Deutschland Reisen vorm Mauerfall

Seit dem Mauerfall hat sich viel getan in Deutschland. Wir präsentieren Reiseziele, die es vor der Wiedervereinigung noch nicht gegeben hat.

Krausnick, Tropical Islands

Palmen neigen sich über das Ufer, das Wasser in der Lagune hat mollige 32 Grad, karibische Klänge wehen herüber – ein ganz normaler Tag in Krausnick. In der kleinen brandenburgischen Gemeinde,60 Kilometer südlich von Berlin, steht die größte freitragende Halle der Welt. Früher als Luftschiffwerft genutzt, ist sie seit 2004 Heimat der "Tropical Islands", einer Mischung aus Therme, Jahrmarkt und Jurassic Park. Unter der Kuppel aus Stahl und transparenter Membran ist genug Platz für Pools und Riesenrutsche, einen Regenwald mit Mangrovensumpf, Schildkröten und Flamingos, Saunalandschaft, 13 Restaurants und Bars, einen Tattooshop, ein Tropendorf mit Kulissen aus Samoa, Bali und Borneo – kurz: für eine bunt zusammengewürfelte Ethno-Welt, die man nie verlassen muss. Übernachten kann man hier schließlich auch. www.tropical-islands.de

Dresden, Frauenkirche

Gerald Hänel
Frauenkirche in Dresden
"Wer die Zuversicht verloren hat, der gewinnt sie wieder beim Anblick der wiedererstandenen Frauenkirche!", sagte Bundespräsident Horst Köhler bei der Einweihung 2005. Jahrzehntelang stand die Ruine der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Frauenkirche im Herzen der Stadt, bis nach der Wende eine Dresdner Bürgerinitiative mehr als 100 Millionen Euro Spenden für den Wiederaufbau sammelte. Ein Projekt, das weltweit Furore machte. In die neue Fassade setzte man 4000 Sandsteine aus den Trümmern der alten Kirche – heute sind sie am hellen Bau sichtbar als dunkle Flecken der Erinnerung.
www.frauenkirche-dresden.de

Müritz, Urlaub auf dem Hausboot

www.bootsurlaub.de
Ihr Name kommt aus dem Slawischen und bedeutet "Kleines Meer". Das passt, denn die Müritz ist mit einer Fläche von 113 Quadratkilometern der größte See innerhalb Deutschlands. Auf dem kann man seit 2000 sogar Tag und Nacht verbringen: im Hausboot. Das darf an der Mecklenburgischen Seenplatte jeder mieten – auch ohne Bootsführerschein. Bei Sonnenschein hüpft man dann von Bord ins kühle Wasser und angelt sich selbst sein Abendessen (dafür braucht man einen Schein). Bei Regen wirft man den Anker aus und macht einen Abstecher in die Schlösser von Klink, Rheinsberg oder Schwerin.
www.mecklenburgische-seenplatte.de/hausboot

Leipzig, Cospudener See

Die Bagger hat man fortgerollt, an den tiefen Gruben liegen jetzt Badetücher. Denn der ehemalige Tagebau südlich von Leipzig, in dem einst zehn Prozent der weltweiten Braunkohle gewonnen wurden, wird geflutet. Bis 2060 sollen so mehr als 20 Seen entstehen. Der bekannteste der elf bereits fertiggestellten Badeseen ist der 2000 freigegebene und 4,4 Quadratkilometer große Cospudener See, komplett mit Bootsverleih, Tauchschule und Sachsens längstem Strand – den Lokalreporter kurzerhand "Costa Cospuda" tauften.
www.leipzigerneuseenland.de

Thüringen, Nationalpark Hainich

Baumkronenpfad im Nationalpark Hainich
Thomas Stephan
Baumkronenpfad im Nationalpark Hainich
Die Panzer sind längst verschwunden. In den Schneisen, die sie in den Wald furchten, sprießen heute Schlehen und Weißdorn. Seit 1997 ist der Hainich, einst  Truppenübungsplatz der Nationalen Volksarmee, ein geschützter Nationalpark, seit 2011 gehören die Buchenwälder sogar zum Weltnaturerbe. Im Herzen Deutschlands wächst wieder ein Wald, wie er vor 2000 Jahren große Teile Mitteleuropas bedeckte. 18 Wanderwege führen zu Attraktionen wie dem Wildkatzendorf oder dem 530 Meter langen Baumkronenpfad, auf dem man den Spechten von oben ins Nest lugen kann.
www.nationalpark-hainich.de

Rügen, Vilm

Vilm aus Sicht des Malers Caspar David Friedrich
Vilm aus Sicht des Malers Caspar David Friedrich
Einsame Inseln vermutet man höchstens noch im Pazifik, nicht aber in der Ostsee. Und doch gibt es da das knochenförmige, zweieinhalb Kilometer lange Eiland Vilm. Zu DDR-Zeiten diente es als privates Feriendomizil des Ministerrates, heute ist die von Buchen und Farnen bedeckte Insel Teil des Biosphärenreservats Südost-Rügen. Zwei Führungen am Tag sind auf der Insel erlaubt, ansonsten gehört sie ganz den Rehen, Füchsen und Seeadlern.
www.ruegen.de

Breitscheid, Herbstlabyrinth

Schauhöhle Herbstlabyrinth in Breitscheid
Klaus-Peter Kappest
Schauhöhle Herbstlabyrinth in Breitscheid
Kalt und feucht ist es hier. Und die Wände funkeln in der Dunkelheit. Tief unter den Wurzeln des Westerwaldes, in der kleinen Gemeinde Breitscheid, liegt ein Kristallpalast. 1993 entdeckte man hier die Herbstlabyrinth-Adventhöhle. Noch immer sind die Ausmaße der Tropfsteinhöhle mit den bizarren Kalkskulpturen ungewiss, mehr als acht Kilometer wurden bisher erforscht. Seit 2009 ist zumindest die Knöpfchenhalle, einer der größten Höhlenräume Deutschlands, am Wochenende für Besucher geöffnet.
www.zeitspruenge.de

Bad Muskau, Fürst-Pückler-Park

Darshana Borges
Die eine Hälfte Polen, die andere Deutschland. Seit der Wende erlebt der von der Neiße geteilte Landschaftspark Muskau eine Renaissance. Gemeinsam setzten beide Länder das verfallene Gartenkunstwerk aus dem 19. Jahrhundert wieder instand und restaurierten das Schloss des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau. Eine beispiellose Leistung internationaler Denkmalpflege. www.muskauer-park.de

Bremerhaven, Klimahaus

Gerald Hänel
Klimahaus in Bremerhaven
Wie eine überdimensionale Auster, in der Hunderte Perlen funkeln, liegt das Klimahaus am Ufer der Weser. In seinem Innern geht man auf eine Reise um die Welt. Die Route gibt der 8. Längengrad Ost vor, darauf liegt Bremerhaven – aber auch Genua und Nigerias Wüste. Man könnte das Klimahaus, das 2009 im neu konzipierten Hafenviertel Eröffnung feierte, ein Naturkundemuseum nennen. Allerdings klingt das Wort zu spröde für diese Erdumrundung. Die Ausstellung spricht alle Sinne an, simuliert werden auch die Temperaturen – von minus 6 Grad Celsius in der Antarktis bis zu 35 Grad in der Sahelzone.
www.klimahaus-bremerhaven.de

Wolfsburg, Autostadt

Horst und Daniel ZIelske
Autostadt in Wolfsburg
Die Geschichte der Stadt in der Stadt beginnt im Jahr 1995. Auf dem Weg zur Arbeit passiert der damalige VW-Konzernchef Ferdinand Piëch die Industriebrache neben dem alten Kraftwerk und hat eine Idee: Wie wäre es, hier ein Kundenzentrum zu bauen? Ein Ausflugsziel für alle, die ihren Neuwagen abholen, und eine Attraktion fürs niedersächsische Umland. Fünf Jahre später ist die Autostadt fertig – ein Themenpark über Mensch und Mobilität mit überraschender Bandbreite: Hier lässt man seinen ökologischen Fußabdruck ermitteln und kurvt danach mit einem Geländewagen über den Offroad-Parcours. Wahrzeichen sind die zwei gläsernen Autotürme. Durch einen unterirdischen Zugang kommen die Modelle vom Werk direkt in den Keller, wo sie ein Fahrstuhl zu ihrem Platz in der Vitrine hievt. Dort stehen sie dann, bestellt und noch nicht abgeholt.
www.autostadt.de

Autor

Kalle Harberg

Ausgabe

Deutschland 09/2014