Mecklenburg-Vorpommern Darßer Türen

Darßer Tür in Prerow

Kaum etwas steht so für die maritime Kultur und langjährige Tradition der norddeutschen Halbinsel, wie die farbenfrohe und mit Ornamenten überzogene Darßer Tür. Ihr begegnet man hier fast überall. Dafür verantwortlich sind meist die Brüder René und Dirk Roloff: Schreinermeister in Prerow. Mit den Erfahrungen einer 180 Jahre alten Familientradition und handwerklichem Geschick versuchen die beiden seit jeher, den ganz eigenen architektonischen Charme des Darß und seiner Tradition für die Nachwelt zu erhalten. Egal ob Restauration, Neubau oder die Herstellung wie im 19. Jahrhundert, die Darßer Tür ist bei den beiden in den richtigen Händen. Wir haben mit René Roloff gesprochen und uns erzählen lassen, welche Geschichte eigentlich hinter dieser ganz besonderen Gebäudezierde steckt.
 
MERIAN: Wie lange arbeitete man ungefähr an einer Darßer Tür?
Es gibt verschiedenste Arten von Türen, daher lässt sich das schwer beziffern. Aber wenn man eine alte Tür nach den damaligen Standards und mit den historischen Werkzeugen nachbauen würde, bräuchte man etwa 100 bis 160 Stunden. Heute ist das allerdings ein ganz anderer Ablauf; außerdem arbeitet man ja auch mit anderen Handwerkern — zum Beispiel Malern — zusammen.
 
Versuchen sie in ihrer Werkstatt möglichst authentisch und so wie früher zu arbeiten oder bleiben sie da eher modern?

Eigentlich beides. Wir lieben diese Aufträge bei denen man möglichst authentisch arbeiten muss — zum Beispiel für denkmalgeschützte Häuser. Da nehmen wir auch sehr oft unser historisches Werkzeug zur Hilfe. Wir hatten Leute, die vor einer dieser Türen standen und uns fragten, wie denn die 150 Jahre alte Tür so gut erhalten geblieben ist, weil sie es nicht gemerkt haben. Das sind zwar nicht die häufigsten Aufträge aber die, die uns am liebsten sind.
 
Auf was muss man dabei besonders achten?
Natürlich ist die handwerkliche Ausarbeitung auch relevant, aber besonders wichtig ist uns eine harmonische, schöne Gestaltung der Türen. Mit Entwurf und Idee steht und fällt so ein Projekt. Gerade das Entwickeln so einer Idee zusammen mit dem Kunden ist da sehr interessant und spannend.
 
Welche Bedeutung und welche Geschichte haben die Darßer Türen?
Türkunst unter Reet: eine Darßer Tür in Ahrenshoop
iStock/typo-graphics
Türkunst unter Reet: eine Darßer Tür in Ahrenshoop
Damals war es üblich, dass ein Handwerker seine Arbeit gestaltete und die Türen mit Schnitzereien versah. Hier auf dem Darß vermischte sich dieser Brauch mit einem sehr volkstümlichen Aberglauben. Die Ornamente und Motive auf den Türen dienten daher gehend also dem Schutz vor schädlicher Magie, Unheil und bösen Geistern. Positive Abbildungen hingegen sollten den Bewohnern des Hauses Glück bringen. Die charakteristischen bunten Farben kamen erst sehr viel später — um 1930 — dazu, als man auch mehr Farbe zur Verfügung hatte. Ermöglicht wurde diese Art der Zierde generell aber erst durch das Aufblühen der Segelschifffahrt im späten 18. Jahrhundert und den damit einhergehenden Wohlstand in der Region. Mit dem größeren Reichtum der Bevölkerung kamen auch die Bestellungen von aufwendigeren und schöneren Pforten.
 
Gibt es typische Motive, die oft verwendet werden?
Die ursprünglichen und sehr traditionsreichen Türen sind sehr klassizistisch geprägt, es gibt also viele antike Elemente: Säulen, Mäander und Giebel. Die mischen sich dann hier auf dem Darß mit den sehr volkstümlichen Motiven, die es hier wahrscheinlich seit Jahrhunderten gibt. Tulpensträuße sind zum Beispiel sehr verbreitet — ein Symbol für den Lebensbaum. Gleiches gilt für die aufgehende Sonne als ein sehr positives Lichtsymbol oder Blumenmotive, die für eine einladende Freundlichkeit stehen. Man könnte vielleicht auch sagen, die Türen sind eine ganz individuelle Visitenkarte des Hauses.
 
Haben Sie ein Lieblingsmotiv?
Da gibt es eigentlich mehrere, aber am liebsten arbeiten mein Bruder und ich eigentlich an den Tulpensträußen, in allen Variationen. Das ist schon ein sehr schönes und bekanntes Darßer Motiv.
 
Gibt es regionale Besonderheiten auf dem Darß, wenn es um die Türen geht?
Gerade bei den alten Türen erkennt man sehr oft die Handschrift einzelner Werkstätten, auch wenn man gar nicht mehr so genau weiß, von wem die Türen eigentlich stammen. Dementsprechend hat da jeder Ort auf dem Darß kleine Eigen- und Besonderheiten, die man woanders nicht findet. Spannenderweise sehen wir das auch bei Stücken, die aus unserer Werkstatt stammen und damals von unserem Großvater oder von unserem Urgroßvater hergestellt wurden.
 
Sie haben die Tradition ihrer Familienwerkstatt angesprochen. Wissen Sie, auf welchen Ahnen diese zurückgeht?
Das war ein, wahrscheinlich um 1803 in Stralsund geborener, Karl Gustav Belke. Stralsund war damals übrigens noch Regierungshauptstadt von Schwedisch-Vorpommern. Karl Gustav Belke hat sich dann, wahrscheinlich im Zuge der Gesellenwanderschaft hier in Prerow niedergelassen, 1832 eine Frau aus dem Ort geheiratet und eine Schreinerwerkstatt eröffnet. Dessen Tochter wiederum hat sich mit einen Johann Roloff vermählt; und seit damals liegt das Schreinerhandwerk ohne Unterbrechung bei uns in der Familie — mittlerweile mit uns in der 6. Generation.
 
Wie kamen Sie zu dem Handwerk?
Damit ist man aufgewachsen. Schon damals waren mein Bruder und ich — wahrscheinlich nicht immer zur Freude unseres Vaters — oft in der Werkstatt und haben dort gespielt. Davon abgesehen war das Schreinern allerdings nicht mein allererster beruflicher Gedanke; das war ein Studium der Kunstgeschichte. Aufgrund von damaligen Regelungen war das allerdings nur mit einem dreijährigen Pflichtwehrdienst möglich — was ich strikt abgelehnt habe. So bin ich dann doch zur Arbeit mit dem Holz und in den Betrieb meines Vaters gekommen. Eine gute Entscheidung.
 
Gibt es andere traditionsreiche Schreinerarbeiten, die Sie ebenfalls herstellen?
Ja, wir bauen gerade im Frühling hin und wieder Darßer Gartenbänke nach traditionellen Mustern, Schablonen und Entwürfen. Noch sehr beliebt sind außerdem Giebelzeichen für den Dachfürst, die wir ebenfalls herstellen. Die haben, genau wie die Türen, einerseits eine Schmuck- aber auch eine magische Schutzfunktion. Sonst natürlich auch Vieles, das mit der reinen Gestaltung zu tun hat: Bildhauerarbeiten oder Schilder für Häuser und Pensionen. Insgesamt geht es uns aber auch während der Arbeit besonders darum, die ganz eigene Darßer Kultur — die sich im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt hat — weiterhin zu bewahren.
 
Welches sind die ältesten Entwürfe, die sie besitzen?
Das ist schwierig zu sagen. Vielleicht ein paar Türen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die ältesten Geschäftsaufzeichnungen unserer Werkstatt gehen aber nur zurück bis in die 1890er Jahre. Für diese Zeit können wir das dann auch wirklich belegen — davor hat man Niederschriften dieser Art nicht so wichtig genommen. 

Mehr Infos zu den beiden Schreinermeistern: www.kunsttischlerei-roloff.de

Sie wollen mehr über die Darßer Türen wissen? Unsere Kollegen von der Zeitschrift Country haben ebenfalls über die Schreinermeisterbrüder geschrieben: www.country-online.de

Autor

Christoph Pöthke