Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay zeigt ihre Heimat

Pinar Atalay unterwegs in ihrer Heimat

Als Gerhard Schröder noch Kanzler war und sie eine junge Radiovolontärin, sind sie sich begegnet, in Lemgo, wo sie geboren wurde. Er besuchte Schloss Brake, sie sollte berichten. Weil sie sich nicht angemeldet hatte, versperrten ihr die Personenschützer zunächst den Weg. Sie ließen sich erweichen, nicht nur weil sie jung und schön war. Sie hatte auch ein Argument: "Gerhard Schröder stammt doch aus Lippe. Ich bin von Radio Lippe!" Was sie den Kanzler dann gefragt hat, daran kann sich Pinar Atalay nicht mehr erinnern. Sie kann sich aber sicher sein, dass sie derlei Argumente nicht mehr einsetzen muss, um mächtige Politiker vor das Mikrofon zu bekommen.

Seit März 2014 moderiert die inzwischen 35-Jährige die "Tagesthemen". Von so jemandem lassen sich die meisten gern interviewen. Pinar Atalay wohnt schon lange nicht mehr in ihrer alten Heimat. Wer aber mit ihr in der hügeligen Gegend zwischen dem Extertal und Detmold unterwegs ist, braucht kein Navi. Sie kennt jede Straße, jedes Dorf, weil sie hier ihre Journalistenlaufbahn begonnen hat. Heute steht und sitzt sie als Moderatorin in Studios in Hamburg und Berlin, damals fuhr und lief sie als Reporterin durchs Lipperland. Sie berichtete vom Finanzausschuss in Blomberg – das war der erste Termin, zu dem man sie geschickt hatte, und sie setzte sich prompt an den Tisch der Politiker, statt an den der Journalisten. Sie berichtete von einer Straßensperrung wegen eines Schwerlasttransports und hatte die Batterien ihres Aufnahmegerätes nicht überprüft. Sie waren so schwach, dass das Band zu langsam lief. In stundenlanger Nachtarbeit gelang es ihr, die Aufnahmen zu retten – für eine Minute Straßensperrungsreport. Pinar Atalay sagt: "Die Jahre beim Regionalradio waren die beste Journalistenausbildung, die ich haben konnte." Während ihre Freundinnen zum Studium nach Berlin, München und Brüssel gingen, blieb sie zu Hause und wurde Reporterin. Die Universität hat sie nicht gereizt: "Ein Studium hätte mich nur aufgehalten. Seit ich 19 war, habe ich im Radio und später im Fernsehen gearbeitet. Da ging es immer vorwärts."

Bei Radio Lippe hat Atalay volontiert

In Detmold besuchen wir das Studio von Radio Lippe. Bei dem Privatsender hat sie als Praktikantin und Volontärin angefangen. Fast 15 Jahre ist das jetzt her, aber die Redakteurin, die uns begrüßt, nimmt sie gleich in die Arme. Pinar Atalay kann nicht ganz unbeliebt gewesen sein. Sie schwatzt mit den Leuten, die sie von früher kennt – wie sind die Quoten? Gibt es noch den Raucherraum? Sie erinnert sich an das alte Studiogebäude, bevor der Sender hierher umgezogen ist. Das befand sich neben einer Schlachterei, und wenn das Fenster offen war, konnte man hören, wie die Fleischabfälle in die Tonnen auf dem Hof klatschten.

"Bist du aufgeregt, wenn du jetzt die 'Tagesthemen' moderieren kannst? Du bist ja eine Art Welterklärerin fürs Land«, fragt der Chefredakteur. Sie zuckt die Schultern: "Eigentlich nicht. Ich hab doch hier gelernt, wie man live moderiert." Sie lächelt, der Chefredakteur ist geschmeichelt, und man kann sich vorstellen, dass diese entwaffnend nette Art, gepaart mit großem Fleiß und Ehrgeiz, ihr sehr zugute kam bei ihrem Weg von Detmold nach Berlin. Dann soll sie noch ins Studio, so hoher Besuch darf nicht uninterviewt bleiben. Sobald er auf Sendung ist, wirkt der bis dahin ruhige Moderator wie angeknipst. Ein aufgekratzter Radiomensch mit irre guter Laune. "Hallo Pinar, schön, dass du da bist." Früher saß die Frau, die jetzt mit tiefergelegter Stimme im Fernsehen die große Politik erklärt, an seiner Stelle am Mikrofon.

Vor ein paar Monaten war sie bei Radio Lippe schon mal zu hören, aber nicht als Stargast, sondern als Korrespondentin außer der Reihe. Sie war gerade im Urlaub in Istanbul, als dort die Proteste um den Gezi-Park eskalierten. Für den Nachrichtensender Phoenix berichtete sie über Telefon, das sah eine ihrer Kolleginnen von früher, schrieb sie über Facebook an und fragte, ob sie das für ihren alten Sender auch mal täte. Sie tat es.

Pinar Atalay fühlt sich als Deutschtürkin - mit deutschem Pass

Auf ihr Verhältnis zur Türkei angesprochen, erweckt sie den Eindruck, als gäbe es nichts Normaleres als so einen "Migrationshintergrund". Ihre Eltern sind Türken, na und? Sie hat Freunde in Istanbul, die sie regelmäßig besucht, über Twitter hat sie stolz verbreitet, dass die türkische Tageszeitung Hürriyet sie auf einer ganzen Seite porträtiert hat. Für die Türken ist sie Türkin. Wenn so eine es bis in die "Tagesthemen" schafft, wird natürlich groß berichtet. Auch für die deutschen Ämter war sie  immer Türkin, bis sie vor sechs Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit annahm. Aus rein praktischen Erwägungen, wie sie sagt, mit dem deutschen Pass sei nun mal vieles einfacher. Aber als was fühlt sie sich denn heute? Als "Deutschtürkin", sagt sie. Und: "Ich sitze auf zwei Stühlen, nicht zwischen zweien."

Bei Radio Lippe machte sie ein Radio-Volontariat
Philip Koschel
Bei Radio Lippe machte sie ein Radio-Volontariat
In den USA ist der Nachrichtenmoderator eine moralische Instanz, die ehrfürchtig "Anchorman" genannt wird. In Deutschland gehört die Fähigkeit, die Grauzonen zwischen Kulturen zu verstehen, zum Jobprofil. Ulrich Wickert war der Frankophile bei den "Tagesthemen", Thomas Roth ist der kluge Mann mit Russland- und Amerika-Erfahrung. Aber Pinar Atalay ist ein neuer Typ. Kein Diplomatenkind wie Wickert und auch keine ergraute Moralinstanz, sondern die Tochter eines Tischlers und einer Schneiderin aus Istanbul, die ehrgeizig und schnell ihren Weg von Lippe nach Hamburg gegangen ist.

Ihre Eltern kamen 1972 nach Deutschland. Fachkräfte waren gefragt, und der Vater fand Arbeit bei Schieder Möbel, so verschlug es sie ins Lipperland. Im 4000 Seelen kleinen Bösingfeld gab es außer ihnen kaum Türken, sie lebten sofort unter Deutschen. Pinar wuchs wie die anderen Mädchen der Gegend auf: deutsche Tagesmutter, Kindergarten, Schule – nur mit dem Privileg, zu Hause zusätzlich Türkisch zu lernen. Wobei es bei den Atalays verpönt war, die Sprachen zu mischen: keine deutschen Wörter, wenn Türkisch gesprochen wurde, keine türkischen im Deutschen. Nach dem Abitur eröffnete Pinar Atalay einen Klamottenladen in Lemgo. Sie nannte ihn "Boutique Supreme" und stand von Montag bis Samstag im Geschäft. Das lief nicht schlecht, aber nach einem Jahr wurde es ihr zu langweilig. Ihre ältere Schwester hatte Medienwissenschaften studiert, Pinar war klug, konnte gut reden und hörte in ihrem Laden den ganzen Tag Radio – da lag es nah, beim nächsten Radiosender anzufangen. Die Boutique führte ihre Mutter weiter.

Als Kind durfte sie ihren Mädchentraum wahr machen und auf dem Pferdehof helfen

Die ARD-Moderatorin Atalay hat eine entwaffnend nette Art
Philip Koschel
Entwaffnend nett: die ARD-Moderatorin Pinar Atalay
Den Laden gibt es längst nicht mehr, deshalb fahren wir zu einer anderen, mindestens so wichtigen Station, zum Reitverein Extertal. Seit sie zehn war, durfte Pinar hier ihrem Mädchentraum nachgehen, Pferde reiten und striegeln. Die Atalays konnten ihrer Tochter kein eigenes Pferd kaufen, weshalb sie die Tiere der anderen  pflegte und einritt, sobald sie die Pferde gefüttert und den Stall ausgemistet hatte.  Damit verdiente sie ihr erstes Geld. Dass sie hin und wieder aus dem Sattel geworfen wurde, gehörte dazu. Auf der Koppel stehen keine Pferde, es ist zu kalt heute. Aber aufs Foto vom Reitverein gehört ein Pferd! Nando wird herausgeführt, ein kleiner, dickbeiniger Haflinger. Nando hat einen Riesenhunger und wenig Verständnis fürs Motiv. Er steckt die Schnauze ins Gras und dreht sich dahin, wo es am saftigsten ist. Nichts interessiert ihn weniger, als dass am anderen Ende der Leine eine "Tagesthemen"-Moderatorin steht. Die nimmt das cool, hält gegen, lässt sich herumreißen und strahlt, ganz Profi, in die Kamera. Der Einzige, der angespannt ist, ist der Fotograf: Die Sonne ist gleich weg, Nando guckt nicht hoch, Pinar Atalay lacht.

Ihren Eltern hat sie gesagt, dass sie in der Gegend ist und dass sie, wenn Zeit bleibt, noch bei ihnen vorbeischauen werde. Es ist aber schon spät, und sie muss noch eine Moderation für das Wirtschaftsmagazin "Plusminus" vorbereiten, für das sie ebenso arbeitet wie für "NDR aktuell" und die "Phoenix-Runde". Sie ruft ihre Mutter an, spricht mit ihr in einem Türkisch, von dem sie sagt, dass man den deutschen Akzent deutlich hören könne. Die Mutter sagt, das sei aber schade, sie habe extra Börek gemacht! Natürlich hat sie Börek gemacht, obwohl die Tochter gesagt hatte, sie solle lieber nichts vorbereiten. Pinar Atalay erzählt ihr, dass sie bei ihrem alten Reitverein gewesen sei. Weil ihr das türkische Wort für "Reithalle" nicht einfällt, benutzt sie das deutsche. Haben ihre Eltern nicht darauf gedrungen, dass sie die Sprachen nicht mischt? Doch, doch, das haben sie. Aber inzwischen sorgen sie sich um etwas ganz anderes: Ihre Tochter lebt in Hamburg und in Berlin. Zu Hause in Lippe ist sie viel zu selten.

Mehr Infos über die Moderatorin Pinar Atalay finden Sie auf ihrer Homepage: www.pinar-atalay.de

Autor

David Ensikat

Ausgabe

Bielefeld 04/2014