Wales Land der Barden

Für diese Reise liefert die in Cardiff geborene Shirley Bassey keinen Anlass, obwohl sie ansonsten jeden "Big Spender" um den "Goldfinger" wickeln könnte. Und auch ihr Landsmann Tom Jones verdankt seinen Weltruhm nur der Fähigkeit, einen US-amerikanisch geprägten Publikumsgeschmack bedienen zu können. John Cale hat als Mitbegründer von Andy Warhol's Happening-Geräuschkulisse "Velvet Underground" und später als Minimalmusic-Pianist auch keine Neugier auf walisisches Liedgut geweckt.

Der Opernstar Bryn Terfel demonstriert dagegen immer wieder gerne den Stolz auf seine Herkunft - zum Beispiel mit seinem Album "We'll Keep A Welcome - The Welsh Album". Als der Bassbariton bei der Last Night of the Proms 2008 in der Royal Albert Hall sang, trug er unter seinem Arm sogar ein niedliches Plüschtier, das den walisischen Drachen darstellte. Zum krönenden Finale schmetterte Bryn Terfel die vierte Strophe von "Rule, Britannia!" in walisischer Sprache. Die meisten Proms-Besucher konnten da nicht mehr mitsingen und reagierten not amused.

2000 startete Bryn Terfel das Faenol Festival (walisisch: Gyl y Faenol), das seitdem jedes Jahr Ende August stattfand. Mit einem bunt gemixten Repertoire aus Klassik, Pop und Musical entwickelte sich das Faenol Festival prächtig - um dann 2010 wegen schleppender Ticket-Verkäufe abgesagt werden zu müssen. Bryn Terfels Traum, einmal beim Gyl y Faenol mit Tom Jones aufzutreten, wird sich voraussichtlich nicht erfüllen. Bleibt ihm als Trost, dass er 1999 in Cardiff bei der Eröffnungsfeier zum Rugby World Cup ein Duett mit Shirley Bassey singen durfte - der zählt für einen Waliser ohnehin weitaus mehr als die Fußballweltmeisterschaft.

Aber wohin geht ein Musikgenießer in Wales? - Zum Beispiel nach Benllech in die dortige Ysgol Goronwy Owen. Die Ysgol (Grundschule) von Benllech wurde benannt nach dem Dichter Goronwy Owen (1723-1769). Hier probt jeden Montag um 19.30 Uhr der Côr Meibion y Traeth, salopp übersetzt mit "Singende Strandjungs".

"Sehnsucht" auf Walisisch

Durch Benllech führt der Küsten-Wanderweg Anglesey Coastal Path. Der kleine Badeort liegt auf der Insel Anglesey und gehört zur Gemeinde Llanfair Mathafarn Eithaf, wo Goronwy Owen geboren wurde. Als junger Mann verließ er Anglesey und sah die von ihm geliebte Insel nie wieder. Dieser Verlust inspirierte ihn zu Versen voll von hiraeth - ein walisisches Wort, das mit "Sehnsucht" nur unvollkommen übersetzt ist. Wer diese "hiraeth" spüren will, kommt aber in der Grundschule von Benllech voll auf seine Kosten.

Vor dem Eingang zur Turnhalle der Ysgol Goronwy Owen steht ein freundlicher Herr mit einer Zigarrendose, in die jeder Neuankömmling ein paar Münzen wirft. - "Nein, nein, du nicht, du bist Gast." - Nur die Sänger bezahlen die Saalmiete und das Honorar für die Chorleiterin Annette Bryn Parri. Alle übrigen Besucher - und vor allem die Besucherinnen - dürfen statt Münzen lieber schon mal ihre Taschentücher rauskramen und sich hinter den 87 tough guys platzieren. Und es darf geweint werden - spätestens dann, wenn diese kraftstrotzenden Stimmbänder sich warmgesungen haben und Annette Bryn Parri ihre Beach Boys auffordert, das Loblied auf die Heimat anzustimmen: "Hen Wlad Fy Nhadau" ("Altes Land meiner Väter").

Nicht der Wunsch, Gott möge die Königin beschützen, sondern dieses "Hen Wlad Fy Nhadau" ist die Nationalhymne der Waliser. Das Lied wird ausschließlich in walisischer Sprache gesungen und preist die Heimat als ein Land der Barden und Sänger, deren Leistungen in diesem Hymnus mit der gleichen Wehmut und Inbrunst gewürdigt werden wie die Heldentaten der Freiheitskämpfer des Landes. Wenn die ebenso druckvoll wie leichtgängig sich einschmeichelnden Stimmen ihre grünen Wälder und rauschenden Ströme von Wales besingen, versteht auch der Nicht-Waliser, warum die ortskundigen Zaungäste dieser Chorprobe manchmal um Fassung ringen.

Kein Tonträger kann sämtliche Zwischentöne dieser Atmosphäre wiedergeben. Und auch eine CD von Bryn Terfel kann bestenfalls neugierig machen auf solch einen Abend. Kulturtouristen sollten sich deshalb vor ihrer Wales-Reise informieren, wo und wann sie eine dieser imponierend klingenden Sangesbruderschaften bei der Probenarbeit belauschen können. Chormusik-Fans - und solche, die niemals geglaubt hätten, dass sie es einmal werden könnten - finden die Probentermine von mehr als 150 walisischen Männerchören.

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Autor:
Winfried Dulisch