Europop Bulgarien Escort-Service auf der Piste

Zum Einstieg ein kleines Quiz: Wer hat schon mal etwas von Witoscha, Bansko oder Pamporovo gehört? Flotte Namen, die nach Ostblock klingen und genauso gut aufstrebende Weinsorten wie trendige Vornamen für den slawischen Nachwuchs sein könnten. Tja, alles falsch! Es handelt sich vielmehr um Skigebiete in respektablen Höhenzügen, von denen ich bislang nicht mal wusste, dass diese überhaupt existieren. Die Zentralrhodopen etwa. Oder das bis zu 2900 Meter hohe Piringebirge. Europäisches Neuland, das uns zur Carving-Sause empfängt. Willkommen in den bislang wenig bekannten Alpinregionen von Bulgarien!

Großes Hallo vor der Jausenstation am Shiligarnik-Sessellift oberhalb des 12.000-Seelen-Ortes Bansko, dem größten und hipsten Skigebiet des Landes. Von 936 Meter Ortshöhe geht es hier bis auf 2600 Meter. 75 Kilometer Abfahrten und Loipen warten auf die Wintersportler.

Eine Gruppe Ukrainer, ausgerüstet mit Helmkamera und blau-gelber Landesfahne, macht sich bereit zur Abfahrt über die Blaue Piste Nr.5. Vorher wird eine Runde Wodka aus Plastikbechern gezischt und ein zünftiges Liedchen geschmettert. Eine auf Escort-Service gestylte Dame im blassrosa Overall macht einige Aerobic-Stretch-Übungen am Rande der Piste. Auf ihrem mit Strass-Steinchen dekorierten Rückenpartie erspähe ich einen wegweisenden Schriftzug: "Lady P(r)unk" - wobei das eingeklammerte "r" ganz eindeutig eine doppeldeutige Verruchtheit signalisieren soll. Nebenan am Hochtisch erntet die Oligarchen-Gattin von einigen lässigen Snowboardern bewundernde Blicke. 12 Uhr mittags in den Balkanbergen.

Zwischen Sexshops, Folklore und Dönerbuden

Unten im Ort gibt es Folklore, Feinschmeckerlokale, Sexshops, Discos und Dönerbuden. In der Boomzeit vor 2009 wurde in den Außenbezirken von Bansko gebaut wie in Dubai. Heute glänzt das meiste in einem eigenwillig Bergstil mit Balkan-Schnitzereien und Sonnenkollektoren. Dazwischen stehen wie böse Raumschiffe einige graue Skelette aus Stahl und Beton in der beeindruckenden Landschaft. Die multifunktionale Großhütte "Happy End" ("the best party place", so die polyglotte Eigenwerbung) direkt an der Basisstation zelebriert die bulgarisch-britische Variante von Après-Ski. Fast so wie in Gstaad oder St. Anton. Dafür kostet ein Espresso am Rande der Shoppingmeile nur einen Euro. Am Hauptplatz der Altstadt ist mit großzügiger Unterstützung irgendeiner EU-Kommission eine weite Fläche mit traditionellem Bruchstein-Bodenbeleg ausgelegt worden.

Vor dem Gemeindezentrum werden an den Folklore-Ständen traditionelle Stickereien neben Ehrenabzeichen von Wehrmacht und SS verkauft. Die Hitler-Büste aus Bronze ist nur wenig kleiner als die von Stalin. Ein bebildertes Geschichtsheft macht gerade mit "1941" auf - das Jahr des Kriegseintrittes von Bulgarien an der Seite des Dritten Reiches. Im Disco-Cafe auf der Haupteinkaufsmeile tragen die blond gefärbten Kellnerinnen ihre Strassgürtel-Jeans auf Unter-Hufthöhe. Der eigentlich schon abgefrühstückte Begriff "Arschgeweih" bekommt hier neue Dimensionen.

An der Theke sitzt Rumänen, Russen und diverse Engländer, die mit Easyjet aus Gatwick günstig eingeschwebt sind. Einer der zahlreichen Skibus-Services von Bansko hat die trinkfreudigen Gäste von der Insel am 160 Kilometer entfernten Internationalen Flughafen der Hauptstadt Sofia abgeholt. "No problem, mate", meint der Kollege mit Spiegelsonnenbrille. "It's cheap and it's fun" und blickt in Richtung des Bauchnabel-gepiercten Thekenpersonals. Selten zuvor habe ich die erweiterte EU so präsent erlebt.

Deutsche Gäste gehören dagegen zu den Exoten. Dabei gibt es - jetzt mal abgesehen von der erfrischend deftigen Aura - in Bansko in jeder Hinsicht viel zu entdecken. Die modernen Hotels bieten ein vielschichtiges Spektrum von gehobener Lounge-Atmosphäre mit Spa und Gourmetküche bis zum spartanischen Snowboard-Studenten-Bunker. Und wer keine Party mit angewärmten Schnaps zum landestypischen Hirtensalat möchte, bucht eben etwas abseits der Partyzone.

Bei unserem Abendessen in einem netten Folklore-Lokal drang aus den angeschlossenen Kellerräumen ein stetiger Gute-Laune-Groove. Irgendwann stieg ich die Stufen hinab und stand in einer überaus gut gelaunten Gesellschaft. Zwei Minuten später hatte ich ein Glas in der Hand. Ein perfekt englisch sprechender Feiergast erläuterte mir, dass die tanzenden Menschen auf den Bänken alles Kollegen wären. Da man vor der Festtagen im Dezember den Hauptumsatz machen würde, müsste die Weihnachtsfeier eben im Februar nachgeholt werden. "So ist das bei uns", meinte mein Scout zum Abschluss. "Man trifft hier sehr nette Menschen."

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Autor:
Ralf Niemczyk