Griechenland Hippokrates Klinik auf Kos

Mein Sohn, sei willkommen im Asklepieion, dem berühmtesten Sanatorium, Spa und Wellness-Resort des alten Griechenlands. Ich, Leonidas, Chefarzt und Chef des hiesigen Ärztebundes, werde dein Mentor sein, wie es vor vielen Jahren der große Hippokrates für mich war: streng, jeder Selbstgefälligkeit, zu der wir Ärzte so leicht neigen, abhold und immer dem Wohle des Patienten verpflichtet. (Er zieht eine spiegelnde Scherbe aus dem Gewand, um seine weiße Lockenpracht und den Faltenwurf zu kontrollieren.)

Vergiss nicht, Polybios, es gibt bei uns zwar keinen Numerus clausus, aber wir nehmen nicht Krethi und Plethi in unsere Medizinschule auf! (Beiläufig reinigt er sich die Fingernägel mit dem spitzen Ende der Glasscherbe.) Saubere, kurzgeschnittene Nägel, gepflegte Hände müssen sein, mein Sohn! Das gehört zum Handwerk, wie es uns Hippokrates gelehrt hat. Keine Trauerränder, wie sie unsere Konkurrenz, diese altmodischen Priesterärzte in den Heiligtümern, oft hat.

Hippokrates hat der Medizin ein junges, naturwissenschaftliches Gesicht gegeben, er war ein Wissenschaftsgenie, wie du, mein Sohn, es hoffentlich auch bist, er hat alle berühmten Mathematiker und Philosophen wie Thales und Pythagoras studiert. Hier auf Kos wird allerdings viel Unsinn über den großen Meister erzählt. Das fängt mit dem Eid an, den ihm die Leute andichten, obwohl er nicht von ihm ist, geht weiter mit den Schriften des Arztes, an denen viele Geisterschreiber wie ich mitgewirkt haben, und hört mit der "Platane des Hippokrates" in Kos noch lange nicht auf. Der große Mann hat niemals unter einem Baum praktiziert. Er saß auf einem Stein am Meer, als mein Vater, ein armer Hirte, zu ihm kam und ihn bat, nach seiner hochschwangeren Frau zu sehen.

Unser verehrter Inselarzt, damals schon grau und leicht gebeugt, kam in seinem blendend weißen Überwurf in unsere schmutzige Hütte und beobachtete an meiner armen Mutter, was er später in seinem Buch Prognostikon als die Gesichter des Todes beschrieben hat: "Spitze Nase, hohle Augen, eingesunkene Schläfen, ... die Haut im Gesicht hart, gespannt und trocken, die Farbe des Gesichtes grünlich oder grau." Er fragte sie nach Schlaf, Fieber, Wehenrhythmus und Beschaffenheit des Stuhls und sprach: "Du wirst sterben, aber dein Kind wird leben, dafür sorge ich." Er war ein guter Diagnostiker, auch seine Prognosen waren meist exakt. Meine Mutter starb nach drei Tagen, doch vorher brachte der Meister mich gesund auf die Welt. Und so kam es, dass mein dankbarer Vater mich mit Ziegenmilch und -käse im Dikeos-Gebirge aufzog, aber im siebten Lebensjahr gingen wir hinab nach Kos. Da gab mein Vater mir einen freundlichen Klaps und schickte mich allein die Stufen zum Asklepieion hinauf, auf dass ich ein Jünger des Hippokrates werde.

Wir sind die Männer in Weiß, wir nennen uns Asklepiaden wie unser Meister. Wenn du einer von uns werden willst, musst auch du dich dem Heilgott Asklepios anvertrauen, dessen Zeichen die heilige Schlange ist, die sich um seinen Stab windet. Du wirst die Äskulap-Nattern, die hier im Heiligtum zwischen grünen Zypressen und sonnendurchglühtem Mauerwerk umherhuschen, achten und ehren und sie niemals, und sei es auch nur durch deinen Schatten, bedrohen! (Er fängt mit der Hand eine kleine Natter, die sich zärtlich um seinen Arm ringelt, aber den Studenten böse anzischt. Der verkriecht sich hinter dem Götterstandbild.)

Hm, da haben wir wohl Schlangenphobie, sehr interessant, aber berufsschädigend, mein Lieber! Schlimmer als die Heuallergien bei den Bauern von Kos! Asklepios, Sohn des Apoll und einer Sterblichen, ist also unser Heilgott, und Hygieia, seine schöne Tochter, die Gesundheit in Person. Um ihr zu huldigen, nehmen unsere Patienten als Erstes ein reinigendes Bad und müssen fasten. Hinter der Stoa, der Wandelhalle, findest du unsere Behandlungs- und Ruheräume. Noch immer gibt es die uralte Praxis der Inkubation: Wir versetzen die Kranken mittels leichter Drogen in einen Heilschlaf. In ihren Träumen zeigt ihnen der Gott oft den Weg zur Genesung, wenn nicht, sind wir mit unseren klinischen Methoden zur Hand. Sogar bei der Epilepsia, die man früher die heilige Krankheit nannte, sind wir Ärzte nicht mehr machtlos.

Trink, wie unsere Patienten, viel Wasser aus dem Brunnen des Pan und schreite dann zum Tempel des Asklepios empor, wo Sonne, Wind und der Anblick des tiefblauen Meeres die Genesung der Patienten fördern. Ich halte meine Gebete dort frühmorgens, wenn Aphrodite schaumgeboren den Fluten entsteigt, oder in der Abenddämmerung, wenn die Delfine, Poseidons schnelle Pferde, das Meer durchpflügen. Denn tagsüber herrscht zu viel Rummel im Tempel, Kranke, Lahme und Schaulustige aus aller Herren Länder, die grölend und völlernd auf ein Wunder harren, statt auf ihre Diät und ihre Entschlackung zu achten.

Am schlimmsten sind Helden, egal, ob es gefeierte Olympioniken oder berüchtigte Krieger sind. Die kommen von einer Schlacht zurück, sagen wir mal, von Alexander dem Großen gegen die Perser, und beanspruchen VIP-Status: Sie lassen sich nicht waschen, nicht verbinden, verschmähen ihre Medizin, aber sie machen dem Pflegepersonal noch auf dem Totenbett schöne Augen! (Leonidas zeigt auf einen Beinamputierten, der im Kreise junger Männer immer wieder "333, bei Issos Keilerei" und "Lang lebe Alexander, unser Größter" ruft.) Mann, Alexander ist doch schon 13 Jahre tot! Wie soll man bei diesem Trubel den Sanatoriumsbetrieb aufrecht erhalten!

Hippokrates hat uns das ganzheitliche Körperbild, die empirische Beobachtung und das Aufzeigen von Krankheitssymptomen gelehrt. (Leonidas schreitet mit Polybios an einem Kranken vorbei, der sich die Seele aus dem Leibe hustet und in eine Tonschale erbricht. Leonidas klopft ihm auf den Rücken.) Kotzen ist gesund, das gehört wie Stuhl, Urin, Schweiß zum Entgiften. Kennst du die Säftelehre: den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde sind die Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle je nach Temperament, Geschlecht und Alter zugeordnet, die Gesundheit besteht in der Harmonie der Säfte, Krankheit besteht bei ihrer Störung.

Aristoteles soll Hippokrates als Herrn der Winde bezeichnet haben, der alle Krankheiten auf die Darmwinde bezogen habe. Aber das war wohl blasser Kollegenneid. Denn Hippokrates ist mit seiner Diätetik, der geregelten Lebensführung vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, über Baden, Essen, Stuhlgang und Entschlackung, Sport und geistige Zerstreuung enorm erfolgreich gewesen. (Der Chefarzt begrüßt zwei fein gekleidete Damen, die vor dem Asklepios-Altar mit süßlicher Stimme Dankesgedichte für Hippokrates deklamieren.) Sieh nur, die sind schon vor Morgengrauen mit ihren Dienerinnen aus Kos gekommen.

Ich halte diese bestellten Reklamegesänge für höchst überflüssig, aber die Geschichte selber ist womöglich wahr: Auf seinen Wanderjahren durch Persien, Ägypten und Griechenland wurde unser Arzt auch zum Makedonenkönig Perdikkas II. gerufen, der an einer unheimlichen Krankheit litt. Cherchez la femme! sagte Meister Hippokrates: Sucht nach der Frau. Tatsächlich litt der König an seiner unerfüllten Liebe zur Stiefmutter. Kaum gab der Patient sein schwärmerisches Verhältnis auf, verschwanden Migräne, Impotenz und Appetitlosigkeit im Nu, und der König wohnte wieder seiner Gemahlin bei.

Ein anderes Mal, im Jahr 430, wurde Hippokrates nach Athen gerufen, wo eine Epidemie grassierte. "Die Schwellungen befielen Kinder, junge Leute, Erwachsene, vor allem die, die in der Palästra oder in Gymnasien Sport trieben", heißt es in seinem Buch Epidemia (1,1a), "binnen kurzem traten schmerzhafte Entzündungen in einem Hoden auf, manchmal auch in beiden." Wahr ist, dass Hippokrates die Stadt Athen von der Seuche heilte, aber nicht einmal mir, seinem engsten Schüler, hat er seine Rezeptur verraten.

Und nun komm, mein Sohn, wenn ich schon die Rezepte nicht kenne, so werde ich dir wenigstens den wahren Eid des Hippokrates beibringen (Leonidas denkt nach und kratzt sich verlegen mit dem Äskulapstab. Die in seiner Gewandfalte schlafende Natter erschrickt und verschwindet im Gebüsch.) ... bei allen Göttern, ich erinnere mich nicht mehr ... dann nehmen wir doch die Version, die gerade bei uns Asklepiaden Kult ist! Jede Ärztegeneration wird sich ihren Hippokrates ohnehin neu erfinden.

 

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Autor:
Swantje Strieder