Litauen Vilnius - die Stadt der roten Dächer

Vilnius, die Hauptstadt Litauens, ist ein Gesamtkunstwerk der verschiedenen architektonischen Epochen: Barock, Gotik, Renaissance, Klassizismus und Jugendstil vereinen sich hier zu einem harmonischen Stilmix.
Oberburg und Gediminas-Turm in Vilnius.

Steil zieht sich der Weg den grünen Hügel hinauf. Schritt für Schritt geht es über Kopfsteinpflaster in die Höhe. Kräftig strahlt die Sonne an diesem Tag vom dunkelblauen Himmel, es ist ein schweißtreibender Aufstieg, kein Baum, der Schatten spendet. Nur noch wenige Meter, dann steht man schließlich vor den Mauerresten der Oberburg und dem einzig erhaltenen Eckturm der Anlage, dem Gediminas-Turm. Tief unter einem liegt Vilnius, die litauische Hauptstadt am Zusammenfluss von Neris und Vilnia. Sie ist ein Meisterwerk des Barock, der Gotik, ihre Kirchen und Paläste gehören zu den schönsten architektonischen Bauten Europas.

Vom Gediminas-Turm fällt der Blick auf die roten Dächer der Stadt, die im hellen Licht besonders intensiv leuchten. Geschichtlich gesehen ist die gemauerte Burg ein bedeutender Ort. Hier residierten fast alle Herrscher Litauens - und hier zog sich 1989 auch der "Baltische Weg" entlang. Am 23. August versammelten sich im gesamten Baltikum etwa zwei Millionen Menschen und bildeten eine Kette bis in die estnische Hauptstadt Tallin. Sie demonstrierten mit diesem stillen Protest ihren Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit von der Sowjetunion.

Erzbischöfliche Kathedrale mit Glockenturm in Vilnius.
Susanna Bloß
Sehenswert: die erzbischöfliche Kathedrale mit dem knapp 60 Meter hohen Glockenturm.
"Natürlich war ich dabei", sagt Stadtführerin Vilija Gerulaitiene nicht ohne Stolz. Während die gebürtige Litauerin auf die Erzbischöfliche Basilika des Hl. Stanislaw und Hl. Wladyslaw im Zentrum von Vilnius zusteuert - das wichtigste Gebetshaus der Katholiken des ganzen Landes -, erzählt sie von der größten Menschenkette der Geschichte und wie sie und ihre Familie ein Teil davon waren. "Wir hielten uns alle an den Händen und glaubten fest an eine Veränderung im Land."

Eine Veränderung im Land. Mehrere Jahrzehnte hatten die Russen das Sagen in Litauen. Als die Rote Armee 1944 Litauen zurückeroberte und die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik von 1940 wiederhergestellt wurde, flohen Tausende nach Westen. Im Land selbst kam es zu einer Säuberungswelle mit Hinrichtungen, Internierungen und Deportationen von Hunderttausenden. Viele Litauer gingen in den Widerstand und lehnten sich im Partisanenkampf gegen die Sowjets auf. Bis 1990 hielt die Unterdrückung an, bis schließlich am 11. März Litauen als unabhängig erklärt wurde. Heute sind die Ereignisse im Museum der Opfer des Genozids dokumentiert. Im Kellergeschoss des Gebäudes sind noch die Zellen zu sehen, in denen die deutsche Gestapo (Geheime Staatspolizei) und der sowjetische KGB politische Gegner verhörte, folterte und sogar hinrichtete.

Die Universtität in Vilnius.
Susanna Bloß
Renaissance, Barock, Klassizismus: Im Großen Hof der Universität vereinen sich verschiedene architektonische Stile.
Die Altstadt von Vilnius ist Unesco-Weltkulturerbe

Zurück in den engen Gassen der Altstadt, die 1994 von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurde, duftet es nach frischem Kaffee, Käse und Zeppelinis - mit Quark oder Hack gefüllte litauische Kartoffelklöße. Die Cafés und Restaurants haben Tische und Stühle nach draußen gestellt, in den von Blumen geschmückten Innenhöfen genießen die Vilniusser den sonnigen Tag. Studenten eilen zur nächsten Vorlesung. 1579 gegründet blickt die Universität von Vilnius auf eine mehr als 430-jährige Geschichte zurück und gehört zu den ältesten Hochschulen Mitteleuropas. Der palastartige Komplex ist für seine zwölf Innenhöfe und dem höchsten Glockenturm der Stadt bekannt. Wie viele Gebäude in Vilnius ist auch die Universtität ein Mix der verschiedenen architektonischen Zeitperioden. Klassizismus, Jugendstil oder Renaissance - harmonisch vereinen sich die Stile zu einem Gesamtkunstwerk.

Vilnius nur an einem Tag zu besichtigen, wäre schade, denn für die knapp 550.000 Einwohner zählende Stadt sollte man sich ein wenig Zeit nehmen - um zum Beispiel noch durch das Künstlerviertel Užupis zu schlendern, den Wallfahrtsort "Tor der Morgenröte" und die St. Peter und Paul Kirche mit den fantastischen Stuckarbeiten im Inneren des Gotteshauses zu besuchen, oder sich ganz einfach in einem der urigen Kellergewölbe litauische Spezialitäten auftischen zu lassen.

Die Inselburg Trakai.
Susanna Bloß
Festung des Widerstands: die Inselburg Trakai.
Ausflugstipp:
Nur 30 Kilometer von Vilnius entfernt liegt die alte Hauptstadt des Landes: Trakai mit ihrer Inselburg als Wahrzeichen Litauens. Die Festung im Galve-See wurde nie von den Feinden eingenommen. In den Gemäuern der Wasserburg ist heute eine historische Ausstellung über die Großfürsten und die Geschichte Trakais zu sehen.

Autor

Susanna Bloß