Niedersachsen Streifzug durch die Lüneburger Heide

Ich stehe am Rand eines lila leuchtenden Talkessels. Unter mir: eine wellenförmige Senke überzogen von violetten Blüten, eingerahmt von dunklen Eichen und Kiefern. Etwa fünfzig Meter bis zum Kesselboden, ein sandiger Weg schlängelt sich hinunter. Totengrund heißt dieser besondere Ort. Ich lasse den Blick von meiner Anhöhe schweifen:  Wie die sanft wogende Fläche eines Sees schimmert die Heide unter mir. Es ist Abend. Für diesen Kessel voller Farbe bin ich gekommen, mache den ersten Schritt bergab und tauche hinein in die Heidelandschaft. 

Jeden August verwandelt sich die Lüneburger Heide für wenige Wochen in ein prächtiges Farbenspiel, das Besucher aus ganz Europa anlockt. Der Naturpark Lüneburger Heide liegt im Nordosten Niedersachsens und erstreckt sich von der kleinen Stadt Buchholz im Norden bis Soltau im Süden. Es sind die größten zusammenhängenden Heideflächen Mitteleuropas. Autos sind in dem Naturschutzgebiet nicht erlaubt. Ein großer Pluspunkt für die zahlreichen Wanderer, Radfahrer und Mountainbiker.

Am Morgen bin ich gestartet in dem kleinen Ort Undeloh, Ausgangspunkt für viele Wanderer. Nur wenige Schritte hinter dem letzten Haus öffnet sich vor mir die weite Ebene der Heide. Große Wacholderbüsche kleksen frisches Grün in die Weite, dahinter schimmert es seicht lila. Die Heidesträucher wachsen zwischen Böschungen, Roggen und Rauhafer. Überall um mich herum zirpt und summt es bereits. Ich versuche einen Blick auf die tierischen Musikanten zu erhaschen. Aber im dichten Gewächs sind Vögel und Insekten gut versteckt.

Eine Landschaft von Menschenhand

Diese Einwohner hingegen sind in der Heide unschwer zu übersehen: Wildschweine, Kreuzottern und Heidschnucken – die Schafe der Heide – leben im Naturpark. Die Landschaft ist vielfältig, Ebenen werden abgelöst von dichten Wäldern und Sümpfen. Durchkreuzt wird sie von mittelalterlichen Kirchen, alten Höfen und Wegspuren. Die Heide ist eine Kulturlandschaft, entstand durch Menschenhand. Erstmals blühte sie in Norddeutschland vor rund 3000 Jahren, als Steinzeitbauern die Eichenwälder abholzten. In der Erde, bis dahin mit dichtem Laub überschattet, keimte die Heide. Heute wird die Ausdehnung von Wald und Heide streng überwacht. Immer wieder laufe ich an brachen Flächen vorbei. Den Boden "abplaggen" heißt das hier, ihn von allen Gewächsen befreien. Denn die Heide gedeiht auf nährstoffarmer Erde am besten.

Plötzlich stehe ich vor einer Reihe gewaltiger Eichen. Ein schneller Blick auf die Karte. Das muss der Bannwald sein, der einst in königlichem Besitz war. Ein kleiner Graben vor mir erinnert noch heute daran, dass der Eintritt in diesen Wald früher wohl verboten war. Nach der Weite der Ebene, an die sich meine Augen gewöhnt hatten, wirken die jahrhundertealten Bäume größer, mächtiger. Langsam laufe ich auf die "Alte Salzstraße", die mich entlang des Bannwalds führt. Im Schatten des dichten Laubs fühle ich mich komplett verborgen.

Der Straßenname verrät ein Stück Vergangenheit. Seit dem Mittelalter bestimmte die Salzgewinnung das Wohl vieler Orte in der Lüneburger Heide. In riesigen Siedepfannen kochte man die Sole, Salz-Wasser-Lösungen, die unter der Erde lagen, bis nur noch das wertvolle Mineral übrig blieb. Vor 200 Jahren war diese Straße mehrere hundert Meter breit. Jeder Karren, schwer beladen mit Salz, grub sich tief in die Erde und legte eine neue Fahrrinne an. Während in Lüneburg die Sole kochte, schaufelten die Bauern auf dem Land die lilablühenden Sträucher und die Erde davon – Dünger für die wenigen kargen Felder. Aber die Erde wurde nicht fruchtbarer, im Gegenteil. Ohne die letzten Wurzeln der Heide versandete sie komplett. Dünen begruben ganze Dörfer. Aus der lila Landschaft wurde ein Labyrinth, ein Wirrwarr aus unendlich vielen, sich immer wieder kreuzenden Wegen und Fahrrinnen. Es heißt, dass sich so mancher in der Heide verlief und nicht mehr herausfand.

Ich trete aus dem Schatten des Eichenwaldes heraus und steige hinauf zum Wilseder Berg, mit 170 Metern immerhin der höchste Punkt Norddeutschlands. Ich lasse meinen Blick schweifen und sehe eine ganz andere Heide hier aus der Höhe: Gräben und Kerben ziehen sich durch die Landschaft, tonnenschwere Felsbrocken ragen aus der Erde. Die Heide ist eine Moränenlandschaft, geformt durch mehrere Eiszeiten. Die Findlinge wurden vor tausenden von Jahren von Gletschern aus Skandinavien nach Norddeutschland geschoben und hier auf unbestimmte Zeit unverrückbar geparkt. Zu meiner Rechten sitzt ein Wandersmann schweigend auf einem solchen Steinkoloss, während von links der Singsang einer französischen Reisegruppe zu uns dringt. An sonnigen Tagen mit guter Sicht erkennt man von hier den fast 60 Kilometer entfernten Hamburger Fernsehturm. Ich sehe nach Norden über die glänzende Heide, erkenne nur eine Reihe Windräder am Horizont. Was wohl die verlorenen Wanderer fühlten, als sie von eben diesem Punkt über die karge Landschaft blickten?

Die Lüneburger Heide wird zum Touristenziel

Trotz ihrer starken Nutzung war die Heide bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ein Landstrich, den man lieber so schnell wie möglich hinter sich ließ. Als "norddeutsche Sierra Morena" bezeichnete sie der Schriftsteller Johann Kaspar Riesbeck. Die Weite der Heide? Eine Bedrohung. Ihre Blüte? Nicht schön, nur eintönig. Und die Menschen? "Die Einwohner sind durchaus schneckenartig," schrieb Riesbeck, "bleich von Farbe, weich von Fleisch und eingeschrumpft." Wer konnte, umging die Heide ganz. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Gebiet dann stark aufgeforstet. Und je mehr sich die Heide erholte, die Bäume Wurzeln schlugen, nach und nach wieder Leben einzog, änderte sich auch langsam das ästhetische Empfinden. Der 1910 entstandene Naturschutzpark Lüneburger Heide um den Wilseder Berg wurde schnell zum beliebten Touristenziel. Mit Sonderzügen reisten die Hanseaten scharenweise an, um durch die Ebenen zu spazieren. Im Sommer fuhr man an die See – oder in die blühende Heide. Seitdem reißt der Besucherstrom nicht ab: Jährlich kommen mehr als vier Millionen Besucher in die Heide.

 

Der Totengrund in der Lüneburger Heide.
Natalie Kriwy
Ausblick über den Totengrund vor Beginn der Blüte.

Vom Wilseder Berg geht es für mich wieder hinab. Mein nächster Stopp, endlich: der Totengrund. Unterschiedliche Erklärungen ranken sich um seinen Namen. Leichenzüge fuhren einst durch dieses Tal und die Geister der Toten, sagt man in den Dörfern, hätten es nie verlassen. Wahrscheinlicher aber trägt der Totengrund seinen Namen, weil die Erde hier besonders nährstoffarm ist. Vorsichtig wandere ich durch den Talkessel und an seinem Rand entlang. Ich habe ihn ganz für mich allein. Es ist Abend. Je flacher das Licht in das Tal fällt, desto bläulicher schimmert die Heide, melancholischer wirkt sie. Unentwegt blicke ich in den Kessel hinein. Alle paar Meter scheint die Heide wieder ein wenig anders. Verändern die Wacholderbüsche etwa ihre Positionen während ich nicht hinsehe? Hinter mir rattert es: ein Mountainbiker, kein Gespenst.

Sankt Magdalenenkirche in Undeloh.
Natalie Kriwy
Die Magdalenenkirche in Undeloh ist die älteste Heidekirche.

Nach kurzer Station im Dorf Wilsede endet mein Tag in Undeloh. An der kleinen Magdalenenkirche im Ortskern, der ältesten Heidekirche, stutze ich über das Gemäuer hinter der vorderen Fachwerkfassade. Statt glatt geschliffenem Fachwerk ragen Felsbrocken aus dem Lehm. Diese Mauern bestehen aus Steinen, die aus der Heide gekarrt wurden. So ist die Magdalenenkirche ein gutes Beispiel für die vielen Verknüpfungen zwischen Mensch und Natur in der Lüneburger Heide: ein Gotteshaus getragen von mittelalterlichem Mauerwerk und hunderttausend Jahre alten Findlingen.

INFO
Noch mehr Lüneburger Heide? Kein Problem! Infos rund um die Region, Tipps für Ferienhäuser und Hotels gibt es auf dem offiziellen Urlaubsportal der Lüneburger Heide. Ein Besuch im Wildpark Lüneburger Heide und im Heide Park bei Soltau lohnen auch immer.

Lust aufs Wandern bekommen? Dann wäre doch zum Beispiel eine Tour auf dem Jakobsweg oder auf dem Jesus-Trail in Israel genau das Richtige. Oder eine Kombination mit kulinarischen Höhepunkten - auf der Baleareninsel Mallorca.

 

 

Autor

Kalle Harberg