Frachtschiffreise Mit 4000 Containern durchs Mittelmeer

An einem Ort, an dem Fernseher und Stühle festgeschnallt sind, muss es hoch hergehen. Aufgeregt stehen wir Passagiere an der Reling der "Ever Chivalry" als sich zwei kleine wuchtige Schiffe zu uns herüberschieben - wie winzige Bodybuilder, die glauben, sie könnten unser Frachtschiff mit seinen 4000 Containern mal eben so vom Kai wegziehen. Können sie auch. Das Wasser brodelt unter den Schiffchen, ihre Schrauben zerwühlen das Wasser. Kurz darauf pflügt die "Ever Chivalry" schon durch die Elbe, dem Sonnenuntergang entgegen.

Der erste Abend an Bord ist still und ein wenig unheimlich. Niemand geht durch die Gänge, niemand ist im Aufenthaltsraum - als würden alle in ihren Kabinen Kraft tanken für die Reise. Nur aus der Kabine des Bootsmannes scheppert billige Popmusik. Ich versuche zu schlafen. In der Tiefe des Schiffes, rund 30 Meter unter mir wummern die Motoren. Im Liegen meine ich, jedes Rollen auf den Wogen, jede Welle zu spüren, die gegen die stählerne Schiffswand schlägt. Der Wind rüttelt an meinem Fenster, fegt um die Stockwerke, lässt draußen die Container metallisch dröhnen und scheppern, als galoppierten Pferde in ihnen herum.

Die Container leuchten wie bunte Legosteine

Vom schrillen Läuten des Telefons werde ich wach. Der Steward gibt mir Bescheid, dass das Frühstück bald abgeräumt wird. Vor meinem Fenster strahlt die Sonne fröhlich hinter trägen Kumuluswolken hervor und lässt die Container vor meinem Fenster in blau, rot und grün leuchten - wie bunte Legosteine. Das Meer schimmert friedlich: sanfte Wellen, etwas Gischt, es ist ein wunderschöner Morgen. Die erste Nacht ist überstanden. Das Schiff gleitet durch das Wasser im englischen Tunnel wie eine Magnetbahn durch den Smog großer Metropolen. Als ich dem leitenden Ingenieur später von meiner ersten Nacht auf dem Schiff erzähle, muss der Seebär mit dem grauen Stoppelbart lachen: Nein, das war noch kein Seegang. Das war gar nichts. Aber für Landratten ist eben jede Alltäglichkeit auf einem Frachtschiff erst einmal ein richtiges Abenteuer.

Die Sonne scheint auf das Deck, der Wind hat nachgelassen. Wir sind im Mittelmeer angekommen, hier herrschen noch angenehme Temperaturen. Irgendwo festgeschnürt an Deck habe ich einen klapprigen Liegestuhl gefunden. Zu zweit dösen wir in der Sonne, Manfred, der 72-jährige Passagier, der gerne seine Ruhe hat, und ich. Herumsitzen, auf das Meer schauen und nichts tun: Manfreds Lieblingsbeschäftigung. Ungewohnt, aber erstaunlicherweise nicht langweilig. Im Dunst des Horizonts zieht Algerien blassgrau an uns vorbei, dunkler und grauer davor die wuchtigen Umrisse anderer Frachtschiffe. Die Motoren brummen dumpf irgendwo in der Tiefe, manchmal knarren die Container, sonst ist es still. Die Sonne wärmt. Und alles fällt von einem ab, der Alltag, die mentale To-Do-Liste, das Warten auf wichtige E-Mails oder Anrufe. An Bord gibt es weder Internet noch Handyempfang.

Einzige Tagesstruktur: die drei Mahlzeiten

Plötzlich sprint Manfred auf - wie ein kleiner Schuljunge - und ruft: "Delfine!" Tatsächlich: glänzende graue Körper katapultieren sich aus dem marineblauen Meer, gleiten wie schillernde Schatten unter der Wasseroberfläche, begleiten uns eine Weile. Dann kehrt die Ruhe zurück, Entspannung bis zum Abendessen. Die drei Mahlzeiten am Tag sind für die Passagiere die einzige Tagesstruktur. Sonst ist nichts ein Muss, die Freizeitgestaltung ist jedem selbst überlassen. Es nerven keine laute Musik, keine lauten Mitreisenden, keine Handtücher mit gesticktem "Reserviert"-Schriftzug auf den Liegestühlen. Passagiere auf einem Frachtschiff genießen vor allem eines: völlige Freiheit auf einigen 100 Quadratmetern.

Frachtschiffreise von Hamburg nach Griechenland.
Anja Reumschüssel
Zehn Tage dauert die Reise mit dem Frachtschiff von Hamburg nach Griechenland.
Auf diesen Quadratmetern und acht Stockwerken spielt sich alles ab. Drumherum tage- oder wochenlang nur Meer, soweit das Auge reicht. Und trotzdem ist immer wieder alles neu. Vor der Küste Siziliens tauchen kleine Fischerboote auf Backbord auf. Sie treiben auf dem Wasser wie auf einer Postkarte. Der Pool wird mit warmem Mittelmeerwasser gefüllt. Und irgendwann verkündet der Kapitän: "Am Dienstag grillen wir." Und so dreht sich am Dienstagnachmittag ein gefülltes Ferkel über einer halben Tonne voll mit glühenden Kohlen. Und dann sitzen Mannschaft, Offiziere und Passagiere gemeinsam an Deck, essen philippinischen Reissalat, deutsche Bratwürste und das Ferkel.

Die Tage fließen ineinander, die Aussicht von Deck ist immer die gleiche: blaues Meer, darüber blauer Himmel, ab und zu balancieren noch ein paar Schiffe auf dem Horizont. Die Zeit vergeht mit Joggen auf dem Laufband, Kickern im Aufenthaltsraum, Bücher lesen, Filme gucken und seine Runden drehen. Bis der Samstagabend kommt. Dann drehen die philippinischen Matrosen, die sich sonst nach Feierabend rasch in ihre Kabinen verziehen, die Lautsprecher im Aufenthaltsraum der Mannschaft auf, reichen ihr Lieblingsbier San Miguel herum und feiern. Wer sich als Passagier nicht unter die Mannschaft mischt, hat etwas verpasst. Auch mancher Offizier lässt sich blicken - in diesen Stunden sind bei Bier und Popmusik alle fast gleich.

Highlight für alle: Basketballturniere an Deck

Auch zum Sonntagvormittag gehört ein Bier mit den Offizieren, so scheint es alte Tradition zu sein. Eine jüngere Tradition ist das Basketballspiel, zu dem die Passagiere schon Tage vorher eingeladen wurden. Auf dem Achterdeck, wo Seile dick wie Unterarme aufgewickelt liegen, hängt auch ein Korb. Hier werden einmal in der Woche internationale Turniere ausgetragen. Filipinos, Polen, Deutsche und ein Ukrainer kämpfen um Ball und Punkte.

Sonnenuntergang auf hoher See.
Anja Reumschüssel
Wochenlang ist nichts zu sehen außer dem Meer.
Die Filipinos, die Polen, die Deutschen und der Ukrainer - sie sind die kunterbunten Bewohner dieses schwimmenden Mikrokosmos. 22 Mannschaftsmitglieder, drei Passagiere: eine überschaubare Gruppe. Trotzdem kennt der deutsche Ingenieur nicht alle Namen der Deckarbeiter und Hilfskräfte im Maschinenraum. Sie haben mit den Ingenieuren und Offizieren privat nur wenig zu tun. Sie essen getrennt, sie verbringen ihre Freizeit getrennt, an Bord herrscht eine strenge Hierarchie. Wir Passagiere bewegen uns dazwischen, unser Tisch wird in der Offiziersmesse gedeckt, bei der Mannschaft sind wir aber auch immer willkommen.

Es riecht nach Salzwasser, Öl, endloser Weite und gebratenem Hühnchen. Das Schiff schiebt sich durchs Mittelmeer. Zehn Tage waren wir von Hamburg nach Griechenland unterwegs. Die ersten Tage lang war alles neu und aufregend. Dann kehrt Ruhe ein, vieles wird vertraut - die Gesichter, die Abläufe, das ständige Dröhnen der Motoren. Selten hat man so viel Zeit zum Entspannen, Lesen und Nichtstun wie auf einem Frachtschiff.

INFO

Ob einem das Reisen mit einem Frachtschiff liegt, lässt sich gut auf kurzen Reisen nach Südeuropa oder Skandinavien feststellen. Wer die 70-tägige Rundreise von Hamburg über Hongkong zurück nach Deutschland unternehmen will, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Wer Glück hat, fährt eine Route, auf der immer wieder Häfen angelaufen werden und Landgänge möglich sind. Über notwendige Visa muss man sich allerdings vorher informieren.

Frachtschiffreisen sind zum Beispiel ab Hamburg auf Schiffen der NSB Niederelbe Schiffahrtsgesellschaft (www.nsb-reisebuero.de) möglich. Gebucht werden sollte zwischen drei Monaten und ein Jahr im Voraus. Für rund 100 Euro am Tag zum Beispiel nach Asien, Amerika oder Australien - Vollverpflegung und ein völlig anderer Blickwinkel auf die Welt inklusive.

Autor

Anja Reumschüssel