Bayern-Städtetrip Münchner Viktualienmarkt– Wohnküche der Weltstadt

Wildleberkäse und Bauernkrustenbrot, Babymangos und Hunderte Pflanzensorten: Auf dem Viktualienmarkt wird alles, was die Natur hergibt, aufgetischt - und dazu so manche Klatschgeschichte. Ein Ort, an dem München noch echt und unverkitscht ist.
Viktualienmarkt München

Wie es auf der Markise steht, so heißt man im Kosmos des Viktualienmarktes. Und so hört Klaus Hahn dort auf den Namen Tretter, seit er an dem Obst- und Gemüsestand arbeitet, den die Familie seiner Frau Petra seit 1885 betreibt. Einst verkauften die Tretters nur Kartoffeln, dann kamen Salate dazu. Heute gibt es bei ihnen, gleich neben dem Maibaum, 250 verschiedene Obst- und Gemüse-Sorten: Babymangos aus Vietnam, Süßzwiebeln aus Südfrankreich, 20 Arten Tomaten. Dazu frischgepresste Säfte, Orange-Ingwer ist beliebt, wahlweise mit Roter Bete.

Seit 70ern ein Feinschmecker- und Spezialitäten-Paradies

Für den gesamten Markt ist die Metamorphose des Tretter-Stands beispielhaft. Als König Max I. Joseph ihn 1807 vom Marienplatz auf das Gelände des ehemaligen Heiliggeistspitals verlegen ließ, gab es hier Getreide, Gemüse, lebendes Geflügel. Dreckig, laut und chaotisch war es, dann verdrängten Händler mit festen Verkaufsständen die Bauern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Pläne, auf dem zerstörten Gelände Hochhäuser oder eine Stadtautobahn zu bauen, bald als das erkannt, was sie waren: ein ziemlicher Schmarrn, wie der Münchner sagt.

Neu errichtet, entwickelte sich der Viktualienmarkt seit den 1970er Jahren zu einem Feinschmecker- und Spezialitäten-Paradies. Heute krabbeln bei Fisch-Witte lebende Hummer aus Boston durchs Aquarium, rund um den Stand von Gewürze Freisinger kitzelt der Geruch von Bananen- und Ananas-Curry in der Nase. Und Elisabeth Forstner, 86 und von allen nur Bäckerliesl genannt, wickelt wie eh und je ihre Bauernbrote in Papier, die man ebenfalls zu den Delikatessen zählen darf.

Täglich schlendern Tausende Touristen über den Viktualienmarkt

Während Klaus Hahn die Einkäufe vom Großmarkt über ein antikes Förderband in den Kellerraum unter dem Stand befördert, genießt Schwägerin Anja Tretter vor dem Stand bei einem Kaffee die Morgensonne. Das Licht fällt auf die bunten Früchte, ab und zu will ein Jogger einen Apfel, zwischendurch hat sie Zeit für Marktfrauen-Tratsch: Der Herr Müller, der hat die Frau vom Käsestand geheiratet, vergangenes Wochenende. Die Pilzverkäuferin, die hat es schwer getroffen, als es an ihrem Stand gebrannt hat.

Kartoffeln auf dem Viktualienmarkt
Christina Körte
Hier lässt man sich gern einen Korb geben - oder bedient sich daraus.

Anja Tretter ist hier aufgewachsen, spielte als Kind unter den Verkaufstischen, machte hinten im Lager ihre Hausaufgaben. "Manchmal zieht es mich weg - aber dann überlege ich es mir doch anders und lande wieder hier", sagt sie. Sie kann nicht ohne den Markt, aber der Markt könnte auch nicht ohne Menschen wie sie. Obwohl täglich Tausende Touristen über seine Pflastersteine schlendern, die Verkäufer und Stände als farbenfrohe Kulisse für Urlaubsfotos betrachten, gehört das Treiben auch fest zum Alltag vieler Münchner. Der Marienplatz mag die gute Stube der Stadt sein, in der man Gäste empfängt. Der Viktualienmarkt ist ihre Wohnküche, der Ort, an dem es gemütlich, echt und ehrlich zugeht - gerade, weil er nicht ganz so aufgeräumt aussieht.

Warum das so ist, darüber hat Franz Xaver Bogner lange nachgedacht. In seinen Filmen zeigt der Regisseur die bayerische Volksseele unverkitscht und jenseits der Klischees. Seit mehr als 30 Jahren kommt er jeden Samstag zum Einkaufen auf den Viktualienmarkt. "Sozusagen die längste Recherche meines Lebens", sagt Franz Xaver Bogner. Seit 2004 ist der Markt neben Andreas Giebel und Florian Karlheim "dritter Hauptdarsteller" in Bogners Polizei-Fernsehserie "München 7". "Das Geheimnis des Viktualienmarktes ist, dass er sich bis heute seine Authentizität bewahrt hat - wie kaum ein anderer Ort in der Stadt", meint der Regisseur. "Die Münchner wissen das zu schätzen, deshalb kommen sie nach wie vor hierher. Das Einkaufen, verbunden mit einem Schwätzchen, ist ein einzigartiges Erlebnis in unserer immer kälter werdenden Geschäftswelt."

Am frühen Nachmittag füllen sich die Bierbänke

Wie recht Bogner da hat, erfährt eine Dame kurz nach Mittag. Sie ist Stammkundin bei den Tretters. Dass man es hier nicht eilig haben sollte, weiß sie also, aber langsam möchte sie weiter. "Alexander, kommst du?", ruft sie über den Berg aus Salaten, der sich zwischen ihr und ihrem Begleiter auftürmt. "Gleich", gibt der zurück. Es dauert aber noch ein paar Minuten, bis er mit Klaus Hahn besprochen hat, was es so zu besprechen gab. Zwei Drittel seiner Kunden kämen regelmäßig, sagt Hahn.

Am frühen Nachmittag füllen sich die Bierbänke gegenüber. Hier, im Schatten einer Kastanie, kann man sitzen und beobachten: Damen im Kostümchen, japanische Traveller mit Rucksäcken, ein Münchner mit Filzhut, dessen Dackel den Pudel eines Schwulenpärchens beschnuppert.Wie in jedem Münchner Biergarten darf man sich hier Essen mitbringen, mancher kauft bei den Tretters einen "Radi", Rettich, der mit Salz zum Bier gegessen wird.

Fünf Uhr, kurz vor Geschäftsschluss: Eine Frau hat Wildkräutersalat bestellt und sich die Blätter in zwei separate Tüten packen lassen. "Ein bisserl über 300 Gramm. 9,63 Euro bitte." Die Frau erwidert, dass Hahn wohl spinne, und verlässt den Stand ohne Salat, bekommt aber noch einen Spruch mit auf den Weg: "Sie können doch keinen Mercedes bestellen, aber nur einen Dacia bezahlen wollen!" Um Punkt sechs Uhr dann hebt Klaus Hahn die erste Kiste Salat vom Verkaufstisch. Abräumen, abrechnen, dann ist Feierabend. Natürlich ist er hundemüde. Wenn er aber an die Alternative denkt - und die wäre für den gelernten Koch gewesen, den ganzen Tag im Bratendunst zu stehen -, dann ist er plötzlich wieder prächtig gelaunt.

Autor

Moritz Baumstieger

Ausgabe

München 09/2013