Europa Radtour auf der North Sea Cycle Route

MERIAN.de: Herr Rohrer, Sie haben gemeinsam mit Ihrer Freundin Bettina Zanolari die Nordsee mit dem Fahrrad umrundet. Mehr als 5000 Kilometer liegen hinter Ihnen. Was war Ihre Motivation für dieses Abenteuer?
Andreas Roher: Schon während des Studiums begannen wir mit dem Gedanken zu spielen, nach den Prüfungen eine Auszeit zu nehmen. Schließlich sind wir auf die Idee gekommen, die Nordsee mit dem Fahrrad auf der sogenannten North Sea Cycle Route zu umrunden.

Sie waren 84 Tage lang unterwegs. Was nimmt man auf solch eine Tour eigentlich alles mit?
Der Stauraum an einem Fahrrad ist begrenzt. Deshalb haben wir vorher eine genaue Liste geschrieben, damit wir gewisse Dinge nicht doppelt mitnehmen. Neben Zelt, Schlafsack und Kleidung hatten wir auch Werkzeug wie Sattelschlüssel, Pumpe, ein Paar Bremsbeläge und Flickzeug dabei. Eine Reiseapotheke, Kartenmaterial und Diverses wie Streichhölzer und Klebeband durften natürlich auch nicht fehlen. Unsere Tourenräder zusammen mit dem Gepäck haben jeweils etwa 40 Kilogramm gewogen.

Wie haben Sie sich auf die Strecke vorbereitet?
Seit drei Jahren sind wir begeisterte Radler und fahren regelmäßig längere Strecken. Am Anfang einer Tour muss sich der Körper aber immer wieder neu auf die Bedingungen einstellen - gerade wenn man mehrere Stunden im Sattel sitzt. Dafür sollte man sich auf jeden Fall einige Tage Zeit geben und nicht gleich zu Beginn verausgaben. Leider kam für mich in der Vorbereitungszeit erschwerend hinzu, dass ich mit Knieproblemen zu kämpfen hatte. Von unserem Vorhaben hat uns das aber nicht abgehalten.

Wo haben Sie auf der Strecke übernachtet?
Da wir gerne in der Natur sind, haben wir die meiste Zeit im Zelt übernachtet. Es gibt entlang der Strecke aber auch viele fahrradfreundliche Unterkünfte.

Und wie sah es mit der Verpflegung aus?
Einmal am Tag steuerten wir einen Supermarkt an und deckten uns für den Tag ein. Kocher, Geschirr und Besteck hatten wir dabei und waren so unabhängig von Restaurants und Gasthöfen.

Wie viele Kilometer haben Sie im Durchschnitt am Tag zurückgelegt?
Die Länge einer Tagesetappe hängt ganz entscheidend vom Wetter und der Beschaffenheit der Wege ab. Mit Rückenwind haben wir natürlich mehr Strecke zurückgelegt, als an Tagen, an denen er von vorne blies. Auf Asphalt kommt man außerdem schneller voran als auf Feld- und Deichwegen. Im Schnitt haben wir zwischen 50 und 100 Kilometer am Tag zurückgelegt.

Die North Sea Cycle Route führt durch Belgien, die Niederlande, Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Schottland und England. Welches war denn das fahrradfreundlichste Land?
Eindeutig die Niederlande. Aber auch in Norddeutschland fanden wir optimale Bedingungen vor. Die Wege waren gut ausgebaut, und wir mussten uns selten den Raum mit Autos oder Fußgängern teilen.

Haben Sie während der Tour auch mal ans Aufgeben gedacht?
Nein. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass wir ziemlich viel Glück mit dem Wetter hatten. Es gab zwar viele verregnete Stunden, teilweise sogar Schnee, die Sonne kam aber immer wieder schnell zum Vorschein. Das Wetter ist rund um die Nordsee sehr wechselhaft.

Gab es einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Das war in Südnorwegen. Ein Einheimischer hat uns spontan zu sich nach Hause eingeladen. Wir verbrachten einen schönen Tag zusammen - obwohl wir füreinander Fremde waren. Diese Gastfreundschaft hat mich beeindruckt. Anschließend zeigte er uns sogar noch die Gegend. Wir fuhren zu einem einsamen Ort am Meer. Die Sonne ging gerade unter und zauberte durch das Zusammenspiel mit den Wolken eine spezielle Atmosphäre. Es war fast schon ein magischer Moment.

Landschaftlich gab es doch aber sicherlich auch einige Höhepunkte?
Am meisten faszinierte mich die Landschaft im Norden Schottlands. Die scheinbar endlosen Weiten, imposanten Klippen und das raue Meer in Kombination mit dem Licht erzeugen eine ganz besondere Stimmung.

Trifft man auf der Strecke auf viele andere Radler?
Wir sind im April losgefahren. Das war noch außerhalb der Saison. So waren wir auf vielen Kilometern ganz für uns alleine. Nur an den Wochenenden teilten wir uns einige Abschnitte mit Fahrradfahrern, die einen Tagesausflug machten. Ich denke aber, in den Sommermonaten ist die North Sea Cycle Route stärker frequentiert.

Ist der Weg gut ausgeschildert?
Es gab nur wenige Stellen, an denen die Orientierung schwierig war, und man den Weg suchen musste. Es ist aber trotzdem ratsam, Kartenmaterial dabei zu haben.

Wie sah es mit Verschleiß am Fahrrad aus: Mussten Sie viele Reifen wechseln?
Bei einer Strecke von mehr als 5000 Kilometern bleibt einem das wohl nicht erspart. Wir hatten aber nur zweimal einen Platten, weil sich ein Nagel in den Schlauch bohrte. Davon abgesehen gab es ansonsten keine größeren Probleme mit unseren Rädern.

Gab es auch mal eine brenzlige Situation?
Sich jeden Tag für mehrere Stunden aufs Fahrrad zu schwingen, ist eine große körperliche Herausforderung. Da stößt man an seine Grenzen. Eine wirklich brenzlige Situation hatten wir aber nur einmal, als meine Freundin Bettina in einer steilen S-Kurve gestürzt ist. Es hatte in Strömen geregnet, und die Straße war bedeckt mit Sand und Kies. Auf diesem glitschigen Boden brach ihr Hinterrad aus. Zum Glück hat sie sich aber nicht verletzt.

Was hat sich auf der Tour als unersetzbar erwiesen?
Ganz eindeutig der Schutz gegen Regen, Wind und Kälte. Bei der Regenkleidung sollte nicht gespart und auf gute Qualität geachtet werden. Bewegungsfreundlichkeit, Atmungsaktivität und Nässeschutz sind dabei am wichtigsten.

Hatten Sie einen genauen Plan, welches Etappenziel Sie jeden Tag erreichen wollten?
Nein. Je nach Wetterlage und körperlicher Verfassung muss man seine Überlegungen nach dem Aufstehen gegen Nachmittag vielleicht wieder ändern. Wir sind meist einfach losgefahren und dort geblieben, wo es uns gefallen hat. Denn entlang des Weges finden sich viele einladende Plätze. Es wäre schade, diese einfach "links liegen" zu lassen.

Haben Sie Ruhepausen dazwischen eingelegt?
Es gab nur zwei Tage, an denen wir uns nicht aufs Fahrrad gesetzt haben. Ansonsten strampelten wir jeden Tag - manchmal bis in den Abend hinein, manchmal nur wenige Stunden.

Was können Sie anderen Fahrradfahrern mit auf den Weg geben, die solch eine Tour planen?
Wichtig ist, sich keinen fixen Zeitplan zu stecken. Es macht keinen Sinn, die komplette Tour von A bis Z genau vorauszuplanen. Je mehr man plant, desto größter ist die Wahrscheinlichkeit, enttäuscht zu werden. Am besten ist, flexibel zu bleiben, und auf die Gegebenheiten vor Ort entsprechend zu reagieren.

Andreas Rohrer und Bettina Zanolari haben in ihrem Blog über ihre Eindrücke auf der North Sea Cycle Route geschrieben: www.frischluft.artaro.ch

Mehr Informationen zur North Sea Cycle Route unter www.northsea-cycle.com

Autor:
Susanna Bloß