Lübeck Außergewöhnliche Hotels und Herbergen

Nicht jedes Hotel hat so viel zu erzählen wie diese vier Unterkünfte: Katharina Müller-Güldemeister badete im Glanz alter Tage im Columbia Hotel, zwängte sich durchs Lübecker Gängeviertel, schnupperte Stallgeruch in einer Herberge und ließ sich von einem abgetakelten Schiff in den Schlaf wiegen. Ihre Hotel-Tipps für Lübeck!

ATLANTIC Grand Hotel Travemünde - im Nizza des Nordens

Columbia Hotel Travemünde

Bevor man sich an einen vornehm gedeckten Tisch mit Ostseepanoramablick setzen kann, verlangt einem das Frühstücksbüffet des ATLANTIC Grand Hotel Travemünde schwere Entscheidungen ab. So hat man angesichts des vergleichsweise kleinen Magenvolumens die Qual der Wahl zwischen zehn Brot- und 17 Honigsorten und kann sich zwischen Fünf- und Sieben-Minuten-Eiern entscheiden. Und während man sich noch fragt: Lachs- oder Heilbuttpraline, türmt der Wind hinter der Glasfront immer neue Wellen auf, die sich schäumend in der kalt-grünen Ostsee brechen. Mal bläst der Wind stärker, mal schwächer - das war schon immer so. Doch kaum ein Haus in Travemünde unterlag so sehr dem Wandel der Zeit wie das 1914 gebaute "Konversationshaus", das als "Casino Travemünde" berühmt wurde und seit 2001 vorwiegend als Hotel genutzt wird.

Die Geschichte des im anmutigen Bäderarchitekturstil errichteten Konversationshauses beginnt schon über hundert Jahre vor seinem Bau. 1802 wurde Travemünde das dritte staatlich anerkannte Seebad Deutschlands. Alles, was in den reichen Hansestädten Hamburg und Lübeck Rang und Namen hatte, besaß im 19. Jahrhundert hier eine Sommerresidenz. Die Liniendampfer brachten ab 1831 auch internationales Publikum aus St. Petersburg, Riga und Kopenhagen. Eine mondäne Mischung aus Adel und berühmten Schriftstellern wie Dostojewski, Turgenjew und Gogol genoss tagsüber die frische Seeluft und das gesittete Baden im Meer unter Ausschluss von Blicken in Badekarren.

... Terrasse mit Blick auf die Ostsee kann man sich mit einem Cocktail in der Hand dennoch für eine Weile wie ein Filmstar fühlen.
Die Nächte vertrieb man sich im Casino, wenngleich die Frankfurter Nationalversammlung das Glücksspiel 1849 verboten hatte. Das hielt aber kein Casino davon ab, hinter verhängten Fenstern weiterzumachen wie bisher. Und so verspielten die Badegäste mitunter sogar das Geld für die Rückreise. Die missliche Lage des russischen Generals in Dostojewskis "Der Spieler" scheint daher wie aus dem Leben gegriffen. Im fiktiven Ort Roulettenburg wartet der General auf die Nachricht über den Tod seiner alten Tante in Russland, um von dem Erbe Spielschulden und Rückreise bezahlen zu können. Als dann jedoch die Erbtante selbst im Casino auftaucht und ein großes Vermögen verspielt, nimmt der Roman eine unerwartete Wendung.

Nach der Gründung des Deutschen Reichs wurde das Glücksspiel 1872 abermals verboten, und diesmal setzten die Behörden das Verbot auch durch. Dadurch entzog sich den unterhaltungslustigen Kurgästen der Anreiz, weiterhin in das ansonsten eher verschlafene Travemünde zu reisen. Es fehlte an Zerstreuung, und die Besucherzahlen brachen drastisch ein. Von nun an hatte man sich anständig zu vergnügen. Für keinen anderen Zweck wurde 1914 ein Palast der Begegnung gebaut: Das Konversationshaus sollte gesellschaftliches Parkett sein für Konzerte, Lesungen und Bälle neben Restaurants und einer Bibliothek. Die Weltkriege brachten das Konzept jedoch etwas durcheinander, zwischenzeitlich wurde es als Lazarett oder sogar nur als Strandkorbunterstand genutzt.

Als 1949 das Glückspiel wieder erlaubt wurde, erwarb das Casino in Travemünde eine der ersten Konzessionen in Deutschland und zog ausgerechnet in das Konversationshaus ein. Bald war es zu einem der berühmtesten Glücksspielhäuser Europas avanciert. Die europäische High Society gab sich die Ehre. Stars wie Josephine Baker, Lale Andersen und Vico Torriani traten im Nachtclub "La Belle Epoque" auf. Illustrierte und Klatschreporter gaben Travemünde den Beinamen "Nizza des Nordens". Doch als in den Wirtschaftswunderjahren immer mehr Casinos eröffneten, war Travemünde plötzlich eines von vielen und büßte den Glamourfaktor ein, der es vorher auszeichnete.

... aber eingedenk alter Zeiten, wie die klassische Einrichtung der Suiten beweist. Wo sich einst die europäische High Society ...
2001 wurde das Konversationshaus zum Hotel umgebaut, das 2004 von der Gruppe Columbia Hotels & Resorts übernommen wurde. Das Fünf-Sterne-Hotel nimmt die Geschichte des Hauses auf, ohne verstaubt zu wirken. Alte Kronleuchter, Sprossenfenster und Stuck werden mit modernem Design kombiniert. Die 72 Zimmer und Suiten sind im Landhausstil, klassisch oder modern eingerichtet. Lediglich der Kursaal wurde in den ursprünglichen Zustand im Jugendstil zurückversetzt. Er bildet das Herzstück des Gebäudes. Hier fanden die Bälle und Konzerte statt. In der Blütezeit des Casinos diente er als großer Spielsaal. Das knarrende Parkett ist in Würde gealtert und von oben schaut eine alte Tiffanydecke herab. Die Wände wurden wieder im originalen Blau gestrichenen, der üppige Stuck nachgearbeitet. Jetzt werden in dem festlichen Saal wieder Hochzeiten gefeiert, Bälle veranstaltet und Galadinners ausgerichtet.

Von allen drei Restaurants und der Hotelbar "Seven C's Club" hat man einen Blick auf die Ostsee. Während die Fähren am Horizont gen Schweden oder Finnland verschwinden, wird im "La Belle Epoque" avantgardistische Küche serviert. Dem Gourmet-Restaurant wurde im letzten November der zweite Michelin-Stern verliehen. Im "Holstein's" wird hingegen typisch holsteinische Küche mit Produkten aus der Region gekocht. An stürmischen Abenden kann man sich am Kamin aufwärmen und auch sonst ist das Restaurant wie ein großes, gemütliches Wohnzimmer eingerichtet. Im "Tafelfreuden-Restaurant" steht für so ziemlich jeden Geschmack etwas auf der Karte. Auch hier kommt man um schwerwiegende Entscheidungen also nicht herum.

ATLANTIC Grand Hotel Travemünde, Kaiserallee 2, 23570 Lübeck-Travemünde, Telefon 04502 308-0, www.atlantic-hotels.de/grand-hotel-travemuende

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Autor

Katharina Müller-Güldemeister