Niedersachsen Welterbe Wattenmeer erkunden

Im Unesco-Welterbe Wattenmeer lernen Kinder bei einer Wattwanderung vor Wilhelmshaven jede Menge über Wattwürmer, Quallen und Austern.

Der Mann mit der schwarzen Mütze zeigt nach oben, und 20 Kinder heben die Köpfe. Sie sehen einen Himmel, der heute besonders niedrig hängt. "Der Wind bläst ziemlich dolle", sagt Gerke-Enno Ennen, "wollen wir trotzdem ins Watt?". Ein paar Drachen fliegen an straff gespannten Leinen knatternd über dem Strand, aber die Kinder rufen wie im Kasperletheater laut: "Jaaaa!". Was wollen sie dort? Warum sind die Jungen und Mädchen so begeistert?

Bei Licht betrachtet ist das ein Tag mit Variationen in Grau. Der Himmel ist hellgrau. Wo der Strand aufhört, wo die Ebbe den Meeresboden freigelegt hat, beginnt graubrauner Matsch. Kurz vor dem Horizont ist ein Streifen von der Nordsee zu sehen – dunkelgrau. Der Wattführer stapft los, 20 Paar bunte Gummistiefel stapfen hinterher. Gerke Ennen ist Ostfriese, 47 Jahre alt und trägt einen Fünftagebart. Unter der Wollmütze hängen ein paar zerzauste Strähnen in sein volles Gesicht.

Wenn er lacht, sieht man zwei Reihen kräftig weißer Zähne. An einem Träger seines großen Rucksacks hat er ein stabiles Tauchermesser befestigt. Ein Junge kommt angetrippelt. Er trägt eine blaue Baseballkappe mit der Aufschrift "Junior Ranger" und streckt dem Wattführer aufgeregt die Hand entgegen. "Gerke, ich hab’ ’ne Miesmuschel gefunden. Mit Seepocken drauf." Ein Mädchen fragt: "Sind Miesmuscheln wirklich mies?" "Nee", sagt Ennen und lacht.

Die Kinder bekommen eine Grundausbildung im Naturschutz

Die Kinder sind zwischen neun und 14 Jahren alt. In den Osterferien besuchen sie das Camp der Junior Ranger in Schillig, das liegt nördlich von Wilhelmshaven, direkt an der Grenze des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. In fünf Tagen erhalten sie eine Art Grundausbildung im Naturschutz. Gestern haben die Kids einen Windpark besucht und über das Für und Wider der Rotoren diskutiert, morgen werden sie Nistkästen bauen. Zum Abschluss bekommt jeder eine Urkunde und einen Ausweis. Wenn ein Junior Ranger möchte, wird er als Gehilfe der richtigen Ranger eingesetzt. So heißen die Führer im Nationalpark.

"Dieses Camp bietet Umweltbildung für Kinder", sagt die Leiterin Conny Perschmann. "Es gibt ihnen die Chance, ihren Platz im Naturschutz zu finden. Wer Interesse hat, den schulen wir auf Zugvögel. Der steht dann im Herbst auf dem Deich mit einem Fernrohr und erklärt Gästen, wie man eine Gans bestimmt."

Der Wind wird nicht weniger, aber die Kinder toben wie aufgezogen durchs Watt. Sie haben rote Bäckchen, die rosa Regenhose von Elisa ist inzwischen schlammfarben. Nach einer halben Stunde nimmt Gerke Ennen seine große Gabel und fängt an zu graben. Eine Handbreit unter der Oberfläche wird der graue Matsch schwarz. In 30 Zentimetern Tiefe pult er einen dicken Wattwurm aus dem Meeresboden. Ein Mädchen streckt ihm die Hand entgegen, der Führer legt das feuchte rote Tier mit einem Klacks Schlamm darauf. "Das ist Superman im Luftanhalten", erklärt er. "Der kann so viel Sauerstoff im Blut speichern, dass er neun Tage unter dem Meeresboden bleiben kann." Zwei Jungs legen den Wurm vorsichtig in eine Plastikbox und versorgen ihn mit Wasser und Schlamm. Später werden die Kinder ihn in der Forschungsstation hinter dem Deich unter dem Binokular betrachten. Der Führer ist stolz auf das Watt, und das zeigt er auch. "Seit 1986 ist das ein Nationalpark. Davon gibt es einige in Deutschland. Aber eigentlich ist das hier der einzig wahre Naturpark. Denn in keiner Landschaft legt der Mensch so wenig Hand an wie hier."

Zwischen Meer und Salzwisen leben mehr als 10 000 Tier- und Pflanzenarten

Es gibt zwar viele Meere auf der Welt, in denen bei Ebbe ein Streifen vor der Küste trocken fällt. In den Tropen bilden sich dort Mangrovenwälder. Die Gezeitenlandschaft der Nordsee aber ist weltweit einmalig. Ein Grund, warum die Unesco das gesamte Gebiet 2009 zum Naturerbe der Menschheit erhoben hat. Mit jedem Schritt erschließt sich diese verblüffend vielfältige Welt. Vom Strand aus betrachtet wirkt sie eintönig flach, beim Wandern zeigen sich sanft gerundete Erhebungen, dann kommt wieder ein Priel, in dem das Wasser zieht. In der Weite zwischen Meer und Salzwiesen leben mehr als 10000 Tier- und Pflanzenarten.

Die Kinder entdecken winzige Wattschnecken. Sie lernen, dass auf einem Quadratmeter Meeresboden 1500 Herzmuscheln leben, und dass die geringelten Sandspaghetti vom Wattwurm stammen. Sie bestehen aus dem Sand, den der Wurm frisst, filtert und wieder ausscheidet. Er ist Superman nicht nur im Luftanhalten: Die Kinder lernen, dass jeder Wattwurm 25 Kilo Sand pro Jahr
verarbeitet und auf jedem Quadratmeter lebenrund 40 der fingerdicken Tiere – eine enorme Wühlarbeit. In einem Priel fängt die Gruppe mit dem Kescher zwei Krabben und eine Rippenqualle. Zwei Mädchen entdecken Vogelspuren im Sand. Gerke holt ein Bestimmungsblatt aus dem Rucksack, und schnell wird klar, dass sie vom Austernfischer stammen.

Das Watt sorgt dafür, dass der Naturkundeunterricht nicht langweilig wird. Dieser Spielplatz bietet unendliche Möglichkeiten. Lisa krakelt mit der Stiefelspitze ihren Namen in den Matsch. Gerrit gräbt sich bis zu den Knöcheln ein, seine Freunde müssen ihn zu zweit wieder rausziehen. Wind und Wasser haben Spuren im Sand hinterlassen. Sie haben unendlich viele Rippelmarken geformt, die ein Muster von bizarren Linien auf dem Meeresboden bilden. Wie Dünen im Maßstab einer Modelleisenbahn, zwischen denen das Wasser steht. Wenn die Sonne durch die Wolken bricht, glitzert es silbern.

Frische Austern - wer mag, darf kosten

Das Watt ist hier etwa einen Kilometer breit. Nach einer Stunde stehen die Kinder an der Wasserkante. Das Meer wirkt jetzt jadegrüngrau. Auf den Wellen schäumt weiße Gischt. Am Horizont zeichnet sich eine flache Insel ab. Einer der kleinen Ranger weiß sogar, wie sie heißt: "Das  ist Minsener Oog, da dürfen die Menschen nicht hin, da sind nur Vögel." Im Sommer bietet Gerke Ennen eine lange Wanderung zu dieser Schutzinsel an, auf der nur ein Vogelwart lebt. "Der zeigt uns dann Nester und Gelege." Aber vorher müssen einige Priele durchquert werden, da steht das Wasser bis zum Bauch. "Wenn ihr genug Ausdauer habt, und wenn ihr euren Ranger-Ausweis mitbringt, dürft ihr umsonst mit." Eine andere Tour geht zur Ferieninsel Spiekeroog. Sie führt neun Kilometer durchs Watt, unterwegs kommen die Gäste an einer Austernbank vorbei. Wer probieren mag, dem schneidet Ennen mit seinem Tauchermesser eine auf. "Frischer geht’s auch auf Sylt nicht", sagt er. Auf dem Rückweg packt der Führer eine Angel aus.

An der Spitze hängt kein Haken, sondern ein orangefarbener Wimpel. "Wir stehen ja jetzt auf dem Meeresboden", sagt er und lässt den Wimpel in 3,80 Metern Höhe flattern. "So hoch ist das Wasser bei Flut." Dann fährt er die Angel bis zum Anschlag aus. Sie biegt sich im Wind, die Kinder legen die Köpfe in den Nacken, der Wimpel weht jetzt neun Meter hoch. "Das ist der blanke Hans, so hoch kommt die Sturmflut." Ein Junge sagt trocken: "Dann sind wir weg."

Eine Bö weht die Rangermütze vom Kopf eines Mädchens, sie rennt mit spitzen Schreien hinterher. Auch der blaue Anorak von Gerke Ennen ist jetzt ordentlich eingeschmoddert. Der Strand ist schon in Sicht, als sich der Meeresboden plötzlich ändert. Bislang sind die Kinder auf festem Sand gelaufen, jetzt kommt Schlick. Das ist eine braune, moorige Masse. Sie besteht aus Tonpartikeln und den Resten von Pflanzen und Tieren. In diesem Brei sind keine Rippelmarken mehr zu sehen, und jeder Schritt wird zu einem Abenteuer. "Auf den Zehenspitzen gehen und nicht stehen bleiben", ruft Gerke, aber das nützt nichts. "Ich stecke fest", schreit Silja und rudert mit den Armen in der Luft.

"Ich muss ein Kind retten", ruft der Führer gegen den Wind und stapft zu ihr. Legt seine kräftigen Arme um die Hüften des Mädchens und zieht. Silja kommt frei, aber ihre roten Gummistiefel bleiben im Schlick stecken. Das Kind quietscht vor Vergnügen, der Wattführer lacht über das ganze Gesicht. Schwer zu sagen, wer von beiden mehr Spaß hat im Matsch.

Infos: Wie wird man Junior-Ranger?

Wer mindestens neun Jahre alt ist, kann sich zum Camp anmelden. In fünf Tagen wird er zum Junior Ranger ausgebildet, am Ende gibt es einen Ausweis. Mit dem hat man freien Eintritt zu zahlreichen Museen und Führungen. Für Kinder aus der Gegend des niedersächsischen Nationalparks gibt es jährlich zwei Junior-Ranger-Camps (75 €). Kinder aus ganz Deutschland können sich zum Junior-Ranger-Entdecker-Camp in den Sommerferien anmelden (100 €).
Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Virchowstr.1, 26382 Wilhelmshaven, Tel.04421911263; www.juniorranger-nds-wattenmeer.de
Über Gerke-Enno Ennen: www.wattlopen.de

Autor

Johannes Schweikle