WWOOF Farmarbeit für Kost und Logis

Kurz nach Sonnenaufgang Ziegen melken, nach dem Frühstück Käse ansetzen und Brot backen, dann im Garten ein Hochbeet anlegen, eine Picknickpause am Fluss und dann noch ein paar Bretter für die neue Scheune sägen und den Hühnerstall ausmisten - schon der Gedanke an so einen Tagesablauf ist vielen zu anstrengend, für Xaver Wagner kann so der perfekte Urlaubstag aussehen. "Ich liebe es, mitten in der Natur zu sein, mit den Händen zu arbeiten und mich um Tiere zu kümmern", sagt der 31-Jährige, der schon in Irland und Schweden auf mehreren Höfen geholfen hat. "Auf einem kleinen Ziegenhof in Nordschweden hat es mir so gut gefallen, dass ich nicht wie erst geplant nur zehn Tage, sondern ein halbes Jahr geblieben bin. Meine Zeit als WWOOFer hat mir nicht nur unglaublich viel Spaß gemacht, sondern auch wichtige Anstöße für mein eigenes Leben gegeben", erzählt Wagner, der unterwegs zum Beispiel seine Leidenschaft für Ziegen entdeckte und bei einer Gastgeberfamilie das Konzept der Waldorfschule kennenlernte.

Heute unterrichtet der Englisch- und Französischlehrer selbst an einer Waldorfschule und hält im bayerischen Grabenstätt eine kleine Herde mit Milchziegen. "Ich empfehle WWOOF auch meinen älteren Schülern, denn ich bin überzeugt, dass es eine Bereicherung für die Persönlichkeit ist. Man lernt viele Menschen unterschiedlichen Alters, andere Kulturen und Lebenskonzepte kennen, kann unter Umständen eine Fremdsprache trainieren, hat die Möglichkeit, sich selbst in einem anderen Umfeld zu erleben und Dinge auszuprobieren, an die man sich im normalen Alltag vielleicht nie heran getraut hätte."

Eigeninitiative ist gefragt

Das Konzept von WWOOF ist denkbar einfach: Gegen Mithilfe auf einer Farm gibt es Unterkunft und Verpflegung - Familienanschluss ist oft inklusive. Spezielle Vorkenntnisse sind meist nicht nötig. Neben dem klassischen Bauernhof mit Milchkühen, Schweinen und Gemüseanbau gibt es unter anderem Höfe mit heilpädagogischem Reiten, Ecotourismus-Betriebe, Öko-Dörfer und Künstlergemeinschaften mit Selbstversorgung, Imkereien und Cafés mit angeschlossenem Obst- und Gemüsegarten. Allen gemein ist ein möglichst ökologisches Konzept. Auf vielen Höfen findet man außerdem alte Handwerkstraditionen wie Korbflechten, Töpfern und Spinnen.

Um die Kontaktdaten der WWOOF-Höfe zu bekommen, muss man zunächst einmal Mitglied im jeweiligen Landesverein werden - die Mitgliedschaft für ein Jahr kostet je nach Land etwa 20 Euro. Alles weitere organisieren die Freiwilligen selber. Wie viele Stunden am Tag man arbeiten muss und wie lange man auf einem Hof bleibt, ist eine Sache der Absprache. Die meisten Höfe erwarten aber, dass man pro Tag rund sechs Stunden hilft, pro Woche gibt es dafür in der Regel einen freien Tag. Viele Gastgeber wünschen sich einen Mindestaufenthalt von ein bis zwei Wochen, gelegentlich bleiben WWOOFer aber auch Monate oder sogar Jahre auf einem Hof.

Vom Wochenendausflug zur weltweiten Bewegung

Die Idee von WWOOF entstand in England. Sue Coppard organisierte 1971 für sich und drei Freunde aus London einen Wochenendaufenthalt auf einem biologischen Bauernhof in Sussex. Das Experiment gefiel allen Beteiligten so gut, dass sie daraus ein monatliches Ritual machten. Immer mehr Farmen im Land hörten von dem erfolgreichen Arrangement und öffneten ebenfalls ihre Tore für freiwillige Helfer - der Beginn einer weltweiten Bewegung. Heute gibt es nach Angaben der Organisation über 6000 WWOOF-Höfe in 100 Ländern, darunter auch so exotische Destinationen wie die Fidschi-Inseln, Tonga und die Mongolei. Mit der wachsenden Verbreitung änderte sich auch der Name der Organisation: Aus "Weekend Workers on Organic Farms" wurde erst "Willing Workers on Organic Farms", dann "World Wide Opportunities on Organic Farms".

Allein in Deutschland sind 280 Höfe registriert, der Verein hat hierzulande zur Zeit rund 3000 Mitglieder. "Rund die Hälfte der Mitglieder kommt aus Deutschland, die anderen überwiegend aus den USA und Kanada, Frankreich, Italien, Spanien, aber auch aus Japan und Taiwan", sagt Jan-Philipp Gutt, Vereinsvorsitzender von WWOOF-Deutschland. Selber stieß er nach dem Abitur, vor fünf Jahren, auf das WWOOF-Konzept und verbrachte einige Zeit auf Höfen in Spanien und in Deutschland. Eine Erfahrung, die sein weiteres Leben geprägt hat: Fasziniert von der Arbeit mit und auf dem Land entschied er sich für eine landwirtschaftliche Ausbildung auf einem Hof bei Nürnberg. Später möchte er gerne selber einen WWOOF-Hof betreiben.

Nette Menschen kennenlernen und spannende Dinge ausprobieren

Beweggründe für einen WWOOF-Aufenthalt gibt es viele: ein paar freie Monate zwischen Abitur und Studium füllen, das Landleben testen, Schafe scheren, Käse machen oder Imkern lernen, eine Auszeit vom Alltag nehmen, eine fremde Sprache lernen oder einfach die Reisekasse schonen. "Vor gut zehn Jahren, damals war ich 43 Jahre alt, hat es mich auf einmal nach Australien gezogen. Ich wollte ein halbes Jahr bleiben. Und da mein Budget doch recht knapp bemessen war, erschien mir WWOOF eine gute Möglichkeit, im Land herumzukommen und viele Menschen kennenzulernen", sagt die gebürtige Deutsche Maria Gabriela Thy, die auf Mallorca lebt. Bald war die Urlauberin nicht nur von den finanziellen Vorteilen des WWOOFen überzeugt. "Ich habe unglaublich nette Menschen kennengelernt und spannende Dinge ausprobiert." Unter anderem hütete Maria Gabriela Thy Schafe, half beim Anlegen eines Biogartens, putzte die Küche einer Jugendherberge, schnitt Palmen, machte Frühstück in einem Wassershiatsu-Gästecenter und unterstützte die Organisation beim Woodfordfestival.

Nur zweimal verabschiedete sie sich schneller als geplant von ihren Gastgebern: "Auf einem Olivenanbauhof in Tasmanien waren die Bäume erst 30 Zentimeter groß und es gab gar nichts zu tun. Das war mir so suspekt, dass ich nach drei Tagen weiter gezogen bin. Bei einem anderen Australier wurde schnell klar, dass er eigentlich eine Frau suchte. Das war dann auch nicht das, was ich wollte. Aber wirklich schlechte Erfahrungen habe ich nie gemacht. Meine WWOOF-Monate in Australien gehören mit zu den besten Zeiten meines Lebens."

Offene Fragen klären - Konflikte vermeiden

Nicht immer verlaufen WWOOF-Aufenthalte jedoch konfliktfrei. Die Erwartungen und Einstellungen von Gastgeber und Freiwilligen können hinsichtlich von Arbeitszeiten, Aufgaben und Zusammenleben stark auseinandergehen, beide können sich ausgenutzt fühlen. Manch einer stellt fest, dass seine romantischen Vorstellungen vom Landleben und der Alltag mit Mist schaufeln, Unkraut jäten, Blasen an den Händen und Muskelkater wenig miteinander zu tun haben. Und manchmal stimmt auch die Chemie einfach nicht. Es lohnt sich deshalb für beide Seiten, offene Fragen schon im Vorfeld telefonisch oder per E-Mail abzuklären. Dazu gehören die Art der Unterkunft, die Arbeitszeiten, anfallende Aufgaben und Hausregeln wie Rauchverbot. "Auf vielen Höfen ist die Unterkunft recht rustikal, zum Beispiel im Bauwagen oder Zelt. Wer Wert auf ein eigenes Zimmer, ständig warmes Wasser und Internetzugang legt, sollte sich deshalb vorher erkundigen, ob das überhaupt möglich ist", rät Jan-Philipp Gutt.

Die Arbeitszeiten und Aufgabengebiete auf einer Farm hängen unter anderem stark von den Jahreszeiten und der Witterung ab. Als überzeugter Veganer sollte man darauf achten, nicht gerade zur Schlachtsaison auf einen Hof zu fahren. "Trotz aller Vorbereitung kann es aber passieren, dass es einfach nicht passt. Lassen sich die Differenzen nicht klären, kann der WWOOFer gehen - schließlich gibt es keinen Vertrag. Natürlich kann auch der Hofbesitzer darum bitten, dass man wieder abreist. Für so einen Fall sollte man genug Geld in der Reisekasse haben, dass man zum nächsten Hof weiter ziehen und notfalls auch mal einige Nächte in der Jugendherberge schlafen kann", so Gutt. "Soweit kommt es aber nur selten. Und stimmen die Voraussetzungen, ermöglicht WWOOF einen Austausch, von dem beide Seiten profitieren."

Diese Erfahrung hat auch Nora Bahrenberg gemacht. Die 29-Jährige ging vor zweieinhalb Jahren nach Schweden. "Ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen. Nach Monaten am Schreibtisch war mir einfach danach, draußen zu sein und anzupacken." Auf dem zweiten Hof verliebte sie sich in den Landwirt, brach ihre Zelte in Deutschland ab und wurde so bald selbst zum WWOOF-Gastgeber. "Das war am Anfang schon komisch, weil ich ja selbst noch neu in der Landwirtschaft war und viele Fragen gar nicht beantworten konnte. Aber zum Glück war ich ja nicht alleine und die Unsicherheit ging schnell vorüber."

Auf dem Hof in Värmland, auf dem es Kühe, Schafe, Hühner und einen Gemüsegarten gibt, helfen besonders in den Sommermonaten Besucher aus aller Welt. "Wir hatten in den vergangenen Jahren viele Gäste aus Amerika, Frankreich und Schweden. Ich finde es inspirierend und schön, mit wie viel Enthusiasmus die meisten an neue Aufgaben herangehen. Ich bin selbst nach wie vor mit großer Begeisterung bei der Sache, aber es macht nochmal mehr Spaß, wenn man die Arbeit mit Leuten teilt, denen es genauso geht. Außerdem ist es spannend, ständig neue Leute aus unterschiedlichen Kulturen kennenzulernen. Wer einen Hof mit Tieren hat, kann ja selber nicht mehr so oft reisen und die Welt erkunden. Da ist es schön, wenn die Welt auf den Hof kommt."

Autor

Heidi van Elderen