Wandern Deutschland umsonst reloaded

In den 1980er Jahren wurde Michael Holzachs "Deutschland umsonst: Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland" ein Kultbuch für Vagabunden und Aussteiger. Im Sommer 2011 erfüllte sich Harald Braun einen lang gehegten Traum und lief wie Holzach mit leeren Taschen, aber begleitet von seiner Hündin Paula, durch Deutschland. Neun Wochen Wanderung vom bayerischen Traunstein bis Horst in Schleswig-Holstein. Herausgekommen ist das Buch "Deutschland umsonst reloaded". MERIAN.de hat mit Harald Braun über das Leben ohne Geld und die Vorteile von Facebook für Landstreicher gesprochen.

MERIAN.de: Herr Braun, wie entstand die Idee zu "Deutschland umsonst reloaded"?
Harald Braun: Das Buch "Deutschland umsonst" von Michael Holzach ist eines meiner Lieblingsbücher und hat mich damals sehr beeindruckt. Ich konnte mir solch eine Wanderung auch gut als Buchprojekt vorstellen - allerdings nur unter der Bedingung, ein modernes Element zu integrieren. Facebook und andere soziale Netzwerke waren noch Science Fiction, als Holzach durch Deutschland zog. Ich wollte sein Projekt in einer "Reloaded"-Variante versuchen, um herauszufinden, ob soziale Netzwerke auf solchen Reisen auch soziale Nutzwerke sein könnten.

Wo haben Sie auf Ihrer Wanderung das erste Mal die Hand aufgehalten und um Essen gebeten?
Am zweiten Tag der Wanderung saß ich vor einer Kneipe in Übersee in Oberbayern. Ich kam mit ein paar netten Jungs ins Gespräch und fragte sie, ob sie mir etwas zu essen ausgeben könnten. Das hat geklappt! Am nächsten Tag habe ich in einer Bäckerei nach Brot vom Vortag gebeten - mit einem Wink auf den Hund. Das hat schon bei Holzach immer funktioniert. Bei mir auch.

Welchen alltäglichen Luxus haben Sie in dieser Zeit am meisten vermisst?
Ich neige zu festen Gewohnheiten. Am meisten fehlte mir die Gewissheit, wo ich abends schlafen würde. Es machte mir zu schaffen, in der Abenddämmerung noch nicht zu wissen, wo ich unterkommen werde. In diesen Momenten konnte ich ein wenig nachvollziehen, was Bettlern und Vagabunden wahrscheinlich durch den Kopf gehen muss.

Wie haben Facebook und Co. die Reise beeinflusst?
Meinen Blog und meine Facebook-Seite stellte ich drei Wochen vor Reisebeginn ins Netz. Am Anfang habe ich nur meine Freunde eingeladen. Am Ende der Wanderung begleiteten mich mehr als 700 Menschen auf meiner Seite. Viele meiner Übernachtungen fand ich über Facebook. Unbekannte Leute schrieben mir, sie würden hier und dort jemanden kennen, bei dem ich bleiben könnte. Ich war sehr überrascht, wie gut das funktionierte. Nach vier Wochen bekam ich eine richtige Routine, und die Reise verlor dadurch ein wenig an Abenteuer. Morgens wanderte ich, nachmittags suchte ich über Facebook nach einem Schlafplatz. Die sozialen Netzwerke waren während der Reise sehr nützlich, aber die tägliche Kommunikation über Facebook und meinen Blog hat auch viel Zeit gekostet.

Welche Menschen haben Sie aufgenommen?
Das war sehr unterschiedlich. Es gab aber zwei auffällige Muster. Die Süddeutschen habe ich als freundlicher in Erinnerung als die Norddeutschen. Obwohl es wahrscheinlich nur daran lag, dass ich am Beginn meiner Reise offener auf Leute zuging. Das zweite Muster ist ein Klischee, aber ein wahres. Alle Musiker und Musikliebhaber waren wahnsinnig locker und interessiert. Wenn jemand im Gespräch erwähnte, dass er musikalisch war, wusste ich schon, dass ich an diesem Abend gute Chancen hatte, bei ihm einen Schlafplatz zu finden.

Man neigt dazu, sich solch eine Reise zu Fuß und ohne Geld romantisch auszumalen. Keine Abhängigkeit, das Gefühl absoluter Freiheit. Gab es dieses Gefühl während der Reise?
An manchen Tagen war das Wetter hervorragend, ich lief durch wunderschöne Landschaften und wusste, dass die nächsten sechs Wochen niemand etwas von mir erwarten würde. Keine Verpflichtungen, das hatte etwas. Aber meistens war es kein sorgenfreies Leben, denn ich musste an tausend Dinge denken, um meine Grundbedürfnisse zu befriedigen: essen, trinken, Schlafplatz finden für mich und den Hund. Ich war schließlich auch für ihn verantwortlich. Das hatte ich vor der Reise alles idealisiert.

"Schon merkwürdig wie wenig man vom eigenen Land kennt," schreiben Sie in ihrem Buch. Sehen Sie Deutschland heute anders?
Ich bin im Rheinland geboren, studierte in München und wohne seit langem in Hamburg. Ich kannte also einige Regionen Deutschlands schon vor meiner Reise sehr gut. Es überraschte mich allerdings, wie freundlich die Menschen auf mich zugingen, obwohl ich kein Geld dabei hatte. Nur wenige Leute haben es kategorisch abgelehnt, mir zu helfen. Diese Gastfreundschaft hat mich sehr beeindruckt. In einer Nacht übernachtete ich zum Beispiel bei einer Bauernfamilie. Am nächsten Morgen saß ich mit ihnen am Frühstückstisch. Sie waren wahnsinnig herzlich und ich fühlte mich wie bei meinen eigenen Großeltern. Zu einigen Menschen, die mir auf der Reise begegnet sind, habe ich noch immer Kontakt.

Zum Schluss des Buches schreiben Sie, dass Sie die ersten Eindrücke erst ganz langsam verarbeiten können. Wie fühlt es sich jetzt mehr als ein Jahr später an?
Ich habe das Buch nach der Reise sehr schnell geschrieben. Danach konnte ich nicht nahtlos im Alltag weitermachen. Zwei Monate lang spürte ich eine große körperliche und mentale Erschöpfung. Die Akkus mussten erst wieder aufgeladen werden. Meine Persönlichkeit hat sich durch die Wanderung aber nicht entscheidend verändert. Viele meiner Freunde hatten mir die Reise vorher nicht zugetraut, weil ich kein leidenschaftlicher Wanderer bin und es gerne gemütlich mag. Das stimmt noch immer. Die Vorstellung jetzt noch einmal durch Deutschland zu wandern, ist für mich so surreal, wie sie es vor Reisebeginn war. Meine Neugier habe ich gestillt.

Seine Erlebnisse hat Harald Braun in seinem Reiseblog festgehalten. Das Buch "Deutschland umsonst reloaded: Zu Fuß und ohne Geld unterwegs" erschien 2011 im Rowohlt Verlag.

Autor

Kalle Harberg