München-Haidhausen Ausflug in die Ruhezone

Wenn man eine Stadt mit einem Dorf kreuzen würde, käme Haidhausen heraus. Hier gibt es Radieschen-Smoothies und ein Sushi-Gasthaus, Künstler-WGs und nette Nachbarn. Ein Platz zum Runterschalten.
Backstube in der Lothringer Straße

Die Japanerin Hinako Obori steht vor einem Holzregal mit dicken Krustenbrot-Laiben und fühlt sich angekommen. Hier, in der Lothringer Straße, die vom Weißenburger Platz südostwärts durch Haidhausen führt, hat sie den richtigen Ort gefunden, um sich niederzulassen. "In diesem Viertel ist vieles selbstgemacht", sagt sie. "Es gibt kleine Läden, die Menschen sind zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Haidhausen ist wie ein Dorf, aber modern."

Von Nagoya, einer Millionenstadt zwischen Tokio und Osaka, sind sie und ihr Mann vor Jahren aufgebrochen, um in Deutschland zu lernen - er das Bäcker-, sie das Konditoren-Handwerk. Über Hamburg, Berlin und den Schwarzwald kamen sie hierher, eröffneten den Laden mit Backstube. Und lieferten den Haidhausern damit einen Grund mehr, ihr Viertel kaum zu verlassen. Ein Mann im Anzug spaziert herein, es ist Feierabendzeit, klemmt sich einen der duftenden Laibe unter den Arm, bezahlt, geht nach Hause.

Nach Haidhausen kommen, das ist wie Großstadt runterdimmen und trotzdem mittendrin sein. Die ehemalige Vorstadt auf einer Anhöhe oberhalb der Isar ist wundersam stressfrei lebendig. Man läuft durch die Straßen, und wenn gerade keine Tram vorbeiruckelt, hört man das Surren der Fahrradreifen auf dem meist glatten Straßenbelag; der Klang der Schritte hallt von den pastellfarbenen Fassaden wider. Viele Läden sind Manufakturen, für Kunst, für Porzellan, für Schmuck oder wie das "Obori" für Törtchen und Brote. Kaum ein Viertel, das so viele Plätze für Gemütlichkeit bietet - den Wiener Platz mit seinen Ständen, den Johannisplatz mit der von Weitem sichtbaren Backsteinkirche, den Weißenburger Platz mit seinen Blumenbeeten um den mehrstöckigen Glaspalast-Brunnen. Kaum ein Viertel, wo so viele Fenstersimse begrünt sind, wo es in so vielen Baumkronen raschelt. An jeder zweiten Ecke möchte man sich hinsetzen - etwa ganz hinten am Ende der Preysingstraße, da dürfen Autos nur Schritttempo fahren.

Haidhausen-Museum
Christina Körte
Ein kleines Häuschen in der Kirchenstraße hält die Erinnerung an frühere Zeoten wach.
Trotzdem ist das mit dem Ankommen hier so eine Sache. Denn es wird viel angekommen in Haidhausen - verdammt viel, finden Menschen wie Hermann Wilhelm. Zu ihm gehen die Neu-Haidhauser, wenn sie zu spüren beginnen, dass hinter den Pastellwänden und unter dem Straßenbelag eine bewegte Stadtteil-Geschichte immer tiefer ins Verborgene rutscht. "Die wollen irgendwann wissen, wo sie eigentlich gelandet sind", sagt Wilhelm, ein Herr mit grauem Haarkranz und Bart, der seit nunmehr fast vier Jahrzehnten Haidhausens Geschichte hütet - von der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 808 über die Eingemeindung nach München 1854 bis jetzt. Wilhelm hat das Haidhausen-Museum gegründet, in einem der kleinsten Häuschen in der Kirchenstraße, in dem einst eine Bäckerei war. Seine persönliche Haidhausen-Geschichte spielt vor allem in den 1970er Jahren. "Als ich 30 war, war das hier der spannendste Teil von München", erzählt er. "1970 fühlte sich Haidhausen noch wie Vorstadt an, drei Jahre später wurde es plötzlich das neue Schwabing, da kamen die WGs und die Kulturszene."

Eis, Kaffee und gesunde Radieschen-Smoothies

Es kamen aber auch die Glattmacher, Haidhausen wurde Modell-Sanierungsgebiet. "Sozial orientierte Sanierung" ordnete der Stadtrat an. Der Künstler Hermann Wilhelm und andere fragten sich, wie die Sozialstruktur des Viertels denn überhaupt aussehe. Aus ihren Recherchen wurde eine Ausstellung, aus der Ausstellung das Museum. Und Wilhelm begann, sich politisch zu engagieren: Seit Jahrzehnten sitzt er für die SPD im Bezirksausschuss. Das Besondere an Haidhausen sind für ihn nicht die hübschen Ecken: "Ich bin kein Nostalgiker. Ich mag den Max-Weber-Platz, das ist ein städtischer Platz, der explodiert. Da kommt manchmal alles auf einmal, die Straßenbahn, die U-Bahn, der Bus - und der Hubschrauber zum Klinikum rechts der Isar."

Vom Max-Weber-Platz sind es nur wenige Schritte bis zum wieder sehr dörflichen Wiener Platz mit seinen Ständen, in denen Eis, Kaffee und gesunde Radieschen-Smoothies verkauft werden. Hier ließen die Glattmacher holprige Pflastersteine liegen und ein paar alte Herbergshäuser stehen. Die "Herbergen" waren Vorgänger der heutigen Eigentumswohnungen, in jedem Haus waren vier oder fünf von ihnen, die jeweils einen eigenen Auf- und Eingang hatten. Daher sehen diese alten Häuser nett verschachtelt aus.

Wilhelm könnte allein von den alten Herbergen tagelang erzählen, er spricht gern in der Vergangenheit. So wie der Ferdl. Der heißt im Pass Ferdinand Schuster, war mal an der Kunstakademie, davor hat er eine Metzgerlehre gemacht, danach bemalte er in Nymphenburg Porzellan, und dann schenkte auch er Haidhausen eine Institution. In den 1990er Jahren eröffnete er das "Nomiya", auch bekannt als "bayerischer Japaner", eine Gaststätte, in der es zum Sushi Bier aus dem Steinkrug gibt. Ferdl sitzt hinter einem Krug an einem seiner Tische auf dem Gehsteig und guckt nachdenklich auf das Haidhausen von heute. Dann hellt sich sein Blick auf, er winkt einem Paar mit Kind und sagt: "Is scho noch a reizende Nachbarschaft. Koa Touristenviertel." Pause. "Muttihausen." Die vielen Neuankömmlinge haben das Viertel verjüngt, und die Verjüngung potenziert sich - so viele Kinderwagen und Babybäuche wie hier sind selten.

Dass mit den Alteingesessenen etwas verloren geht, dass die dörfliche Gemächlichkeit hier nicht mehr ganz selbstverständlich ist, davon zeugen die Schaufenster, die nicht zu Manufakturen oder Cafés gehören - die vielen Geschäfte für Esoterik-Literatur, die vielen Yoga-Angebote, die vielen Läden mit Heilkräutern und mit Bedeutung aufgeladenen Steinen. "Selbst die Makler reden hier von Liebe und Karma", sagt der Ferdl. "Und erhöhen dann gleich mal die Miete."

Autor

Tinka Dippel

Ausgabe

München 09/2013