Deutschland Kanutour auf dem Amazonas des Nordens

Die Sonne schimmert durch die Bäume. Tanzt ein bisschen über die leichte Strömung. Lässt das Wasser des Flusses glitzern. Fast lautlos gleiten die Kanus vorbei. Über vier Stunden sind sie mittlerweile auf der Wakenitz unterwegs. Doch die Brücke von Rothenhusen ist schon in Sichtweite, das Ziel der Kanutour nah. Als Christian Neumann am 27. November 1963 gegen 23 Uhr vor dieser Brücke steht, ist es stockdunkel, das Wetter schlecht, nasskalt, neblig. Auch sein Ziel ist nah, keine 100 Meter entfernt: Deutschland West. Der Brückenkopf an der Ostseite ist abgerissen, was Soldaten der Nationalen Volksarmee schon Anfang der 1950er Jahre erledigt hatten. Nur zwei Eisenträger ragen heraus.

Neumann, 21 Jahre alt, 1,76 Meter groß, stellt sich auf die Zehenspitzen und streckt die Hände nach oben. Sie reichen nicht bis zur Brücke. Er springt hoch. Einmal. Zweimal. Es klappt nicht. "Wenn die mit Hunden kommen", denkt er, "ist alles aus." Der dritte Versuch. Jetzt kriegen seine Hände was zu fassen. Er zieht sich hoch. Mit aller Kraft, die er hat. "Als ich oben auf der Brücke war, musste ich mich hinlegen. Und dann wurde mir schlagartig klar: Du bist raus, in einer anderen Welt. Es gibt kein Zurück." Aber endlich, endlich ein Weiter.

Die Wakenitz, dieser Fluss, den der Ratzeburger See bei Rothenhusen freilässt und etwas mehr als 14 Kilometer lang behutsam bis in die Stadt Lübeck drückt, auf dem Kanus fahren und Ausflugsschiffe und wo die Natur ihr Bestes gibt, dieser Fluss, der einst auf mehr als halber Länge die innerdeutsche Grenze markierte, ist für Christian Neumann vor allem eines: "die Freiheit selbst". Seit vielen Jahren wohnt er am Tegernsee, arbeitet, über 70 mittlerweile, nach wie vor als Polsterer bei einer Firma in Rottach-Egern, aber immer noch bedeutet "dieses silberne Band, dieser liebliche, schöne Fluss für mich ein neues Leben". Drei Monate war der gebürtige Schlesier damals in der Grenzkompanie Schattin stationiert, als er die Flucht wagte. "Als Posten war der Hochstand am Lehmberg mein Lieblingsplatz. Von dort konnte ich sehen, wie ich durch das morastige, schwer zu durchdringende Gelände flüchten konnte. Und mein Glück war: Das Minenfeld hörte kurz vorher auf, weil das Gebiet hier zu sumpfig war."

In Ruhe konnte sich in der Sperrzone eine wildwüchsige Welt entwickeln

Die deutsch-deutsche Geschichte fährt mit, wenn man auf der Wakenitz mit dem Kanu vorwärts drängt. Was für Schicksale sich in diesen dunklen Niemandsländern entschieden haben! Und wie grotesk, dass gerade auch die grausame Grenze für diese grandiose Natur von Nutzen war! Weil das Ostufer jahrzehntelang so abgeschirmt war und von Menschen kaum betreten wurde, ist viel von der Ursprünglichkeit dieser Flusslandschaft erhalten geblieben. In aller Ruhe konnte sich in der Sperrzone diese wildwüchsige Welt entwickeln.

Gregor Lengler
 

Jörg Clement hat ihr dabei zusehen können. Seit seiner Geburt 1944 lebt der Naturschutzbeauftragte der Hansestadt Lübeck an der Wakenitz. "Das Besondere sind hier die urwaldartigen Erlenbrüche, die Auenwälder, aber auch dass es immer wieder trockene Stellen gibt. Die große Vielfalt, sie macht den Reiz aus", sagt der Biologie- und Chemielehrer. Verwunschen wuchert es an jeder Ecke. Niedermoore und Binnendünen, lichte Laubwälder und ausgedehnte Trockenrasen, dazwischen wie dekoriert leuchtend grüne Farne. Und dann die Tiere: Rotbauchunken und Knoblauchkröten, Sumpfohreulen und Schwarzspechte, Fischotter, Graureiher und Kormorane, sogar Eisvögel. Clement: "Hier haben sich so viele Tier- und Pflanzenarten erhalten, die andernorts schon sehr selten geworden sind." Allein über 120 Vogelarten sind im Naturschutzgebiet Wakenitz nachgewiesen. Eine fast tropische Vielfalt im Norden Deutschlands.

Was manche verleitet, die Wakenitz den "Amazonas des Nordens" zu nennen. Das mag ein bisschen übertrieben klingen. Doch wenn das Gewässer kurz vor dem Gasthaus "Müggenbusch" schmaler wird, die üppige Flora sich zu einer wahren Fluss-Allee verdichtet, wenn sich die Bäume im milchigen Licht übers Ufer biegen, über dem Wasserspiegel zu schweben scheinen und man nicht mehr weiß, ob die Pflanzen aus dem Fluss heraus- oder von oben in ihn hineinwachsen, dann ist der Mensch für ein paar Momente weit weg von der Zivilisation und mittendrin in einem Kopfkino, auf dessen Leinwand ein kleines Urwaldabenteuer läuft.

 

Gregor Lengler
 

Ein Abenteuer, das jeder leicht erleben kann. Kanus sind problemlos zu leihen, die Strömung ist so schwach, dass keiner Angst vorm Kentern haben muss und sich die Wakenitz in beide Richtungen locker befahren lässt. Am Nachmittag auf Lübeck zuzupaddeln und einen Kirchturm nach dem anderen zu entdecken - das ist genauso schön, wie morgens in der Hansestadt zu starten: An der Falkenstraße werden die Boote zu Wasser gelassen. Hier ist man mitten in der Stadt. Noch beherrscht Urbanität das Bild, ahnt man nichts von der Urwüchsigkeit, die einen bald umgeben wird. Noch ist die Wakenitz breit, gleicht mehr einem See denn einem Fluss. Das liegt daran, dass man sie schon im 13. Jahrhundert aufgestaut hat, um Mühlen anzutreiben und die Verteidigungsmöglichkeiten Lübecks zu verbessern. Heute mündet der kleine Fluss nicht mehr südlich in die Trave, sondern endet am Falkendamm an einem Überlauf in den Elbe-Lübeck-Kanal.

Paddelschläge können den Graureiher nicht aus der Ruhe bringen

Jetzt liegt die Schläfrigkeit des Sonntagmorgens auf dem Fluss. Ein paar Ruderer beim Frühsport. Schwäne ziehen ihre Bahn, plustern sich auf, starten ihren unnachahmlichen Anlauf, um abzuheben. Auf dem Pfahl eines Steges ein Graureiher, starr wie eine Statue, nein, Paddelschläge können ihn nicht aus der Ruhe bringen. Die Kormorane schon. Rechter Hand das ausgeblichene Braungrau der kleinen Bootshäuser in der Morgensonne, backbord fällt der Blick auf die frisch gemähten Seegrundstücke gut situierter Lübecker, die in ein, zwei Stunden ihre Terrassentüren öffnen und den Blick genießen werden.

 

Gregor Lengler
 

Eine kleine Insel taucht auf, mitten im Fluss. Spieringshorst - gerade mal zweieinhalb Hektar groß, gut 30 Meter vom Festland entfernt. Ein Umstand, den drei Familien offenbar so schätzen, dass sie dort leben. Eine davon ist Familie Beese. Mit seiner Frau Martina hat sich Martin Beese dort ein Refugium geschaffen, das er noch mit zwei Katzen, zwei Hunden und zwei Schweinen teilt. "Es ist das Zusammenspiel von Stadtnähe und Natur", was ihn so reize. "Dass man in wenigen Minuten in einer anderen Welt ist." Und in der Tat, von diesem Außenposten Spieringshorst ist die Lübecker Innenstadt keine fünf Kilometer, der nächste Bäcker keine 1000 Meter entfernt. Dafür nimmt der Radiologe im Ruhestand gern in Kauf, dass er seine Besorgungen ein paar Meter mit dem Boot transportieren muss. "Das Leben in einer Etagenwohnung in der Innenstadt mit Parkplatzsuchen und Treppensteigen ist umständlicher", so Beese. Fast unberührte Natur in zentraler Lage - das findet man nicht so oft in Deutschland.

Gleich wird auch eines der Ausflugsboote der Wakenitz-Schifffahrt Quandt Spieringshorst passieren. Wird die Kanufahrer einholen und ihnen später wieder entgegenkommen. Mit voll besetztem Sonnendeck, auf dem sich Touristen mit Kaffee und Butterkuchen ein paar Stunden vertreiben. Und Kapitän Raimund Quandt zuhören, wie er erzählt, dass die Wakenitz zwischen 8000 und 9000 Jahre alt sei und sich hier schon "die Jungsteinzeitmenschen die Füße gewaschen" hätten. Dass der Name aus dem slawisch-wendischen Wochniza hergeleitet sei. Was Barschfluss heiße und ein Hinweis auf besonders sauberes Wasser sei und man deshalb bis 1972 aus der Wakenitz das Trinkwasser für Lübeck gewonnen habe. Dass es hier 24 verschiedene Libellenarten gebe und die Seerosenzeit auch schon mal bis Mitte September dauere.

Bequem genießen die Gäste auf dem Ausflugsschiff die Aussicht von oben, schauen lächelnd runter auf die Paddler. Und merken vielleicht, was ihnen entgeht. Der tiefe Blick, den die Kanufahrer haben, dass sie auf Augenhöhe mit der Natur sind. Kanufahrer hören das Surren der leuchtend blauen Libellen und wie der Wind die Äste das Wasser kitzeln lässt. Entdecken die fetten Barsche im klaren, durchschnittlich gerade mal zwei Meter tiefen Wasser und die kleinen Enten, die im Schilf verschwinden. Spüren unterm Boot die Wasserpflanzen, die sich mal lang und spillerig und mal groß wie Rhabarberblätter in der Strömung wiegen. Kanufahrer fühlen den Fluss. Können die Seerosen berühren. Und sehen vielleicht noch eher einen dieser Nandus, die sich in dieser Gegend herumtreiben. Irgendwann im Jahr 2000 sind ein paar dieser südamerikanischen Laufvögel aus einem privaten Gehege bei Groß Grönau auf der Westseite der Wakenitz ausgebüxt und durch den Fluss geschwommen, haben einfach in den Osten rübergemacht.

Ähnliche klimatische Verhältnisse wie in Argentinien

Zwischen Schattin und Utecht, erzählt Frank Philipp, hat sich mittlerweile eine stattliche, für den europäischen Raum einmalige Population entwickelt, die sich immer wieder vermehrt - ohne Zutun des Menschen. "Zeitweise wurden über 100 Tiere in der Landschaft beobachtet", bestätigt der Dresdner Ingenieur für Landespflege, der von den grauen Geschöpfen so begeistert war, dass er gleich seine Diplomarbeit über die Nandus in Norddeutschland schrieb. Diese straußenähnlichen, bis zu 1,50 Meter großen und 60 Stundenkilometer schnellen Tiere, die eigentlich in der südamerikanischen Pampa leben, haben sich den Verhältnissen bestens angepasst. Zwar könnten sehr schneereiche Winter die Nandus vor Probleme stellen, weil sie nicht an ihre vorwiegend pflanzliche Nahrung wie Rapsblätter gelangen. "Doch ansonsten", so Philipp, "herrschen hier ähnliche klimatische Verhältnisse wie etwa in Argentinien, wo die Nandus bis in Höhen von 2000 Metern vorkommen."

Heute werden sich die Nandus nicht mehr zeigen. Der Anleger an der Rothenhusener Brücke ist erreicht. Die Wildnis lässt die Kanufahrer wieder frei. Noch ein paar Meter, dann öffnet sich weit und breit der Ratzeburger See und löst die Wakenitz auf wie einen Tropfen Wasser in einem vollen Glas. Doch etwas bleibt: jenes besondere Gefühl der Geborgenheit, das einem dieser Fluss im Hinterland von Lübeck gegeben hat.

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Die Wakenitz bei Lübeck: An der ehemaligen innerdeutschen Grenze hat sich eine einzigartige Flusslandschaft entwickelt. Eine Entdeckungsreise im Kanu.

Autor

Andreas Leicht

Ausgabe

Lübeck 05/2013