Nordsee Langeoog mit dem Fahrrad entdecken

Langeoog mit dem Fahrrad - der beste Weg um die Ostfriesische Insel zu erkunden. Wir entscheiden uns für eine knapp 24 Kilometer lange Tour vom Zentrum des Inselortes bis ans Ostende des Eilands und zurück. Langeoog ist autofrei, somit ist das Fahrrad hier Fortbewegungsmittel Nummer eins. Beim Verleih gibt es eine große Auswahl an Tourenrädern, Hollandrädern und E-Bikes. Hochtourige Rennräder fehlen im Sortiment, denn Langeoog setzt ganz auf Entschleunigung.

Zunächst folgen wir der rot gepflasterten Hauptstraße durch das Zentrum, vorbei an einladenden Cafés und Läden. Hier steht die Statue der Chansonsängerin Lale Andersen, die zeitweilig auf Langeoog lebte und auf dem Dünenfriedhof begraben ist. Oben auf den Kaapdünen thront weithin sichtbar das Wahrzeichen: der Wasserturm. Der Radweg führt entlang des hohen Dünengürtels an der Westseite der Insel. Er ist gesäumt von Hagebuttenbüschen und Sanddorn, die frische Meeresluft mischt sich mit dem Duft der wilden Heckenrosen. Immer wieder passieren wir Fahrradparkplätze, an denen ein Dünendurchbruch direkt an den endlos scheinenden weißen Strand führt. Dort machen sich gerade Kitesurfer für einen Ritt übers Wasser fertig. Die Westküste ist ein ideales Revier für Wassersportler. In den Prielen ist je nach Wasserstand der Tide für jede Könnensstufe etwas dabei: von Flachwasser bis Wellen.

Direkt hinter dem Inselort beginnt das Pirolatal. Es bläst eine kräftiger Wind aus West, so dass wir gut vorankommen. Weg vom quirligen Strandleben führt der Radweg mitten durch die hügelige Dünenlandschaft. Vor uns erstreckt sich ein schillernder Farbteppich aus blühenden Heckenrosen, Strandflieder, Sanddorn, Fetthenne, Wermut in Rot-, Gelb- und Grüntönen. Fast die Hälfte Langeoogs, knapp zehn Quadratkilometer Wildnis gehört zum Unesco-Weltnaturerbe Wattenmeer.

Tausende von Zugvögeln rasten im Frühling und Herbst auf Langeoog

Eine Symphonie von Vogelstimmen begleitet uns. Tausende von Zugvögeln rasten hier im Frühling und Herbst, um in den Norden weiterzufliegen. Nach fünf Kilometer Fahrt  erreichen wir die Melkhörndüne. Sie ist mit knapp 20 Metern über dem Meeresspiegel die höchste Erhebung Langeoogs. Eine lange Treppe führt zum Aussichtspunkt hinauf: feinster Sandstrand - soweit das Auge reicht. Wer will schon in die Karibik, wenn es solche Strände in Deutschland gibt? Langeoog ist die einzige ostfriesische Insel, die bisher ohne ein seeseitiges Küstenschutzbauwerk auskommt.

Inselort auf Langeoog
Marlies Eggers
Im Inselort geht es beschaulich zu.
Weiter geht es, vorbei an der Jugendherberge zum Vogelwärterhäuschen. Vom Beobachtungsstand aus kann man mit etwas Glück die Sumpfohreule auf der Suche nach Nahrung beobachten. Wir Hobbyornithologen haben diesmal leider kein Glück – oder kein Auge. Dafür können wir einer Graugans und ihren Küken beim Schwimmen zusehen. Bis zur Meierei sind es noch rund drei Kilometer. Das Ausflugslokal mitten im Naturschutzgebiet besteht seit 1892, damals wurde hier Milch, Butter und Käse für das Inselhospiz hergestellt.

Sanddornprodukte aus eigener Ernte und selbstgemachte Dickmilch

Geblieben ist nur der Name, heute bietet die Familie Falke Sanddornprodukte aus eigener Ernte und selbstgemachte Dickmilch an. Vor der Meierei parken zwei Pferdekutschen mit Planwagen. Wer es etwas betulicher mag, kann sich bis ans Ostende der Insel kutschieren lassen. In der Nähe des Ausfluglokals führt ein kleiner Pfad, der durchzogen ist von Büschen und Bäumen hinauf auf die Dünen. Vor uns liegt eine weiße Sandlandschaft mit wellenförmigen Erhebungen. Unsere letzte Station ist die äußerste Spitze der Insel, das Ostende. Wir parken unsere Fahrräder und stapfen etwa 700 Meter bis zur Beobachtungsplattform für die Seehundbänke. Durch Fernrohre beobachten wir Hunderte von Tieren, die sich hier bräsig in der Sonne aalen.

Der Rückweg ist weitaus beschwerlicher als der Hinweg. Der Westwind bläst einen jetzt ungeschützt direkt von vorn ins Gesicht. Das geht in die Waden. Der Fahrradweg führt geradewegs entlang der östlichen Wattseite zurück in den Ort. Hier erstreckt sich eine ausgedehnte Marschlandschaft mit Salzwiesen und Prielen. Wir entdecken Brandgänse, Austernfischer und sogar den seltenen Löffler. Im Hintergrund glänzt silbern das Watt. Unterwegs treffen wir auf eine Schulklasse, angeführt von einem Mann mit Käscher und Gummistiefeln. Joke Pouliart ist Wattführer, Hafenmeister, Kunsttischler und liebt seine Langeooger Natur. Die Kinder sind schlickverschmiert und glücklich - sie kommen gerade aus dem Watt.

Genau das ist es, was einen Besuch auf Langeoog zu einem erfüllenden Erlebnis macht. Ob Fahrradtour, Wattführung oder Strandspaziergang - auf Langeoog kann man Natur mit allen Sinnen genießen. Die Langeooger haben ein besonders inniges Verhältnis zu der Natur ihrer Insel und schaffen es, ihren Gästen auf eine sympathische, undogmatische Weise, naturverträglichen Tourismus zu vermitteln und sie für ihre Natur zu begeistern. Im Seekrug oben auf den Dünen genießen wir bei einem Wildblütenprosecco den Sonnenuntergang, kosten die saisonal-heimischen Produkte wie Hochlandrindsalami, Heckrosenchips und Wildapfelketchup und lassen die Insel und ihre Bewohner auf uns wirken.

Autor

Marlies Eggers