Saarland Völklinger Hütte - altes Eisen

Pflanzen sind schädlich für den Denkmalschutz, denn sie greifen Stahl und Stein an.

Manfred Görgen kennt die Sprache der Hütte. Er greift an ein schmales, verkrustetes Rohr und sagt: "Es ist feucht, nicht nass. Ein gutes Zeichen. Heute gibt es keinen Regen mehr. Und morgen auch nicht." Früher habe er manchmal sogar hören können, wenn Wolken aufzogen - weil dann die Hängeloren durch die höhere Luftfeuchtigkeit noch lauter quietschten. Dieses Quietschen hat über Jahrzehnte sein Arbeitsleben in der Völklinger Hütte begleitet.

Görgen ist jenseits der 70, ein immer noch kräftiger Mann, der graue Anzug spannt über seinem Kreuz. 30 Jahre lang war er auf dem riesigen Hüttengelände unterwegs und hielt die Energieversorgung am Laufen. Und noch immer weiß er genau, welcher Stoff durch welche Leitung schoss, an manchen Rohren ist es auch an Resten abgeplatzter Farbe zu erkennen: Blau für Sauerstoff, Grün für Wasser und Gelb für Gas.

Heute führt er Besucher durch die Anlage - als eine Art Dolmetscher für die den meisten schwer verständliche Sprache des alten Eisenwerks. Natürlich kann man auch allein über das Hüttengelände gehen, und wenn man eine Weile still steht, springt das Gedankenkino an. Die rostenden Rohre beginnen wie einst zu rumoren, und aus erloschenen Kaminen wachsen Rauchschweife. Doch wirklich verstehen kann man die Hütte nur, wenn man einen Mann wie Görgen dabei hat.

Ein grauer Klotz, der an Batmans "Gotham City" erinnert

Er geht durch das Drehkreuz am Eingang, vorbei an riesigen Hallen, Bündel aus Leitungen ranken sich die Wände hinauf. Die Niete, die den Stahl zusammenhalten, sehen daneben aus wie kleine Blüten. Links ragt ein grauer Klotz auf, der an Batmans "Gotham City" erinnert; davor duckt sich eine Häuserzeile, die aussieht, als hätte sie sich aus einer Völklinger Wohnsiedlung hierher verirrt. Görgen übersetzt - und aus einer der Hallen wird die Sinteranlage, in der früher Erze zusammengebacken wurden, die für die Hochöfen zu feinkörnig waren. Aus Batmans Klotz wird ein Wasserspeicher. Und aus der Häuserzeile die Handwerkergasse, in der einst Glaser, Klempner und Maurer daran arbeiteten, Lecks und Löcher zu flicken. Und das waren viele in der Eisenstadt, die niemals schlief.

Von der Gichtbühne befüllten einst Arbeiter die Hochöfen mit Erz, Sinter und Koks.
Arthur F. Selbach
Diese Treppe wurde vor einigen Jahren neu gebaut. Auf ihr wandern Besucher zur Gichtbühne.
1882 ließ Carl Röchling den ersten Hochofen neben seinem Stahlwerk errichten, um es mit Roheisen zu versorgen - mit der Zeit kamen weitere Öfen hinzu, und die Völklinger Eisenhütte entstand. Völklingen war bald einer der wichtigsten Stahllieferanten im Deutschen Reich. Die Röchlings bauten nicht nur das Werk aus, sie ließen auch Arbeitersiedlungen errichten, außerdem Kindergärten, eine Schwimmhalle, ein Krankenhaus.

In ihrer besten Zeit, Mitte der 1960er Jahre, hatte die Hütte 17.000 Mitarbeiter. Mehr als 6000 Tonnen Roheisen flossen damals täglich aus den Hochöfen. Doch schon einige Jahre später, mit der Stahlkrise in den Siebzigern, begann der Niedergang. Die Anlage, eingeklemmt zwischen Stadt und Saar, konnte nicht weiter wachsen, und irgendwann wurde es billiger, Roheisen von auswärts einzukaufen. So ließ sich das Stahlwerk weiterbetreiben, doch die Hütte wurde 1986 stillgelegt. Bereits acht Jahre später erhob die Unesco sie in den Rang eines Welterbes - weil sie kompakt und zugleich in einzigartiger Vollständigkeit den technischen Stand der 1960er Jahre zeigt. Ein Haufen Stahl und Stein erhielt das gleiche Etikett wie die Akropolis und der Kölner Dom. Aus Schrott wurde ein Monument der Industriegeschichte, in dem selbst der Staub und die Ölfilme an den Fenstern unter Denkmalschutz stehen.

In den Gebläsehallen sind Heute oft Ausstellungen zu sehen.
Arthur F. Selbach
In der Gebläsehalle erzeugten früher gewaltige Maschinen den Wind, der dann erhitzt und in die Hochöfen geleitet wurde.
Die Sprache der Hütte veränderte sich mit dem Aufstieg zum Welterbe. Aus der unteren Etage der Möllerhalle wurde das "ScienceCenter Ferrodrom". Dort ist eine Mitmach-Ausstellung zu den Themen Wasser, Erde, Feuer und Luft untergebracht. Und aus dem alten Zentrum des Werks wurde - Manfred Görgen kann sich an den Namen nur schwer gewöhnen und atmet tief durch, bevor er ihn ausspricht - "die Skyline der Hochöfen". Gemeint sind sechs hintereinander gereihte Kegelstümpfe, groß wie Hochhäuser, fast verdeckt von den schmaleren Wind erhitzern, die an riesige Tauchflaschen erinnern. Und über allem ragen wie die Sparren eines überdimensionalen Dachstuhls die mehrfach geknickten Gichtgasrohre auf. Möglichst schräg müssen sie verlaufen, erklärt Görgen, damit sich in ihnen keine Schmutzpartikel festsetzen.

Im Licht der Sonne leuchtet die Hochofengruppe rostrot

Weiter geht es zu dem Gelände hinter den Hochöfen, das neuerdings den Namen "Paradies" trägt. Hier ist in den vergangenen Jahren ein wilder Garten entstanden. Unter Anleitung einer Landschaftsarchitektin wuchert die Natur, frisst sich in alte Koksbatterien, hat über Schmutz und Stein einen grünen Teppich gelegt. Ein friedlicher Ort, an dem man auf wellenförmigen Ruhebänken rasten kann. Birken rahmen den Blick auf die Skyline; außer dem Knistern ihrer Blätter ist nichts zu hören. Die Sonne scheint, und in ihrem Licht leuchtet die Hochofengruppe rostrot. Ganz oben auf der Gichtbühne, von der aus die Öfen früher mit Erz, Sinter und Koks befüllt wurden, sind die orangefarbenen Plastikhelme einer Besuchergruppe zu erkennen.

Leitungen und Schalter in der ehemaligen Kokerei.
Arthur F. Selbach
Nur die alten Hüttenmänner wissen noch, wozu die Leitungen und Schalter in der ehemaligen Kokerei einst gut waren.
Ein paar Minuten Ruhe noch, dann mit dem Aufzug hinauf zu diesem Platz in 27 Metern Höhe. Hier oben übersetzt Manfred Baumgärtner. Einst steuerte er die Öfen vom Leitstand gleich gegenüber. "Zwei Füller standen oben und drei Schmelzer arbeiteten unten", erzählt er. "Im Sommer, wenn sie sich trotz der Hitze mit dicken Anzügen vor der Strahlungswärme schützen mussten, brauchte jeder pro Schicht gut fünf Liter Tee." Von der Bühne führen Stahltreppen noch einmal knapp 20 Meter höher zum einstigen Wartungssteg. Heute ist er eine Aussichtsplattform, von der aus man auf einen Turm-Mix blickt: die Kirchtürme und der Rathausturm von Völklingen, die qualmenden Kühltürme des nahen Steinkohlekraftwerks Völklingen-Fenne und im Vordergrund die alten Kamine der Hütte.

Mehr als 30 Tonnen roten Staub pustete die Sinteranlage zu den schmutzigsten Zeiten jeden Tag auf die Stadt. "Beim Mittagessen hat man besser die Fenster geschlossen", erzählt Baumgärtner, sonst sei es vorgekommen, dass das Essen zwischen den Zähnen knirschte. Mehrmals am Tag habe man wischen müssen. "Aber gemault hat kaum einer, man ist mit dem Schmutz und den Geräuschen groß geworden." Das ganze Leben habe damals mit der Hütte zu tun gehabt - und auch der Tod: Bei Beerdigungen war oft die Hüttenkapelle dabei und spielte "Ich hatt' einen Kameraden".

Die Erze, die in der Möllerhalle lagerten, haben mit den Jahren Spuren an den Wänden hinterlassen.
Arthur F. Selbach
Aus neuer Zeit stammen Werke wie dieses Bild eines Street-Art-Künstlers.
Von hier oben ist gut zu sehen, wie das Leben heute noch durch und um die Anlage fließt: Autos fahren über die Rathausstraße, die das Hüttengelände in zwei Teile trennt. Züge schieben sich über Gleise und bringen Roheisen ins noch aktive Stahlwerk nebenan. Völklingen, dank der Schwerindustrie zur viertgrößten Stadt des Saarlands mit heute etwa 40.000 Einwohnern angewachsen, ist nach wie vor eine Stahlstadt: 4000 Menschen arbeiten noch in diesem Industriezweig. Aber das Leben hat sich verändert.

Auf dem Weg in die Stadt liegt der Bahnhof. Nur noch ein Restaurant gibt es dort, die Kneipen, in denen die Arbeiter nach Schichtende ihr Bier tranken, sind verschwunden, und auf dem Werksparkplatz steht seit 1987 ein Einkaufszentrum. Die Riesenschachtel macht in ihren Ausmaßen der Hütte Konkurrenz, dürfte als künftiges Kulturdenkmal aber schlechte Chancen haben. An anderen Orten kann man die Spuren der Hütte noch entdecken: In der kleinen Fußgängerzone sind in einem Schaufenster Trikots und alte Mannschaftsfotos des SV Röchling Völklingen 06 drapiert - der Fußballverein, der in den 1970er Jahren in der Zweiten Bundesliga Süd spielte, ist nach der einstigen Eigentümerfamilie des Werks benannt. Und um die Ecke, in der katholischen Kirche, wacht nach wie vor ein hölzerner Eligius, der Schutzheilige der Metallarbeiter.

Heute kann jeder in die Völklinger Hütte hineinspazieren

Es ist schon merkwürdig: Heute kann jeder in die Hütte hineinspazieren. Damals aber, als fast alle hier von und mit ihr lebten, öffneten sich ihre Tore nur für die Arbeiter. Selbst wenn die Frauen die Henkelmänner mit der Mahlzeit brachten, kamen sie nur bis zum Eingang, viele von ihnen sahen erst nach der Stilllegung zum ersten Mal den Arbeitsplatz ihrer Männer. Eine verbotene Stadt - mit eigenem Zeittakt: Drei Acht-Stunden-Schichten gliederten den Tag, Manfred Görgen kennt sie bis heute: von sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags, von zwei bis zehn Uhr abends und von zehn bis sechs Uhr früh. Es war der Mittag des 4. Juli 1986, als er dieser Welt die Energie abdrehte. Nach dem letzten Abstich sah Görgen schwarze Fahnen auf den Hochöfen wehen. Dann ging er mit seinen Männern in die Gebläsehalle, wo sie die Gaszufuhr stoppten und damit die letzten Maschinen anhielten. "Das war gespenstisch", erzählt er. "Von einem Moment auf den anderen Stille."

Nur als kleiner Punkt ist von der Aussichtsplattform bei den Hochöfen der Helm eines Besuchers zu erkennen, der 20 Meter tiefer über die Gichtbühne läuft.
Arthur F. Selbach
Nur als kleiner Punkt ist von der Aussichtsplattform bei den Hochöfen der Helm eines Besuchers zu erkennen.
Dass die Hütte ein zweites Leben hat, ist unter anderem ihm zu verdanken. Sein Auftrag war, die Hochöfen zu verschrotten, was er so gut es ging hinauszögerte - während ein Verein namens "Initiative Völklinger Hütte" sich bereits für ihren Erhalt einsetzte. Schon 1987 öffneten sich die Tore zum ersten Mal Besuchern. Später veranstalteten Intellektuelle aus Saarbrücken fast ein Jahrzehnt lang jährlich ein Kulturfestival mit Workshops und Konzerten in der Gebläsehalle und gaben ihm den Titel "Schichtwechsel". Die Halle ließ sich damals noch nicht heizen und stank nach dem Öl der riesigen Maschinen, die dort bis heute zu sehen sind. Trotzdem: Die Menschen kamen, ein Bewusstsein für den kulturgeschichtlichen Wert der Hütte wuchs. Und schließlich luden die obersten Denkmalschützer des Landes die Unesco ein, um sie davon zu überzeugen. Es war Manfred Görgen, der die Delegation durch die Anlage führte, einen ganzen Vormittag lang.

Der Ölgestank in der Gebläsehalle ist nur noch eine Ahnung, die Zeit hat ihren starren Takt verloren, die Hütte gehört jetzt Menschen mit Muße. In der Handwerkergasse haben Künstler von der Hochschule in Saarbrücken ihre Ateliers. Man sieht sie bei schönem Wetter draußen schmieden, klopfen und plaudern. Besucher schlendern stundenlang durch die wechselnden Ausstellungen im Erzsilo, der Möllerhalle und der Gebläsehalle - Street-Art oder Pop-Art, Inkagold oder Keltenschätze; zwischendurch setzen sie sich in eine ehemalige Werkstatt, die jetzt "Café Umwalzer" heißt.

Nachts sind die Gipfel der Skyline grün beleuchtet, die Winderhitzer rot und gelb. Und im "Ferrodrom" rumort und brodelt es tagsüber aus Lautsprechern, Erzkrümel liegen zum Anfassen herum. Mit bunten Bällen kann man die Transportwege der Rohstoffe nachspielen. Ist das hier noch Denkmal oder eher schon Erlebnispark? Beides. In jedem Ausstellungsgebäude sind Elemente der alten Welt zu sehen, im Erzsilo etwa Hängebahn-Schienen, die an der Decke entlangführen. Auf dem Weg zur Toilette ragen Leitungen ziellos in den Raum. Das innere Hüttenkino läuft schon wieder. Und das ist es, was diesen Ort so besonders macht. Street-Art gibt es überall - Gebäude, die so viel zu erzählen haben, nicht.

Nur können die alten Hüttenmänner nicht ewig persönlich übersetzen. Wettervorhersagen aus Rohren wie die des Manfred Görgen wird es irgendwann nicht mehr geben. Mögen sie auch wenig glaubwürdig klingen, so scheinen sie doch zu stimmen. An diesem Tag jedenfalls behalten die Rohre recht. Es regnet nicht mehr. Und am nächsten Tag auch nicht.

Autor

Tinka Dippel