Niedersachsen Auf dem Schlachtfeld in Kalkriese

Nein, das ist wirklich nichts für Kinder, mag wohl die Mutter zu ihren kleinen Germanen gesagt haben, als die Größeren loszogen, mit Speeren und Knüppeln bewaffnet. Es war ein regennasser Oktobermorgen, und sie wusste, was die Männer vorhatten – sie zogen in den Krieg. Was sie nicht wusste: Es wurde eine der entscheidenden Schlachten der Geschichte. 2000 Jahre später schaut Sebastian hinab auf seine Füße. In seinem Gesicht mischen sich Interesse und Ekel. Dort unten, so hat er gerade erfahren, ist die Hölle los. Unter seinen Füßen wimmelt es von Tieren und Pflanzen und Überresten all der Dinge, die im Laufe der Jahrhunderte zu Boden fielen. Auch von dem, was von Menschen übrigbleibt: Kleidungsreste und Knochen.

Sebastian und die anderen stehen auf einer Wiese in der Nähe von Osnabrück, vor ihnen ein Höhenzug, hinter ihnen die nassen Flecken eines großen Moores und unter ihnen ein Schlachtfeld. Hier starben vor 2000 Jahren Tausende, womöglich 20 000 Menschen in einem tagelangen Morden. Es war eine von vielen Schlachten in jenem Krieg, den die Römer mit den Stämmen im Norden über Jahrhunderte führten, und wahrscheinlich war es diejenige, die Kaiser Augustus zu seinem Ausspruch veranlasste: "Varus, gib mir meine Legionen wieder!"

Vom Grauen jener Zeit ist heute nichts mehr zu sehen, aber der Boden hat es in sich. Würde man jetzt den Spaten ansetzen, kämen wieder Schuhnägel, Panzerschnallen, Waffenreste zutage. Die Kinder aber graben im "Archäomobil" im Sand. Hier lernen sie, wie Wissenschaftler mit Funden umgehen: akribisch mit Pinsel und Millimeterpapier. Indiana Jones würde sich hier langweilen, aber für Sebastian und die anderen ist das aufregend: Allein ein Stück Eisen in der Hand zu halten, das aus jener Schlacht stammt, die Legenden und Mythen hervorgebracht hat und deren Ort seit Jahrhunderten gesucht wurde. Die Varusschlacht hatte Arminius angezettelt, ein germanischer Offizier in Diensten Roms. Sein Ziel: Die Stämme seiner Heimat zu einen und gegen Rom zu führen – er wollte Macht.

Arminius stachelte die Bauern der Gegend auf, und die leisteten ganze Arbeit. Bauten einen Wall und rieben den Zug auf. Nahmen den Toten alles, was sie tragen konnten und plünderten die Stätte immer wieder. Drei Legionen unter Führung des Feldherrn Varus wurden vernichtet. Es war eine der größten Niederlagen des römischen Reiches. ber fand die Schlacht wirklich in Kalkriese statt? Vieles spricht dafür, manche Wissenschaftler bezweifeln das jedoch. Dass hier eine der wichtigsten archäologischen Stätten Deutschlands liegt, ist aber sicher. Und die Gesellschaft, die Museum und Park Kalkriese betreibt, hat in jedem Fall eine Welt geschaffen, die anschaulich zeigt, wie eine der großen Weichenstellungen der Geschichte ausgesehen haben mag. Die Dauerausstellung richtet sich besonders an Kin der und Jugendliche. Als sich die Varusschlacht 2009 zum 2000sten Mal jährte, wurde sie neu konzipiert und begeistert seitdem immer mehr Familien. Mehr als tausend Schulklassen kommen jedes Jahr nach Kalkriese, um Geschichte ganz neu zu erfahren.

Museum und Park Kalkriese ist heute ein riesiges Gelände, auf dem Wissenschaft als Abenteuer auftritt, Forschung als Schnitzeljagd und Geschichte als Drama. Es gibt Programme für alle Schulklassen bis zum Abitur, "Germanen und Römer" steht in Niedersachsen offiziell auf dem Lehrplan. Für Kinder jeden Alters gibt es Sonderausstellungen und vor allem am "Familiensonntag" viele Führungen und Veranstaltungen.

Und der wissenschaftliche Streit, ob hier die große Schlacht zwischen Varus und Arminius stattgefunden hat (was keiner beweisen kann) oder eine andere zwischen Römern und Germanen (was keiner widerlegen kann), steht für die Forschung heute nicht mehr im Vordergrund. Die Fragen werden anders gestellt: Die Archäologen des Museum und Park Kalkriese haben viel zur Begründung einer neuen Diszplin beigetragen: der Schlachtfeldarchäologie. Für die jungen Besucher ist das ein Anreiz: Hier gibt es noch offene Fragen, und vielleicht könnte Sebastian eines Tages, als Erwachsener, in die Tiefen von Kalkriese vordringen und das Schwert finden, in das sich der geschlagene Feldherr Varus angeblich gestürzt hat…

INFOs über das Museum und Park Kalkriese:

Noch bis Ende November läuft in Kalkriese die Ausstellung BodenSchätze – Geschichte(N) aus dem Untergrund. Die "Mitmach-Ausstellung für die ganze Familie" zeigt den Boden als "Kosmos unter unseren Füßen", als Lebensraum, Lebensspender und natürlich als Bewahrer der Vergangenheit.

Museum und Park Kalkriese, Bramsche, Venner Straße 69, Tel. 05468 9204-0, www.kalkriese-varusschlacht.de

Mehr als zehn verschiedene Führungen können gebucht werden. Am einfachsten per Mail: fuehrungen@kalkriese-varusschlacht.de

Autor

Roland Benn