Städtereise Paderborns Sehenswürdigkeiten

In Paderborn gibt es zahlreiche Plätze am Wasser - und geschichtsträchtige Bauwerke zu bewundern. Krimi-Autorin Barbara Meyer stellt ihre Lieblingsorte vor.

Deutschlands kürzester Fluss gab meiner Stadt ihren Namen: die Pader, die schon nach gut vier Kilometern in die Lippe mündet. In meiner Kindheit – ich war Fahrschülerin eines Paderborner Gymnasiums und pendelte täglich in die Stadt – war dieses Flüsschen für mich das Größte: Endlos lang erschienen mir seine vielen Arme, immer wieder neu seine Gesichter. Und Paderborn war für mich die Großstadt schlechthin.
Inzwischen lebe ich seit Jahrzehnten in der Innenstadt, ganz in der Nähe des Doms. Heute mag ich an Paderborn eher, dass es trotz mancher Großstadtallüren klein geblieben ist. Doch die Pader ist noch immer das, was mich hier am meisten begeistert: Wo sonst lässt sich mitten in einer Stadt die Geburt eines Flusses beobachten? Von mehr als 200 Quellen gespeist, eilt die Pader über sechs muntere Bäche stadtauswärts, springt über künstlich angelegte Stufen bergab oder drängt sich in engen Kanälen. Ohne diesen Fluss hätte sich Karl der Große wohl kaum bemüßigt gesehen, hier eine Residenz zu errichten. Und ohne diesen Bau wäre der Aufstieg Paderborns von einer unbedeutenden sächsischen Siedlung zum Sitz eines mächtigen Fürstbischofs wohl nie in Gang gekommen. Der Pader verdankt die Stadt fast alles.

Am eindrucksvollsten ist mein Fluss an der Inselspitze, am Rand der Altstadt, nur wenige Schritte und doch Ewigkeiten entfernt von dem mit Autos angefüllten Maspernplatz. Ein Fußweg führt vom Parkplatz bis zu der Stelle, an der sich die Arme der Pader vereinen und ihre Kräfte bündeln. In wirbelnden Teichen sammelt sich hier das Wasser, donnert die letzten Kaskaden hinab – Tausende Liter pro Sekunde schießen an mir vorbei. Um mich herum ein Brausen und Rauschen, das sogar die Domglocken übertönt. Es befreit den Kopf, schafft Platz für neue Gedanken. Hierher komme ich oft auf der Suche nach Inspiration, wenn eine meiner Romanszenen ins Stocken geraten ist.

Egal, auf welchem Weg ich nun in die Stadtmitte zurückgehe – überall bringt sich der Fluss in Erinnerung, überall gluckst und gluckert, rauscht und rieselt es. Gerne laufe ich am Ufer der Dielenpader entlang, biege dabei manchmal nach links in die Mühlenstraße ab und setze mich ins "Café Röhren" – ein Traditionslokal, in dem ich mich öfter mit Freunden zum Frühstück treffe, natürlich an einem Tisch mit Blick aufs Wasser.

Danach folge ich weiter der Dielenpader, die mich schon nach ein paar Metern in den Geißelschen Garten führt, einen kleinen Urwald mitten in der Stadt. Ich spaziere vorbei an einem imposanten Trompetenbaum und einem Findling aus der Eiszeit, bestaune seltene Pflanzen mit poetischen Namen wie Aronstab oder Hohler Lerchensporn. Zu jeder Jahreszeit lohnt sich ein Ausflug hierher: Im Frühjahr ist der Boden übersät mit den gelben Blüten des Scharbockskrauts, im Spätsommer leuchten die roten beerenartigen Kügelchen der Eiben aus dem Gebüsch.

Am Ausgang des Gartens reckt sich – durch einen Hügel um gut zehn Meter erhöht – die monumentale Nordseite des  Doms in den Himmel. Hell schimmern die Kalksteinmauern in der Sonne. Immer wieder bewundere ich die gelungenen Proportionen, die Abfolge der Epochen vom romanischen Westteil bis zum gotischen Chor. Am liebsten betrete ich den Dom über das Atrium an der Ostseite, in dem Säulen aus Kalksinter stehen – Bruchstücke  römischer Wasserleitungen, die aus dem Kölner Umland nach Paderborn gebracht wurden.

Gehe ich von hier weiter ins Langhaus, fällt mein Blick auf das pompöse Grabmal des Bischofs Dietrich von Fürstenberg, das er selbst bei einem Bildhauer in Auftrag gab. Demütig sieht man ihn dort vor dem gekreuzigten Jesus knien. Doch in seiner Amtszeit ab 1585 hat er auf eine oft wenig christliche Weise regiert: Brutal bekämpfte er die Protestanten in seinem Bistum, stellte sie vor die Wahl, zu konvertieren oder auszuwandern – und zwang so der im 16. Jahrhundert größtenteils evangelisch gewordenen Stadt den katholischen Glauben wieder auf. Eine dramatische Zeit der Paderborner Geschichte, in der ich auch mehrere meiner Romane spielen lasse.

Unterhalb des Doms, versteckt in den Kellern der Häuser, quillt die Rothobornpader aus dem Boden. Die meisten ihrer Quellen sind nicht öffentlich zugänglich, doch in der Kaiserpfalz kann ich eine betrachten. Ich steige über eine Treppe zum unterirdischen Gewölbe mit dem Quellbecken hinab und stehe an einem der stimmungsvollsten Orte Paderborns: Sacht gluckst das Wasser, sanft glänzt das Licht auf der Oberfläche – und fast meine ich, über die Jahrhunderte hinweg die Stimmen kaiserlicher Bediensteter zu hören, die hier für die Herrscher das Wasser schöpften.

Von der Pfalz aus sind es nur ein paar Schritte hinauf bis zum Kleinen Domplatz. An den meisten Tagen ist er zugeparkt von Mitarbeitern und Besuchern der kirchlichen Verwaltungsgebäude ringsum. Nur mühsam behauptet sich die – so sagt man und so sieht sie aus – fünfhundertjährige Linde am oberen Rand. Im Mittelalter war sie ein Symbol für die weltliche Macht der Fürstbischöfe: Hier mussten die Bürger jedem neuen Stadtherrn huldigen und sich vor ihm in den Staub werfen. Die Bischöfe herrschten damals über ein etwa 3000 Quadratkilometer großes Gebiet, das "Hochstift Paderborn" mit mehr als zwanzig Städten und bis zu 120 000 Untertanen.

Jahrhundertelang war Paderborn das geschäftige Zentrum eines Kleinstaats, woran etwa die wenig fußgängerfreundliche Pflasterung des Kleinen Domplatzes erinnert: Tausende von rundgeschmirgelten Findlingen bedeckenden Boden – diese Steine mussten Fuhrleute aus der Umgebung einst an den Stadttoren als Wegezoll abliefern, wenn sie hier Waren verkaufen wollten.

Der Kleine Domplatz und der große Markt nebenan sind bis heute Mittelpunkt des katholischen Biotops der Stadt. Zu beinahe jeder Tageszeit laufen hier Bischöfe und Prälaten vorbei, drücken hier einem Passanten die Hand, wechseln dort mit einem Markthändler ein paar Worte. Die hohen Geistlichen wohnen meist ganz in der Nähe, teils in prächtigen Barockvillen; "Rotkäppchen-Siedlung" wird die Gegend um den Dom auch genannt.

Vom Markt zweigen mehrere Geschäftsstraßen ab. Alle paar Meter kann ich hier zuverlässig auf Bekannte treffen – das ist einer der Vorteile des Lebens in einer kleinen Großstadt. Eine der Straßen – der »Schildern« – führt zum Rathaus, einem stolzen Bau, errichtet ab 1613 im Stil der Weserrenaissance. Wenn ich hier bin, versäume ich nie den Blick hinauf zu den Giebelspitzen der Fassade, deren Ornamente mich an drei lockenumrahmte, lachende Gesichter erinnern. Ein paar Meter weiter liegt der Marienplatz mit der Säule der Gottesmutter, die recht zufrieden hinab auf die Kunden  der umliegenden Eisdielen blickt. Gleich dahinter beginnt die Westernstraße, die Haupteinkaufsmeile der Stadt.

Mich zieht es zurück zur Pader. Über die Friedrichstraße laufe ich Richtung Norden und erreiche bald die Paderwiesen, die schon außerhalb der Altstadt liegen. Der Fluss ist inzwischen zwölf Meter breit und wälzt sich wie ein richtiger Strom der Lippe zu. Nach gut einem Kilometer wird er den
ehemaligen Hauptsitz der Computerfirma von Heinz Nixdorf passieren –  ein Symbol des modernen Paderborns, in dem heute ein riesiges Computermuseum untergebracht ist. Mir gefällt der Gedanke, dass mein Fluss auf seinem Weg so die Epochen verknüpft: von der Zeit Kaiser Karls des Großen, dessen Befehle auf Pergament festgehalten und von Boten zu Pferd quer durch Europa gebracht wurden, bis hin zur Gegenwart mit ihren Hochleistungsrechnern, die Nachrichten in Sekunden um die ganze Erde schicken. Mein Fluss, so klein er auch ist, verbindet eine große Geschichte.

MERIAN-Tipps für Paderborn:

MERIAN-Autorin Barbara Meyer, geboren 1948, schreibt seit vielen Jahren Krimis, die in Paderborn und dem Hochstift  spielen – zuletzt erschienen "Die Schätze des Bischofs" und "Mord auf Libori".
Sie lebt in der Nähe des Doms und erholt sich von ihrer Arbeit gerne hier:

Café Röhren

Das alteingesessene Café entwickelt sich unter junger,  weiblicher Führung zu einem der Kulturzentren der Stadt – oft gibt es hier Lesungen oder Livemusik. Ich genieße gerne da "Wünschdir-was-Frühstück" und die vielen liebevoll zubereiteten Kakao-Sorten.
Adresse: Mühlenstr. 10, Tel. 05251 22098; www.cafe-roehren.com

Ratskeller

Im alten Gewölbe des Rathauskellers kann man gut essen. Außerdem habe ich an diesem Ort meine ersten Romanmorde spielen lassen.
Adresse: Rathausplatz 1, Tel. 05251 201133; www.ratskellerpaderborn.de

Paderwiesen
Park und Liegewiesen mit schönen alten Bäumen direkt am Paderufer. Weiden hängen romantisch übers Wasser, stadtauswärts führt ein Weg weiter in die Paderauen und zur Ottilienquelle, deren mineralhaltiges Wasser man trinken kann.

Haxtergrund und Haxterberg
Auf Spazierwegen geht es über Berg – mit Segelflugplatz – und Tal, durch das der Ellerbach fließt. Danach sitze ich am liebsten bei Bratkartoffeln oder Apfelkuchen in der Gaststätte Weyher, seit Generationen in Familienbesitz und Kult für alle Paderborner.
Adresse: Haxtergrund 8, Tel. 05251 62420

Autor

Barbara Meyer