Deutschland Bayerische Seen

Rund um München bieten mehrere Seen vom Ammersee bis zum Chiemsee Abkühlung. Autor Harald Braun erklärt als "Zugeroaster", wer an welchem See am besten aufgehoben ist - inklusive Tipps für Restaurants und Hotels.

Unstrittig ist nur eines: Daheimbleiben ist keine Option. Sobald in München die 20-Grad-Schallmauer erreicht wird, setzt sich eine ganze Stadt in Bewegung. An Wochentagen geht’s in den Biergarten, am Wochenende hinaus aus der Stadt. Da das für echte Münchner schon am späten Freitagvormittag beginnt ("Freitags ab eins macht jeder seins"), fällt es kaum ins Gewicht, dass erst Stunden debattiert wird: Wohin wollen wir überhaupt?

Das habe ich in acht Jahren als "Zugeroaster" in München gelernt: Es ist erstaunlich, wie ausdauernd der Münchner darüber räsonieren kann, wo sich seine Freizeit am effektivsten entfalten ließe. Wo ist der beste Biergarten, das netteste Eiscafé, der wirklich allerschönste Badesee? Im Grundsatz besteht zwar Einigkeit: An sonnigen Wochenenden muss der Münchner hinaus an die Ufer der bayerischen Gewässer. Die Frage ist nur: Wohin soll es genau gehen?

Chiemsee: malerisch und oft von Touristen überlaufen

Der Chiemsee zum Beispiel, das sogenannte bayerische Meer im malerischen Voralpenland, punktet zwar in der Regel mit bergnaher Lage und seinen weltbekannten Sehenswürdigkeiten wie der Fraueninsel und der amüsanten Versailles-Kopie, die Märchenkönig Ludwig II. auf der Insel Herrenchiemsee erbaute. Der Nachteil: Eine Menge Touristen aus aller Welt will sich nun mit eigenen Augen vom Charme des Chiemsees überzeugen – und zu viel Tohuwabohu mag der Einheimische außerhalb des Oktoberfests nicht so gern...

Ich lernte, dass am Tegernsee die Welt noch so in Ordnung sei wie auf einer Postkarte aus den Fünfzigern: Tannen, Alpen und Gipfel, eine wohlhabende Kulturlandschaft wie ein Trachtenanzug. Doch irgendwie, da war man sich an den Biertafeln stets einig, sei es dort eine Spur zu geleckt, zu sauber, einfach zu schön, um wahr zu sein. Immerhin aber sei diese Art von "geldiger" Folklore nicht zu verwechseln mit der Lebensart der Starnberger Schickeria in einer Region, in der mehr Millionäre hausen als irgendwo sonst in Deutschland. Der Starnberger See ist das beliebteste Ausflugsziel der Münchner, zumal nur 25 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt. Selbst der Bierbichler Sepp, der bekannte Schauspieler Grantler, beschwerte sich schon öffentlich über die neureichen Gäste seines eigenen Wirtshauses, dem legendären Fischmeister in Ambach. Es spricht für den Starnberger See, dass seiner perfekten Schönheit nicht einmal die übliche C-Prominenz und Fußballtorhüter etwas anhaben können.

Am Ammersee lockt das Kloster Andechs mit seiner Braukunst

Tegernsee in Bayern
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Tegernsee in Bayern
Bliebe noch der in München als eher alternativ verortete Ammersee. Tatsächlich ist der See als Habitat für Klangschalenfreunde bekannt, doch genauso wenig wie am Starnberger See nur Cabriofahrer unterwegs sind, toben sich am Ammersee bloß Esoteriker aus. Zumal mit dem Kloster Andechs in Herrsching das Wahrzeichen der gesamten Region für seine durchaus weltlichgeprägte Braukunst gerühmt wird. Fassen wir zusammen: Der Chiemsee ist offenbar nur für Touristen, der Tegernsee für reiche Folklore, der Starnberger See für das neue Geld und der Ammersee für spirituelle Erneuerung zuständig. Nun. Beim ersten Mal habe ich noch den Fehler gemacht, bei einer dieser Diskussionen seufzend zu fragen: "Wohin kann man denn noch gehen?" Da haben mich meine bayerischen Freunde nur belustigt angesehen: "Wieso? Bei uns ist es doch überall schön!" Ich glaube, man nennt es bayerische Dialektik.

Infos zum AMMERSEE

Ganz wichtig vorweg für Schwimmfreunde: Die Ufer des Ammersees sind nur wenig zugebaut und überwiegend naturbelassen. Das führt im Sommer zwar zuweilen zu Verkehrsproblemen, ist aber prinzipiell eine feine Sache: Demokratischer wird’s an den bayerischen Seen nirgendwo mehr. Tipp:
Wer höher hinaus will und mit der Jugend baden, ist im Strandbad Utting mit seinem drei Meter hohen Sprungturm am richtigen Platz. Für die Romantik ist eher Strandbad St. Alban mit seinen langen Holzstegen zuständig. Ein Fixstern findet sich in Herrsching: Das Kloster Andechs ist nun wahrlich kein Ort stiller Besinnung, sondern dank Kult-Pater Anselm (der 2010 abdankte) längst eine florierende Symbiose aus Kirche, Wirtshaus und Kultur. Und weil auch trendbewusst biologisch gebrautes Bier ausgeschenkt wird, kann man hier jederzeit mit gutem Gewissen zechen.

Chiemsee in Bayern
iStock/FooTToo
Chiemsee in Bayern
Kloster Andechs ist übrigens für den Ammersee das, was Bayern für München ist: ein internationales Erfolgsmodell, in dem sich – kein Witz – die Australier schon mal zechend aufs Oktoberfest vorbereiten. Wer zu diesem Behuf noch eine süße Beilage benötigt, für den haben wir noch einen Geheimtipp am Ammersee: In seinem feinen, charmanten Laden Schokosphäre in Breitbrunn bietet Chocolatier Stefan Schneider – auch für das Münchner Café Ruffini im Dienst – köstlichste Schmankerl.

INFO: Das Ammersee-Hotel: modern, licht, aufgeräumt und mit tollem Spa und Seeterrasse, DZ ab
ca. 120 Euro/Nacht, www.ammersee-hotel.de

Infos zu Sehenswürdigkeiten, Restaurants und Hotels am Chiemsee:

Die gute Nachricht: Am Chiemsee gibt es jede Menge Sehenswertes, etwa die Herreninsel mit der Versailles-Kopie von Ludwig II., die Fraueninsel mit dem alten Kloster, den fünf Kilometer langen Badestrand in Übersee. Leider wimmelt es hier oft von Touristen. Als Badesee ist der Chiemsee wirklich prima, weil warm: im Sommer bis zu 25 Grad! Wer nicht baden, sondern sich an Land vergnügen will: Nach dem Motto "Strampeln und Schlemmen" gibt’s am Chiemsee neuerdings Touren speziell für sogenannte Genuss-Radler.

Geheimtipp: Der Landhof Griessee ist zwar ein typisch bayerischer Gasthof, bietet aber als Bonus am hauseigenen Badesee (15 Gehminuten vom Gasthof entfernt) Angelmöglichkeiten oder ein zünftiges FKK-Eckchen. Gediegen, charmant, bayerisch rustikal: Das wunderschöne Restaurant
Rauchhaus in Seeon sollte man gesehen haben, auch wenn die Küche leider nur mittelmäßig daherkommt … Die Lösung: den Aperitif im Rauchhaus, den feinen Steckerlfisch (eine frisch gefangene Renke auf Holzspieß) dann lieber beim Winklfischer in Prien direkt am See.

Übernachten am Chiemsee: 

Der Hammerwirt ist rustikal mit klassisch bayerischen Stuben, DZ ab ca. 79 Euro/Nacht.

Sehenswürdigkeiten, Restaurants und Hotels am Starnberger See

Ambivalentes München … Sie hassen und sie lieben ihn. Das gilt im Kleinen auch für die bekannteste gastronomische Institution am See: den Fischmeister in Ambach, von Eingeweihten (also allen) nur der Bierbichler genannt. Geliebt wird der See, weil er landschaftlich schön und einzigartig ist; gehasst, weil er sich oft geriert wie eine Münchner In-Disco: Zutritt nur für Stammgäste … So weit ist es zwar beim Bierbichler nicht, aber die Bling-Bling-Dichte an einem schönen Wochenende ist auch hier nicht zu verachten. Wer darüber hinwegsieht, genießt einen wunderbaren Ort mit akkurater Küche am See. Jahrzehnte wurde die Kunde vom schluffigen Charme des Hotel Kaiserin Elisabeth von einer Hipster-Generation zur anderen weitergegeben: "Super Kuchen, schrammeliges Ambiente, schroffer Service." Inzwischen ist das Haus zwar restauriert, der Service aber offenbar nur unwesentlich verbessert. Trotzdem, hilft ja nichts: Die grandiose Terrasse mit Blick auf den See und den magisch-verstrubbelten Park entschädigen für jede Form des Ungemachs. Und: Wenn die Gäste am Westufer schon lange im Dunkeln sitzen, kann man am Ostufer immer noch spektakuläre Sonnenuntergänge erleben. Beispielsweise beim Buchscharner Seewirt in Münsing, einem urigen alten Bauernhof, den man in Tirol ab- und in Bayern wieder aufgebaut hat. Auch hier gilt zwar "Service ist Glückssache", aber die Idylle zahlt’s zurück.

Übernachten am Ammernsee:

Jugendherberge Possenhofen: modernes Design, prima Komfort, alles neu. Und schlafen darf hier jeder, ab 25 Euro pro Pers./Nacht, www.possenhofen.jugendherberge.de

Infos zum TEGERNSEE

Das bayerische Bayern in der Krachledernen, ein perfekter Ort für Blasmusik und Heimatdichter. Eine Welt, wo die Wiesen noch grün und die Bauernhäuser noch aus Holz sind. Mehr geht nicht, das muss sich wohl auch der Münchner Szenegastronom Constantin Wahl gedacht haben, als er 2013
das Tegernseer Tal eröffnete, ein puristisch-stilsicheres Brauhaus, das unter der Flagge "moderne Tradition" segelt und stolz darauf ist, nur ökologisch erwirtschaftete Produkte aus der Region anzubieten. Wer hier hineinpassen will, sollte schon schmuck gekleidet sein – was die beiden Tegernseer Dirndl-Schneiderinnen Fanny Probst, (fannyfashion.de) und Andrea Sanktjohanser (Tel. 08029/14 05, keine Homepage, Wartezeit: ein halbes Jahr!) auf die denkbar eleganteste Art gewährleisten können.

Die zünftige Schönheit des Tegernsees erschließt sich noch besser von ganz oben. Deshalb: hinauf auf den Wallberg mit der Wallbergbahn, in 13 Minuten ist das bequem mit einer Gondel zu machen. Auf der Sonnenterrasse kann man Liegen leihen und den Panoramablick auf den See genießen. Schöner wird’s nicht mehr. Außer vielleicht im Röslerhaus. 30 Minuten vom See entfernt steht hier gut versteckt mit einem grandiosen Blick hinunter ins Inntal dieses alte Bauernhaus mit wenigen Zimmern voller Antiquitäten, liebevoll bewirtschaftet von den Töchtern und Enkeln des Heimatdichters Jo Rösler. Wer hier absteigt, lernt das Atmen neu, versprochen.

Übernachten am Tegernsee: 

Das Röslerhaus: DZ ab ca. 90 Euro/Nacht, www.roeslerhaus.de

Autor

Harald Braun