Belgien

Wissenswertes über Belgien

Natur und Klima:

Belgien lässt sich von Nordwesten nach Südosten in drei Landschaftsräume gliedern. Hinter einem bis 30 Meter hohen Dünenstreifen entlang der 65 Kilometer langen, von Deichen geschützten Nordseeküste folgt landeinwärts das Tiefland Niederbelgiens. Das fruchtbare Marschland geht östlich der Schelde in weite, sandige Geestflächen über (Kempenland). Mittelbelgien (Hennegau und Brabant) ist ein flachwelliges, bis auf 200 Meter ansteigendes Hügelland, dessen oberste Schicht im Südteil von fruchtbarem Lössboden gebildet wird. Hochbelgien beginnt südlich von Maas und Sambre. Den größten Teil nehmen die Ardennen und ihr Vorland (Condroz) ein. Das bewaldete und durch Flüsse tief zerschnittene Mittelgebirge erreicht im Hohen Venn seine größte Höhe (694 Meter). Im äußersten Süden hat Belgien Anteil am erzreichen Lothringer Stufenland.

Atlantisches Klima:

Das Klima wird durch den Einfluss des Atlantischen Ozeans geprägt. Mit zunehmender Entfernung zum Meer wird das Klima rauer und die Zahl der Frosttage nimmt zu. Die vorherrschenden Westwinde bringen gleichmäßig über das Jahr verteilt Niederschläge von 750 bis 1000 mm, in den Ardennen bis 1500 mm.

Bevölkerung:

Belgien gehört zu den am dichtesten besiedelten Ländern Europas. Während in den Industriezonen und Ballungsräumen Brüssel, Antwerpen, Gent, Lüttich und Mons die Bevölkerungsdichte zum Teil 1000 Einwohner pro Quadratkilometer überschreitet, sind es in den Ardennen weniger als 50 Einwohner pro Quadratkilometer. Nahezu jeder zehnte Einwohner ist Ausländer, davon kommen fast zwei Drittel aus EU-Staaten.

Ein Land - drei Sprachen:

Die belgische Bevölkerung besteht aus den Niederländisch sprechenden Flamen (59 Prozent) im Norden, den Französisch sprechenden Wallonen (rund 40 Prozent) und einer kleinen deutschsprachigen Minderheit (1 Prozent) im Grenzgebiet von Eupen/Sankt Vith. Die seit dem Mittelalter nahezu unveränderte Sprachgrenze zwischen Flamen und Wallonen verläuft südlich von Brüssel in westöstlicher Richtung. Die Hauptstadt ist eine zweisprachige Enklave im niederländischen Sprachgebiet.

Bildung:

In Belgien besteht eine allgemeine Schulpflicht vom 6. bis zum 18. Lebensjahr. Viele Kinder besuchen bereits eine dreijährige Vorschule. Die Schulen gliedern sich - historisch-konfessionell bedingt - in zwei Arten von Trägern, den sogenannten "Netzen": in die öffentlichen, von den Kommunal- und Provinzialverwaltungen organisierten Schulen und in die freien, meist katholischen Schulen. Der Unterricht ist als Ganztagsunterricht organisiert und erfolgt in der Sprache des jeweiligen Sprachgebiets. Das Schulsystem gliedert sich in eine sechsjährige Primarstufe und eine weiterführende Sekundarstufe, die drei Unterrichtsabschnitte zu je zwei Jahren umfasst. An allen Universitäten und Hochschulen müssen Studiengebühren gezahlt werden; die älteste Universität wurde 1425 in Löwen gegründet.

Staat und Politik:

Nach der mehrfach geänderten Verfassung vom 7. Februar 1831 ist Belgien eine parlamentarische Monarchie mit bundesstaatlicher Ordnung. Staatsoberhaupt ist der König. An der Spitze der Regierung, die das Vertrauen des Parlaments haben muss, steht der Ministerpräsident. Das Parlament besteht aus zwei Kammern, der Abgeordnetenkammer mit 150 Mitgliedern und dem Senat mit 71 Mitgliedern. Beide Kammern haben eine vierjährige Legislaturperiode. Die 1994 wirksam gewordene Verfassungsrevision wandelte Belgien in einen Bundesstaat um. Die drei Regionen Wallonien, Flandern und Brüssel wurden mit weitreichenden Zuständigkeiten ausgestattet.

Die Parteien sind in flämische und wallonische Gruppierungen aufgespalten. Das bürgerliche Lager dominieren die Christdemokraten (Christen-Democratisch en Vlaams, CD&V; Centre Démocrate Humaniste, CDH). Parti Socialiste (PS) beziehungsweise die Socialistische Partij. Anders (SPA) sind sozialistische bzw. sozialdemokratische Parteien. Vlaamse Liberalen en Demokraten (VLD), Mouvement Réformateur (MR) sowie Vlaams Progressieven (VP) vertreten den parteipolitischen Liberalismus. De Vlaamse Groenen (GROEN) und die Ecologistes (ECOLO) sind ökologisch orientierte Parteien. Vlaams Belang (VB) und Front National (FN) können der extremen Rechten zugeordnet werden. Weitere Parteien sind Lijst Dedecker (LD) und Nieuw - Vlaamse Alliantie (N-VA).

An der Spitze des vierstufigen Gerichtswesens steht der Oberste Kassationsgerichtshof in Brüssel.

 

Wirtschaft und Verkehr

Belgien ist ein hochentwickeltes Industrieland mit einer exportorientierten Wirtschaft. Der Großteil der Ausfuhren geht in die Länder der Europäischen Union. Die wirtschaftliche Überlegenheit Walloniens verschob sich mit der Stahlkrise der siebziger Jahre zugunsten des flämischen Nordens. Trotz des Strukturwandels in den vergangenen Jahren konnte sich das Land im europäischen Binnenmarkt behaupten. Mittlerweile sind Handel und Dienstleister die größten Arbeitgeber, hier werden fast drei Viertel des Bruttoinlandproduktes erwirtschaftet. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind die zahlreichen internationalen Behörden und Institutionen.

 

Altes Industrieland:

Die Industrie prägte lange Zeit das Gesicht der belgischen Wirtschaft. Die Textilindustrie in Flandern und die Glasindustrie in Wallonien reichen bis ins Mittelalter zurück. Auf der Basis reicher Kohle- und Eisenerzvorkommen entwickelte sich im 19. Jahrhundert in der Provinz Hennegau die älteste Industrielandschaft Kontinentaleuropas. Nachdem die Vorräte erschöpft waren, - die letzte Kohlezeche schloss 1993 - geriet die Eisen- und Stahlindustrie und damit die gesamte belgische Wirtschaft in eine schwere Krise. Junge Industrien wie die Petrochemie, Pharmazie, Kunststoffverarbeitung und Mikroelektronik entstanden seit den sechziger Jahren vor allem im ehemals agrarisch geprägten Flandern.

Produktive Landwirtschaft:

Die Landwirtschaft ist ebenfalls hoch entwickelt; die Hauptanbauflächen (vor allem Getreide- und Zuckerrübenanbau) liegen in Mittelbelgien und im Kempenland. In den Ardennen ist - neben der Forstwirtschaft - die Schafzucht stark ausgeprägt. Im Marschland wird fast ausschließlich Milchwirtschaft betrieben. Zu Berühmtheit haben es die mächtigen Brabanter Pferde gebracht.

Dichtes Verkehrsnetz:

Das Verkehrsnetz mit Brüssel im Zentrum ist gut ausgebaut, das Eisenbahnnetz gehört zu den dichtesten der Welt. Die Binnenschifffahrt verfügt über 1513 Kilometer ausgebaute Kanäle, allen voran der Albertkanal. Antwerpen an der Schelde ist trotz seiner Lage etwa 80 Kilometer landeinwärts einer der größten Seehäfen Europas.

 

Geschichte

Unter wechselnden Herrschaften:

 

Seinen Namen verdankt das Land den keltisch-germanischen Belgen, die ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. die Region besiedelten. 57-51 v. Chr. wurden sie von Cäsar unterworfen und das Land wurde Teil des römischen Herrschaftsgebiets. Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches in der Völkerwanderung gehörte das Gebiet des heutigen Belgien zum Frankenreich, das im Vertrag von Verdun 843 geteilt wurde. In der Folgezeit bildete sich eine Vielzahl von Regionalherrschaften heraus, die eine unterschiedliche Entwicklung nahmen. Besonders Flandern und Brabant erlebten im Spätmittelalter eine wirtschaftliche Blütezeit.

Erst im 15. Jahrhundert wurden die Landesteile unter burgundischer Hegemonie geeint und fielen 1477 durch Heirat an das Haus Habsburg. Der Konkurrenzkampf zwischen Frankreich und den Habsburgern dominierte in den folgenden Jahrhunderten die Geschichte Belgiens, mehrfach wechselten Herrschaft und Einflussnahme zwischen den beiden Großmächten.

Unabhängigkeit:

Bei der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft 1815 wurde Belgien dem neugeschaffenen Königreich der Vereinigten Niederlande zugeschlagen. Wegen unterschiedlicher Wirtschaftsinteressen und religiöser Spannungen begehrten die Belgier aber schon bald gegen die niederländische Dominanz auf. 1830 brach der Brüsseler Aufstand aus; die Separatisten proklamierten die Unabhängigkeit Belgiens. Ein Nationalkongress verabschiedete eine parlamentarisch-liberale Verfassung und wählte 1831 Leopold I. von Sachsen-Coburg zum ersten König der Belgier. Noch im gleichen Jahr erreichte der junge Staat auf der Londoner Konferenz die internationale Anerkennung.

Seit den Gründungsjahren beherrschten gravierende Differenzen zwischen den Landesteilen das öffentliche Leben: zum einen der unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungsgrad der französischsprachigen und der niederländischsprachigen Gebiete, zum anderen die Gegensätze zwischen Liberalismus und politischem Katholizismus. Mit einer Reihe von Maßnahmen gelang es jedoch König Leopold II. (1865 bis 1909), die innenpolitischen Konflikte zu entschärfen. Durch Sozialgesetze, der Einführung des allgemeinen Wahlrechts (1894) und die Anerkennung des Flämischen als Schul- und Amtssprache erreichte er einen Ausgleich der unterschiedlichen Positionen. Leopold II. erwarb als Privatbesitz 1885 den Kongostaat, der 1908 von Belgien als Kolonie übernommen wurde.

Belgien im 20. und 21. Jahrhundert:

Trotz erklärter Neutralität wurde Belgien im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg Kriegsschauplatz. Beide Male marschierten deutsche Truppen ein und okkupierten das Land. Im Versailler Vertrag erhielt Belgien die preußischen Kreise Eupen, Malmédy und St.-Vith. Nach der Befreiung durch die Alliierten 1944 gelang Belgien ein rascher wirtschaftlicher Aufschwung.

Außenpolitisch war das Land Initiator und Gründungsmitglied internationaler Organisationen wie der Nato, der Montanunion und der Europäischen Gemeinschaft. 1960 gab Belgien dem ehemaligen Belgisch-Kongo und 1962 Ruanda und Urundi die Unabhängigkeit. Das alles beherrschende innenpolitische Thema blieb aber der Dauerkonflikt zwischen Flamen und Wallonen, dem alle Nachkriegsregierungen Tribut zollen mussten. In mehreren Verfassungsreformen übertrugen sie den Regionen immer weitere Kompetenzen. Die damit einhergehende Zersplitterung der politischen und rechtlichen Institutionen bildete aber auch den Hintergrund für eine schwere Vertrauenskrise, in die das Land in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre stürzte, als Korruptionsfälle und Justizskandale das Ansehen von Staat und Regierung untergruben. 1993 starb König Baudouin. Sein Bruder wurde als Albert II. neuer Regent. Polizei- und Justizskandale 1996 sowie ein Dioxinskandal 1999 erschütterten das Vertrauen der Öffentlichkeit in die politischen Institutionen.

Bei den Wahlen 1999 mussten die seit 1958 fast ununterbrochen regierenden Christdemokraten eine Niederlage hinnehmen. Neuer Ministerpräsident wurde der liberale Guy Verhofstadt an der Spitze einer "Regenbogenkoalition" aus Liberalen, Sozialisten und Grünen. 2002 erhielten die Regionen weitere politische Zuständigkeiten, zum Beispiel für Landwirtschaft und Außenhandel. 2003 trat ein Beschluss zum langfristigen Ausstieg aus der Kernenergie in Kraft. Nach den Wahlen im selben Jahr setzte Verhofstadt die Regierungsarbeit ohne die Grünen fort. In der Außenpolitik stand neben dem Engagement in den Konfliktregionen Afghanistan und Zentralafrika vor allem das Bemühen um die Weiterentwicklung der EU im Mittelpunkt.

Die flämischen Christdemokraten unter Führung von Yves Leterme gewannen bei den Parlamentswahlen 2007 die meisten Mandate. Leterme scheiterte jedoch zunächst mit der Regierungsbildung, da in den Koalitionsverhandlungen aufgrund des flämisch-wallonischen Gegensatzes keine Einigung über eine Staatsreform erzielt werden konnte. Zur Beilegung der innenpolitischen Krise bildete Guy Verhofstadt im Dezember 2007 eine Übergangsregierung aus flämischen und wallonischen Liberalen beziehungsweise Christdemokraten (VLD, MR, CD&V, CDH) sowie dem Parti Socialiste.

Im März 2008 verständigten sich die fünf bereits an der Übergangsregierung beteiligten Parteien auf eine Koalitionsregierung mit Yves Leterme als neuem Ministerpräsidenten. Diese konnte sich nicht auf eine Neugestaltung des Staatsaufbaus mit größerer Autonomie für die Regionen einigen. Deshalb reichte Leterme bereits im Juli 2008 bei König Albert II. seinen Rücktritt ein. Der König lehnte das Rücktrittsgesuch jedoch ab. Nach Vorwürfen der Beeinflussung der Justiz im Zusammenhang mit dem Verkauf des Finanzunternehmens Fortis reichte Leterme im Dezember 2008 erneut den Rücktritt ein. Diesmal akzeptierte der König das Gesuch. Nachfolger Letermes als Regierungschef wurde der Christdemokrat Herman Van Rompuy.

 


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