Osnabrücker Land Es lebe der Hof im Artland

Bauernhof im Artland

Sachte streicht Martin Hugenberg mit seinen Händen über den zehn Meter langen Holzbalken, er fühlt, forscht. Seine Hände atmen Holz. "Giebelbalken. Bestimmt schon 200 Jahre alt", sagt er und wischt etwas Laub beiseite. Unbeachtet liegt das Holz seit Jahren neben dem restaurierten Stall des Fachwerkhofes Thöle in Badbergen. Einige Sekunden lang begutachtet er den Balken, dann sagt er: "Der hat schon viel mitgemacht, ist aber noch immer gut." Er wird ihn für einen anderen Hof verwenden, ihn irgendwo im Artland neu implantieren.

Martin Hugenberg hat ein besonderes Verhältnis zu den Bauernhöfen im Artland. Er ist ihr Orthopäde, hilft dengebrechlichen Bauten, die viele Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Er stüzt, schient und saniert. Überall hat er Höfe auf Vordermann gebracht. Das Artland kennt er bis in die letzten Winkel, die Höfe, die Menschen, den fruchtbaren Boden, der die Region einst zur wohlhabenden Kornkammer des Bistums Osnabrück gemacht hat.

Diesen Boden hat Hugenberg selbst nie verlassen. Ein Hof hat ihn nicht gehen lasen. "Mit 19 Jahren hatte ich meine Tischlerlehre fertig und wollte raus in die Welt: in die Entwicklungshilfe", erzählt er. Dann blieb er doch in Bersenbrück, packte zu Hause auf dem Hof seiner Eltern mit an. Die sind heute beide fast 80 Jahre alt, die einzige Schwester arbeitet als Arzthelferin im Emsland. Hugenberg schnauft kurz. "Und so bin ich hier nie fort gekommen." Heute lebt er zusammen mit seiner Frau, den drei Teenager-Söhnen, Pferden, Hund und Katze auf dem elterlichen Hof.

Viele Menschen hier kennen das: Ein Artlandhof ist eine Lebensaufgabe. Mal geliebt wie ein eigenes Kind, mal verflucht wie eine Erbkrankheit. Sie hängen an den prachtvollen Anwesen ihrer Familien, doch deren bauliche Besonderheiten sind in der Gegenwart eine große Herausforderung - etwa die schmalen Zufahrten, die nicht genug Platz bieten für schwere, moderne Landmaschinen. Grund für die geschlossenen Ensembles aus Haupthaus und flankierenden Ställen oder Scheune ist ausgerechnet der einstige große Reichtum dieser fruchtbaren Region: Die Großbauern der vergangenen Jahrhunderte wollten ihren Wohlstand zeigen, indem sie sich beim Bau ihrer Höfe an den Burgen und Schlössern des Adels mit ihren geschlossenen Innenhöfen orientierten.

Beliebtes Wappentier auf Giebeln und Möbeln ist der Artländer Drache

Mit besonders aufwendigen Giebeln wetteiferten die Bauherren untereinander um das prunkvollste Haupthaus. Besonders beliebtes Wappentier auf Giebeln und Möbeln ist der Artländer Drache. Obwohl das Ungeheuer weder Beine noch Flügel hat, soll das "Drudemänneken" Haus und Hof schützen - und in Quakenbrück sogar die Kirche St. Sylvester. Im Artland erzählt man, dass einst der Bischof von Osnabrück anordnen musste, den Holzverbrauch pro Hausbau zu deckeln, da der Baumbestand knapp zu werden drohte. Die feinen Holzarbeiten wie Giebelschmuck und Auskragungen zu erhalten, ist heute eine Kunst für sich; eine Kunst, der sich Zimmermeister Hugenberg verschrieben hat. Arbeit gibt es genug im Artland für Spezialisten wie ihn: 216 Höfe und Hofanlagen stehen derzeit unter Denkmalschutz.

Höfe im Artland
Gregor Lengler
Bis ins kleinste Detail liebevoll restauriert.
Jeden Tag fährt Hugenberg durch flaches und dünn besiedeltes Bauernland, vorbei an Siedlungen aus wenigen Häusern, an weiten Raps- und Getreidefeldern; etwa 15 Kilometer sind es nach Quakenbrück. Dort betreibt er zusammen mit einem Partner die Zimmerei Bäker. Auch am eigenen Hof ist immer eine Baustelle. "Ein Artlandhof ist nie fertig", erzählt Hugenberg, "und wenn, dann nur für kurze Zeit." Manche Menschen suchen das Abenteuer Artlandhof ohne familiäre Verpflichtung. Renate Ording und ihr Mann Ludger kauften vor knapp zehn Jahren den Fachwerkhof Thöle in Badbergen. Auf der Suche nach "einem alten Kotten" fuhr das Paar aus Dinklage oft durchs Artland, bis es den erbärmlich heruntergekommenen Hof Thöle entdeckte. "Der Hof war komplett entkernt, hier stand nur das nackte Gerippe", erinnert sich Hugenberg.

Fast drei Jahre lang hat der Zimmermeister mit Mitarbeitern restauriert, zunächst das Haupthaus von 1816, dann Scheunen und Ställe. Übrig blieb der Giebelbalken, den er eben untersucht hat, und den Renate Ording ihm gerne für einen neuen Patienten überlässt. Sie und ihr Mann haben fast alles im Hof auf den Kopf gestellt und eine barrierefreie Ferienwohnung eingerichtet. Heute zählen die Ordings rund 120 Übernachtungen im Jahr. Etliche Fachwerkhöfe zwischen Menslage, Nortrup, Quakenbrück, Badbergen und Bersenbrück hat Hugenberg hergerichtet. Gerne erzählt er von den prachtvollen, die von Liebhabern in Schuss gehalten werden. Aber auch die anderen nimmt er zur Kenntnis. Höfe, an die noch keiner sein Herz verloren hat. Die, um die er sich nicht kümmern darf. Allmählich verrottende Gebäude: "Da blutet mir schon mal das Herz. Denn irgendwann ist so ein Hof über den Punkt. Dann will erst recht keiner mehr Geld hineinstecken."

Neue Nutzung der alten Anlagen

25 Jahre arbeitet Hugenberg jetzt als Zimmermann, eine kurze Zeit angesichts seiner jahrhundertealten Patienten. Doch in diesen Jahren hat sich das Artland verändert. Auf Hugenbergs Tisch liegt ein Plan für die Überdachung eines Innenhofes. Wie das Verdeck eines Cabriolets soll sie den Platz bei Konzerten auf dem Hof Sickmann überspannen können und bis zu 650 Zuschauern Schutz vor Sonne und Regen bieten. Hier trat schon die Band "Die Prinzen" auf. Ein Sinnbild für die neue Nutzung der alten Anlagen.

Backhaus im Artland
Gregor Lengler
Das alte Backhaus brachte Wolfgang Vogt als Teenie mit einem Freund in Schuss.
Zahlreiche bodenständige Artländer verabschieden sich von Ackerbau und Viehzucht - und suchen neue Antworten auf die Frage, wie ihre Höfe im 21. Jahrhundert zu nutzen sind. Ihre Lösungen sind vielfältig: Auf dem Hof Renze hält das Ehepaar Leonhard und Maria Renze zwar noch immer Bullen und bestellt seine Felder, doch Schwiegersohn Elmar Wiemers braut seit 2007 das Artländer Pilsener und bewirtet angemeldete Gruppen in einer umgebauten Remise. Die Brauerei ist längst das Kerngeschäft des Hofes. Das örtliche Bier mögen die Artländer, aber nicht jeder Nutzungswandel schmeckt ihnen.

Für einige war es etwa ein Affront, als der Zahnarzt Bernd Groneick und seine Frau Erika 1992 den Hof Watermann in Gehrde kauften und ihm ihren eigenen Familiennamen aufdrückten. Auch mit anderen Traditionen brachen die Groneicks: Für ihre Übernachtungsgäste ließen sie ein Bogenschießgelände, eine Anlage für das golfähnliche Spiel "Pitch & Putt", eine Sauna und einen Außenpool bauen. Zu viel Tamtam, brummeln manche. Doch auch die Groneicks lieben ihren Hof, renovieren permanent. Bald könnte Zimmermann Hugenberg wieder anrücken, um die Wand einer altersschwachen Remise zu stützen.

Hof Elting-Bußmeyer im Artland
Gregor Lengler
Auf dem Hof Elting-Bußmeyer können Besucher Kaffee trinken, feiern und einkaufen.
Die Vergangenheit ist allgegenwärtig im Leben auf einem Artlandhof. Albrecht Bußmeyer ist Hausherr auf dem Hof Elting-Bußmeyer. Er schläft in dem Bett, in dem er vor über 60 Jahren geboren wurde. Und gerade am Tag zuvor spielte er Doppelkopf mit einem Nachfahren jenes Mannes, der seinem Ahnen Wessel to Elting 1399 den Kauf des Grundstückes bezeugte, auf dem im 18. Jahrhundert der heutige Fachwerkhof errichtet wurde. Auch er hat seinen Hof in Badbergen für Feiern und Touristen geöffnet, die Stieftochter betreibt auf dem Gelände einen Hofladen und ein Hofcafé. "Mit Blick auf die vielen Generationen, die hier vor mir lebten, habe ich das Gefühl, nur ein Durchreisender zu sein, der den Hof gut hinterlassen sollte", sagt Bußmeyer und zeigt stolz die Schwanenköpfe am Giebel und die Schnitzereien am Eichen-Fachwerk seines "Niedersachsenhauses". Höfe wie seiner waren bis ins 19. Jahrhundert hinein in der Norddeutschen Tiefebene und bis Hinterpommern weit verbreitet. Doch während andernorts die Bauernfamilien oft mit Vieh und Ernte unter einem Dach lebten, sind die Artlandhöfe besonders großzügig angelegt und haben bis zu sieben Nebengebäude.

Wolfgang Vogt ist als Einzelkind aufgewachsen. Das Schicksal des Familienhofes lag alleine in seinen Händen. Als 27-Jähriger hat er lange mit sich gerungen, den Hof der Eltern zu übernehmen, ähnlich wie Hugenberg und wie so viele andere Hoferben. Trotz seines Landwirtschaftsstudiums entschied er sich gegen den landwirtschaftlichen Vollerwerb und nahm einen Job bei der Landwirtschaftskammer an, wo er heute die Leistungsprüfanstalt für Schweine leitet. Nebenbei bewirtschaftet er eine Fläche von etwa zehn Hektar. Seine feste Stelle gibt ihm die finanzielle Sicherheit, die Fachwerkgebäude auf der 977 erstmals urkundlich erwähnten Hofstelle umfassend restaurieren zu lassen.

Ein Backhaus, in dem einst Brot für den Eigenbedarf gebacken wurde

Auf einer kleinen Anhöhe unter stattlichen Eichen zeugt das einstige Backhaus von Vogts Eifer zur Erneuerung: "Es war das erste Gebäude, das ich saniert habe." Das war in den Achtzigern, die Anhöhe war teilweise in den umliegenden Graben gerutscht, Teenager Wolfgang und sein Schulfreund Achim schnappten sich Spaten und schaufelten tagelang den Graben frei. Dann erneuerten sie mit Vogts Vater das 1749 gebaute Backhaus, in dem einst Brot für den Eigenbedarf gebacken wurde. Sie richteten das schiefe Gebäude wieder auf, tauschten altes Fachwerk aus, mauerten und pflasterten einen neuen Boden. "Wir haben uns einen Ort für Feten geschaffen, um den uns viele beneidet haben." Heute spielen Vogts Söhne Alexander und Sebastian, 19 und 20 Jahre alt, mit Freunden hier Kicker, feiern oder lümmeln sich vor dem urigen Kamin.

"Diese erste Sanierung war für mich die Initialzündung", blickt Wolfgang Vogt zurück. Heute flitzt Jack Russell Terrier Jacky über den akkurat geschnittenen Rasen hinüber zu einer lila blühenden Rhododendronpracht; Rhododendron und Buchsbäume verzieren viele Artlandhöfe. Im Inneren des Haupthauses ist die ehemals beste Stube, einst nur selten genutzt, heute "Mittelpunkt des Beisammenseins" der Familie Vogt: gemütlich und hell, mit altem Kachelofen und großen Fenstern. Es kostete fast 30 Jahre Arbeit und eine satte sechsstellige Summe, um die heutige Idylle zu errichten.

"Die Leistung meines Ururgroßvaters und seines Sohnes ist für mich Antrieb", sagt Vogt. Als nicht erbberechtigter Sohn verließ der Ururgroßvater im 19. Jahrhundert den elterlichen Hof, baute sich eine eigene Existenz auf und kaufte - vermutlich gemeinsam mit seinem Sohn - 1892 den heutigen Hof Vogt. Dessen Erhaltung widmet der Ururenkel seine Existenz. Eine Arbeit mit hohem Respekt vor dem Erbe - so lautete die Begründung, als Wolfgang und Doris Vogt 2012 vom niedersächsischen Ministerpräsidenten in Hannover für ihre Sanierungen ausgezeichnet wurden. Zimmermeister Martin Hugenberg und andere beteiligte Handwerker waren ebenfalls zur Preisverleihung eingeladen. Kanapees und Prosecco wurden gereicht. "Nicht meine Welt", winkt Hugenberg ab. Seine Welt, das sind die Höfe im Artland, ihre Ständer und Riegel, ihre Gefache, Giebel und Dielen.

Autor

Tobias Romberg

Ausgabe

Osnabrück 10/2013