Ostwestfalen Wo die Star-Architekten bauen

Museum Marta Herford

Wenn Sie mal eine Wette gewinnen wollen, sagt Heiner Wemhöner, dann fragen Sie die Leute, wie viele Einwohner Bielefeld hat. Die werden 150.000 oder 200.000 sagen. Aber die richtige Zahl – fast 330.000 – rät niemand. Die Stadt wird permanent unterschätzt. Wemhöner führt eine Firma für Holzverarbeitung in Herford, sammelt Kunst und hat schon viele seiner Wetten gewonnen.

Für mich ging es nicht um Einwohner, sondern um Häuser. Häuser von Welt, entworfen von großen Architekten, die kaum einer Städten wie Bielefeld, Bad Oeynhausen, Minden oder Herford zutraut. Dennoch haben Philip Johnson, Mario Botta und Frank Gehry Superstar hier gebaut. Eine Reise durch die Gegenwartsarchitektur in Ostwestfalen.

Bielefeld ist Dr.-Oetker-Stadt. Und die Oetkers wollten der Stadt, nachdem sie ihr schon eine Konzerthalle gestiftet hatten, auch eine Kunsthalle schenken. Ein Weltarchitekt sollte sie bauen. Bei einer Geschäftsreise nach New York stand Rudolf-August Oetker 1962 vor dem Seagram Building, Philip Johnson hatte hier sein Büro im 35. Stock. Die beiden Herren kamen schnell ins Gespräch: Johnson war ein Verehrer europäischer Kultur, und dass Oetker auch in Übersee als schwerreicher Geschäftsmann bekannt war, mag die Kontaktaufnahme zusätzlich erleichtert haben.

Triumph der Mutigen

In Bielefeld stießen Johnsons Pläne auf Zustimmung, wenn auch nicht auf Begeisterung. Da lag der souveräne Entwurf eines selbstbewussten Architekten vor, der nicht auf Teufel komm raus originell sein musste. Würde war in der Zeichnung, Monumentalität. Der Kostenvoranschlag wies zwanzig Millionen Mark aus. Oetker wollte jedoch unter keinen Umständen mehr als zehn Millionen ausgeben. Architekt und Bauherr reduzierten und optimierten, bis sie sogar auf nur neun Millionen kamen. So läuft das, wenn Private bauen.

Mitternacht. Rotes Licht dringt aus dem Kunsttempel heraus ins finstere Bielefeld. Es beleuchtet Rodins "Denker" neben dem Eingang, ist auf tröstliche Weise anders als die übrigen Lichter der Stadt. Jegliche Aggressivität geht ihm ab. Die Neugier auf den Tag, auf den Bau ist geweckt.

Am Vormittag ist die Kunsthalle ein Würfel aus rotem Sandstein, zu gut zwei Fünfteln in der Erde versenkt. Tatsächlich ist dieser angeschnittene Kubus eine geniale Idee. Man denkt sich den verborgenen Teil hinzu, hält es für mög- lich, dass er nach oben drängt, aufsteigt.

Yoko Ono war begeistert

Das mächtige Obergeschoss wird getragen von Stützwänden mit halbzylindrischen Endungen, die mal aus der Halle heraus-, mal in sie hineinragen und den Innenraum definieren. Der Zugang zur Kunst vollzieht sich schwellenlos, der Besucher ist sofort mittendrin – so wie jetzt die Kinder einer Kita-Gruppe, die in der Lobby ihre Taschen in einen riesigen Sack werfen, zusammengenäht aus alten Ausstellungsplakaten, und dann in die Malstube des Museums verschwinden. "Philip Johnson war ein Glücksgriff", sagt Christiane Heuwinkel von der Bildungsabteilung. Er war nicht nur begnadeter Architekt, sondern auch ein versierter Museumsmann. Die Kunsthalle hat von Anfang an funktioniert. Yoko Ono, die 2008 hier ausstellte, nannte sie in einer emotionalen Aufwallung einmal "das schönste Museum, das ich je gesehen habe".

Vor dem Museum Marta in Herford liegt Rilke buchstäblich auf der Straße. Auf dem Mittelstreifen ist in Großbuchstaben über eine Länge von mehr als 150 Metern sein Gedicht "Der Ball" zu lesen: "Du zwischen Fall und Flug noch Unentschlossener" – o ja, auch die Weltarchitektur in der Provinz hätte eine Bruchlandung werden können.

Die Geschichte, wie die Avantgarde nach Herford kam, beginnt mit dem NRW-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, der 1996 die örtliche Möbelindustrie mobilisieren wollte und öffentliche Gelder versprach für ein "Haus des Möbels". Die Möbelfabrikanten waren nur schwer animierbar, aber Manfred Ragati, Geschäftsführer des regionalen Stromerzeugers, übernahm die Führung des Projekts mit dem Statement: "Wenn ich dabei bin, dann muss es der Gehry machen." Und der Gehry machte das. Fuhr mit Ragati durch die Landschaft und entdeckte den stilbildenden hellbraunen Klinker der Region. Der hohe Wiedererkennungswert von Gehry ist das eine, sagt der Unternehmer Wemhöner, der von Anfang an mitmischte, aber dass er die Besonderheiten der Gegend aufnahm in Form seines ersten und einzigen Klinkerbaus, das ist der Clou.

Der Klinker ist Heimat, die Gestalt des Ensembles ist Welt. Die Herforder Unternehmer haben seit der Eröffnung 2005 etwas, das sie internationalen Kunden bieten können, wenn sie die Stadt besuchen. Solche Abstecher ins Museum sind ein garantierter Erfolg.

Beschwipst torkelnde Würfel und Zylinder

Wie in fast allen seiner Bauten akzeptiert Gehry auch hier die rechten Winkel, die Kuben und Zylinder nicht, sondern bearbeitet sie, sprengt sie auf, modelliert sie neu. Dabei entstehen Formen, an die sich das Auge erst gewöhnen muss: Aus dem stürzenden und wieder aufsteigenden Edelstahldach des Museums drängen vier verformte Baukörper heraus. Je nach Seelenlage ergeben sich Assoziationen: die kraftvoll sich windenden Körper der Laokoon-Gruppe, unkontrollierte Naturwüchsigkeit oder ein beschwipstes Getorkel von Würfeln und Zylindern.

In der Cafeteria hat sich Heiner Wemhöner inzwischen unauffällig seiner Krawatte entledigt. Gab es Zweifel, als die ersten Entwürfe vorlagen? "Es war fantastisch!", ruft Wemhöner aus. "Da kam jemand aus Los Angeles nach Kuhschitten-Herford. Wir sind sehr ackerbürgerlich unterwegs, fühlen uns am wohlsten, wenn nix passiert. Für uns war der Gehry-Bau ein Glücksfall."

Energie-Forum-Innovation Bad Oeynhausen
Horst und Daniel Zielske
Das Formen-Durcheinander ist bei Gehry Prinzip: Energie-Forum-Innovtion in Bad Oeynhausen
Gut 15 Kilometer weiter, in Bad Oeynhausen. "Önerdschie Forum", korrigiert die Taxifahrerin, als ich nach dem Energie-Forum-Innovation frage. Bad Oeynhausen war Ragatis erster Coup. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, dass Frank Gehry ein Verwaltungsgebäude für das Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg entwerfen solle. Neben der neuen Netzleitstelle sollten darin Konferenzsäle, ein Auditorium, eine Ausstellungshalle und eine Cafeteria untergebracht werden. 1991 trafen sich Ragati und Gehry in Berlin. "Sein Enthusiasmus beeindruckte mich", sagte Gehry später über Ragati. "Es wäre schwer für mich geworden, ihn abzuweisen, weil ich spürte, mit so jemandem könnte ich eine neue Art von Gebäude schaffen."

Die Bauaufgabe war komplex: Der Auftraggeber wollte nicht nur ein außergewöhnliches Verwaltungsgebäude, sondern energiewirtschaftliche Innovation. Alles, was an energieerzeugenden Methoden 1991 möglich war, sollte integriert werden: Glasfassaden mit fotovoltaischen Zellen, Solarthermik, Regenwassernutzung, ein Blockheizkraftwerk.

Der Bauplatz lag an einer Industriebrache an lauten Ausfallstraßen. Stundenlang hat Gehry das Gelände in Augenschein genommen. Auf einige Einfälle brachte ihn die Form der kleinen Häuser, die dort noch herumstanden.

Gebäude wie Gebirge und Dächer, die tanzen können

Herausgekommen ist ein Gebäudekomplex wie eine Gebirgsformation. Eine Holzbrücke führt zum Eingang des Forums. Die Teile des Baus formieren sich vom Mittelgang ausgehend wie einzelne Skulpturen, die zusammen wieder ein Ganzes ergeben. Eine Hierarchie sucht man vergeblich. Gehry bevorzugt die Gleichrangigkeit der Verschiedenheiten. Das Spiel mit den Möglichkeiten. Das Gefühl, dass Häuser tanzen können.

Minden bringt das weibliche und das preußische Element in diese Geschichte. Eine Frau und ein Mann sitzen im Jahr 2000 beim Italiener in Lugano. Margrit Harting redet über das neue Vertriebsgebäude ihrer Firma, die elektronische Steckverbinder herstellt und weltweit verkauft. Der Komplex ist bereits im Bau, aber Mario Botta greift noch einmal zum Stift und zeichnet das Haus auf das blass geblümte Tischtuch, eine letzte Skizze zum Abschluss. Das Haus steht seit 2001, die Tischdecke schmückt die Wand.

Tessin trifft Preußen

Es musste schon ein Schweizer Architekt wie Mario Botta kommen, um die Stilelemente der für Minden typischen preußischen Kasernen in der Nachbarschaft unvoreingenommen in ein neues Bauwerk einfließen zu lassen.

Bottas Bau ist ein strenges Ritual in Granit. Zwei stumpfe Türme stehen stramm, nehmen einen schmalen Querriegel in die Mitte und bilden das Harting-H – zufällig, ohne dass Botta das beabsichtigt hätte. Dahinter steigt auf dem Grundriss einer Halbellipse schräg ein mächtiger Baukörper auf, 26 Meter hoch. Ich fühle mich an einen Oceanliner erinnert, diskret deutet der Bau eine Vorwärtsbewegung an.

"Schöne weiße Arbeitswelt", ist mein erster Gedanke im lichterfüllten Großraum im Obergeschoss. Bunte Blumen möchte Margrit Harting in diesem von Markt- und Börsenatmosphäre inspirierten Raum nicht sehen. Über hundert Vertriebsmitarbeiter wickeln Geschäfte rund um die Welt ab, doch ein babylonisches Stimmengewirr ist in dem schallgedämpften Raum nicht vernehmbar. Im mutigen Winkel schwingt sich der imposante Mittelträger in die Höhe. 256 Tonnen schwer, vor Ort gegossen und mit den größten Kranwagen montiert.

Exotik und Strenge bringen nach Bottas Überzeugung den erhabenen Raum hervor. Der Schweizer schätzt die demonstrative Schwere der Baukörper. Tradition, Zeitlosigkeit, Dauer. All das wird hier in Minden erlebbar – dank der Initiative einer mutigen Firmenchefin. Denn Bottas Art zu bauen ist "ein Wagnis", wie ein Kunsthistoriker zur Eröffnung schrieb. Die Gegenwartsarchitektur in Ostwestfalen wird von solchen eigenwilligen Unternehmern geprägt. Sie verkaufen Waren in alle Welt und holen sich die Welt zurück in ihre Heimat – mit Häusern, wie sie sonst nur in New York, Berlin oder Tokio stehen.

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Autor

Fritz-Jochen Kopka

Ausgabe

Bielefeld 04/2014