Hamburg Mit dem Containerschiff über die Elbe

Strand von Wittenbergen mit Containerschiff

Als die Flut kommt, fährt das Boot mit voller Kraft hinaus. Der Monat ist November, der Tag ist kalt, ohne Wind und ohne Licht. Nebel hängt über dem Wasser und nach wenigen Minuten Fahrt sind die Weiden und Windräder am Ufer nur noch Schemen. Immer breiter wird die Elbe hier, bevor sie in die Nordsee mündet und ganz den Gezeiten gehorcht. Um den Holztisch in der Kabine sitzen zwei Männer gelassen Schulter an Schulter. Der rechte ist klein und trägt einen Vollbart, der in einen faltigen Hals übergeht. Der linke ist schlaksig und hat ein schallendes Lachen. Beide tragen Rettungswesten und flachsen. Darüber, wie neulich, als ein Orkan mit 160 Stundenkilometern über die Nordsee fegte, wie ein Helikopter sie an Bord abholte und wieder an Land brachte, wie er im Sturm mehrmals zur Landung ansetzte und immer wieder abdrehte. Weißt du noch? Dann ist es soweit. Unter das Rattern der Maschine mischt sich ein Rauschen, die beiden ziehen ihre Handschuhe an und gehen an Deck.   

Aus dem Nebel taucht der Bug eines Schiffes auf, schwarz und geschwungen, zwanzig Meter hoch, darüber stapeln sich sechs Stockwerke Container. Gischt peitscht gegen die Backbordseite und das Rauschen wird immer lauter, bis die beiden ungleichen Schiffe, das eine 30, das andere mehr als 300 Meter lang, nebeneinander durch das Wasser steuern. In der Stahlwand öffnet sich eine Tür und eine Strickleiter fällt hinaus. Die zwei Männer springen auf die Sprossen und klettern in den Bauch des Schiffes, wo ihnen ein Offizier die Hand reicht. Er strahlt. Endlich sind die Lotsen an Bord.    

Pförtner, Wachmann, Kapitän: Lotse

Was der Concierge im Hotel, ist der Lotse im Hafen. Ein Ortskundiger, eine Mischung aus Pförtner, Wachmann und Kapitän, der Schiffe aus aller Herren Länder von der Einfahrt bis zum Kai begleitet. Ohne Lotsen, die für die Sicherheit sorgen, sind große Häfen nicht vorstellbar. Gerade in Hamburg, wo die Kais 100 Kilometer von der Nordsee entfernt liegen und jährlich etwa 10 000 Schiffe über die Elbe Richtung Landungsbrücken schippern, sind sie unentbehrlich. Seit 1623 führen Elblotsen Schiffe von der Nordsee bis nach Hamburg, wo die dafür trainierten Hafenlotsen das Einparken übernehmen. Es ist einer der letzten großen Traditionsberufe im Hafen. 75 Hafen- und 265 Elblotsen gibt es noch. Wilhelm Lüders und Uwe Krimmling gehören zu Letzteren. Ihr Arbeitsplatz heute: Die aus Südkorea kommende "Hanjin Asia", 15 Meter tief, 366 Meter lang, 14 000 Container an Bord. Eines der größten Schiffe, das Hamburg ansteuert. Und die beiden müssen sie sicher in die Stadt bringen.

Strand von Wittenbergen
Anna Mutter
Auch zum Grillen und Entspannen eignet sich die Sandbank bestens
Kapitän Gregorczyk ist angespannt. Die Maschine laufe nicht rund, begrüßt er die Lotsen auf der Brücke. "Some dangerous, critical areas", sagt er in einem Englisch mit starken osteuropäischem Akzent. Die Lotsen haben aufgehört zu lachen. Lüders, 64, der Kleine, kontrolliert den Radar und das Navigationssystem ECDIS; Krimmling, 51, der Schlaksige, überprüft den Kurs manuell auf den Seekarten. Noch besteht kein Grund zur Sorge, versichert er nach ein paar Minuten. "Brenzlig wird’s immer ernst, wenn auf einem Schiff eine von zwei Komponenten nicht stimmt", sagt er. "Wenn die Maschine ganz ausfällt oder die Ruderanlage kaputtgeht. Trotzdem tut man gut daran, den Fluss nicht auf die leichte Schulter zu nehmen."

Gerade bei diesen Bedingungen. Das Ufer in hundert Meter Entfernung ist in diesem Wetter nur zu erahnen. Über Funk meldet die Verkehrspolizei die Abstände zu den Schiffen vor und hinter der "Hanjin". Lüders drückt das Fernglas an die Augen, peilt die Optimallinie an, gibt den Kurs an den Steuermann weiter. "Ich erinnere mich an ein Sprichwort von meinem alten Kapitän, als ich ganz frischer Dritter war", erzählt Krimmling an seiner Seite. "Der sagte immer: Ein kleines Schiff in einem kleinen Hafen ist ein großes Schiff. Und dies ist ein großes Schiff auf der kleinen Elbe."

Badende in der Elbe
Anna Mutter
Die Strömung der Elbe ist stark, vom Baden wird offiziell abgeraten – doch viele Hamburger lassen sich davon nicht abhalten
Die beiden Lotsen haben als Kapitäne die Welt gesehen. Fast zwanzig Jahre ist Lüders für die Reederei Hamburg Süd gefahren, auch auf der "Cap San Diego", die mittlerweile als Museumsschiff an den Landungsbrücken liegt. Santos, Brasilien, war sein Heimathafen. Auch Krimmling ist lange zur See gefahren. Jetzt sagt er: "Die Elbe ist mein Wohnzimmer. In dem bewege ich mich blind, ganz egal ob Nebel oder Nacht. Ich kenne es mit allen Kursänderungen und mit allen Tonnen."

Mit Warpgeschwindigkeit Richtung Hamburg

Elbstrand von Wittenbergen am Abend
Anna Mutter
Etwa 70 Seemeilen sind es von Hamburg bis zur Nordsee – aber manchmal fühlt man sich dem Meer viel näher
Niemand kennt den Weg über den Fluss hinein ins Tor zur Welt besser als die Lotsen. Das bisschen Nebel bringt sie nicht aus der Fassung. Selbst als ein kleiner Frachter aus dem Nichts auftaucht und das Containerschiff scharf passiert, regt sich Lüders nur kurz auf. "Warum fährt der so dicht ran? Ich muss doch in der Mitte fahren!" Kurz danach reißt der Himmel auf und der Nebel verfliegt. "Geh mal auf Warpgeschwindigkeit!" ruft Krimmling seinem Kollegen zu und der erhöht die Geschwindigkeit sofort auf 14 Knoten, ohne dass die Maschine rebelliert.

Die "Hanjin" zieht vorbei am Alten Land, dem Marschland vor Hamburgs Toren. Zeit für ein paar Späße. Wenn die "Hanjin" ein Schiff passiert, rennt Krimmling hinaus und fuchtelt mit seinem weißen Stofftaschentuch wild durch die Luft. Ein Gruß an die anderen Lotsen. Jetzt ist auch Zeit für Geschichten vom Beruf, von den schwierigen Momente, erst neulich, als ein Kapitän Bilder von seiner Geißelnahme vor Somalia zeigte. Aber da sind auch die schönen Momente, als die Besatzung eines Frachters Krimmling an Heiligabend zum Festmahl einlud. Erst Paella, dann Lachs und zum Schluss Torte – der Koch wollte ihn gar nicht mehr nach Hause lassen! Und Zeit für Geschichten von Hamburg, der Stadt der Seemänner. "Wenn man im Winter an Blankenese vorbeifährt und alles ist eingezuckert, das ist wunderschön", sagt Krimmling beseelt. "Der Seemann ist ja von Natur aus ein bisschen romantisch." Da tauchen schon die ersten Kräne am Horizont auf.  

Blick auf Dock bei Blohm & Voss
Horst & Daniel Zielske
Leinen fest: Das Einparken der Kreuzfahrt- und Containerschiffe an den Kais ist Millimeterarbeit
In Neumühlen, wo die Hafenlotsen das Schiff übernehmen, verabschieden sich Lüders und Krimmling und wünschen Kapitän Gregorczyk weiterhin gute Fahrt. Der lächelt, alles ist gut gegangen. Er bleibt auf der Brücke. Die beiden Lotsen finden den Weg zur Luke schon.

Autor

Kalle Harberg