Österreich Zu Besuch im Großarltal

"Heute ist Lifttag", sagt Sebastian Gschwandtl, schiebt die kleine karierte Gardine vor dem Küchenfenster beiseite und blinzelt hinaus in das gleißende Sonnenlicht: "Gleich werden sie kommen." Links liegen Speck und Graukäse, Würstl und Brot, all die deftigen Zutaten für eine zünftige Jause. Rechterhand liegen die gewetzten Messer und vor ihm Stunden des Schnippelns und Schneidens.

An einem sonnigen Sommertag wie diesem beginnt der Sturm auf die Maurachalm (1620 Meter Höhe) schon morgens um 10 Uhr. Der Marsch von den beiden Stationen hinter dem Berg dauert eine Stunde. Doch Karl Heinz Bender und seine 50 Freunde aus Frankfurt gondeln diesmal mit Wandertaxen hinauf zur Alm - gewandert wird dann bloß vom Parkplatz zum Sitzplatz auf einer der Alm-Holzbänke. Doch dem Karl Heinz nimmt das hier niemand übel. Denn seit 45 Jahren lotst der Stammgast immer in der letzten Augustwoche einen vollen Reisebus ins "Tal der Almen".

Das eigentlich Großarltal heißt und das östlichste sowie eines der längsten Täler der Tauern ist. Bis ins 16. Jahrhundert konnte es nur über die Berge erreicht werden: Im Norden, von St. Johann kommend, führte kein Weg vorbei an der Liechtensteinklamm, im Süden blockieren seit Millionen von Jahren die mächtigen Gipfel der Hohen Tauern die Reise. Die ersten Einwanderer wählten die weniger strapaziösen Passagen im Westen und Osten, siedelten und begannen mit der Almwirtschaft, als unten im Tal noch Sumpf und Wald die Landwirtschaft behinderten. Zudem wurde hier in den Bergen nach Kupfer geschürft, zum Abtransport eine Straße ins Tal gebaut. Rund um die Grube entstand die Bergbausiedlung Hüttschlag, und Großarl mauserte sich zum Handelsplatz. Als das Erz aber ausging, fiel das Tal nach 400 Jahren wieder in seinen Dornröschenschlaf. Bis die ersten Sommerfrischler aus den Städten kamen, sahen und bergauf stiegen.

Davon erzählt Walter Mosslechner in seinem Buch "Großarltal aus vergangener Zeit".

Der Mann mit den kurzen grauen Haaren und den stahlblauen Augen arbeitet als Förster und ist begeisterter, kenntnisreicher Heimatkundler und Hobby-Historiker.

Das Tal hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Nachdem im 14. Jahrhundert die Pest fast alle Bewohner dahingerafft hatte, berichtet Mooslechner im Abfahrtstempo, kamen mit dem Kupferrausch im 15. und 16. Jahrhundert zunächst bessere Zeiten. 1732 vertrieb die katholische Kirche alle Protestanten. Viele flohen nach Ostpreußen und bis ins Baltikum, ein Aderlass, von dem sich das ganze Salzburger Land bis heute nicht erholt hat. Rund 200 Jahre später drängelten sich die Nazis nach vorn und verliehen eifrig Mütter-Orden, denn mit durchschnittlich sieben Kindern pro Familie galt das Tal als kinderreichstes im braunen Reich.

Und vor zehn Jahren widerstanden die Bewohner dem Ansinnen der Bundesregierung, am Eingang des Wanderparadieses eine Deponie für Sondermüll zu bauen. Mooslechners liebstes Thema aber bleibt das einfache Leben in den Bergen, das er in seinem dokumentarischen Buch "Almsommer" beschreibt. Ein Leben, oft gezeichnet von der zerstörerischen Kraft der Natur. Ein Leben, wie es heute noch auf den Almen gelebt wird.

"Das war der totale Hammer," sagt Jungbauer Christian Hettegger von der Viehhausalm, und seine roten Wangen dunkeln noch ein wenig nach, als er vom jüngsten Gewitter erzählt: "Ein Kalb ist abgestürzt und eins wurde vom Blitz erschlagen. Das ist geschehen, weil sich die Tiere ausgerechnet unter die Blitzbäume stellen und dort Schutz suchen. Dabei sind diese Lärchen fast alle gespalten und bestehen nur noch aus ein paar dürren Ästen."

Unter der Decke der Gaststube wabert der Rauch, von den Wänden grüßen gestickte Weisheiten aus alten Tagen wie "Die Ehe ist ein Übel, ein bittersüßes Joch, sie ist wie eine Zwiebel, man weint, aber isst sie doch", und im Gang musizieren Walter Mooslechner und seine Mannen, der Tausendsassa ist auch noch Volksmusikant. Hüttenzauber im Sommer. Die Musik gehört auf den Almen zur Tradition - fast jeder spielt ein Instrument. Oder singt. Oder jodelt. Wie es gerade passt.

Erst Heuernte, dann Jause

"Sollen wir den Dreierjodler etwa zu zweit machen?", fragt Silvester Hettegger seinen Sohn Christian in trauter Runde und zieht noch schnell eine Prise Schnupftabak durch, bevor der Einsatz kommt: "Holareididudjö".

Die Gäste sind gegangen, geblieben ist die Familie und singt die klassischen Weisen: vom Edelweiß am Felsen, von der feschen Sennerin und alten Jägern. Begleitet werden die Sänger von einem nicht minder feschen und vor allem leibhaftigen Nachwuchssenner auf dem Akkordeon.

Patrick Sperz arbeitet seinen ersten Sommer auf der Alm, serviert dem Jungvieh das tägliche Salz und den Wanderern ihre Wünsche. "Ich war sieben Jahre lang als Monteur selbstständig und ständig unterwegs - dazu hatte ich keine Lust mehr," erzählt er. Wenn er in seinem rotweiß karierten Hemd, kurzer Lederhose, gerollten Wollsocken und bewaffnet mit dem Hüterstab zu den Kälbchen marschiert, dann weht ein warmer Wind über die Wiesen und Weiden und schreibt Alpen-Disney in den Himmel.

An anderen Tagen jedoch bläst es den Bewohnern der Höhen kalt ins Gesicht, dann droht wieder Ungemach aus Brüssel, wenn sich findige Bürokraten neue Richtlinien ausdenken, wie etwa das EU-kompatible Jausen-Brettl. Aus Gründen der Hygiene sollte das runde Holz eigentlich für immer vom Tisch verschwinden und Platz machen für Plastik. Doch alpiner Protest verbannte den Entwurf in den Papierkorb.

Dafür unterliegen bald andere klassische Holzgeräte dem Bann aus Brüssel. "Die Milch für den Sauerkäse darf dann nicht mehr im Holzfass lagern und dort schon über Nacht sauer werden, was an den Bakterien im Holz liegt," sagt Anna Gruber. Die Sennerin der Karseggalm (1603 Meter) ist nun selbst sauer, weil die Milch von den vier Kühen jetzt im Plastikeimer viel zu lange frisch bleibt, und die natürliche Käseproduktion durcheinander bringt. "Da wird eine ganze Kultur ruiniert", sagt Anna Gruber, während sie die frische Butter aus dem hölzernen Butterfass holt und mit einem hölzernen Model verziert - schließlich liegt Brüssel irgendwo hinter den Bergen.

Diesen Sommer hilft der 15-jährige Urban auf der Karseggalm. Er hütet die Kühe, kümmert sich um die Ziegen, schaut nach dem Jungvieh auf der Hochalm - ein ganz normaler Ferienjob mit dem klassischen "Alm-Fernseh-Programm": "Wenn ich links aus dem Fenster schaue, habe ich das erste Programm, beim rechten Fenster das zweite."

In dieser Nacht zeigen beide Kanäle einen phantastischen Sternenhimmel, tausend weiß leuchtende Punkte auf schwarzem Grund lassen ahnen von göttlicher Größe und geben ein Gefühl von Geborgenheit im Schlafgemach aus duftendem Heu.

Doch die himmlische Ruhe währt nur kurz, denn am nächsten Morgen kommen schon früh Wanderer zum Schau-Käsen auf die Alm. Die Verwegenen kämpfen sich mit ihren Walking-Stöcken in die erste Reihe, bewundern den 71-jährigen Josef Gruber beim Buttern und Anna beim Pressen des Frischkäses. Nach der Show kommen die Fragen. "Viele Leute denken ja wirklich, wir leben hier hinter dem Mond, bekommen von der Welt nichts mit und müssen uns sogar noch draußen im Brunnen waschen - dabei haben wir doch alles da: Radio, Digitalwaage und natürlich ein Mobiltelefon. Früher jauchzten die Menschen von Alm zu Alm, heute haben auch wir Handys. Und wenn wir wollen, dann sind wir in 20 Minuten im Tal." Aber wollen sie wirklich woanders sein, als auf ihrer Alm? "Wir waren doch schon überall," sagt der Senior-Senner, "Steiermark, Kärnten, Burgenland, Südtirol - aber nur zwei Tage, wir halten's nirgends länger aus."

Jeder spielt ein Instrument - oder jodelt

Das Kleinod Karseggalm war eine der ersten Almen im Großarltal, "Karsegg" bedeutet so viel wie gerodete Fläche. Die Bauweise erinnert daran, wie die Almwirtschaft vor 400 Jahren funktionierte: Mitten in der Hütte gab es eine offene Feuerstelle, darüber hingen Kessel zum Kochen und Käsen, drum herum lagen kleine Kammern für Butter, Käse und Vorräte. Unter dem Dach schliefen die Sennerin und der Viehhüter und dort lagerte auch das Heu, Reservefutter fürs Vieh, falls ein Wetterwechsel plötzlich Eis und Schnee brachte.

Auch heutzutage bestimmt das Wetter über Güte und Menge von Käse und Butter. "Wenn es draußen kalt ist, besitzt die Milch weniger Fett und Eiweiß, weil die Tiere zum Schutz gegen die Kälte mehr für sich brauchen, entsprechend weniger Käse und Butter bleibt für uns," sagt Anna Gruber. Und die Milch gibt auch Aufschluss darüber, wie das Wetter wird: "Läuft der Kessel nach dem Putzen grau an, wird es regnen, glänzt aber das Kupfer, kommt Sonnenschein."

Bis vor kurzem hätte auch Sennerin Kathrin Andexer von der Bichlalm (1731 Meter) mittels der alten Kessel das Wetter vorhersagen können. Doch damit sei nun Schluss, sagt sie. "Jetzt haben wir eine Geschirrspüle, was für eine Erleichterung." Den ersten kleinen Fortschritt erlebte die Bichlalm schon vor drei Jahren, als Strom die Glühbirnen glühen ließ und nicht mehr das lästige Gas. "Und wir haben einen neuen, modernen Stall gebaut, der alle EU-Normen erfüllt," erzählt ihr Bruder Sepp Andexer.

Wie sich jetzt die Kühe erst in ihrem neuen Zuhause zurecht finden müssen, so hatte auch die junge Sennerin anfangs Probleme. "In den ersten Jahren war es nicht so leicht, den ganzen Sommer auf der Alm zu verbringen, meine Freundinnen lernten alle moderne Berufe, und ich war Sennerin. Doch heute kann ich mir gar nichts anderes mehr vorstellen, ein Sommer ohne Alm - das wäre der Wahnsinn," sagt sie und rennt schon wieder raus vor die Tür, denn die letzten Gäste wünschen sich von ihr und ihrem Onkel noch ein Ständchen zum Sonnenuntergang. Was sie natürlich von Herzen gerne macht, denn die Herzen sind groß im Tal der Almen.

Etwas zu groß, befand allerdings die katholische Kirche zur Mitte des 17. Jahrhunderts, schließlich stammte die Wiesen-Weisheit "Auf der Alm, da gibt's koa Sünd" nicht original aus der Bergpredigt. Der Klerus erließ ein Frauenverbot auf den Almen, das er aber hundert Jahre später wieder aufhob und durch eine Art geistliche Greencard für die Berge ersetzte. Der fromme Wunsch: Nur wer nach kirchlicher Prüfung dieses Unbedenklichkeitszertifikat erhielt, - und dies waren meist ältere Frauen - durfte auf den Almen arbeiten. Natürlich wurde diese Regelung ausgetrickst: "Ältere Damen holten sich das Zertifikat und gaben es an junge Frauen weiter, die dann für einen ganzen Sommer in die Berge und somit in die Freiheit zogen," erzählt Walter Mooslechner.

Heutzutage ziehen die Senner nach der Saison hinaus in die Welt: Patrick will wieder nach Brasilien, sein Capoeira vertiefen und Sebastian nach dem letzten Indien-Trip ebenfalls nach Südamerika - bis die Sehnsucht sie wieder packt: nach Jausen und Jodlern, Hirtenliedern und Lifttagen.

 

Autor:
Stefan Becker