Niedersachsen Urlaub beim Freiherrn

Zum Foto bittet der Freiherr auf den Balkon seines barocken Schlosses. Friedhelm von Landsberg-Velen und Gattin Caroline Freifrau von Landsberg-Velen schauen in die Kamera und lächeln freundlich. Doch der Freiherr ist nicht bei der Sache. Unterhalb des Balkons liegt der Schlossgraben und direkt dahinter ein großer Spielplatz. Schaukeln, Rutschen, Drehscheiben, Klettergerüste und jede Menge Kinder. Lautes Kreischen und ausgelassenes Johlen wehen herüber, und irgendetwas hat die Aufmerksamkeit des Freiherrn erregt. Er lehnt sich über das herrschaftliche Steingeländer, um besser sehen zu können. "Da muss unbedingt jemand hin, da steht ja das Regenwasser unter dem Drehkarussell und keiner kann es benutzen", sagt er zu seiner Frau und zeigt auf das eiserne Spielgerät. Es ist früher Abend und kühl geworden, die Sonne steht schon tief. Und wenn es nicht anders geht, dann legt der Baron, wie ihn seine Mitarbeiter nennen, auch selbst Hand an und schippt Sand.

Im Flur des Schlosses treffen wir den jungen Freiherrn, Sohn Sebastian. Klar, wenn es voll wird, dann schenkt er heute Abend Bier mit aus auf der "Deele". Das ist der Marktplatz gleich links, wenn man durch das reich verzierte schmiedeeiserne Tor den Schlosshof verlässt und den elterlichen Betrieb betritt: das Ferienzentrum Schloss Dankern. Ein Fußballspiel wird dort auf Leinwände übertragen, Dortmund gegen München, da wird es sicherlich voll.

Alle ziehen an einem Strang bei den von Landsberg-Velens, wenn es darum geht, das Erbe zu wahren. Der Familienbesitz, das sind das dreiflügelige, barocke Schloss Dankern und die dazugehörigen Ländereien von rund 550 Quadratkilometern. Vor mehr als 300 Jahren vom emsländischen Rentmeister Johann Heinrich Martels erbaut, ist das Anwesen seit 1832 im Besitz der Freiherren von Landsberg-Velen.

"Und das", sagt der Freiherr in einem Ton, der keinen Zweifel aufkommen lässt, "soll es auch bleiben." Dafür tut er alles, vor allem aber führt er mit viel Herzblut eine Idee fort, die 1970 aus der Not geboren wurde. Das ehrwürdige Gemäuer stand vor dem Verfall. Und so entschied Friedhelms Vater Manfred damals: Aus dem Gut wird eine Ferienanlage. Seine wagemutige Entscheidung wurde belohnt. Heute ist das Ferienzentrum Dankern mit 735 zu vermietenden Häusern und 4518 Betten die größte Freizeitanlage Deutschlands und in der Ferienzeit meist zu 95 Prozent ausgebucht. Spaß total. Ziel erreicht, Besitz gesichert.

Gut Landegge ist auf mächtigen Eichenpfählen erbaut

Die Forst- und Landwirtschaft an den Nagel zu hängen, um als Urlaubsbetrieb Haus, Hof und Tradition zu retten - das ist kein Einzelfall im Emsland. Nur wenige Kilometer von Dankern entfernt liegt Gut Landegge. Auch hier im Zentrum des Geschehens: eine Burg, von einem Wassergraben umgeben, und eine Familie, die das historische Gemäuer erhalten will. 1695 wurde das dreiflügelige Haus Landegge auf mächtigen Eichenpfählen von Wilhelm Diedrich von Schade an der einstigen Handelsstraße zwischen Münster und Ostfriesland erbaut. Eine Zeit lang nutzten die Nachbarn von Landsberg-Velen das Anwesen als Jagdschloss, dann aber ging Landegge 1928 über in den Besitz der Familie Hiebing.

Anfangs kam das Geld aus dem Anbau von Getreide und der Milchwirtschaft, später standen bis zu 400 Bullen in den Stallungen. Doch die Erhaltung des Anwesens verschlang Unsummen. "Die Rechnung ging irgendwie nie auf", erinnert sich die Chefin Marianne Hiebing. Also richteten die Schiffertochter aus Haren und Ehemann Bernd Karsten Hiebing 1979 im Herrenhaus gleich neben ihren eigenen Räumen die erste Ferienwohnung ein. Zum Essen nahmen die Urlaubsgäste einfach am großen Holztisch der Hiebings Platz.

Seitdem hat sich viel getan auf dem Gut. Marianne, Bernd Karsten Hiebing und Sohn Tim wohnen immer noch im Herrenhaus. "Doch dort, wo früher das Futter für die Bullen gemischt wurde, ist heute ein Computerraum", erzählt Tim Hiebing, der die Anlage inzwischen im Team mit der Mutter führt. Matze (16) sitzt gerade an einem PC und spielt irgendein Spiel, bei dem es laut hergeht. Der Teenager aus Ratingen und Tim sind für später verabredet, denn Matze hilft dem Sohn des Hauses bei Hausmeisterarbeiten.

Ställe und Scheunen wurden stilgerecht umgebaut

Es gibt immer etwas zu tun: In den vergangenen Jahren wurden Ställe und Scheunen stilgerecht umgebaut. Sie heißen heute Gräften- und Landhaus und beherbergen 26 Apartments mit insgesamt 140 Betten. Treffpunkt - noch vor dem Frühstück - ist der Platz vor der Küche, in der bereits Kaffee gekocht und Eier gebrutzelt werden. Es riecht unbeschreiblich lecker. Marianne Hiebing ist auch schon da, begrüßt eine Horde Jungs, fragt, ob sie schon ein Glas Saft trinken möchten. Danke, nein, denn Enton und Entonia warten schon. Die beiden Hofenten haben Hunger. "Und wer traut sich, die Ziegen aus der Hand zu füttern?", fragt Silke Hagen, die auf dem Hof zuständig ist für das Wohl aller Tiere und Kinder. Helen (4) und Dela (7) sind mutig, aber nur solange, bis der Bock Tyson seinen Kopf mit den Hörnern senkt und sich die Regenjacke von Dela näher anschauen will.

Wo früher Bullen standen, grasen heute Pferde, und für sie schlägt auch das Herz der meisten Kinder. Kim (13) kommt aus Lippstadt und ist zum zweiten Mal mit den Eltern und dem Opa auf Landegge. Das Mädchen liebt das Reiten, "besonders die Ausritte am Nachmittag und das Baden mit den Pferden". Dahinten liege der "Silbersee", sagt das blonde Mädchen und zeigt mit ausgestrecktem Arm ins Nirgendwo über die Wiesen rund um das Gut. An diesem Tag ist es zu kalt für ein Bad, macht nichts, denn heute hat Kim ihre Mutter überredet, nach Jahren der Abstinenz auch mal wieder aufs Pferd zu steigen.

In der großen Halle sind unterdessen die Ponys Flachs, Mogli, Pünktchen und Monti nebeneinander mit einem Strick angebunden, die Kinder putzen, striegeln und kratzen, was die Bürsten hergeben. Ein kleiner Junge steht verträumt im Stroh und steigt schließlich auf den "Donnerbalken", ein Holzstamm, auf dem sich die "Nichtreiter" durch den Wald ziehen lassen. "Rund ums Pferd" nennt sich dieser Teil der Kinderbetreuung auf Landegge - ein Service, der inzwischen auf wöchentlich 42 Stunden angewachsen ist. Und weil das Pferd zum Ritter gehört, werden Rüstungen, Schilde und Wappen gebaut, und abends am Lagerfeuer lauschen die Kinder den Geschichten von der reichen Witwe Munderloh, die einst auf Landegge wohnte. Eltern willkommen, aber nicht zwingend notwendig.

Einmal in der Woche öffnet der Schlossherr für eine Besichtigung sein Schloss

Auf Gut Landegge, wo das Land, wie der Name schon sagt, eng ist zwischen Ems und Bourtanger Moor, ist alles ein wenig kleiner und feiner als im Ferienzentrum Dankern. Weniger Fläche, weniger Menschen, aber eben auch weniger Aktion. Wer mit Pferden nichts am Hut hat, ist auf Dankern besser aufgehoben. Spielplätze - Indoor und Outdoor -, Karussells und Autoscooter, Jux-Räder, Wasserbobbahn und Hallenschwimmbad, am großen Dankern-See die Wasserskianlage, Tauchschule, Badestrand und die große Kartbahn - das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was auf Schloss Dankern so los ist.

Ausritt auf Gut Landegge
Gregor Lengler
Ausritt auf Gut Landegge
Elsa (12), Roberta (10), Selma (9) und Ted (10) sind aus Haren als Tagesgäste mit ihrem Opa hierher gekommen. Erstes Ziel: die Kletterwand im Hochseilgarten. Robert, der Sportstudent, hat die Mädels mit Sicherungsgurten und Helmen ausgerüstet und gibt Tipps. Unten, hinter der Absperrung, stehen einige kleine Kinder, den Kopf im Nacken, den Lolli im Mund und die Augen weit aufgesperrt: In Windeseile ist Roberta die senkrechte Holzwand hochgeklettert, ohne Zögern, und hat oben die Klingel betätigt. Juchuhh!

Einmal in der Woche öffnet der Schlossherr für eine halbstündige Besichtigung sein Schloss. Das will sich das Quartett nicht entgehen lassen. Doch vorher gibt es Pfannkuchen an einer Bude auf dem Marktplatz von Dankern. Mit Nutella, anderer Belag Fehlanzeige. "Erwachsene mögen auch Crepes", beschwert sich eine Mutter. Doch hier geht es eben in erster Linie ums Kind. "Und das soll so bleiben", sagt der Freiherr und schiebt gleich eine andere Ansage hinterher: "Eltern, die Wellness wollen, müssen woanders hin."

Das wollen viele aber nicht. Auch wenn es auf Dankern keinen Hausmasseur wie auf Gut Landegge gibt, wenn das Wireless-Lan nur an wenigen Punkten konstant vorhanden ist, wenn es in den Hütten vom Typ "Ferienhaus" meistens kein Fernsehgerät, kein Radio und gerade mal vier Steckdosen gibt - "wir kommen immer wieder", sagen die Zilles aus Leverkusen. Mit 28 Erwachsenen und 22 Kindern haben die Urlauber beinahe eine ganze Straße mit Ferienhäusern für sich gemietet. "Der Preis für die Häuser", sagt Guido Zilles, "ist unschlagbar und viele Aktivitäten auf der Anlage sind im Preis inbegriffen." Die 50-Quadratmeter-Häuschen gibt es bereits ab 300 Euro pro Woche. Und sie bieten Platz für bis zu sechs Personen.

Heute Abend hat die Clique eine der Grillhütten mit den spitzen Dächern gemietet. Dann gibt es Würstchen, Brot, Brause und Bier satt, und wenn alle Erwachsenen und Kinder gemeinsam das Urlaubsende feiern, wird es eng. Aber lustig.

INFO

Ferienzentrum Schloss Dankern: 735 Häuser ab vier Personen. Selbstver- pflegung, Supermarkt auf dem Gelände, Brötchenservice, Restaurants, Fahrradverleih. Tagesbesuch: Erw. 9 Euro, Kinder 8 Euro.

Gut Landegge: Seit 2010 Familotel Emsland. 26 Wohnungen, von zwei bis zu neun Personen, Selbstver- pflegung oder Halbpension. Reiten: Unterricht, Ausritte, Lehrgänge, Abzeichen, Gastboxen.

Für das MERIAN extra - Niedersachsen mit Kindern waren MERIAN-Reporter für Sie auf Landgütern im Kurzurlaub, übernachteten in Heuhotels, vergnügten sich im Freizeitpark in der Heide, erkundeten das Watt, studierten die Römer im Osnabrücker Land und staunten in der Autostadt in Wolfsburg und im Erlebnis-Zoo in Hannover. Viel Spaß beim Lesen!

Autor

Birgit Heiland