Ostsee Lübecks Gänge und Höfe

Der Rosengang in Lübeck

Plötzlich entdeckt man diesen Durchgang. Er liegt in einem Altstadthaus. Eng ist er und dunkel, aber offen für jeden. Die Neugier siegt. Und auf einmal sind da Licht und Raum. Eine grüne Oase mitten in der Stadt. Rosenstöcke ranken an kleinen Häusern empor. Vor den meist einstöckigen Gebäuden stehen Bänke und Tische, mal weiß lackiert, mal naturbelassen. Blumentöpfe, Fahrräder, Spielzeuge, ein paar Schuhe vor der Tür. An manchen Ecken akkurat und gepflegt, an anderen etwas unaufgeräumt, aber immer charmant. Hübsche Puppenhäuser säumen den schmalen Pflasterweg. Häuser, in denen früher die Ärmeren wohnten, Tagelöhner, Träger, Angehörige des Stadtmilitärs, und in denen heute mancher Lübecker sein kleines Idyll gefunden hat.

Ihren Ursprung haben die Gänge im Mittelalter. Um 1300 war der Altstadthügel dicht besiedelt, die Hanse blühte. Menschen aus nah und fern wollten ihr Glück in Lübeck machen. Alle Straßen waren geschlossen bebaut, es wurde eng innerhalb der Stadtmauern. Platz für Wohnraum gab es nur noch hinter den Häusern, im ausgedehnten Inneren der Straßenblöcke. So entstanden im 14. Jahrhundert die ersten Wohngänge. Schmale und niedrige Durchbrüche in den Vorderhäusern machten sie zugänglich. Vor allem Kaufleute bauten hinter ihren Gebäuden neue Mietshäuser aus Fachwerk: frühe Reihenhäuser, "Buden" genannt. Alle unter einem gemeinsamen Dach, mit kleinen Räumen, die manchmal nur zwei mal zwei Meter maßen. Bauliche Auflagen gab es nicht. In einem Gang in der Hartengrube stand bis 1937 die kleinste Bude, von der man weiß: gerade mal 3,45 Meter breit, 4,65 Meter tief und 4,65 Meter hoch. Aber ein Dach über dem Kopf für Menschen, die sich nicht viel leisten konnten.

Die meisten Gänge in Lübeck sind frei zugänglich

Rund 90 Gänge - die meisten frei zugänglich - gibt es heute noch, fast so viel wie um 1500. Im 18. Jahrhundert waren es beinahe doppelt so viele. Doch die Stadtentwicklung seit dem 19. Jahrhundert und die sogenannte "Altstadtverbesserung" unter den Nationalsozialisten sorgten für das Ende vieler Gänge. Der Luftangriff von 1942 und Abrisse bis Ende der 1970er Jahre ließen weitere verschwinden. Die frühe Gangbebauung "aus einem Guss" kann man heute noch gut am Hofgebäude des 1455 errichteten Ilhornstifts (Glockengießerstraße 39) erkennen. Es ist zugleich das älteste erhaltene Ganghaus der Stadt.

Hof in Lübeck
Natalie Kriwy
Gartenidylle im Verborgenen: Die Gänge in Lübeck sind beliebt als ruhige Wohnparadiese.
Die Bezeichnung "Stift" verweist auf eine wohltätige Stiftung: Reiche Kaufleute ließen zu ihrem Seelenheil viele Ganghäuser bauen, in denen meist Witwen und unverheiratete Frauen wohnten. Waren diese Wohnstifte sehr großzügig gebaut, so wurden sie als Hof bezeichnet. Bis heute tragen sie den Namen ihres Stifters, etwa der Füchtingshof (Glockengießerstraße 23-27) mit seinem prächtigen Portal, der aus dem Nachlass des Ratsherren Johann Füchting bezahlt wurde. Von der Weinhändlerwitwe Elisabeth Haase stammt der Haasenhof (Dr.-Julius-Leber-Straße 37-39). Beide dienen ihrem ursprünglichen Zweck: Senioren leben hier heute wie damals in günstigen Wohnungen.

Das halbe Dutzend der großen Stiftshöfe wurde schon in Lübeck-Beschreibungen des 18. und 19. Jahrhunderts als Sehenswürdigkeit gelobt. Die kleineren Gänge "entdeckte" man erst ab 1900, als die Wohnverhältnisse sich bereits gebessert hatten. Als Mitte der 1970er Jahre die große Sanierungswelle einsetzte, erhielten die Gänge ihr heutiges Aus- und Ansehen: Sie sind beliebt als ruhige, kinderfreundliche Wohnparadiese.

Für einen Entdeckungsspaziergang bieten sich Glockengießer- und Hundestraße an. Hier passiert man sowohl mehrere große Stiftshöfe als auch viele kleinere Gänge. Schön sind auch die Gänge, die durch einen ganzen Block führen. Zwischen der Engelsgrube 43 und der Fischergrube 38 gehen Bäckergang und Lüngreens Gang ineinander über. Von der Wahmstraße 46 führt ein Gang mit dem schlichten Namen Durchgang zur Aegidienstraße 47 - in der Mitte öffnet sich ein besonders idyllischer Platz. Ziemlich eng ist es zwischen Marlesgrube 56 und der Depenau 43. Ein Sarg passt hier gerade noch durch, was angeblich Vorschrift war. Nur etwa 1,50 Meter hoch ist der Zugang in das Gewirr des Hell- und Dunkelgrünen Gangs von der Engelswisch 28 aus. Und wenn es dunkel wird, sorgen hier gusseiserne Gaslaternen aus dem 19. Jahrhundert mit ihrem warmgelben Schein für Licht und Atmosphäre.

Autor

Jan Zimmermann

Ausgabe

Lübeck 05/2013