Hannover Die Zoo-Show

Hannovers "Erlebnis-Zoo" verfolgt ein in Deutschland einzigartiges Konzept. Seine Tiere leben in Kulissen.

Die Löwen in Hannover sind viel schöner und prächtiger als andere. Sie sind Nachfahren der letzten Berberlöwen, diese Unterart ist in der Wildnis ausgestorben, nur in den Palästen marokkanischer Fürsten überlebten die majestätischen Tiere. Mit ihrer imposanten Statur waren sie einst Vorbild für Wappenlöwen und Statuen seit der Antike. Sie sind größer als alle anderen lebenden Löwen, ihre Mähne reicht bis weit über die Schultern und zieht sich wie ein Vorhang den gesamten Bauch entlang. Damit die schönen Tiere schön zur Geltung kommen, ruhen sie auf der strategisch platzierten Rasenheizung – ungestört von den Besuchern hinter der Glasscheibe und hinreißend anzusehen von den flachen Booten aus, die lautlos den "Sambesi" entlangziehen.

Giraffen schreiten wie in Zeitlupe hinter den Löwen, Zebras nutzen den künstlichen Strom als Tränke, und Flusspferde schwimmen bis auf wenige Meter an die Boote heran. Sie alle sind Teil eines zauberhaften, afrikanischen Tierpanoramas. Die Illusion ist perfekt, kein Klischee vom armen, malerischen Kontinent wird ausgelassen: Die Klohäuschen aus rostigem Wellblech und Lehm, die Imbissbuden mit Strohdächern, dazu die großen und kleinen Tiere. Die Besucher genießen die einzigartige Perspektive vom Wasser und spielen mit. Sie sind Entdeckungsreisende, die sich unter Trommelklängen in die afrikanischen Boote setzen, auf denen allerlei Zivilisationsmüll festgeschnallt ist – hölzerne Kisten mit leeren Colaflaschen etwa, zerbeultes Kochgeschirr oder alte Benzinkanister. Flamingos, Gazellen und Nashörner stehen am Ufer und schauen den Besuchern ins Auge. Kein Zweckbau stört die afrikanische Idylle, lehmverputzte Rundhütten stehen am Ufer, ein Marabu bewacht gleichmütig ein scheinbar eben an Land gezogenes Fischerboot.

Der "Sambesi" ist eine von sieben sogenannten Erlebniswelten, aus denen der Zoo Hannover besteht, der sich folgerichtig "Erlebnis-Zoo" nennt. Das Konzept dazu wurde für die "Expo 2000" gestartet und machte innerhalb weniger Jahre aus dem wissenschaftlich vorbildlichen, aber für Zuschauer mäßig aufregenden zoologischen Garten den beliebtesten Freizeitpark der Region. Wo einst eine bedeutende, aber langweilige Antilopensammlung zu sehen war, in nüchternen Gehegen gehalten nach dem früher vorbildlichen "Hannoverschen Grabenprinzip" (ohne Gitter und Zaun), da flirren jetzt Exotik und Abenteuer. Wie kein anderer Zoo entführt Hannover seine Besucher in fremde Welten und müsste eigentlich "Mitmach-Zoo" heißen.

Denn jeder spielt hier eine Rolle. Die Eisbären im Hafenbecken von "Yukon Bay" geben die Wildtiere, die possierlich mit dem roten Seezeichen spielen, in dessen Spitze unsichtbar gefrorener Fisch steckt. Die Tierpfleger spielen die Auswandererfamilie McKenzie, die das Publikum mit einer grandiosen Show aus Tierdressur, Zoologievorlesung und Clownerie begeistert. Die Zuschauer sind Abenteurer, Voyeure und Konsumenten, diesmal unterwegs in einer abgelegenen Goldgräbersiedlung am Yukon. Keine Requisite fehlt. In der Reihe bunter Holzhäuser am Hafen steht ein Nachbau des Palace Grand Theatre, das seit 1899 Goldsucher in Dawson City unterhielt.

Wilde Tiere in Menschenwelten

Genau wie im historischen Originalort hängt ein wehmütiges Goldsuchergedicht an einer Hauswand. Im Restaurant gibt es Bisonburger, Lachs und frisch gemachtes Eis. Das freut die Erwachsenen, die gemütlich essen können, während die Kinder in Sichtweite Trapper spielen und in Holztrögen Gold waschen. Die Wölfe schnüren vor einer Herde Karibus vorbei, und dekorativ trennt das Replikat einer Dampflokomotive aus dem Yukon Territory die Bisonherde von den anderen Tieren.

Den schönsten Blick auf die Zootiere bietet die Unterwasserwelt. Durch 39 Panzerglasscheiben sieht man Seebären, Seelöwen und Kegelrobben in der künstlichen Brandung um die Felsen jagen. Die Eisbären ziehen mit wehendem Fell vorbei und die Pinguine schießen in einem Strom von glitzernden Luftbläschen durchs Becken.

Damit Pinguine in diesem nordischen Idyll mitspielen können, obwohl sie am Südpol zu Hause sind, musste eine Geschichte her, und die geht so: Ausgerechnet im Hafenbecken des beschaulichen "Yukon Bay" lief Kapitän Charters mit seinem 200 Tonnen schweren Frachter "Yukon Queen" auf Grund. Das 16-Meter-Schiff blieb liegen – mitsamt seiner Fracht von 36 Brillenpinguinen, die der ebenso findige wie fiktive Käpt’n zum "nördlichsten Pinguin-Zoo der Welt" erklärte. Die Pinguine fühlen sich sichtbar wohl in ihrem stählernen Gehege, interessieren sich für Requisiten wie Rettungsboote und Wasserschläuche und finden auch die Bruthöhlen an Deck gemütlich, was Hoffnung auf weiteren Nachwuchs schürt.

Somali-Wildesel-Heimat im Zoo Hannover
Lukas Spörl
Dekoration ist alles: Zwischen afrikanischer Ruinenromantik und dekorativer Autopanne lebt der Somali-Wildesel
Angesichts der Effekte und Geschichten, der perfekten Fassaden und des fehlenden pädagogischen Zeigefingers muss Heiner Engel, Zoologischer Leiter des Tierparks, immer wieder betonen, dass man hinter den Kulissen "ernst zu nehmende Tiergärtnerei" betreibe. Hannover beteilige sich an Erhaltungsprogrammen und wildere regelmäßig Tiere aus. "Ich möchte aber nicht immer thematisieren, dass Tiere bedroht sind. Nasenbären sind auch dann faszinierend, wenn sie nicht bedroht sind", sagt Engel. "Es ist ein Irrtum der sechziger Jahre, dass Aufklärung das Verhalten der Zoobesucher ändert. Ich setze darauf, dass Menschen sich für Tierschutz einsetzen, weil sie Tiere mögen. Deshalb ist Spaß ein wichtiger Faktor. Ich will mich mit den Besuchern an den Tieren freuen."

Und die Besucher freuen sich

Im Jahr kommen rekordverdächtige anderthalb Millionen Menschen – trotz der ebenso rekordverdächtigen Eintrittspreise, die sich an denen von Freizeitparks orientieren. Zu Recht, das Kinderland "Mullewapp" ist eine reine Spiel- und Spaßwelt, in der eine Sommerrodelbahn, Wasserspiele und Trampoline den Streichelziegen eindeutig die Show stehlen. Überall, wo die Kinder gern spielen möchten, können die Großen essen und trinken: Curry im indischen Palast, Burger im Deli neben der Softballschießanlage, und am allerschönsten in Meyers Hof, einem Fachwerk-Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert, das in den Zoo umgesetzt wurde und mit malerischem Biergarten an den gewaltigen Abenteuerspielplatz grenzt.

Die Zoogastronomie sorgt nicht nur für Umsatz, sondern auch für Arbeitsplätze. Seit der städtische Zoo in eine regionale GmbH überführt wurde, hat sich die Belegschaft fast verfünffacht. 350 Angestellte arbeiten hier Vollzeit. Die Investitionen waren immens: 111 Millionen Euro kostete der Umbau zum Erlebnis-Zoo, in dem jährlich 2300 Feste vom Kindergeburtstag im Baumhaus bis zum Hochzeitsbankett im Prunksaal des Maharadscha gefeiert werden.

Grund zum Feiern findet sich hier immer: etwa wenn wieder einmal Elefantenbabys erwartet werden, in manchen Jahren bis zu fünf. Und es gibt ständig neue Pläne: "Wir denken an ein Warmhaus für die Elefanten, an Ruhezonen, in denen man ohne Trubel Tiere beobachten kann. Außerdem müssen wir die Schilder verbessern", sagt Magitta Feike, als Kommunikationsleiterin zuständig für die Außenwirkung des Zoos.

Neue Anlage für die Schimpansen

Auch die Schimpansen brauchten dringend Zuwendung: Ende September 2013 wurde nach sieben Monaten Bauzeit ihre neue Anlage eröffnet. Zum Glück, denn die Tiere haben das Zooleben im wahrsten Sinne des Wortes unsicher gemacht: Nicht nur, dass im Mai 2012 ein Schimpanse im Gehege über den Graben gesprungen ist, kurz darauf hangelten sich fünf Schimpansen an einem nachlässig gestutzten Ast über die Mauer des Außengeheges. Das ist weniger harmlos, als es klingt. Schimpansen gelten als extrem gefährlich, der gesamte Zoo musste evakuiert werden. Tierpfleger und Polizei suchten mit Betäubungsgewehren nach den Ausreißern. Verletzt wurde niemand, die Schimpansen aber bekamen Stubenarrest, ärgerlich für Mensch und Tier.

Kritiker bemängeln, dass die Erlebniswelten in Hannover immer Menschenwelten sind. Elefanten und Tiger leben in einem indischen Palast, die Meerestiere in Schiff und Hafen, die australischen Vögel in einer Kneipe, und an einheimischen Tieren kommen überhaupt nur die Haustiere im Bauernhof vor. Ökosysteme erlebt man hier nicht. Dass zur belebten Natur auch Pflanzen gehören, lässt die Darstellung in Hannover nicht vermuten. Wer je im Gondwanaland im Zoo von Leipzig oder in der Masoala-Regenwaldhalle in Zürich war, weiß, dass es anders geht. In Leipzig gehören knapp 20.000 Pflanzen aus über 500 Arten zum tropischen Ökosystem in der Halle. Niemand vermisst in dem farbenprächtigen Regenwald Kulissen und Zivilisationsrequisiten. Im Zoo Zürich vermehren Spezialisten extrem bedrohte Pflanzen und finanzieren dazu die Aufforstung eines Nationalparks auf Madagaskar – ohne dass der Spaß an der exotischen Tier- und Pflanzenwelt litte. Bleibt zu hoffen, dass der Erlebnis-Zoo von solchen Vorbildern lernt.

Schließlich kann Lernen Spaß machen, und folgerichtig hat der Zoo als Ausgleich für die dürftigen Schilder eine spaßige Variante der Zoopädagogik entwickelt: Im Sommer finden täglich acht Shows und bis zu zwanzig kommentierte Fütterungen statt. Wenn eine der McKenzie-Schwestern an der "Yukon Bay" auf den Hafenkran klettert, um die Eisbären mit Fischen in Bewegung zu bringen, garniert sie die Fütterung mit Informationen. "Zoo-Scouts" bieten Führungen für Gruppen oder spontane Teilnehmer, ein Auto mit Kriech- und Krabbeltieren kreuzt durch den Zoo. Wer ihm begegnet, darf Tausendfüßler, Stab- heuschrecken, Schnecken und Schlangen aus der Nähe angucken und anfassen – eine eindrucksvolle Erfahrung.

In den Shows zeigt der Zoo, was er hat, und die Tiere führen vor, was sie können: Guste, die Manguste, flitzt durchs Knotenrohr, die Ara-Gruppe bietet eine rasante Flugshow, die Stinktiere Thymian und Lavendel stinken nicht, Rokoko-Kröte und Tigerpython treten in der Showarena auf. In Meyers Hof kommen die Pfleger in Tracht und die "Husumer Protestschweine" im Schweinsgalopp. Besonders sehenswert ist die Show im "Yukon Stadium". Dort führen die Seelöwen ihre Kunststücke vor, während im Hintergrund die Eisbären nach Fischen springen, Weißkopfseeadler Viktoria saust umher, und es wäre kein Mitmachzoo, wenn neben dem Karibu nicht auch der Darsteller aufträte, ohne den hier gar nichts geht: der Zoobesucher.

Alle Infos zu Öffnungszeiten, Eintrittspreisen, Shows und mehr: www.zoo-hannover.de

Autor

Jutta von Campenhausen

Ausgabe

Hannover 11/2012