Tatort-Kommissarin Eva Mattes verrät Insidertipps für Konstanz

Die Frau mit den dunklen Haaren läuft die Straße entlang, in ein Gespräch vertieft, als ein Mann sich von hinten heranschleicht. Eine schwarze Baseballkappe verdeckt seine Augen, er geht schneller, jetzt streckt er die Hand nach ihr aus – und tippt ihr auf die Schulter. "Sagen Sie, sind Sie Eva Mattes?" Die Frau dreht sich um, sie wirkt nicht überrascht, sie scheint das schon zu kennen. "Ja, die bin ich!", sagt sie lächelnd, sie kommen ins Plaudern. Ob er ein Foto von sich mit ihr machen darf? Klar doch, er legt den Arm um ihre Schultern und zieht sie an sich: "Komm her, Mattes!" Sie lachen in die Kamera, und als er sich verabschiedet, grinst er selig. Er hat die Mattes getroffen.

Eva Mattes ermittelt als Kommissarin Klara Blum im Tatort

Seit 2002 ermittelt Eva Mattes als Kommissarin Klara Blum in den "Tatort"-Krimis, die in Konstanz spielen. Pro Jahr dreht der Südwestrundfunk mindestens zwei Folgen der ARD-Reihe, Eva Mattes ist dann jeweils für rund drei Wochen hier. Man kann sich schlechtere Arbeitsplätze vorstellen: Konstanz streckt sich am westlichen Ende des Bodensees von einer großen Landzunge, dem Bodanrück, auf das südliche Ufer des Sees, beide Teile sind durch Brücken verbunden. Im südlichen Teil der Stadt ragt am Hafen ein Steg weit in den See, an seinem Ende begrüßt eine mächtige Statue die Besucher, die mit Fähren hier ankommen oder am Bahnhof aus dem Zug steigen. Es ist
die Imperia, neben dem Münster das Wahrzeichen der Stadt – eine freizügige Frauenfigur, die auf ihren Händen den Kaiser und einen der Päpste des Konstanzer Konzils hält. Eine Satire auf deren würdeloses Ringen um die Macht, die eigentlich der selbstbewussten Kurtisane zukommt. Erdacht hat die Imperia der Schriftsteller Honoré de Balzac, in Beton gegossen wurde sie von dem Künstler
Peter Lenk.

Nun dreht sie sich in vier Minuten um sich selbst und blickt dabei auf das Schönste, was Konstanz zu bieten hat: die bunten Segel der Boote, die über das funkelnde Wasser gleiten, die breiten Spazierwege entlang dem Ufer und die weißen Gipfel der Alpen, die in der Ferne strahlen. Knapp 80 000 Menschen leben hier, darunter fast 12 000 Studenten der Elite-Universität. Sie bringen Elan in ein Stadtgefühl, in dem auch die Gediegenheit der nahen Schweiz zu spüren ist; beides gemeinsam ergibt eine unaufgeregte Lebendigkeit, die viele Reisende betört.

"Obwohl ich hier arbeite, fühlt es sich ein bisschen an wie Urlaub", sagt Eva Mattes. "Ich wohne in Berlin-Kreuzberg, und ich mag das Großstadtgefühl von Berlin. Doch auf eine andere Art gefällt mir Konstanz auch: Die Stadt ist ruhig, wirkt aber durch die Studenten sehr jung. Gleichzeitig gibt ihr die Nähe zur Schweiz ein internationales Flair – oft höre ich, wie Leute sich auf Englisch, Französisch oder Russisch unterhalten."

Die Promenade des Stadtgartens ist Eva Mattes Lieblingsplatz in Konstanz

 

Roberto Ceccarelli
Eva Mattes

Eva Mattes spaziert über die Promenade des Stadtgartens am Ufer des Bodensees, akkurat gestutzte Bäume werfen ihre Schatten auf den Weg, an der Kaimauer flüstern die Wellen des Sees. "Dies ist mein Lieblingsplatz in Konstanz", sagt sie und streicht sich eine braune Strähne aus dem Gesicht, ihre Stimme klingt warm und glatt wie poliertes dunkles Holz. "Manchmal hole ich mir an dem Pavillon da drüben einen Kaffee, setze mich damit auf eine Bank in die Sonne und genieße den Blick auf das Wasser." Mindestens einmal pro Tag geschieht es, dass jemand sie anspricht und mit ihr fotografiert werden will – nervt das nicht? "Nein, ich finde das in Ordnung", sagt sie. "Die Konstanzer freuen sich, wenn sie mich sehen, denn sie sind stolz auf ihren 'Tatort'."

Das können sie auch sein: Etwa neun Millionen Menschen im ganzen Land schauen pro Konstanz-Folge zu. Eva Mattes spielt die Klara Blum mit der beiläufigen Kraft einer Darstellerin, die ganz andere Sachen hinter sich hat: 1972, als 17-Jährige, gibt sie für Rainer Werner Fassbinder in "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" eine Tochter, die von der Mutter brutal zurückgewiesen wird; sieben Jahre später spielt sie in "Deutschland bleiche Mutter" selbst eine Mutter, die nach dem Krieg ihre Tochter allein durchbringt. Sie arbeitet mit den Regisseuren Peter Zadek, Michael Verhoeven und Werner Herzog, mit dem sie eines ihrer beiden Kinder hat. 1979 bekommt sie für die Rolle der Marie in Herzogs Verfilmung von Georg Büchners "Woyzeck" in Cannes den Preis als beste Nebendarstellerin, 1987 erhält sie das Bundesverdienstkreuz am Bande. Und heute der "Tatort", nicht immer so spannend, wie er sein könnte: Die Dialoge sind mitunter derart hölzern, dass man die Sätze zu einem Floß zusammenbinden und damit auf den See hinausfahren möchte, nur weg vom Fernseher – Eva Mattes bringt sie trotzdem zum Leben.

Als Schauspielerin ist Eva Mattes ins kalte Wasser geworfen worden

Ist das der "Tatort", wie sie ihn sich vorstellt? Sie überlegt und schlendert dabei vom Stadtgarten an die Hafenpromenade, ein Katamaran legt brummend vom Steg ab, um in gut 50 Minuten nach Friedrichshafen zu flitzen. "Die Charaktere dürfen gerne mehr Tiefe haben", räumt sie ein. "Aber so seicht, wie manche ihn finden, ist unser 'Tatort' nicht: In der Folge '1000 Tode' will ein Mädchen sich mit einem Mann, den sie in einem Selbstmordforum im Internet kennengelernt hat, in der Mitte des Sees das Leben nehmen. Er aber entführt sie, um sie zu zwingen, sich vor laufender Kamera zu erhängen, dann will er das Video ins Netz stellen." Sie tritt an die Hafenmauer und zeigt auf den See. "Als Klara Blum bin ich hinausgeschwommen, um das Mädchen zu retten", erinnert Eva Mattes sich und schaudert kurz. "Es war November und bitterkalt!" Das war nicht das erste Mal, dass ein Drehbuch sie ins kalte Wasser gestoßen hat: Als 15-Jährige spielte sie in dem Film "o. k." von Verhoeven ein vietnamesisches Mädchen, das von amerikanischen Soldaten vergewaltigt, erstochen und dann in einen Fluss geworfen wird. Bei den Dreharbeiten ließen die Schauspieler sie dafür in die Isar fallen, die junge Eva war von oben bis unten eingefettet, damit sie nicht unterkühlte, es war April, und das Wasser hatte nur fünf Grad. Unter anderem für diese Rolle bekam sie 1971 das Filmband in Gold.

Im selben Jahr wurde Sebastian Bezzel geboren, der im "Tatort" ihren Kollegen Kai Perlmann spielt. Trotz aller Strapazen bekommt Eva Mattes kaum genug von Filmen, ob vor der Kamera oder im Kinosessel. Beim Hafen liegt ein großer Platz namens Marktstätte, rechts steht das Scala-Kinocenter, sie geht hinüber und schaut in die Aushänge. "Das Scala ist ein Programmkino mit vielen deutschen und französischen Filmen", sagt sie. "Ich bin froh, dass es dieses Kino gibt. Manchmal schaue ich mir hier mehrere Filme pro Woche an." Sie bummelt weiter über die Marktstätte, biegt rechts ein in die Altstadt.

Dass die Stadt während des Zweiten Weltkriegs nicht durch Bomben zerstört wurde, verdankt sie wohl ihrer Lage direkt neben dem schweizerischen Kreuzlingen. So drängen sich bis heute Fachwerkhäuschen aus dem Mittelalter aneinander, dazwischen große Häuser aus dem Barock mit verzierten Giebeln, in den Erdgeschossen viele Cafés, Antiquitätenhändler, kleine Modeläden mit eigenem Stil und große Geschäfte für Outdoor-Bekleidung.

Nicht zu übersehen: der Kirchturm des Münsters

 

Roberto Ceccarelli
Eva Mattes genießt ihre Filmdrehs am Bodensee

Es wird voll in den schmalen Gassen – wäre es nicht schön, wenn man sich für ein paar Minuten in einen stillen Raum zurückziehen könnte? Da taucht am Ende der Straße ein großer grauer Turm auf, der Kirchturm des Münsters. Eva Mattes läuft zum Haupteingang und öffnet das Portal, auf dem Weg durchs Mittelschiff entfaltet sich die Pracht dieser Kirche: Seit der Errichtung Anfang des 11. Jahrhunderts wurde sie immer wieder umgebaut, unter gotischen Bogen funkelt ein riesiger Hochaltar aus dem Barock, auf der Empore recken sich die Pfeifen der Orgel bis unter die Decke. Eva Mattes schaut lächelnd nach oben. "Ich bin katholisch aufgewachsen und jeden Sonntag in die Kirche gegangen", sagt sie und zeigt auf eine Marienfigur. "Die Vorstellung von der Mutter von Jesus, die ihren Mantel schützend über uns ausbreitet, das spricht mich heute noch sehr an." In ihrer Erinnerung erscheinen Bilder aus der Kindheit. "Die Erstkommunion empfand ich als eine Hochzeit mit Jesus", sagt sie. "Das hatte eine leise Erotik, für mich war es ganz großes Theater." Sie legt ihre Hand auf eine der Sitzbänke – und hat eine Idee. Vom Münster sind es nur ein paar Schritte zur Konzilstraße, Eva Mattes biegt ab nach links, und da steht das Haus, das sie so liebt: das Stadttheater, im frühen 17. Jahrhundert als Gymnasium eines Jesuitenkollegs erbaut, und schon damals gaben die Schüler in der Aula öffentliche Theateraufführungen. Sie geht durch das Treppenhaus zum Zuschauerraum mit seinen roten Polstersitzen und der hellbraunen Holzvertäfelung.

 

Arthur Selbach
Gute Aussicht: Blick auf Münster und Bodensee

Auf der Bühne nageln Handwerker die Kulissen zusammen, Eva Mattes legt ihren Mantel über einen Sitz und klettert spontan hinauf, einfach so, plaudert mit den Bühnenarbeitern, auf einmal wirkt sie um Jahrzehnte verjüngt. "Jedes Theater hat einen eigenen Geruch", sagt sie und atmet durch die Nase tief ein. "Es ist das Holz, die Sitzpolster, die Menschen, der Schweiß, das Glück." Sie schließt für einen Moment die Augen. "Ich fühle mich umarmt von diesem Raum, er gibt mir Geborgenheit und Wärme. Das hat nicht jedes Theater, aber dieses hat es." Vorsichtig steigt sie von der Bühne: 1974 ist ihr bei einer Vorstellung der "Jungfrau von Orleans" am Hamburger Schauspielhaus der Meniskus gerissen, sie wäre vor Schmerz fast bewusstlos geworden, aber sie hat weitergespielt, gestützt von ihrer eigenen Willenskraft. Seitdem ist das Knie manchmal etwas übellaunig, vielleicht sollte es jetzt ein bisschen ruhen.

Einst Dominikanerkloster, heute Inselhotel

Gegenüber vom Stadttheater steht ein ehemaliges Dominikanerkloster von 1276 auf einer Insel, zwischen Stadt und Insel liegt ein Graben. In den Räumen, in denen einst Mönche lebten, empfängt das "Steigenberger Inselhotel" seine Gäste, die moderne Einrichtung ist behutsam eingefügt in die alten Gemäuer, man zeigt Fingerspitzengefühl. Hier wohnt Eva Mattes, wenn sie in Konstanz ist, sie führt über die Brücke zum Hotel, dann durch das Haus zur Terrasse auf der Rückseite. Der See reibt sich an der Mauer der Terrasse wie ein zahmes Tier, das Licht der untergehenden Sonne vergoldet die Berge im Hintergrund. "Ist der Blick nicht atemberaubend?", sagt sie leise und schaut für einen Moment aufs Wasser, bevor sie sich zum Haus umdreht und nach oben zeigt. "Da, wo der große Balkon ist, das ist mein Zimmer. Die sind so nett und geben es mir jedes Mal wieder." Es ist der größte Balkon an dieser Wand.

Wenn Eva Mattes abends auf ihren Balkon tritt, sieht sie den See und die Berge vor sich – die Stadt mit den Menschen liegt auf der anderen Seite des Hauses, sie kehrt ihr den Rücken zu. Sie ist die Einzige aus dem "Tatort"-Team, die hier wohnt. Alle anderen übernachten im "Hotel Halm" am Bahnhofplatz, das ist auch schön, aber eben nicht ganz so schön. Es wird ein Ausdruck von Respekt sein, dass der Sender ihr diesen besonderen Status zubilligt; man weiß ja, was sie schon alles gemacht hat. Sie ist die Mattes.

Die Lieblingsorte in Konstanz von Eva Mattes:

Antiquariat Patzer & Trenkle
Eva Mattes mag die Buchhandlung mit den bis unter die Decke vollgepackten Regalen und dem kleinen Schaufenster mit den elegant abgerundeten Ecken.
Kreuzlinger Str. 31, Tel. 07531-282875, www.patzer-trenkle.de

Deli
Im Einkaufszentrum Lago am Hauptbahnhof liegt das Restaurant "Deli". Eine schnörkelfreie Zone mit klaren Flächen, die Küche ist international mit asiatischem Schwerpunkt. Sushi-Spezialität:
gebratener Aal mit Unagi-Sauce.
Bodanstr. 1, Tel. 07531-363710, www.deli-konstanz.de

Il Boccone
Nach ihrem gegrillten Lachsfilet mit Gemüse wirkte Eva Mattes fröhlich und gestärkt – genau die Wirkung, die ein Gericht haben soll. Nur einen Kaffee? Dann versuchen Sie, einen Platz auf der langen Treppe ins Obergeschoss zu bekommen. Neben den Stufen sind breite Ebenen gebaut, wo die Gäste auf Sitzsäcken weit in den Raum schauen.
Bodanstr. 20-26, Tel. 07531-2846744, www.ilboccone.de

Le Marrakech
Das marokkanische Restaurant liegt im Erdgeschoss des eleganten "Hotel Halm". Natürlich lässt man hier die Gerichte von einem Koch aus Marokko zubereiten – schließlich kann eine Tajine, das traditionelle nordafrikanische Schmorgericht, über Wohl und Wehe eines Abends entscheiden. Die
eigentliche Sensation ist die Gestaltung des Raums: ein Saal über zwei Etagen, darin hohe  Fensterbogen und funkelnde Kronleuchter, in riesigen Spiegeln wiederholen sich die arabischen Verzierungen der Wände.
Bahnhofplatz 6, Tel. 07531-1210, www.hotel-halm.de

Scala-Kinocenter
Das Scala kombiniert das Beste aus zwei Welten – das sympathische Qualitätsbewusstsein eines Programmkinos mit den guten Verbindungen der Cinestar-Kinokette. Man richtet sich bewusst an den denkenden Zuschauer, am Wochenende glänzt das Scala mit Live-Übertragungen von Opern aus der New Yorker Met und Bühnenstücken aus dem National Theatre in London.
Marktstätte 22, Tel. 07531-90340, www.cinestar.de

Stadttheater Konstanz
Hier laufen Klassiker im modernen Gewand, die Spiegelhalle am Hafen versteht sich als "Überraschungslandschaft", zeigt Jugendtheater und experimentelles Theater für Erwachsene.
Konzilstr. 11, Tel. 07531-900150, www.theaterkonstanz.de

Steigenberger Inselhotel
Was hat dieses Haus nicht alles gesehen! 1875 zum Hotel umgebaut, wurde das einstige Dominikanerkloster 1945 zum Verwaltungsgebäude französischer Einheiten. Die Firma Steigenberger nahm 1964 das Zepter in die Hand und löste fortan ihr Versprechen von Luxus und Diskretion ein: 1985 kündigte eine Anzeigetafel an der Rezeption die Zusammenkunft der "Familie Müller" an – ein
geheimer Code für das Gipfeltreffen von Helmut Kohl und François Mitterrand. In der früheren Sakristei können Sie heute auf die deutsch-französischen Beziehungen anstoßen, dort ist jetzt die "Zeppelin-Bar". Sie heißt so, weil Ferdinand Graf von Zeppelin hier im alten Kloster geboren wurde.
Auf der Insel 1, Tel. 07531-1250, www.steigenberger.com

Wessenberg
Flottes WLAN, frische Tageszeitungen, ruhiger Innenhof und gutes Essen – das schätzt Eva Mattes an dem Café-Restaurant am Fuß des Münsters.
Wessenbergstr. 41, Tel. 07531-919664, www.facebook.com/wessenberg

INFOS
Auf den Spuren von Klara Blum
Einmal im Monat führt die Touristinformation Konstanz auf einem zweistündigen Spaziergang zu Schauplätzen aus früheren "Tatort"-Folgen.
www.konstanz-tourismus.de

Eva Mattes im Theater
Die Schauspielerin ist regelmäßig auf deutschen Bühnen zu sehen.
Termine: www.evamattes.com

Autor

Burkhard Maria Zimmermann

Ausgabe

Bodensee 05/2014