Kopenhagen Hafen und Architektur der Metropole

Keine Polizei, keine Bodyguards, keine Parteifreunde. Dänemarks Regierungschef Anders Fogh Rasmussen und seine Frau besuchen an diesem Samstagabend John Neumeiers Ballettfassung der "Kleinen Meerjungfrau" in Kopenhagens neuem Opernhaus. Ganz privat, wie 1400 weitere Besucher. Skandinaviens Demokratien sind auch heute noch - den Morden an Olof Palme und Anna Lindh zum Trotz - offen und volksnah. Obwohl Kopenhagens Anfang 2005 eröffnete Oper alles andere als ein Musterbeispiel demokratischer Planung ist.

Nachdem Containerhafen und Marine weggezogen waren, hatte Dänemarks reichster Mann, der Reeder Mærsk Mc-Kinney Møller, in den neunziger Jahren stückweise die künstliche Insel Dokøen an der Hafenfront des Stadtteils Christianshavn gekauft, unbemerkt von der Öffentlichkeit. Dann gab der heute 92-jährige Kunstfreund dem Star-Architekten Henning Larsen den Auftrag, ein zeitgemäßes Opernhaus zu schaffen, das die technischen und ästhetischen Anforderungen eines Zweispartenhauses erfüllen sollte. Larsen war ohnehin mit einer Erweiterung der gegenüber liegenden Mærsk-Konzernzentrale befasst - einen Architektenwettbewerb gab es nicht.

Kopenhagens Einwohner und Behörden wurden vor vollendete Tatsachen gestellt, als Mc-Kinney Møller im Sommer 2000 sein "Geschenk für das dänische Volk" offiziell präsentierte. Nach der Devise: ganz oder gar nicht, jetzt und hier - oder nie und nimmer. Die Diskussion in Politik, Kultur und Leserbriefspalten war heftig, zumal der seit jeher freie Blick von der Altstadt Richtung Øresund plötzlich von einem 38 Meter hohen Kubus versperrt werden sollte. Außerdem würde das in Fluchtlinie liegende Königsschloss Amalienborg und die Marmorkirche mit ihrer runden Kuppel ein ungleiches Pendant erhalten. Doch Neugier und Kulturlust siegten und die Mitglieder des königlichen Theaters freuten sich auf die neue Spielstätte.

"Schade für die Stadt."

Kopenhagens Hafen, einst Trennlinie zwischen westlichen und östlichen Stadtteilen, wandelt sich zum Zentrum. Entlang der Hafenfront, an seinem Rand und dahinter versammeln sich Wohn- und Arbeitsquartiere. Kulturelle Veranstaltungen locken Spaziergänger an die Kais - zum Beispiel durch den Hafenpark an Islands Brygge, wo sich im von der jungen Architektengruppe PLOT entworfenen Hafenbad im Sommer Tausende Menschen ins kühle Nass stürzen.

"Fast ein Muss nach Feierabend", schwärmt Kaspar Egelund, der gleich um die Ecke bei Vipp AS als Marketingchef eines dänischen Design- und Einrichtungshauses tätig ist. Für den jungen Kopenhagener ist die urbane Umgebung von Islands Brygge und City perfekt - "wir schaffen Produkte für Stadtmenschen, also wollen wir am Puls der Zeit leben", sagt Egelund. Das finden auch andere Vorreiter des Zeitgeistes wie der Designer Klaus Samsøe oder die Modemacherinnen von "Dart" - allesamt zu Hause "auf" Islands Brygge, wie es im Dänischen heißt.

Über die rasante Entwicklung seiner Heimatstadt freut sich auch Kopenhagens oberster Baumeister, Stadtarchitekt Jan Christiansen. "Uns besuchen Kollegen aus aller Welt, um die Entwicklung am Hafen zu verfolgen oder die Entstehung der im Zuge der 2000 eröffneten Øresundbrücke begonnenen Ørestad." Von seinem Büro blickt Christiansen aufs klassizistische Rathaus - und 30, 40 Jahre in die Zukunft der Kopenhagener Architektur.

Acht neue Baugebiete für Wohnraum, meist auf alten Hafen- oder Industrieflächen, sind bereits ausgewiesen. Denn trotz einiger tausend Neubauwohnungen "warten jetzt schon etwa 20.000 Interessenten auf weiteren Wohnraum", sagt der Stadtplaner. Nicht alle wollen und können dabei tief in die Tasche greifen und Eigentum von einem der immer zahlreicher werdenden ausländischen Investoren erwerben. Darum, so Christiansen, spiele in Kopenhagen auch künftig almen boligbyggeri, sozialer Wohnungsbau, eine große Rolle. Sein Fazit: "Kopenhagen ist auf dem besten Weg, eine Architekturstadt wie Barcelona und Berlin zu werden."

Alles geht aber auch in Kopenhagen nicht. So fand im Frühjahr 2005 nach langem Streit das Projekt des Holländers Erick van Egeraat keine Gnade. In der zuständigen Bürgerrepräsentation wurden die von ihm entworfenen sechs expressionistisch wirkenden "Hochhäuser" am Krøyers Plads abgelehnt. Die bis zu 14 Etagen und 55 Meter hohen Häuser seien zu hoch und sprengten die gewachsenen Proportionen des Stadtteils Christianshavn. Kopenhagens Bürgermeister für Stadtentwicklung, Søren Pind, der sich gern als Mann mit Visionen sieht, zeigte sich entsprechend missgelaunt: "Schade für die Stadt."

Riesen wie der 190 Meter hohe, spektakuläre Büro- und Wohnturm Turning Torso im südschwedischen Malmö auf der anderen Seite des Øresund haben in der dänischen Hauptstadt (zumindest vorerst) keine Chance - die historische Altstadtsilhouette mit ihren Türmen und maximal fünf- bis sechsstöckigen Häusern bleibt geschützt. Dabei lieben die Dänen die dänische Moderne. Jedoch offenbar am liebsten mit dem nötigen Abstand.

Als die dänische Tageszeitung "Berlingske Tidende" ihre Leser jüngst nach den Höhepunkten dänischer Architektur des vergangenen Jahrtausends fragte, landete die Moderne auf Platz eins - zu sehen ist der Siegerbau allerdings am anderen Ende der Welt: die vom Dänen Jørn Utzon entworfene Oper von Sydney. Dicht dahinter folgen weitere Meisterwerke der dänischen Moderne wie Johan Otto von Spreckelsens 1989 in Paris erbaute La Grande Arche gefolgt von Henning Larsens saudi-arabischem Außenministerium in Riad. Beispiele klassischer Moderne in Kopenhagen wie das von Arne Jacobsen, dem dänischen Stararchitekten der Nachkriegszeit, entworfene SAS Royal Hotel (1960) fanden erst gar keine Berücksichtigung. Bei ausländischen Architekturkennern gehören Jacobsens Werke dagegen ebenso zum Pflichtprogramm eines Kopenhagentrips wie neuerdings auch der Besuch der Oper.

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Autor:
Christoph Schumann