern und auch ein paar ältere Ehepaare suchen ihre Bleibe für die Nacht. Wagennummer, Abteilnummer, Bettnummer – gar nicht so einfach. Als sich der Zug langsam in Bewegung setzt und im dunklen Tunnelschacht des Hauptbahnhofs verschwindet, knipse ich das Licht an und beziehe mein zugewiesenes Abteil.

Blick in den City Night Line
Deutsche Bahn AG
Eine Familie im Vierer-Liegeabteil.
Erster Gedanke: Geräumigkeit sieht anders aus. Der Begriff "Funktionalität" trifft es da schon eher. Von Wand zu Wand misst die Schlafwagenkabine etwa zwei Meter – gerade genügend Platz für ein Bett, in dem ein normalgroßer Mensch liegen kann. Großes Rumwälzen scheint aufgrund der Bettbreite von geschätzten 60 Zentimetern nicht drin zu sein. Immerhin: Der kleine Tisch mit Wandspiegel hat einen besonderen Clou. Unter der Öffnung in der Tischplatte versteckt sich ein Waschbecken mit Klappwasserhahn, um sich in den nächsten gut 13 Stunden per Katzenwäsche frisch zu halten.

Es ist alles eine Frage der Perspektive, denke ich. Auf Langstreckenflügen von gleicher Dauer hat man deutlich weniger Platz und Privatsphäre. Und doch gibt es Parallelen, wie die Stimme aus dem Lautsprecher in der Abteildecke verrät: "Bitte beachten Sie, dass das Rauchen an Bord nicht gestattet ist." Kurz darauf schallt eine Frage über den Gang, die in einem Flugzeug absurd klingen würde. "Wann gibt’s denn die nächste Raucherpause?", fragt ein Gast den Schaffner, der daraufhin seinen Fahrplan zückt und unter erleichterndem Aufatmen des Gastes Hannover als nächste Nikotinzuflucht angibt. 

Die Passagiere im Schlafwagen schließen ihre Abteiltüre, recht schnell kehrt Ruhe ein. Anders sieht es in den Sitz- und Liegewagen aus, wo sich die Passagiere, die sich in der kommenden Nacht ein Abteil teilen werden, beim Plausch am Gangfenster beschnuppern. Nächster Halt: Hannover.

In der Raucherzone treffe ich Clemens. Er fährt die Strecke zweimal pro Woche – geschäftlich. „Und wie schläft man bei dem Ruckeln?“, erkunde ich mich über das, was mir in dieser Nacht noch bevorsteht. "Naja", zögert er, "ich würde sagen, man gewöhnt sich dran. Für mich macht es einfach Sinn, die Nacht als Reisezeit zu nutzen, als immer tagsüber im Flugzeug zu sitzen." Trotzdem, gibt er zu, seien Menschen mit leichtem Schlaf in einem ruckelfreien Hotelbett wohl besser aufgehoben. 

Als die rot gewordene Sonne langsam hinter der grünen Endlosschleife Niedersachsens verschwindet, versuche ich mein Glück. Ein leichtes, dauerhaftes Ruckeln hält meinen liegenden Körper in Bewegung – dann irgendwann werde ich davongetragen. Doch mein Unterbewusstsein spürt die Umstände. Bei jedem Bremsen wird mein Körper nach rechts gedrückt, beim Beschleunigen in die andere Richtung. Beim holprigen Gleiswechsel stößt mein Kopf an die Abteilwand.

Irgendwann werde ich wach – weil alles ruhig ist. Kein Ruckeln mehr, kein Pfeifen. Nach den unruhigen Stunden scheint mein Körper auch damit nicht mehr klarzukommen. Ich schaue auf die Uhr: kurz nach fünf. Ich schiebe das Fensterrollo hoch: Grenzbahnhof Forbach. Auf dem Bahnsteig stehen Bahnangestellte – und ein paar schlaflose Raucher. Ich schlüpfe in meine Jogginghose und stelle mich dazu, um zu erfahren, warum wir halten. "Lokwechsel", informiert mich einer der Schaffner. "Die deutschen Loks fahren immer nur bis zur Grenze, danach übernehmen die ausländischen Kollegen das Kommando."

Ein irrwitziger Gedanke kommt mir, als ich am nächsten Morgen aufwache: Der französische Lokführer scheint einen ruhigeren Fahrstil zu haben als der deutsche – seit Saarbrücken habe ich von der Fahrt nichts mehr mitbekommen. Einigermaßen ausgeruht, wenn auch nicht ganz ausgeschlafen, schiebe ich das Rollo erneut nach oben. Es ist schon hell auf der anderen Seite der Scheibe, Frankreichs Morgen grüßt in sonnig-matten Farben. 

Deluxe Zimmer
Deutsche Bahn AG
Blick in das Deluxe Zimmer.
Kurz vor der Ankunft in der Hauptstadt klopft der Schaffner vom Forbacher Nachtplausch an meine Abteiltür und bringt Frühstück. Unter seinem linken Arm klemmt ein Reiseführer über Rom. Ich erkundige mich, ob er eine Reise plane. "Das Schöne an meinem Beruf ist, dass jeder Arbeitstag eine Reise ist", antwortet der Mann. Die nächsten Schichten werden ihn in der kommenden Nacht nach München und anschließend mit dem City Night Line weiter nach Italien bringen.

"Ach", denke ich, "Rom wäre ja auch mal was", beiße in mein Croissant und stürze mich in das morgendliche Gewusel am Pariser Bahnhof Gare de l’Est.

INFO

Die drei Preisstufen des City Night Line: Sitzwagen im Abteil oder Großraum innerdeutsch ab 33 Euro, international ab 43 Euro. Ein Bett im Liegewagen innerdeutsch ab 49 Euro, international ab 59 Euro. Privater Schlafwagen innerdeutsch ab 69 Euro, international ab 79 Euro. Dazu kommen Aufpreise für die Reservierungen in den verschiedenen Kategorien ab 4, 20 bzw. 40 Euro. Weitere Infos gibt es auf www.citynightline.de.

Autor

Christoph Pfaff