Deutschland Segeltörn auf dem Chiemsee

Die Herrschaft sei nicht anwesend. Der Verwalter des Schlösschens blickt mich fast feindselig an und schickt mich zurück zu meinem Segelboot. Neugierig hatte ich an einem Steg von Sassau festgemacht - trotz der Warnungen heimischer Segler. Sie drückten sich so geheimnisvoll aus, als würden auf der Halbinsel Hexen hausen.

Mit einer kleinen Segeljacht erkunde ich für ein paar Tage den Chiemsee, den die Einheimischen das "Bayerische Meer" nennen, obwohl er rund 300 Kilometer vom Salzwasser entfernt liegt. Ich laufe kleine Häfen an, ankere in Buchten, segle die Ufer entlang. Da taucht plötzlich der mit Buchen bewachsene Kailbacher Winkel vor dem Bug auf. Der Küstenstreifen und die Halbinsel strahlen eine solche Ruhe und Eintracht aus, dass ich es wage, dort anzulegen und einen der Hügel zu erklimmen. Oben angekommen, schießt mir in weiten Sprüngen ein großes schwarzes Knäuel entgegen, das jedoch abrupt stoppt, mit dem Schwanz wedelt und meine Hand leckt - bis der Gutsverwalter, ein kantiger, misstrauischer Mann, vor mir steht.

"Die Eigentümer der Halbinsel", knurrt er, "möchten nicht, dass sich irgendjemand auf ihrem Grundstück verläuft." Wer denn die Eigentümer seien, frage ich, den Ahnungslosen spielend. "Sie bestehen darauf, namenlos und ungenannt zu bleiben", bescheidet der Mann barsch. Schließlich kenne man es zur Genüge, dass andernfalls Horden von Fernsehzuschauern und Zeitschriftenlesern anrückten und an die Tür klopften. Er deutet auf das von hohen Bäumen umstandene Schlösschen, ungewöhnlich für den Chiemsee, der nicht - wie etwa der Starnberger See - von Villen und Prachtbauten gesäumt ist, sondern meist von Bauernhäusern.

Also wieder zum Boot. Am Steg werfe ich noch einen Blick zurück. Natürlich kann das kleine Schloss da oben nicht mit dem von Ludwig II. auf der Herreninsel direkt gegenüber konkurrieren. Im Vergleich dazu ist es eher eine bescheidene Bleibe. Doch in der bayerischen Geschichte sind deren mutmaßlichen Besitzer, die Arco auf Valleys, nicht ganz unbekannt. Einer der Verwandten der jetzigen Herrschaft etwa, Anton Graf von Arco auf Valley, erschoss im Februar 1919 in antisemitisch-nationalistisch wabernder Stimmung den ersten Ministerpräsidenten Bayerns: Kurt Eisner, der jüdische Wurzeln hatte - wie der Adlige selbst.

Zu gern hätte ich mich auf die Veranda des Schlösschens gesetzt, um von dort den ganzen See mit einem Blick einzufangen. Das ondulierte Ufer im Nordwesten, die Weite zum Osten und die Alpen im Süden, dazwischen die azurblaue Fläche des Sees mit den grünen Tupfern der drei Inseln. Fast zu schön, um real zu sein, was in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Künstler anzog. Eine ganze Kolonie von Landschaftsmalern entstand drüben auf der Fraueninsel. Pleinairisten, "Frischluftmaler", nannte man sie, weil ihre Skizzen und Bilder, anders als in den Jahrhunderten zuvor, in der Natur entstanden.

Als ich von Sassau ablege und weitersegle, fällt mir auf, dass sich die Magie des Sees nicht nur in Panoramen entfaltet, sondern auch in Miniaturen - wie auf der Krautinsel, die zwischen Frauen- und Herrenchiemsee liegt. Nach einem kurzen Schlag ankere ich dort in einer kleinen Bucht. Von oben betrachtet, wirkt die Krautinsel mit ihrer langen Sandbank eher prosaisch, sie hat die Form einer Kaulquappe und die Größe eines Fußballstadions. Als ich aber vom Boot auf das unbewohnte Eiland springe, ist es, als würde ich in einem Gemälde des Künstlers Peter von Hess aus dem 19. Jahrhundert landen.

Wie ein Kranz säumen die Bäume das Ufer, filigran recken sie ihre Zweige über das Wasser. Tröpfelnde Zeit und vollkommene Stille auf der Lichtung, die sich über das ganze Innere der Insel wölbt und Sakrales ausstrahlt. Vielleicht wegen dieser demuterzeugenden Stimmung ist die Insel nie besiedelt worden. Nur ein paar Schafe weiden hier, einzelne Fischer legen nahe dem Ufer ihre Netze aus.

Die Männer stellen der Renke nach, einem lachsartigen Fisch, von dem am Chiemsee an manchen Sommersonntagen in den Ausflugslokalen schon mal eine halbe Tonne verzehrt wird. Heute wird die Renke hier nur noch von einem guten Dutzend Fischer bedrängt. Meist leben sie auf der Fraueninsel. Und meist haben sie ihre Fanggründe ererbt - wie der Wörndl Sepp. Groß und freundlich, mit Moustache und gelocktem Haar sieht er ein wenig aus wie Tom Selleck als Magnum auf Hawaii. Ich treffe ihn bei einer Regatta, und er erzählt etwas. Zur Fischerei sei er ähnlich gekommen wie die Kuh zum Kalb. Er arbeitete bei der Eisenbahn, als ihm eine Tante seiner Frau die Fanggründe anbot. Nach einigem Zögern siedelte er auf die Fraueninsel um und musste erst einmal lernen, dass eine Maschengröße nichts mit Stricken zu tun hat. Doch heute ist der Wörndl Sepp froh, dass er nichts mehr mit ratternden Zügen zu tun hat, sondern am frühen Morgen zum Fang hinausfährt, wenn noch Nebel über dem See liegt und die Ufer sich surreal wie aus einer Wolke erheben.

Boote, die an schwimmende Seifenkisten erinnern

Sein persönliches Wunder erlebte der Wörndl Sepp, als ausgerechnet er im Netz mit den Renken mal einen riesigen Hecht erspähte. "Ja, mei, ich bekam ihn sogar ins Boot, oft kann man den Großen ja nur noch hinterherblicken, wenn sie wegflutschen." Fast 25 Kilo wog der Fisch, ein Rekordfang. Wie ein Schneekönig freute sich der Wörndl Sepp und verkaufte den Fisch dem "Inselwirt". "Erst später am Tag kam mir der Gedanke, den Hecht zu präparieren", erinnert er sich. Aber da war es zu spät. "Die Gäste hatten schon alles verputzt."

 

Stimmungsvoll: In den Sonnenuntergang hineinsegeln.
Natalie Kriwy
Stimmungsvoll: In den Sonnenuntergang hineinsegeln.
Inzwischen hat die Regatta begonnen. Gesegelt wird mit Plätten, einer Chiemsee-Bootsklasse, die aus den hier heimischen plattbodigen Fischerbooten, Lastkähnen und Fähren entwickelt worden ist. Es ist ein schlankes, leichtes Boot, das an eine schwimmende Seifenkiste erinnert. Außensee nennt sich das Gebiet des Regattakurses, womit die Wasserfläche außerhalb der Inselbereiche Frauen- und Herrenchiemsee gemeint ist. Kein Lüftchen regt sich, der See wirkt, als sei er von einer riesigen Plastikfolie abgedeckt, auf der 40 Plätten umhergleiten. Sie schaffen es, den Regattakurs abzusegeln, während ich mit meinem Kielschiff wie festgenagelt am selben Fleck im Wasser liege.

Anfangs komme ich mir wie ein Fisch auf dem Trocknen vor. Obwohl der See am sogenannten Chieminger Loch um 55 Meter tief ist, wirkt das Bayernmeer in meinen norddeutschen Augen eher wie eine Pfütze - bis ich alle Buchten abgesegelt habe und die Vielfalt auf kleinem Raum mich begeistert. Landschaften, das fällt mir hier auf, nehmen das Wesen ihrer Bewohner an. Am Harras etwa, dem Seeufer von Prien, strahlt das Land Unaufdringlichkeit aus, in die sich, durch die bäuerliche Kultur, Gemütlichkeit mischt.

Segeln ist am Chiemsee Tradition

Am Fuße von sanften, beackerten Hügeln liegt dort auch der Chiemsee Yacht Club, einer der ältesten Segelklubs Süddeutschlands, der bald sein 100. Jubiläum feiern kann. Segeln ist hier Tradition, fast ebenso lange ein Sport wie an der norddeutschen Küste. Bayerische Segler haben in Regatten immer auch die ersten Plätze belegt. Und als dieser Klub gegründet wurde, war das Segeln noch ein Herrensport. Dennoch: keine Grandezza, wie man sie etwa von reichen Segelklubs Italiens oder Spaniens kennt. Das Klubhaus ist ein schlichter, weißer Bau. Auch dem Interieur fehlt jeglicher Pomp. Von der Decke der Klubgaststätte hängen ein paar Modelle von Windjammern und Koggen, die Wände zieren historische Fotos. Mehr nicht.

 

Chiemsee - wohnen am Wasser.
Natalie Kriwy
Chiemsee - wohnen am Wasser.
Selbst die Jugendlichen sind hier am Harras zurückhaltend. Allenfalls ein helles Lachen klingt von nebenan herüber. Das sind Franziskas und Dorothees, die mit Sebastians und Olivers in den kleinen Kielbooten der DHH-Chiemsee-Yachtschule Prien hocken und ungelenk an Pinne und Schot zerren. Bis in die 1960er Jahre diente die Lehranstalt, lange von einem echten Admiral geleitet, ausschließlich der sportlichen Ertüchtigung höherer Töchter. Heute reisen jedes Jahr 2000 Mädchen und Jungen aus ganz Europa an - um sich auf dem Bayerischen Meer Seebeine wachsen zu lassen. Und während ich auf Platt über die Flaute fluche, ist gerade deshalb die Segelschule mitten im Binnenland so beliebt: Sturmtage sind selten. Es geht gemütlich zu - genau das Richtige für die Segel-Eleven, die Krakeel allenfalls hinter vorgehaltener Hand machen.

Mit einer leichten Brise verlasse ich diesen Ort der Behaglichkeit, in dem Getümmel und Lärm zu einer anderen Welt zu gehören scheinen. Das Wasser leuchtet in einem solch intensiven Grün, als sei es aus Glas. Über den Himmel ziehen wie von einem Künstler perfekt gemalte Wolken. An meiner Steuerbordseite erheben sich die Berge, deren Kuppen schon mit Neuschnee bedeckt sind. Mir fällt ein Film ein, in dem der Held, nichts ahnend, die Hauptrolle in einer Reality-Show namens "The Truman Show" spielt. Ohne, dass er etwas merkt, wird sein ganzes Leben von der Geburt an vom Regisseur gesteuert und live präsentiert. Alles ist Set: sein Haus, das Boot - und das Gewässer vor dem Ort mit eben jenen perfekten Wolken darüber. Am Ende überrascht ihn das Erwachen, als er mit seinem Boot in die Pappkulisse des Horizonts segelt.

Das Johlen und Singen Tausender ist weit über den See zu hören

Ergeht es mir hier etwa ebenso wie ihm - am Harras, auf Sassau, der Krautinsel, dem See? Allerdings: Ich segle nicht in diese Kulisse hinein, weil mich das nur berauben würde. Ich bleibe in dieser perfekten Welt und steuere ein Ufer an, das alle Übersee nennen, weil die Autobahnabfahrt dorthin so heißt. Der wirkliche Name ist Feldwieser Winkel. Und dort soll es krachen, besonders an den Wochenenden, wenn das Wummern von Gitarrenriffs und Trommelschlägen, das Johlen und Singen Tausender weit über den See zu hören sind. Doch heute ist es auch hier vollkommen ruhig. Die Bäume am Ufer bilden einen schwarzen Saum gegen den mittlerweile verdunkelten Himmel und spiegeln sich noch schwärzer im Wasser wider. Ein Feuer flackert am Strand. Schemenhaft sind einige Gestalten zu erkennen. Daneben ein schwaches Licht, das aus einer Art Gestell herausstrahlt.

Es ist eine mobile Strandbar, untergebracht in einem dieser amerikanischen Airstream-Wohnwagen, die aussehen wie silberfarbene Raumschiffe. Gerade kredenzen Anna und Bummi die letzten Cocktails der Saison; obwohl erst vorgestern noch die Münchner Freizeitgesellschaft vor Ort war, mit Hunderten Surfern, Bikinischönheiten und Cuba Libres in der "Sundowner Bar", der "Beach Bar" und der "Café-Lounge Palma" fröhlich feierte. Der Strand vom Feldwieser Winkel ersetzt alle Lidos jenseits der Berge. Er gilt als der längste Bayerns. Und ist vermutlich auch einer der schmalsten.

Anna und Bummi, beide blond, frisch, sexy und aus der Umgebung, studieren in Innsbruck Kommunikation. Journalismus oder PR würden sie später machen wollen, zwitschern sie unbefangen. So, so. Das eine oder das andere, ist ja auch egal. Ob denn da nicht ein Unterschied sei, will ich schnell noch wissen. Dann kommt die Antwort der beiden: "Nun, bei PR schreibt man subjektiv und beim Journalismus objektiv." Ich schweige und frage mich, ob sich die Frage nach Illusion und Realität nicht ebenso einfach beantworten lässt.

Segle ich hier mit meinem Boot vielleicht durch die Ideal-Landschaft, die eigentlich eine vollkommene Illusion von Natur ist? Landschaften sind schließlich beides: Wirklichkeit und geistiges Gebilde. Doch was ist schön? Die harmonisch gewellten Hügel am Nordufer erkennt mein Auge als perfekte Natur. Doch einst, als diese Landschaft entstand, war hier kaum mehr als eine große dunkle Kuhle und am Rand aufgetürmte Schutthaufen - entstanden durch Gletscher, die ein tiefes Loch ausgehobelt und Gesteinsbrocken am Rand abgelagert hatten. Urnatur. Aber - schön?

Niemand darf in den milchig grünen Streifen hinein

Als ich am nächsten Morgen aus dem Feldwieser Winkel hinaussegle und das kleine Kap umrunde, breitet sich vor mir das Naturschutzgebiet des Achendeltas aus. Im dunstigen Licht sehe ich einen milchig grünen Streifen. Niemand darf dort hinein, keiner soll das Wirken der Evolution stören. Ein Segler, der anonym bleiben will, weil er einmal heimlich ins Sperrgebiet fuhr, erzählt mir von kieseligen Furten, kreuz und quer über die Wasserläufe liegenden Baumstämmen, kleinen Sandbänken, Büschen, deren Zweige sich ins Nass neigen, und dichten Auwäldern zwischen den Mündungsarmen. "So wie man sich den Mississippi des Huckleberry Finn vorstellt, nur eben viel kleiner", fügt er hinzu. Unentwegt und über Tausende von Jahren hat sich das Delta von West nach Ost und wieder zurück verschoben, so wie das lose Ende eines Wasserschlauchs hin und her wedelt.

Vor der Mündung jedoch ist die Tiroler Achen heute in ein Betonkorsett gezwängt. Es soll dafür sorgen, dass nichts mit dem Fluss passiert. Dass er nicht die Pfeiler der sie überspannenden Autobahn unterspült, dass er nicht verrückt spielen kann, dass er der Regie gehorcht. Es ist jetzt ein domestiziertes, ein vermenschlichtes Flussreich - eines, das unsere Illusion wachhält, so wie ein Erinnerungsstück. Doch irgendwann werden die Gletscher wiederkommen und die Illusion hinwegschieben.

INFO

Am Chiemsee werden viele Sportarten im und unter Wasser angeboten. Aktive können tauchen, surfen, angeln oder auch Kanu und Kajak fahren. Abenteuerlustige gehen zum Canyoning und Rafting auf der Tiroler Achen.

Segeln: Mit Segelbooten unter 9,20 Meter Länge und einem Motor unter 4 Kilowatt Leistung kann jeder, der segeln kann, direkt losschippern. Die meisten Bootsvermieter verlangen einen Segelschein. Um mit größeren oder stärker motorisierten Jachten in See zu stechen, ist ein entsprechender Führer- bzw. Segelschein Vorschrift. Detaillierte Informationen dazu unter: www.chiemsee-segeln.de

Preise: Mieten reichen von 70 Euro am Tag für kleinere Boote bis ca. 300 Euro (3Std.) etwa für die "Stella Bavariae", das größte Segelschiff auf dem Chiemsee. Boote mieten kann man rund um den See: Chieming: Segelschule Chieming, Tel.0179/471 78 41; Gstadt: Chiemsee Yacht, Tel. 08054/90 66 90; Prien: Bootsverleih Schraml, Tel. 08051/45 75; Yachthotel Chiemsee (hier Segelschiff "Stella Bavariae"), Tel.08051/69 60; Cat Center Chiemsee, Tel. 08031/941 23 00; Seebruck: Chiemsee-Segelschule Tel. 08667/74 62

Baden: Schwimmen und Planschen lässt sich fast überall am Chiemsee. An unbebauten Ufern wechseln sich Sand, Kies, Schilf und Wiesen ab. Kleine Badestellen gibt es rund um den See. Größere Strandbäder gibt es in Bernau (Felden), Breitbrunn, Chieming, Grabenstätt, Gstadt, Gstadt-Gollenhausen, Prien, Rimsting, Seebruck und Übersee. Bei Übersee liegt auch der einzige FKK-Strand am Chiemsee.

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Ausfahrt in die Weiten des Chiemsees. Der Segeltörn auf dem Bayerischen Meer führt zu schönen Inseln und wilden Ufern. Zu Fischern, Adligen und an die Grenzen der

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Autor:
Christian Jungblut