Wolfsburg Staunen und Lernen in der Autostadt

Es ist Sonntag. Cora, Juliana, Sascha, Jan und vier weitere Kinder, alle zehn und elf Jahre alt, wollen heute schauen, staunen und dabei auch noch etwas lernen. Um zehn Uhr am Morgen betreten sie ein dafür speziell geschaffenes Reich. Es hat bunte Wände, weich geschwungene Linien aus grünen Pflanzen und Fantasiegebilden symbolisieren einen anderen Planeten: Sinus. Auf die Wände sind in grüner und lila Schrift Sätze gemalt. "Auf Sinus gibt es Blumen, die Ideen haben" - "Ich liebe Erdenwind, der meine Haare zum Fliegen bringt" - "Faszinierend: Tintenfisch, Qualle und Nautilus sind Wasserraketen."

Auch auf diesem Planeten gibt es Tische. Darauf liegen Hämmer, Heißklebepistolen, Balsaholz, Schrauben. Auf anderen Tischen stehen Fräsen, liegen Bohrer, Zangen, Seitenschneider, Stifte, Windräder. Wieder ist ein Satz zu lesen, diesmal in hellgrün: "Wer forscht, baut Brücken in die Zukunft."

Willkommen im IdeenReich der Autostadt in Wolfsburg, Teil der "Inszenierten Bildung" in diesem großen Erlebnisraum rund um die Mobilität. Das IdeenReich ist umgeben von hohen Glasfronten, der Blick fällt nach draußen, auf den Mittellandkanal, die Lagune und den Park.

Heute wird wieder ein Workshop angeboten - Thema: Wetter. Und dabei geht es nicht um regennasse Straßen oder Winterreifen. Es geht darum, das Geschehen in unserer Atmosphäre zu messen, zu beobachten und zu verstehen. Denn die Beobachtung des Wetters ist auch Grundlage der Klimaforschung. Und deshalb soll heute jeder seine eigene Wetterstation bauen!

Jan, Juliana, Sascha und die anderen sind mit ihren Eltern gekommen. Sie setzen sich an die Tische. Dann tritt der Kursleiter und pädagogische Betreuer Ingo Günther, 35, heran. "Dieser Workshop ist nur einer von vielen, die wir an den Sonntagen anbieten", sagt Herr Günther. "Die Inhalte wechseln ständig, wir haben schon Gewürzbrot gebacken, 1001 Nacht nachgestellt, Schneepflüge und Vogelhäuschen gebaut."

Auf den Tischen liegen ein kleiner Kompass, ein Thermometer, ein schmales Glas zum Auffangen von Regenwasser, Holzstäbe und Tannenzapfen. Tannenzapfen? "Wofür sind die denn?", fragt Juliana ihre Mutter. "Hm, weiß ich auch nicht", antwortet die. Die Kinder schnappen sich nun jeweils einen langen Stab aus Eichenholz, nehmen Bleistifte zur Hand, Geodreiecke. Stehen bald an den Bohrern, hantieren mit Sägen, stellen Fragen, bekommen Antworten, die helfenden Hände der Kursleiter sind stets zur Stelle. "Das ist ein Stück Balsaholz", sagt Herr Günther, "wir werden es gleich zu einem Windpfeil zurechtschneiden. Es kommt am Ende ganz oben auf die Wetterstation, am besten ihr lackiert den Windpfeil noch."

Gelerntes Wissen sollen die Kinder weiter begleiten

Wo ist eigentlich Norden? Ach ja, da wo die Kompassnadel hinzeigt. Cora sagt: "Ist doch klar! Aber warum ist das wichtig? Wetter kommt doch von allen Seiten!" Nun, die Sache ist so: Bei jeder Wetterstation muss das Thermometer nach Norden ausgerichtet sein - dorthin, wo meist der Schatten liegt und nicht die Sonne scheint. Temperaturen nämlich würden immer im Schatten gemessen, auch die Temperaturen, die beim Wetterbericht angegeben würden, seien Schattentemperaturen. "Ach!" Das wussten selbst einige der Eltern nicht. Zudem zeigt der Kompass an, woher der Wind weht. Auf den Tischen vor den Kindern nehmen stabile Gebilde aus Holz Form an. Jeder darf sein Werkstück behalten. Die Autostadt macht das oft so. Gelerntes Wissen und selbst umgesetzte Ideen sollen die Kinder weiter begleiten.

Wie ein langer Baumstamm ragt der Trägerstab empor. In selbst gebohrte Löcher stecken die Kinder seitlich hinausragende Holzstäbe, fräsen, schrauben, bohren. Bis die Station fertig ist. Der Kompass klebt auf seinem Sockel, an den Stäben hängen das Thermometer und das Gläschen zum Auffangen des Regenwassers mit Messskala. Oben der Windpfeil.

Autofahren in der Autostadt in Wolfsburg
Klaus Bossemeyer
Im Mini New Beetle werden die Kleinen zum Rennfahrer.
Stolz halten die Kinder ihre Wetterstationen in Händen. Und wissen noch nicht so recht, dass dies die Grundlage aller Wetterbeobachtung ist. Winde, ihre Stärken und Richtungen, die Temperatur, die Niederschlagsmenge, Himmelsrichtungen. Aber eines fehlt noch. "Na?" Die Kinder überlegen. Dann schreien sie: "Der Tannenzapfen!" Richtig. Und der ist eine geniale Erfindung der Natur. "Der Tannenzapfen - das ist euer Barometer!", sagt Herr Günther. Die Erklärung: Wenn die Luft trocken ist, öffnen sich die Schuppen - und das ist meist bei Hochdruckwetter der Fall, das Wetter bleibt gut. Wird die Luft aber feuchter, schließen sich die Schuppen des Zapfens, es droht ein Wetterumschwung, ein Tief mit Regen zieht heran. "Denn unter den Schuppen sitzen die Samen, die der Zapfen vor Regen und Sturm schützen will. Also beginnt der Tannenzapfen schon lange vor dem Regen, den Schuppenpanzer zu schließen."

Im RumfahrLand durch eine Leuchtbrücke brettern

Der Tannenzapfen - ein Wetterprophet! Die Kinder befestigen auch ihn an der Station. Und staunen. Es ist kurz vor zwölf am Mittag, als sie  das IdeenReich verlassen. Mit ihren frisch gebastelten Wetterstationen unterm Arm laufen sie ins Universum der Autostadt hinaus. Dort gibt es auch noch viel zu entdecken. In der Fahr-Schule gleich nebenan lernen die Kinder das Autofahren. Sie sitzen vor Simulatoren wie in kleinen Autos, geben Gas, bremsen heftig, biegen ab, fahren durch eine Bildschirm-Stadt. Im RumfahrLand brettern sie in Kettcars, Dreirädern und V-Carts über eine Rundstrecke, durch eine Leuchtbrücke, immer schön um die Wette.

Auf dem Parcours draußen, im LernPark, fahren die Kinder nach vorherigem Theorieunterricht in elektrobetriebenen Mini-Beetles über fast echte Straßen. Da gibt es Ampeln, Vorfahrtsschilder, Einbahnstraßen, Kreisel. Herrlich! Endlich selbst am Steuer! Ein Junge fährt wild entschlossen drauf los, prompt auf die falsche Seite. "Halt, Manuel! Auf die andere Seite!", rufen die Eltern. "Du bist ein Geisterfahrer!"

Wolfsburg
Horst und Daniel Zielske
Die Ausstellung "Level Green" in der Autotadt.
Es sind Erlebnisse wie diese, die die Pädagogen und Macher der Autostadt ganz bewusst planen. Selbst erleben, selbst etwas schaffen und ausprobieren - auf diese Weise wird geweckt und gefördert, was so grundlegend für vieles ist: Fantasie, Interesse, Neugier. Was so spielerisch daherkommt, ist eben nicht nur Spielerei, das weiß Michael Pries am besten. Er ist der Leiter der "Inszenierten Bildung" in der Autostadt. "Im Rahmen unseres Oberthemas Mobilität werden Kindern Inhalte vermittelt, die auch auf dem Schul-Curriculum stehen und mit dem Kultusministerium abgestimmt sind." Dabei wird keineswegs nur gebastelt und ein bisschen herumgeknetet. In der Autostadt stehen den Kindern Experten zur Seite, hochwertige Werkzeuge liegen parat, von denen jeder Hobbybastler träumt. Die Themen sind durchdacht: Bionik, Design, Nahrung, Werkstoffe, Motoren, Windkraft. Oder eben Wetter. Wissen zum Anfassen, konkret und spannend.

Eine Werkstatt im ZeitHaus

Auch Schulklassen melden sich ganzjährig für Kurse an, etwa in der Werkstatt im ZeitHaus, wo in dieser Woche Solarplatinen für ein Gerät zum Aufladen von Akkus verbaut werden. Das Oberthema: Energieversorgung. Es ist Teil des Stundenplans, die Schulen erkennen die Inhalte an. "Diese konkreten Angebote und speziell ausgearbeiteten Lehrinhalte finden sich auch in unserem öffentlichen Angebot wieder", sagt Herr Pries. Kinder und Eltern kommen auch da nicht zu niedlichen Bastelstündchen - auch hier wird Wissen vermittelt. Anschaulich und in Ergänzung zum klassischen Schulunterricht.

In der linken Hand die Wetterstation, rechts ein Berg Eis vor der Nase. So verlassen auch Juliana und Cora am Nachmittag die Autostadt. Und spätestens heute Abend, daheim vor dem Fernseher, wenn der Mann den Wetterbericht vorträgt, werden sie sich an etwas viel Wichtigeres erinnern. Mal sehen, was der Tannenzapfen sagt.

INFO

Lernen in der Autostadt in Wolfsburg
Im Rahmen der "Inszenierten Bildung" haben Experten Lernprogramme, Workshops und Führungen für alle Altersklassen ausgearbeitet. Seit 2003 ist die Autostadt als außerschulischer Lernort vom Niedersächsischen Kultusministerium anerkannt.

Familien-Sonntage: Für Kinder und Eltern, kostenlose Workshops zu wechselnden Themen, Eintritt mit Familienkarte (30 Euro für 2 Erw. und alle Kinder bis 17, inkl. 5 Euro Verzehrgutschein)

RumfahrLand, FahrSchule & LernPark: Das Fahren auf vier Rädern lernen. Theorie und Praxis, drinnen und draußen.

CarDesign Studio: Wie entsteht ein Auto? Anschauliche Präsentation von der Bleistiftzeichnung bis zum 1:1-Modell. Wer Lust hat, erstellt eigene Entwürfe.

KidsTour: Altersgerechte Entdeckungstouren in der Autostadt (5 bis 10 Jahre), tgl. je 30 Min.

Werkstatt im ZeitHaus: Unterricht außerhalb des Klassenzimmers für Schulklassen.

MERIAN extra: Niedersachsen mit Kindern.
Sie möchten mehr über die Autostadt wissen? Etwa über die Architektur des Gebäudes, den Prozess Kunst mit Kommerz zu verbinden und die Menschen hinter den Kulissen, die für einen reibungslosen Ablauf sorgen.

Für das MERIAN extra - Niedersachsen mit Kindern waren MERIAN-Reporter für Sie auf Landgütern im Kurzurlaub, übernachteten in Heuhotels, vergnügten sich im Freizeitpark in der Heide, erkundeten das Watt, studierten die Römer im Osnabrücker Land und staunten in der Autostadt in Wolfsburg und im Erlebnis-Zoo in Hannover. Viel Spaß beim Lesen!

Autor

Marc Bielefeld