Deutschland Friesische Vielfalt

Wer zum Autozug nach Sylt will oder mit der Fähre nach Föhr, der kennt die Strecke. Diese Landstraße zwischen Husum und Niebüll durch die nordfriesische Marsch: Tankstellen, Discounter, ein paar Backsteinhäuser; ein weiter Blick über die Salzwiesen - aber wenig Friesencharme. Nur die Hinweisschilder am Straßenrand klingen verheißungsvoll. Sie zeigen den Weg zu den Kögen, zur Hamburger Hallig oder zu den Badestellen an der Küste. Auf einem der Wegweiser steht Bohmstedt. In diesem Dorf soll es beginnen, das Nordfriesland-Hopping.

"Fragen Sie ruhig: Wer kommt schon in dieses Kuhdorf?", sagt Marten Paulsen zur Begrüßung und lacht. In den Strandkörben auf der Terrasse sitzen erstaunlich viele Gäste, ein paar Fahrradfahrer machen ebenfalls Rast. Paulsens Landhotel war ursprünglich ein typisch norddeutscher Dorfgasthof mit Festsaal - seit sechs Generationen im Familienbesitz. "Aber irgendwann wollte ich das so nicht mehr weiterführen." Wer könnte Lust haben, hier ein paar Urlaubstage zu verbringen, überlegte er sich. Zwischen Schafen und unter raschelnden Eichenblättern, zwar nah an der Nordsee, aber doch nicht mal eben zu Fuß zu erreichen. Vielleicht Ruhesuchende und Radfahrer? Oder Menschen, die gern Ausflüge machen und gut essen wollen?

Paulsen, gelernter Koch und Kaufmann, richtet seinen Gasthof im frischen Landhaus-Stil ein und baute noch ein Gästehaus im skandinavischen Design an. Er selbst nahm die Kochschürze ab und stellte ein junges Team ein. Das Ergebnis ist erstaunlich. Ob Lammbratwurst mit Speckkartoffeln, auf der Haut gebratener Kabeljau mit Frühlingsgemüse, Spargel-Flusskrebs-Salat auf jungem Spinat oder Schokotarte mit Erdbeeren: Jedes Gericht beweist, dass klassische norddeutsche Küche auch leicht und fein sein kann. "Wir kochen sehr regional", sagt Marten Paulsen. "Das Fleisch beziehen wir vom hiesigen Schlachter, das Gemüse von Bauern aus Schleswig-Holstein." Und während man in gemütlichen Korbsesseln sitzt und isst, grüßt draußen vor den Panoramascheiben die Landidylle. Die großen Eichen ringsum wiegen sich im Wind, ein Traktor fährt vorbei und - tatsächlich wahr - zwei Mädchen führen ihre Schafe an der Leine "spazieren".

Mit dem Fahrrad an die sieben Kilometer entfernte Nordseeküste radeln

Was kann man also alles machen im Kuh-, pardon, Schafdorf? Zum Beispiel die Hotelfahrräder nutzen und an die sieben Kilometer entfernte Nordseeküste radeln. Die eingedeichten Köge zeigen, wie die Menschen hier seit Jahrhunderten gegen die Kraft der Nordseewellen kämpfen und Land zurückgewinnen, aber der Natur auch genug Spielraum lassen. Der Beltringharder Koog, eine der größten Deichbaumaßnahmen Deutschlands, ist heute ein unbewohntes Salzwasserbiotop. Wer sich dagegen an Storms berühmte Novelle "Der Schimmelreiter" erinnert fühlen möchte, ist in Husum richtig. Die Hafenstadt und das Theodor-Storm-Haus sind mit dem Auto schnell zu erreichen. "Viele Gäste fahren aber auch die kurze Strecke nach Schleswig an die Ostsee. Wir sind ja hier zwischen den Meeren", sagt Marten Paulsen.

Hallig Langeneß in der Nordsee.
Bettina Laude
Immer geradeaus: die "Hauptstraße" auf Langeneß.
Richtig hinein ins Wattenmeer führt die nächste Station des Nordfriesland-Hoppings. Es geht mit der Fähre auf die Hallig Langeneß. Eine Hallig, das ist etwas völlig anderes als eine Insel. Inseln wie Amrum oder Föhr, deren Küsten und Leuchtfeuer einige der etwa 100 Halligbewohner von ihrem Wohnzimmerfenstern aus sehen können, werden nicht überflutet. Sie sind nicht so flach wie eine Hallig und sie haben Deiche. Dort gibt es Dörfer, Ampeln, Straßenlaternen, einen Linienbus - auf einer Hallig nicht. Langeneß steht circa 20 mal pro Jahr unter Wasser. Das nennt man Landunter. Damit die Häuser nicht jedes Mal volllaufen oder zerstört werden, sind die Halligbewohner schon vor Jahrhunderten auf die Idee gekommen, ihre Häuser auf sogenannte Warften zu bauen - etwa fünf Meter hohe, aufgeschüttete Erdhügel. Auf einem stehen meist zwei bis vier Häuser. Die Schule, die Kirche, der Kindergarten, der kleine Laden, alles ist in diesen Warfthäusern untergebracht. Zwischen den 18 Hügeln gibt es außer Salzwiesen, ein paar Kühen und atemberaubender Weite - nichts.

Bis vor wenigen Jahren kamen nur ein paar Natur-Enthusiasten nach Langeneß. Das ist anders, seitdem Malte und Virginia Karau ein Hotel eröffnet haben. Ihr "Anker's Hörn" ist das erste Vier-Sterne-Hotel auf einer Hallig. Es war nicht einfach für das junge Paar mit drei kleinen Kindern, ihren Traum zu verwirklichen. "Ein Hotel auf einer Hallig, und dann noch das ganze Jahr geöffnet, sind Sie verrückt?", sagten die Banker zu Malte Karau, als er einen Kredit aufnehmen wollte.

Die Mayenswarft auf der Hallig Langeneß.
Bettina Laude
Die Mayenswarft auf der Hallig Langeneß.
Er kaufte das Rotklinkerhaus auf der Mayenswarft trotzdem, auch ohne Kredit. Denn es war genau das, was er und seine Frau gesucht hatten für ihre kleine, kuschelige Unterkunft. Keine 100 Meter von der Nordsee entfernt und mit direktem Blick auf Amrum und Föhr. Wo man Ebbe und Flut von jedem Fenster aus beobachten kann, sogar aus der Sauna; wo das Watt vor der Haustür beginnt und man nicht näher dran sein kann an dem, was den eigenwilligen Zauber der Halligen ausmacht.

Totale Abgeschiedenheit und friesisch-frischer Wohlfühl-Atmosphäre

Heute kommen Leute nach Langeneß, die man sonst eher auf Sylt, Ibiza oder in Indien trifft. Geschäftsleute, die mal so richtig abschalten wollen, gestresste Städter, junge Reisende. Denn das "Anker's Hörn" bietet eine Mischung aus totaler Abgeschiedenheit und friesisch-frischer Wohlfühl-Atmosphäre. Dafür sorgen Details wie alte Petroleumlampen, weiß-blaue Wandkacheln mit Langeneß-Motiven und Türschilder aus Treibholz. Auf ihnen stehen die Namen versunkener Halligen.

Bettina Laude
Hier fühlt man sich zuhause - im "Mein Inselhotel" auf Amrum.
Die letzte Station des Nordfriesland-Hoppings ist das, was sich die meisten unter einer Nordsee-Insel vorstellen: Strand, Dünen, rot-weiß geringelter Leuchtturm. Auf Amrum scheint die Zeit ein wenig stehen geblieben zu sein. Es gibt keine großen Hotelanlagen, keine schicken Strandbars und viele Restaurants sehen genauso aus wie vor 30 Jahren. Im Haus von Gunnar und Kerstin Jöns in Norddorf sah es auch lange so aus, wie Gunnars Vater es in den 1970ern eingerichtet hatte. Doch das lief irgendwann nicht mehr. 2008 stand das Paar kurz vor dem Aus. "Wir haben dann einfach alles auf eine Karte gesetzt", sagt Kerstin Jöns. Sie muss noch immer schlucken, wenn sie daran denkt. Ein neuer Name, ein neues Konzept, eine ganze neue Linie. Während einer Autofahrt kam Gunnar auf den Namen "Mein Inselhotel". Und Kerstin Jöns wusste, wie sie jedes Zimmer neu gestalten wollte: mit Naturthemen in einem lässigen Strandhaus-Design.

Schaut man sich heute die 15 Zimmer an, glaubt man, hier sei eine versierte Inneneinrichterin am Werk gewesen. Stimmt aber nicht, Kerstin Jöns hat alles selbst gemacht. Die Zimmer heißen "Hortensienblau", "Strandrosenrot" oder "Dünengrasgrün" - und spiegeln die Farben der Insel wieder. Doch so einladend die Zimmer auch sind, so verführerisch das Frühstück mit einer sehr guten Brot- und Brötchenauswahl vom Norddorfer Café Schult (unbedingt nachmittags zum Teetrinken dort einkehren) - irgendwann muss man doch mal hinaus - durch das gemütliche Norddorf bummeln oder mit dem eigenen Fahrrad an den Kniepsand radeln. Schon allein um einen guten Picknickplatz zu finden, an dem man Kerstin Jöns leckere und liebevoll verpackte Insel-Sandwiches verspeisen kann.

Am besten geht das im Strandkorb. Denn selbst im Sommer kann der Wind so stark über den kilometerlangen Strand pusten, dass die feinen Sandkörner an den nackten Waden "kniepen". "Menschen, die ganz schnell ganz viel erleben wollen, die kommen hier nicht her. Davor schützt die zweistündige Fährfahrt", sagt Kerstin Jöns. "Doch die verpassen etwas. Denn Norddorf ist für mich der schönste Platz auf der ganzen Welt", ergänzt ihr Mann. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Autor

Bettina Laude