Eggstätt-Hemhofer Seenplatte Bayerns artenreichstes Naturschutzgebiet

Schloss Hartmannsberg inmitten der Eggstätt-Hemhofer Seenplatte.

Sie ist anmutig, feingliedrig und außergewöhnlich schön. Und sie liebt die Seerosenblätter auf ruhigen Gewässern. Dort fühlt die Zierliche Moosjungfer sich wohl. Leucorrhinia caudalis laute der korrekte lateinische Name dieser Libelle, erklärt Ursula Grießer und erzählt voller Enthusiasmus weiter von diesem Geschöpf, das so durchscheinend wirke und andererseits doch so kraftvoll im Flug auf Insektenjagd gehe.

Die Zierliche Moosjungfer ist vom Aussterben bedroht. Industrieabwässer und überdüngte Felder verändern die Vegetation in den Seen und zerstören damit ihren Lebensraum. Nicht so in der Eggstätt-Hemhofer Seenplatte östlich der bayerischen Stadt Rosenheim und nordwestlich des Chiemsees. Das 3,5 Quadratkilometer große Areal mit seinen 17 Seen ist eines der ältesten Naturschutzgebiete Bayerns. Vor mehr als 10.000 Jahren schufen die großen Gletscher bei ihrem Rückzug diese "Eiszerfallslandschaft" mit zahlreichen Kuppen und Kuhlen.

50 Libellenarten leben im Naturschutzgebiet Eggstätt-Hemhofer Seenplatte

Unter Geröll und Schotter blieben abgespaltene Eisblöcke zurück, die später schmolzen und schließlich zu Seen, Mooren und Sümpfen wurden und bis heute weitgehend unberührt sind. 1939 wurde die Eggstätt-Hemhofer Seenplatte offizielles Schutzgebiet. Seitdem sind alle zerstörerischen Eingriffe in die Natur verboten, und es hat sich ein Idyll entwickelt, das seinesgleichen sucht. Große Seen, kleine Tümpel, stehendes Gewässer, fließende Bäche und Gräben und am Ufer gesunde Schilfgürtel und magere Streuwiesen, Buchen und Tannen.

Der Simssee im Chiemgau.
Petra Becker
Der Simssee ist Teil der Eggstätt-Hemhofer Seenplatte.
Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein im Naturschutzgebiet Eggstätt-Hemhofer Seenplatte. Intensive Düngung der Wiesen und Felder, Trockenlegung und Abbau der Moore - das alles gab es hier nicht in den vergangenen 70 Jahren. "Und deshalb", sagt Ursula Grießer, "leben in der Eggstätt-Hemhofer Seenplatte eben noch 50 Libellenarten, die an anderen Orten selten geworden sind."

Ursula Grießer ist diplomierte Biologin und kennt sich aus mit Flora und Fauna auf der Seenplatte. Ihre Lieblinge sind die Libellen. Die Moosjungfer und die Adonislibelle mögen ruhige Tümpel, die Gebänderte Prachtlibelle liebt fließendes Wasser, die schwarze Heidelibelle steht eher auf feuchte und moorige Ecken. Auf organisierten Touren führt die engagierte Pädagogin Besucher zu diesen Geheimplätzen und präsentiert eine Natur, die man in Eigenregie nur schwer entdecken kann.

Braun- und Blaukehlchen, Kreuzottern und Ringelnattern oder Schmetterlinge wie die selten gewordenen Ameisenbläulinge oder die Hochmoor-Perlmuttfalter. Mit dem Kescher fängt sie urtümliche Eintagsfliegen, setzt die Insekten in ein Lupenglas und erklärt am lebenden Beispiel, warum diese Wesen gerade in diesem Gebiet anzutreffen sind - um sie anschließend natürlich wieder freizulassen.

Die Eggstätt-Hemhofer Seenplatte - ein See schöner als der andere

Die Seen abseits des Chiemsee bieten aber noch viel mehr als lebendige Natur. Am Langbürgener See, am Schlosssee, am Kautsee, am Hartsee, am Pelhamer See (um nur einmal die größten der Eggstätt-Hemhofer Seenplatte zu nennen) und auch am größeren Simssee, der östlich von Rosenheim liegt, gibt es viel zu entdecken. Gerade im Simssee ist das Baden im Natursee bei bester Wasserqualität und uneingeschränktem Blick auf die Voralpen verlockend: Der maximal 22 Meter tiefe Simssee ist im Sommer meist mehr als 20 Grad warm. Ein Bad im bis zu 39 Meter tiefen Hartsee ist da schon erfrischender. Ruhig ist es auf allen Seen, Motorboote sind verboten. Ansonsten gilt ganz im Sinne der Natur und der Nerven anderer Urlauber: an den Riemen reißen.

Der Simssee im Naturschutzgebiet Eggstätt-Hemhofer Seenplatte.
Petra Becker
Ein warmer Tag am Simssee. Viele seiner Ufer sind frei zugänglich.
Wer Karpfen, Hecht oder Zander angeln will, benötigt einen Angelschein - zum Schutz des Fischbestands. Es gibt Wander- und Radwege um die Seen, durch die Wälder und Wiesen, und das alles bei göttlicher Ruhe. Was will man mehr? Vielleicht am Abend ein kühles Bierchen auf einer Seeterrasse oder einmal einen Theaterbesuch der besonderen Art: In einem schmucken Palast-Zelt mit Biertischen und Bänken in Riedering am Simssee läuft seit 2006 nonstop das Stück "Himmegugga". Menschen und Handpuppen erzählen die Geschichte vom kauzigen Erfinder Himmegugga, der zurückgezogen in seiner Werkstatt lebt und der Menschheit beweisen will, dass es Außerirdische gibt. Prächtige Kulissen und Requisiten, liebevoll, aber nicht trivial inszeniert. Seit 2012 läuft ein zweites Stück: "Gsindlkind". In der Pause brennt vor den Zelten ein Feuer. Unter freiem Himmel, in der Natur unweit des Sees.

Wild und weit. Blau und grün. Still und schön: Das Naturschutzgebiet Eggstätt-Hemhofer Seenplatte und das Alpenvorland in unserer Fotogalerie von oben.