Eifel Naturkosmetik aus Honig

Orangenblüten- und Thymianöl, Pfefferminze und Jasmin, Moschus und Zimt-Blätter. Dr. Annette Schroeder räumt eine ganze Armada von kleinen Flaschen und Töpfchen aus einer Kiste und platziert sie auf einem Tisch. Das zeigt Wirkung: Minuten später riecht es im Seminarraum des "Fachzentrums Bienen und Imkerei" in Mayen nach allerlei Kräutern und exotischen Früchten. Annette Schroeder ist zufrieden. Der Kurs "Wellness mit Bienenprodukten" kann beginnen.

Nach und nach treffen die 16 Kursteilnehmer ein und suchen sich einen Platz an einem der in Hufeisenform angeordneten Tische. Von dort aus schauen sie sich an, was ihre Dozentin mitgebracht hat. Neben den mehr oder weniger exotischen Düften sind unter anderem eine Flasche Sonneblumen- und Olivenöl und ein Kanister mit destilliertem Wasser zu sehen. Daneben stehen eine silberne Präzisionswaage, ein Pürierstab und andere Arbeitsutensilien wie Trichter und Pipetten. Ganz außen dampft ein Bananenkisten großes Wasserbad leise vor sich hin.

Die Seminare richten sich auch an Laien

"So, wer von Ihnen hat denn selbst Bienen zuhause?", fragt Annette Schroeder mit forscher Stimme und schwäbischem Akzent in die Runde. "Das möchte ich anfangs immer wissen, um mich darauf einzustellen, wieviel Vorwissen eine Gruppe hat. Man braucht keins für diesen Kurs, aber wenn Laien dabei sind, erkläre ich gerne ein bisschen mehr. Schließlich möchte ich, dass die Teilnehmer etwas über unsere Bienen lernen", sagt sie mit einem Lächeln, das ihre Begeisterung für diese Tiere erahnen lässt.

Sie selbst kennt sich seit ihrer Kindheit bestens mit Bienen aus. Ihr Vater war Imker, eine Familientradition, die sie fortführt – nicht nur in ihrer Freizeit. Auch beruflich dreht sich bei der Lebensmitteltechnologin an der Uni Hohenheim alles um die "Apis mellifera", so die lateinische Bezeichnung für die Honigbiene. "Über den Job bin ich auch auf das Thema Kosmetik mit Bienenprodukten aufmerksam geworden. Für den Tag der offenen Tür an der Uni suchten wir noch nach einer schönen Mitmachaktion für die Besucher und da habe ich mich in die Materie eingearbeitet", erinnert sich die dunkelhaarige Schwäbin. Das war in den 1990er-Jahren. Mittlerweile ist Annette Schroeder eine ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet und hat auch ein Buch zum Thema veröffentlicht. 

Viele Tipps für die Arbeit in der Kosmetikküche

In den Kurs startet die Dozentin mit einem Klassiker aus ihrem Repertoire: dem Lippen-Pflegestift mit Bienenwachs. "Kommen Sie doch dafür am besten mal alle nach vorne", fordert sie den Kurs auf. Um die Arbeitsstation versammelt können die Teilnehmer beobachten, wie die Zutaten verarbeitet werden. Manche legen auch selbst Hand an, wiegen das Bienenwachs ab, geben Olivenöl dazu und stellen die Mischung zum Schmelzen ins Wasserbad. "Danach fügt man eigentlich nur noch ein ätherisches Öl seiner Wahl hinzu, zum Beispiel Kamille oder Orange", erklärt Schroeder den nächsten Arbeitsschritt.

Als sie das Glas mit den beiden Zutaten nach ein paar Minuten aus dem Wasser hebt, ist eine goldgelbe Flüssigkeit daraus geworden, die nun schnell verarbeitet werden muss. Das übernimmt die Expertin selbst. Die Bienenwachslösung wird mit einer großen Spritze aufgezogen und in Pflegestifthülsen aus weißem Plastik gefüllt. Damit die kleinen Behälter nicht umfallen, verwenden Profis wie Schroeder Holzbretter, in die für die Hülsen passende Löcher gebohrt sind. "Das braucht man aber nicht unbedingt. Sie können alternativ auch einfach Löcher in Eierkartons bohren", verrät die Seminarleiterin.

Praxistipps wie diesen gibt sie den Teilnehmern immer wieder mit auf den Weg. So sei für die Herstellung der Kosmetikprodukte keine aufwendige Laborausstattung nötig. "Erwärmen funktioniert auch mit Kochtopf und Thermometer", so Schroeder. Bloß die Finger weg lassen solle man aber von der Mikrowelle. "Damit kann man die Temperatur überhaupt nicht kontrollieren“, erklärt die Schwäbin, während sie die schnell erstarrende Bienenwachsmischung im Akkord auf die Hülsen verteilt. Nicht einmal 15 Minuten später ist alles fertig und jeder Teilnehmer hält einen Pflegestift in der Hand.

Pflegebutter: fruchtig wie eine Mango, süß wie Zuckerguss

Als nächstes steht eine Mangopflegebutter mit Bienenwachs auf dem Programm. Auch hier dürfen wieder alle mit anpacken und die Zutaten abmessen. Dazu gehören neben Bienenwachs auch Kokos- und Jojobaöl sowie Kakaobutter. Nachdem alles schwappend aus dem Wasserbad kommt, fügt Annette Schroeder einen ordentlichen Schuss Mangoaroma hinzu. "Für den Duft", sagt sie und rührt alles kräftig durch. Anschließend wird die noch flüssige Pflegebutter in kleine Plastikpötte abgefüllt und in die Kühltruhe gesteckt, damit sie ohne zu klumpen fest werden kann.

Susanne Theissen
Das Ergebnis: Lippenpflegestift
Der Behälter, in dem die orange Masse angerührt wurde, dreht die Runde im Seminarraum. Während Schroeder ins nächste Thema startet, sieht man, wie die Teilnehmer kleine Kostproben ihrer Arbeit auf Händen oder Armen verreiben und daran schnuppern. Die süß riechende Masse hat eine Konsistenz wie Zuckerguss und braucht eine Zeit, bis sie eingezogen ist. Dafür hinterlässt sie ein lang anhaltendes, samtiges Gefühl auf der Haut.

Die wichtigste Zutat bei der Herstellung von Naturkosmetik heißt Geduld

Schlag auf Schlag geht es weiter: Bis zur Mittagspause sind neben dem Lippenpflegestift und der Körperbutter noch ein Mundwasser und eine Handcreme fertig. Beide enthalten das Bienenprodukt Propolis. Eine nützliche Substanz - nicht nur für Bienen, die damit die Waben in ihrem Stock befestigen oder Ritzen kitten. Auch Menschen können von den guten Eigenschaften der auch Bienenharz genannten Propolis profitieren, erklärt Annette Schroeder: "Propolis ist stark antibakteriell, hat einen schmerzstillenden Effekt und wirkt der Narbenbildung nach Verletzungen entgegen. Aber: Vorsicht! Sie kann Allergien auslösen."

Und noch einen Tipp gibt die Wellnessexpertin, als sie der Handcreme den letzten Pfiff verleiht: "Wenn man die erwärmten Zutaten zusammengefügt hat, muss man die Mischung kaltrühren. Das ist der Punkt, wo man geduldig sein muss. Geduld ist generell wichtig bei der Naturkosmetik", erklärt Schroeder. 

Der Nachmittag des Seminars steht ganz im Zeichen des Honigs. "Für mich ist Honig die Crème de la Crème der Naturkosmetik", konstatiert Annette Schroeder. "Bei schuppiger oder entzündlicher Haut ist er das Nonplusultra. Wie gesagt, ich bin ein absoluter Fan von Honigkosmetik!" In den kommenden Stunden greift sie tief in ihren Rezeptfundus auf diesem Gebiet. Sprichwörtlich emsig wie die Bienen stellt die Gruppe eine Kamillen-Creme, ein Badeöl und ein Shampoo sowie eine Mandel-Orangen-Creme mit Honig her. Nebenbei lernen die Teilnehmer, wie sie sich mit Honig gegen Erkältungen wappnen können.

Nicht nur der Kurs ist ein Erlebnis

Nachdem die letzte Creme zusammengerührt und das letzte Shampoo gemixt ist, kann der Kurs auf einen ereignisreichen Tag zurückblicken. Wally Althoff, die für das Seminar aus Tönisvorst bei Krefeld angereist ist, fährt mehr als zufrieden nach Hause. "Wir haben heute unheimlich viel geschafft, vor allem dank der hervorragenden Unterlagen von Frau Schroeder", sagt die 55-Jährige. "Ich gehe wirklich ganz bereichert aus diesem Kurs raus."

Bienenwachs
Susanne Theissen
Unverzichtbar in dem Seminar: Bienenwachs
Doch nicht nur das Seminar werde ihr positiv im Gedächtnis bleiben, fügt die Hobbyimkerin hinzu. Voller Begeisterung sei sie auch für den Bienengarten, der sich auf knapp einem Hektar rund um das Fachzentrum erstreckt. "Der Garten hat mich fasziniert. Die Blumenwiesen dort sind nicht nur für Imker interessant, sondern auch für alle anderen Naturinteressierten. Da waren nicht nur Bienen unterwegs, sondern auch andere viele Schmetterlinge. Ich habe noch nie so viele Tagpfauenaugen gesehen wie dort", schwärmt Wally Althoff. Wer eine „Vorgartenwüste“ zuhause habe, könne hier viele Ideen mitnehmen, wie man einen Garten schön und gleichzeitig insektenfreundlich gestalten könne. 

Auch jenseits des Gartens können Besucher des Bienenfachzentrums eine Menge Natur erleben. Die Vulkaneifel rund um die 18.500 Einwohner zählende Kreisstadt Mayen bietet eine Menge Unternehmungsmöglichkeiten für Menschen, die gerne zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind. Beliebte Ausflugsziele sind die Maare, die Vulkaneifel-Pfade mit ihren insgesamt 372 Wanderkilometern oder der pittoreske Eifelort Monreal mit seinem historischen Dorfkern und den beiden Burgruinen.

INFOS: 

Infos zu allen Kursangeboten des Fachzentrums Bienen und Imkerei Rheinland-Pfalz, zum Beispiel "Kerzen aus Bienenwachs", sind online abrufbar unter www.bienenkunde.rlp.de. Das Seminar "Wellness mit Bienenprodukten" findet wieder im August 2013 in Mayen statt und kostet rund 45 Euro.

Anreise: Mit dem Zug oder mit dem Auto über die A48. Die Ausfahrt Mayen nehmen und dann die Adresse Im Bannen 38-54 im Stadtzentrum ansteuern. 

Autor

Susanne Theisen