Dänemark Segeln in der dänischen Südsee

Der Hafen hier: wie ausgedacht. Der Kiosk, die Duschen, das Hafenmeister-Büro - alle Holzhütten sind in diesem wunderbar warmen Rot-Ton gehalten. Dahinter wogen Weizenfelder, Schäfchenwolken flitzen über den Himmel. Unsere Kapuzen sind tief ins Gesicht gezogen, der Wind bläst ordentlich um die Nordwestspitze Avernakøs.

Wir lümmeln auf der Holzterrasse vor dem Imbiss, kalt rinnt Bier unsere Kehlen hinunter - der ersehnte Anlegeschluck. Der Bådehavn ist klein, so klein, dass es schwer war, ein Liegeplätzchen für unser Boot zu ergattern. Doch wir hatten Glück. Mit unserer Eos, einer vierzig Jahren alten Commander 31, fanden wir am Nachmittag eine freie Box. Jetzt genießen wir den 270-Grad-Blick übers Meer.

Der Wind hat uns hierher geführt, auf unserem Törn durch die dänische Südsee, eine Inselwelt, eingerahmt westlich von Æro, nördlich von Fünen und östlich von Langeland. Unsere Crew: ein Haufen zusammen gewürfelter Freunde. Michael, leidenschaftlicher Segler und Globetrotter, sagt: "Ich kenne viele Reviere auf der Welt. Aber mich zieht es immer wieder hierher. Das Licht, die Vielfalt, das ist einzigartig." Mit kurzen Schlägen, also kleinen Distanzen, sind einsame Buchten erreicht, sturmgezauste Inselchen, aber auch lebhafte Hafenstädte wie Svendborg.

Päckchenliegen ist angesagt

Bevor es uns am nächsten Morgen weitertreibt, schnappen wir uns am Hafen Fahrräder. Einfach 20 Kronen in ein Kässchen schmeißen und man ist zwei Stunden lang Eigner eines klapprigen Drahtesels. Die Insel will erkundet werden. Am Straßenrand sind kleine Tische und Vitrinen aufgebaut, darin selbstgemachte Marmelade, Filzschlappen, Armbändchen. Wenn gleich hier eine Haustür aufginge und jemand uns Fremde zu Kaffee und Kuchen einlüde, wir würden uns nicht wundern. Auf einem Hügel über dem Ort steht die schmucklose weiße Kirche. Drinnen einfache Holzbänke, an der Decke hängen opulente Schiffsmodelle, große, filigrane Handwerkskunst. Ob die seefahrenden Bewohner so seit jeher das Meer milde stimmen wollen?

Grund dazu haben sie. Obwohl die dänische Südsee geschützt liegt, kann man auch auf einem Segeltörn im Hochsommer die Gewalt der See erleben. Aus der gemütlichen Kreuzfahrt wird ein Naturerlebnis, wenn am Horizont dunkle Wolken aufziehen, der Wind auffrischt und plötzlich Schauerböen heran rauschen. Danach aber bricht die Sonne wieder hervor, Boot und Crew atmen auf.

Uns weht eine Brise von Avernakø-Nord nach Svendborg, durch den langen Svendborgsund. Häuser mit großen Fenstern zum Fjord säumen den Weg, davor leuchtend grüner Rasen und Holzstege, die weit ins Wasser ragen. Eine Fähre rast an uns vorbei, ihre Bugwelle schüttelt uns ordentlich durch. Wir tuckern an Industrieanlagen vorbei, schleichen unter der Svendborgsund-Brücke durch, viel Betrieb hier, aber alle Segler winken sich zum Gruß zu - es ist wie in den Bergen, der einzelne Mensch zählt etwas. Hinter der Brücke biegen wir backbord ab. Die Silhouette der Stadt baut sich vor uns auf, der Nordre Havn öffnet sich.

Ein herrliches Gefühl, vorne am Bug zu stehen, in die Abendsonne zu blinzeln und den salzigen Duft zu schnuppern. Voll ist es hier, Päckchenliegen ist angesagt, Segelboot an Segelboot, Seite an Seite. Wenn man sein Schiff verlässt, marschiert man über das Deck der anderen. Segler sind hilfsbereit, keiner soll die Nacht auf hoher See verbringen müssen. Auch wir machen fest, Kommandos unseres Skippers Michael fliegen übers Deck: "Hast du vorne alles im Griff, sag Bescheid, dann mache ich hinten fest", "Beleg schnell die Klampe!", "An der Seite sollten noch die Fender raus".

Es gluckst und blubbert um uns herum

Alle packen mit an, es herrscht geordnetes Chaos. Noch immer in Segelklamotten verpackt, sitzen wir anschließend im Cockpit, der Himmel verfärbt sich langsam rot. Unser Tagwerk ist geschafft. Im Hintergrund hämmert es, pocht es, schnauft es. Der Hafen kennt keinen Feierabend. Uns zieht es noch zu Bendixens Fiskehuset, eine Fischpinte direkt am Hafen. Der Lohn für den Törn: Backfisch und Tintenfischringe.

Es ist dunkel geworden, das Fiskehuset hat längst geschlossen, als wir uns unter Deck zurückziehen. Verdammt eng ist es in dem neun Meter langen Boot, aber keiner beschwert sich, die Eos ist unser Zuhause für diese Woche. In unseren Kojen liegend, planen wir die nächsten Tage. Es gluckst und blubbert um uns herum, die Wanten, die den Mast halten, pfeifen im Wind. "Jemand hat vergessen, das Großfall stramm zu ziehen", sagt Michael. Die Leine, die das Großsegel nach oben zieht, schlägt gegen den Mast. Wir knobeln, wer in die kühle Nacht hinaus muss. Das Schaukeln des Bootes wiegt uns danach in den Schlaf.

Uns zieht es anderntags nach Marstal auf Æro. Der Ort ganz im Osten ist der wichtigste Hafen der Insel, Kaianlagen und Werften prägen das Bild. Vor hundert Jahren waren hier über 300 Frachtsegler beheimatet - es muss eine beeindruckende Kulisse gewesen sein. Wer will, kann die Geschichte im prallen Seefahrtsmuseum erforschen. Durch den Roman "Wir Ertrunkenen" von Carsten Jensen erlangte Marstal wieder große Bekanntheit, es ist eine Liebeserklärung an die Menschen des Ortes und ihre Sehnsucht nach dem Meer.

Eine Szenerie wie aus der Südsee

Wir erreichen die Stadt bei Nieselregen, alles grau in grau. Die Einfahrt zum Hafen ist lang, gespickt mit Gefahrentonnen und Schifffahrtszeichen. Hier braucht man ein feines Händchen an der Pinne, denn außerhalb des Fahrwassers wird es flach, sehr flach. Wir motoren an Containerschiffen vorbei, am Museumshafen, Marstal liegt konturenlos dahinter. Melancholische Atmosphäre. Doch all das passt ins Bild - der Glanz der Hafenstadt liegt viele Jahre zurück.

Kontrastprogramm am nächsten Morgen: Die Sonne scheint. Wir wandern auf die Landzunge Eriks Hale, eine langgezogene Bucht mit feinem Sand, auf den Dünen wie hingetupft kleine bunte Badehäuschen. Ein paar Tage könnten wir locker noch auf der Insel verbringen, vieles gibt es zu entdecken: Ærøskøbing etwa mit den engen Gässchen und Fachwerkhäusern aus dem 18. Jahrhundert. Oder den Fischerhafen Søby an der Nordspitze der Insel mit seinem spröden Charme - von hier legen viele Fähren ab, etwa nach Fåborg auf Fünen oder nach Fynshav auf Als.

Doch wir wollen unseren Törn durch die dänische Südsee mit einem Schmankerl abrunden. In Revkrog, einer sichelförmige Bucht im Südosten von Avernakø, lassen wir den Anker in vier Meter Tiefe zu Wasser. Die Szenerie scheint wie aus der Südsee entsprungen, das Wasser glasklar, der feinsandige Strand liegt da wie unberührt. Ein Hase hoppelt am Ufer entlang, als wir die Badeklamotten raus kramen. Kopfüber springen wir in die wunderbar kühle Ostsee.

 

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Bunte Strandhäuschen, nette Menschen und eine frische Meeresbrise: Recht hyggelig finden es die deutschen Segler in der sogenannten dänischen Südsee.

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Autor:
Petra Barth