Nordrhein-Westfalen Herzland des Fußballs

Der Ascheplatz ist die Wildsaukampfbahn der Wildsauelf.

Das Vereinswappen mit der Wildsau. Die dreckige Asche, der Bierstand, die Flutlichtmasten im wilden Himmel und über den Hügeln der finstre Tannenwald. Der Sportplatz von Remblinghausen liegt am Rand des kleinen Dorfes, 393 Meter über Normalnull, im Sauerland, tief im Osten von Nordrhein-Westfalen. Von hier oben kann man kilometerweit in alle Himmelsrichtungen sehen, der Westwind fährt einem ungebremst in die Knochen. Wenn sie hier oben nostalgisch gelaunt sind, nennen sie ihren Fußballplatz die "Wildsaukampfbahn".

Mein Vater und ich parken direkt hinter dem Vereinsheim. An der Einfahrt steht seit Jahrzehnten ein überdachtes Kruzifix, Jesus deutet nach rechts und deutet nach links, ein hölzerner Parkwächter, der heute Nachmittag nicht viel zu tun hat. Die meisten Zuschauer kommen zu Fuß zum Spiel. Ein Fußballsonntag in Westdeutschland, mein Vater und ich ziehen uns die Mützen über die Ohren. Wir sind seit Jahren nicht mehr hier gewesen, wahrscheinlich ist es Jahrzehnte her, aber hier oben ist alles wie immer: Die Halbstarken hinter dem Tor klopfen ihre Sprüche, daneben die Spielerfrauen und solche, die es werden wollen. Hier und da ein Kinderwagen. Die Väter und Großväter lehnen am Geländer, "Kippchen" in den Handschuhhänden, "Pilsken" auf der Faust. Zwei Siebenjährige machen Überschläge. Am Bierstand neben dem Remblinghäuser Vereinsheim wird mein Vater "Pletzingers Winni" genannt, ich bin "Winnis Junge". Irgendjemand kalkt die Mittellinie neu, krumm und schief zwar, aber darauf kommt es hier nicht an. In der Kreisliga A West beim Spiel des FC 1920 Remblinghausen gegen den Tabellenführer aus der Kreisstadt unten im Tal, den FC Fatih Türkgücü Meschede, ist Fußball eine Familienangelegenheit.

Eine Wildau als Lohn - die Geschichte der Wildsauelf

Mein Großvater hat zeit seines Lebens in Remblinghausen gelebt, mein Vater ist hier geboren und aufgewachsen. Als Kind war ich ständig hier, vor dreiunddreißig Jahren habe ich auf diesem Platz mein allererstes Fußballspiel gesehen. Ich weiß nicht mehr, wer damals der Gegner der Wildsauelf war, aber ich kann mich an das Gebrüll erinnern, die Flüche, den Jubel. An das Geländer, an dem ich meine Überschläge übte. Ich erinnere mich an den Nachmittag, an dem mir mein ansonsten schweigsamer Großvater erklärte, wie die Wildsauelf zu ihrem Namen gekommen war, manchmal redete er Sauerländer Platt: Für ein Vorbereitungsspiel war 1951 der deutsche Vizemeister Preußen Münster mit seinem legendären 100 000 Mark Sturm ins Sauerland gekommen, man hatte ihnen eine Wildsau als Lohn versprochen. Aber als das Spiel begann, sei weit und breit keine Sau in Sicht gewesen. Also seien die Ersatzspieler auf die Jagd gegangen und hätten tatsächlich ein Schwein gefangen und zubereitet: Wildschweinbraten mit Adi Preißler und Fiffi Gerritzen!

Pilsken dazu, fertig war die Legende. Seitdem ist die Wildsau das Wappentier und der Ascheplatz die Wildsaukampfbahn. René Kotthoff ist ein wortkarger und freundlicher Sauerländer mit angemessenem Händedruck, Dreitagebart und Parka, früher Spieler, dann Trainer der Wildsauelf, jetzt ist er Organisator. Es gibt hier nicht viel zu sehen, das sehen wir beide, aber ich höre Kotthoff gern zu, wenn er über die Asche philosophiert, über ihr Wesen und die Spielkultur, die auf Plätzen wie diesem herrscht. Der staubige Platz, die aufgeschürften Knie, die leuchtenden Geschichten. Wir trinken einen Glühwein und essen Bockwurst mit Senf, dazu dreieckige Toastbrotscheiben. Kotthoff zeigt mir die Fläche, wo ein Kunstrasenplatz gebaut werden soll, nur Kleinfeld zwar, aber wichtig, um den Nachwuchs für Fußball zu begeistern. "Anders geht das heute nicht mehr", sagt er, Kinder würden lieber auf Rasen spielen.

Der Fußballverein Remblinghausen im Gruppenfoto.
Aaron Moser
Fußballverein Remblinghausen
NRW ist das Herzland des deutschen Fußballs, der Fußball hier hat viele Gesichter. Im Westen gibt es Hunderte Dörfer wie Remblinghausen, und nirgendwo sonst gibt es eine höhere Vereinsdichte, nirgendwo sonst wird so viel Fußball gespielt, nirgendwo sonst ist das Spiel derart mit Bedeutung und Identität aufgeladen wie in den Dörfern, Städtchen und Stadtteilen zwischen Remblinghausen und Aachen. Nirgendwo sonst gibt es eine solche Dichte an Profiklubs, allein sechs in der Bundesliga. "Fußball im Westen? Wo fängt man da an?", habe ich meinen Vater gefragt. "Dortmund? Bochum? Leverkusen?" – "Bei uns", hat er gesagt. An einem Freitagabend spielt der VfL Bochum gegen den FC St. Pauli. Zweite Liga, Kellerduell. Der Himmel über den Wohnhäusern an der Castroper Straße strahlt flutlichtblau.

Fußball: Ablenkung und Selbstvergewisserung

Die Paulianer und Bochumer ziehen einvernehmlich krakeelend zum Ruhrstadion, das jetzt  "rewirpower STADION" heißt. Büchsenbier und Schals und wehende Fahnen, ein Anwohner hat seinen Gartenzaun in VfLBlauWeiß gestrichen. Die Polizei steht vor dem Stadion und raucht. In der Luft liegt der Duft von Bratwurst und Bier. Heute war kein guter Tag für Bochum, heute ist im OpelWerk der letzte Wagen vom Band gelaufen. Das Spiel ist Ablenkung und Selbstvergewisserung. Im Westen gibt es viele solcher Städte, Bochum hat immerhin eine Universität und ein paar Theater, aber seit Jahrzehnten setzt das Verschwinden der Industrie der Stadt zu, sie schleppt sich durch den Strukturwandel. Und jetzt geht auch noch Opel weg.

In den Katakomben des Stadions treffe ich Frank Goosen, den Kabarettisten und Romanschriftsteller, der mittlerweile im Aufsichtsrat des VfL sitzt und die Geschicke des Vereins lenkt. Goosen stammt aus Bochum, er hat sein ganzes Leben mit Ruhrgebietsfußball verbracht, ihm steckt die Region in den Knochen. "Woanders is’ auch scheiße", sagt Goosen und grinst und hat damit eigentlich schon das meiste gesagt: Im Westen wird gelacht, auch über sich selbst, auch wenn es wenig zu lachen und keinen Ausweg gibt. Man begegnet dem Leben hier mit einer bodenständigen Selbstironie.

Fußball ist hier ein einziges, großes Trotzdem. Goosen führt mich durch das Stadion, eine kleine, aber nahezu perfekte Fußballarena: laut und eng, 29 299 Zuschauer auf steilen Tribünen bis direkt an den Spielfeldrand. Überall hängen Werbetafeln von mittelgroßen und kleinen Sponsoren aus der Region, das Stadionbier kommt aus Bochum, der Slogan des Vereins ist: "Mein Revier ist hier." Vor dem Spiel wird Herbert Grönemeyers "Bochum" gespielt, und Bochum singt mit. Frank Goosen nickt und grüßt sich durchs Stadion. Wir wechseln ein paar Worte mit dem Intendanten des Schauspielhauses, mit dem Fanbeauftragten des VfL, mit Edelfan OstkurvenMatthes, mit Trikotsammlern, Sponsoren und Journalisten. "Bochumer Freude ist Vorfreude", witzelt eine junge Frau am Bierstand. "Nach dem Spiel ist meistens Essig."

Für den FC Fatih Türkgücü Meschede ist Fußball eine Familienangelegenheit.
Aaron Moser
Für den FC Fatih Türkgücü Meschede ist Fußball eine Familienangelegenheit
Bei Anpfiff sitzen Goosens Söhne mit ihrem Vater auf der Tribüne und fachsimpeln. Schnell geht St.Pauli in Führung, die Goosens schimpfen und granteln, dann fällt der Ausgleich. Die zweite Halbzeit sehe ich auf der Gegentribüne mit meinem Vater, der hier immer noch gern hingeht.  Bochum ist sein Verein, er hat schon oft hier gesessen und den Bochumern beim Meckern zugehört. Dreimal geht die Gastmannschaft in Führung, dreimal gleicht Bochum umgehend aus. Das Spiel endet unentschieden, 3:3, ein groß artiger Fußballabend mit Plastikbecherbier, Toren und einer Portion Nostalgie. Auf dem Rückweg fahren wir am Opel-Werk vorbei, die Lichter leuchten noch, flutlichtblau.

Ruhrpott, Ruhrpott
Durch unsere Familie ziehen sich krumme und schiefe Linien. Mein schweigsamer Großvater war Maurer, sang im Männerchor und ging zu den Spielen der Wildsauelf. Vor allem aber war er Fan des FC Schalke 04, wie wahrscheinlich die meisten Sauerländer. Schalke galt und gilt immer noch als Verein der Arbeiter. Kurz vor seinem Tod, längst gebrechlich und dement, steckte er mir im Wildsau-Vereinsheim einen Flaschenöffner mit angerosteten Veltins-Schriftzug zu, als wäre es ein wertvoller Schatz, "Ein Prost auf Schalke", nickte er und schlug mir mit seiner ehemaligen Maurerpranke auf die Schulter. Mein Vater hatte das Dorf vor fast fünfzig Jahren verlassen, um Jura zu studieren und Richter zu werden, Sympathisant des VfL Bochum war er damals schon, vielleicht eine kleine Rebellion. Ich habe den Flaschenöffner meines Großvaters immer noch, obwohl ich schon als Jugendlicher mit dem Fahrrad zum Dortmunder Westfalenstadion gefahren bin. Und meine Frau habe ich in der Nacht kennengelernt, als Borussia Dortmund die Champions League gewann, im Sommer 1997. Mein Vater hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass ich Dortmunder geworden bin, aber mein blau-weißer Großvater würde sich im Grab umdrehen.

Fußball versöhnt eine ganze Region

In jenem Sommer 1997 holte der FC Schalke 04 den UEFA-Pokal. Euphorisch besangen wir den "Ruhrpott, Ruhrpott". Im Ruhrgebiet gab es Proteste gegen die Reduzierung der Bergbau Subventionen durch die Bundesregierung, der fußballerische Erfolg schien die getretene Region und ihre Fußballfans zu versöhnen. Als ich jetzt mit dem Regionalzug nach Gelsenkirchen fahre, um  Schalke 04 gegen 1. FC Köln spielen zu sehen, ist von gemeinsamer Euphorie nicht mehr viel übrig. Im Ruhrgebiet werden Rivalitäten am sichtbarsten, wenn man mit Bus und Bahn zum Fußball fährt. Hier liegt alles dicht beieinander, Freund und Feind, Gut und Böse, Dortmund und Schalke. Auf dem Weg nach Gelsenkirchen steigt man in Bochum-Wattenscheid um. Ein blau-weißer Vater mit blau-weißen Kindern fragt mich nach dem Weg. Auch zum Stadion? Wir fragen uns gemeinsam durch. Maik spendiert mir ein Bier an einer Trinkhalle, so nennt man hier die Kioske. Er möge kein Veltins, sagt er, obwohl das Schalkes Hauptsponsor sei. Ich trinke eins auf meinen Großvater.

Autor Thomas Platzinger hat mehrere Fußballvereine in NRW besucht.
Aaron Moser
Autor Thomas Platzinger hat eine Reise in das Zentrum des Fußballs gemacht
Die 102 zum Stadion trägt Schalke-Trikots, sie platzt aus allen Nähten: Anderbrügge, Thon, Raúl. Alle da. Die wenigen Kölner, die mitfahren wollen, werden kurzerhand vor die Tür gesetzt. Rangeleien, in aller Freundschaft. Mein Dortmunder Herz schlägt unter einer blauen Winterjacke, ich will heute neutral sein. Maik ahnt nicht, dass ich eine Zecke bin. So nennt man hier die Dortmunder. Er kommt aus Recklinghausen und bringt seine Kinder ins Stadion, seit sie alt genug sind. Damit sie nicht auf der Straße landen. Schalke ist sein Leben, also soll es auch ihres sein. Seine Tochter (15) werde Verkäuferin, sagt Maik. Was sein Sohn (11) werde, wisse er noch nicht. Für ein Studium seien beide wohl zu blöd. Er sagt das tatsächlich so, es ist gar nicht böse gemeint. Seine Kinder nicken. Euphorischer Gesang, als die Straßenbahn am Stadion ankommt.

Von allen Klubs im Westen ist der FC Schalke 04 der widersprüchlichste. Das alte Parkstadion steht leer, die Veltins-Arena ist eine Oase in der Ödnis, ein Hightech-Bau in einer ramponierten Stadt. Drei der vier Seiten des Stadions sind nach Großsponsoren benannt, eine russische Erdgasfirma, ein Versicherungskonzern, eine Riesenbrauerei, und trotzdem ist die Bergbau- und Arbeiter-Tradition allgegenwärtig. Überall stilisierte Hochöfen, Fördertürme, Bergmannshämmer. "Schalke 04. Wir leben dich." Der Spielertunnel ist hier ein dunkler Pappmaché-Stollen, vor dem Spiel wird gemeinsam das Steigerlied gesungen, und eine Spendenaktion für kranke Kinder heißt hier "Kohle verschenken". Wenn er Spielerwechsel meint, sagt der Stadionsprecher "Schichtwechsel". Maik erklärt mir stolz, dass sich das Dach der Arena schließen lässt und wie genau das funktioniert, dann verabschiedet er sich mit einem "Glück auf!" Richtung Unterrang.

Als dann aber die Hymnen gesungen sind und die Mannschaften das Spielfeld betreten, als dann der Schiedsrichter anpfeift, findet auch auf Schalke der Fußball zu sich selbst. Selbst auf den Presseplätzen wird gejubelt und geflucht. Schalke ist lange die spielbestimmende Mannschaft, aber in der zweiten Halbzeit kontert Köln, schießt zwei schnelle Tore und gewinnt. Für Schalke gibt es nicht viel zu feiern, aber als die Nachricht der zeitgleichen Niederlage der Dortmunder Borussia auf dem riesigen Videowürfel eingeblendet wird, brandet großer Jubel auf. Schadenfreude ist auf Schalke die schönste Freude, zumindest hat man nicht allein verloren.

Mein Großvater hat nie einen Videowürfel gesehen, aber er hätte sich trotzdem gefreut. Weiter, weiter, Wildsauelf. In Remblinghausen klingt das Klacken der Stollenschuhe auf den Pflastersteinen immer noch genau wie in meiner Erinnerung. Die Spieler kommen aus der Kabine, die Spielerfrauen
küssen ihre Jungs, die Alten nicken ihnen zu. Meschede kommt äußerst siegessicher aus der Kabine, man kennt sich, man nickt sich zu. Das Spiel bleibt lange offen, die Türken drücken, die Wildsauelf wehrt sich, aber irgendwann geht Türkgücü per Sonntagsschuss von halbrechts in Führung, 0:1. In der zweiten Halbzeit dann das 0:2. Die Tore fallen am anderen Ende des Platzes, beim 0:3 springt das fleckige Flutlicht an. Blaue Stunde, jemand holt noch eine Runde Bier, und die Wildsauelf macht das 1:3 per Elfer. Kurz vor Schluss wird unsere Nummer 4 direkt vor unserer Nase umgesenst, seine Knie sind aufgeschürft, seine Nase steht schief und blutet. "Weiter geht’s, Junge", ruft jemand, als Nummer 4 zur Kabine humpelt. "Wird schon", sagt ein anderer. Weiter, weiter, Wildsauelf.

Der Platz hat viele Spiele gesehen, Spieler, Spielersöhne und Spielerenkel

Nach dem Abpfiff lehnen mein Vater und ich noch ein wenig am Geländer, die Alten neben uns erzählen ihre Geschichten: Wie sie damals in die Bezirksliga aufgestiegen seien, auswärts gegen Eslohe, Elfer in der letzten Minute, und Königs Willy macht ihn. Weißte noch? Sicher. Oder die
Saison 84/85! Die Gurkenjahre davor. Wer gestorben ist, wer nicht mehr kommt, wer wen heiraten wird. Dieser Platz hat viele Spiele gesehen, viele Spieler, Spielersöhne und Spielerenkel. Was zählt, ist auf dem Platz, sagt man hier. Auf meinem Telefon habe ich eine App, die mir ständig anzeigt, wie viele Kilometer ich vom Dortmunder Westfalenstadion entfernt bin. 424 Kilometer in Berlin, 6061 in New York, 62 in Remblinghausen. Das Stadion heißt heute Signal Iduna Park und ist das beste Stadion der Welt. Es ist riesig, bei Bundesligaspielen passen 80 667 Zuschauer hinein, davon allein 25 000 auf die Südtribüne, die gelbe Wand. Die Wand ist steil, wild und irrational treu, auch in schlechten Zeiten ist sie ausverkauft. Die Wand steht eng, schreit laut, liebt hitzig. Ich erinnere mich an große und nicht so große Spiele, ich erinnere mich an die miserablen Jahre.

Es gibt in NRW viele Fußballvereine.
Aaron Moser
NRW ist Herzland des Fußballs
Heute spielt Borussia gegen Anderlecht. Champions League. Die Belgier kommen in Lila und Weiß, vor dem Stadion werden sie von Schwarz und Gelb verschluckt. Die Pylonen des Stadions ragen gelb in den Nachthimmel, der nagelneue, riesige Fanshop liegt daneben wie ein Raumschiff. Auch in Dortmund gibt es einen allgegenwärtigen Slogan, ein elektronisches Bezahlsystem, Pfandbecher und eine schwarz-gelbe Merchandise-Lawine mitsamt Gummienten und Strampelanzügen. Nichtsdestotrotz hat man in Dortmund noch das Gefühl von Balance zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen Seele und Kommerz. Ich probiere eine "Pöhler"-Mütze auf, wie BVB-Meistertrainer Jürgen Klopp sie trägt, aber entscheide mich dann für einen Schal. Ein Pöhler sei jemand, der ausreizt, was er könne, hat Klopp dem Sportjournalisten Christoph Biermann einmal gesagt. Der Malocherfußball ist die Dortmunder Spielidee, aber wie diese Idee in Dortmund modernisiert, vermarktet und vom Publikum angenommen wird, ist erstaunlich.

"Echte Liebe", steht überall. Was woanders erfunden und inszeniert wirkt, strahlt in Dortmund eine eigentümliche Kraft aus, und wenn es nicht so kitschig wäre, würde ich sie "authentisch" nennen. Ich sitze gerührt zwischen Dauerkartenbesitzern und starre andächtig auf die wehenden Fahnen der Südtribüne, ich summe "You Never Walk Alone" mit und "Am Borsigplatz geboren". Um mich herum wird gekrittelt, gefeiert, gelobt. Das Spiel selbst ist längst nicht so spektakulär wie die Atmosphäre. Dortmund geht in Führung, kassiert aber kurz vor Schluss noch unnötig den Ausgleich. Auf dem  Rückweg halten wir am Borsigplatz. Hier, im "Wildschütz", ist Borussia Dortmund 1909 gegründet worden, heute ist das Lokal eine ramponierte Pommesbude.

Noch eine Currywurst, noch ein Bier auf den BVB, dann endet meine Reise in das Zentrum des Fußballs. Bundesliga, Zweite Liga, Kreisliga A West. Fußball ist im Westen so rau wie die Plätze und so roh wie die Knie, strahlend wie Flutlicht, leuchtend wie die Meisterschale. Der Fußball ist hier wie das Leben, manchmal klein und dreckig, manchmal groß und schön. Hier trägt man die Asche unter der Haut und die Wappen über den Herzen.

Infos zu den Fußballvereinen in NRW:

In Nordrhein-Westfalen gibt es etwa 4850 Fußballvereine, die im "Westdeutschen Fußball- und Leichtathletikverband" organisiert sind. Sie haben rund 1,5 Millionen Mitglieder – etwa jeder zehnte Einwohner von NRW ist Mitglied eines Fußballvereins. Hinzu kommen noch Freizeit-, Kneipen- und Betriebsmannschaften. 14 Vereine spielen im bezahlten Fusball: Bundesliga 1. FC Köln, Bayer 04 Leverkusen, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, FC Schalke 04, SC Paderborn 07, Zweite Liga Fortuna Düsseldorf, VfL Bochum Dritte Liga: Arminia Bielefeld, Borussia Dortmund U23,
Fortuna Köln, MSV Duisburg, Preußen Münster In der ewigen Tabelle der Bundesliga sind alle Vereine vertreten, die seit 1963 in der obersten Spielklasse aktiv waren und sind. Mittlerweile umfasst die Liste 52 Klubs,17 davon, ein knappes Drittel, kommen aus NRW. Zum Vergleich: acht aus
Baden-Württemberg, gar keiner aus Schleswig-Holstein.

Die höchsten Siege der Bundesligageschichte fanden in NRW statt, auch die Unterlegenen kamen alle von hier:
Borussia Mönchengladbach – Borussia Dortmund 12:0 (1978)
Borussia Mönchengladbach – FC Schalke04 11:0 (1967)
Borussia Dortmund – Arminia Bielefeld 11:1 (1982).
Die meisten Besucher kommen zu den Heimspielen von Borussia Dortmund: Mit 80667 Zuschauern ist die Arena voll. Rekordaufsteiger ist Arminia Bielefeld (gemeinsam mit dem 1.FC Nürnberg): Sieben Mal stiegen sie in die Bundesliga auf – und wieder in die Zweite Liga ab. Der weiteste Torschuss gelang Moritz Stoppelkamp 2014 für SC Paderborn 07: Er traf aus 82 Metern ins gegnerische Tor. Die ältesten Spieler der Profiliga spielten in NRW: Klaus Fichtel (FC Schalke 04) mit 43 Jahren, Uli Stein (Arminia Bielefeld) mit 42 Jahren. Auch die jüngsten Spieler in der Ersten Liga hatten ihr Debüt in NRW: Nuri S¸ahin (Borussia Dortmund), 16 Jahre und 335Tage; Ibrahim Tanko (Borussia Dortmund), 17 Jahre und 61 Tage.

Autor

Thomas Pletzinger

Ausgabe

Nordrhein-Westfalen 03/2015