Steiermark Fahrradtour durch die Natur

Wäre man ein steirischer Heimatdichter um 1900, sagen wir Peter Rosegger, würde diese Geschichte so beginnen: "Je mehr die Sonne niedersank, je schöner wurde ihr Strahl. Die dichten Wolken schwanden, gingen in Faden und Fransen aus und gegen Abend weideten am Firmamente, wo früher die Ungeheuer gestanden, milde, weiße Lämmchen. Das Hochgebirge war zu einer leuchtenden Stadt mit goldenen Türmen und Kuppeln und Zinnen geworden." Und die Schaumkronen im Wasser der Mur schlängelten sich silbern und rauschend zu Tal.

Der Großstädter der Gegenwart beginnt so: Zum Glück war die Apotheke in der Anna-Neumann-Straße von Murau auch zwei Minuten nach Ladenschluss geöffnet. "Eine Packung Schmerztabletten, bitte", bestellt der hastig herbeigeeilte letzte Kunde an diesem Donnerstag, "und ein Entmüdungsbad. Und eine große Tube mit entzündungshemmender Salbe." Die Apothekenhelferin schaut mit mitleidigen Augen über den hölzernen Tresen und antwortet: "Nehmen Sie diese Arnikacreme, die enthält essigsaure Tonerde, das kühlt."

Es ist schon gut, dass der notorisch bewegungsarme, aber ständig getriebene Großstädter selbst nicht sieht, dass er manchmal noch mieser aussieht, als er sich fühlt. Zum Beispiel nach den ersten sechs Stunden seines Lebens auf einem gemieteten Tourenrad am Rande des Hochgebirges mit diesen verdammten Türmen, Kuppeln und Zinnen.

Zwei Stunden später riecht es im Badezimmer des "Gasthofs Lercher" nach Heublumen und Öl, ist der Spiegel großflächig beschlagen, der Körper einigermaßen entspannt und der Abend gerettet, denn der Großstädter hat vernommen, dass es im Hotel ein vorzügliches Fünf-Gänge-drei-Hauben-Menü mit Panoramablick auf die bisher so sträflich vernachlässigten Türme, Kuppeln und Zinnen geben wird.Vielleicht vorher noch ein kühles Bier?

Die Mur entspringt im Nationalpark Hohe Tauern in 1898 Metern Höhe,umringt von Dreitausendern. Bis zu 5000 Liter schießen sekündlich aus der Quelle und erschaffen einen Sturzbach, der ein ziemlich stürmisches Temperament an den Tag legt. Entsprechend wild auf und ab geht es auf den ersten 63,5 Kilometern des Murradwegs zwischen Muhr, St. Michael,Tamsweg, vorbei an der Burg Finstergrün, hinein in die Steiermark und über die hölzerne Europabrücke hinweg, bis man - endlich - Murau erreicht. Oder wie's im "Radtourenbuch" steht: "So manche Steigung erfordert etwas Kondition."

So sitzt man also vor dem Abendessen beim Lercher an der Bar, denkt vorsichtshalber nicht an die fünf weiteren Tagestouren und die nächsten 274,5 Kilometer bis zum Ziel in Bad Radkersburg und bestellt zwecks Wiederaufladens des Kohlenhydratspeichers ein alkoholfreies Weizenbier, woraufhin der Wirt murrt: "In Murau trinkt man Murauer Bier." Spätestens jetzt ist es an der Zeit, ein paar Worte über die Steirer zu verlieren.

Der typische Steirer

Reinhard P. Gruber, 100 Jahre nach Rosegger geboren und wie dieser ebenfalls als der steirische Heimatdichter gefeiert, unterscheidet Waldsteirer und Feldsteirer, Flusssteirer und Bachsteirer, Bergsteirer und Steinsteirer, Kernsteirer und Moststeirer, Weinsteirer und Höhlensteirer. Bodensteirer bezeichnet er auch als Lochsteirer. Wir lernen offenbar gerade einen Biersteirer kennen. Will sagen: Natürlich ist Grubers Typologie der Steirer in gewisser Weise Folklore aus einem vergangenen Jahrtausend.

Aber der typische Steirer ist bis zur aktuellen Stunde einer, der in der großen vernetzten Welt seine kleine Heimat über alles liebt. Er identifiziert sich mit ihr. Er ist die Steiermark. Er ist der Bach, der Stein, der Fluss, der Wald, der Most, der Kürbiskern, der Wein, das Obst - und eben auch das Bier. In Murau wird nämlich noch in einer echten Privatbrauerei gebraut.

Diese inbrünstige Beziehung der Steirer zu allem, was auf steirischem Boden wächst, blüht und gedeiht, fasziniert den Großstädter, der in seiner urbanen Heimat nur bei der Jagd nach dem nächsten Schnäppchen eine ähnliche Leidenschaft kennt. "Völker wie Personen", schreibt Rosegger, "verkörpern in ihren Wohnräumen ihren Charakter." Und so ist die Annäherung an den Lebensraum der Steirer für den Großstädter mit einem Verwandlungsprozess verbunden, der erst die Sinne erfasst und dann das Gemüt.

Schon auf der zweiten Etappe, dem Teilstück von Murau nach Fisching, hört man auf, Türme, Kuppeln und Zinnen zu verfluchen und freut sich vielmehr an deren Anblick. Darüber vergisst der unbegrenzt flexible und ständig verfügbare Großstädter sogar, sein Mobiltelefon einzuschalten. Er fährt durch den dichten Zirbenwald und riecht das Holz, dem besondere Heilwirkung zugeschrieben wird. Er schwitzt und genießt das entschleunigte Vorankommen trotzdem. Er spürt, wie Hast und Hektik entweichen.

Ein Pedaltritt, noch ein Pedaltritt - das ist wenig komplex, beschäftigt ihn aber trotzdem voll und ganz. Und nach 57 Tageskilometern ist er ein müder, aber zufriedener Mensch, der den lieben langen Tag nicht mit den Problemen anderer behelligt worden ist und abends im Wirtshaus nur eine einzige Frage auf dem Herzen hat: "Welche lokale Spezialität empfehlen Sie heute?" Die Antwort lautet: "Hirsch, selbst geschossen. "

Die Mur, der zweitlängste Fluss Österreichs, hat am nächsten Tag die Farbe gewechselt. Sie ist nicht mehr klar, grün und glitzernd, sondern zieht sich in bizarren Braunschattierungen durch die Landschaft. Der Radfahrer aus der bunten, lauten und blinkenden Welt entdeckt, dass hier jede Wiese ein anderes Grün hat. Natur unplugged. Er bremst, um sich eine tote Kreuzotter am Wegesrand anzuschauen. Er riecht die wilden Blumen auf den Feldern und nimmt auf einmal wahr, dass Autoabgase ganz schön stinken.

"R2" - das ist das Leitmotiv der folgenden Tage. Das grüne Schild mit der weißen Schrift steht nicht etwa für "Ruhe hoch zwei", sondern für den Murradweg. Einst zogen Händler mit Eseln und Karren auf diesem Pfad nach Süden, vom Salzburger Land bis zur heutigen slowenischen Grenze. Inzwischen verbringen jährlich 30.000 Radfahrer ihren Urlaub auf der Strecke. Manche cruisen gemütlich von Jausenpause zu Pausenjause und entdecken so zum Beispiel das "Murnockerl " in Gralla, andere dübeln mit dem Hightech-Bike in Highspeed durchs Terrain. Aber sie alle sind am Ende des Tages gern gesehene Gäste, denn die Zeit, als ein Radfahrer noch als einer galt, der sich kein Auto leisten kann, ist vorbei. Jetzt ist er einer, der sich nach dem Tretlager und vor dem Nachtlager was gönnt.

Der Pionier des Murradwegs

Nicht im Traum, gesteht Michael Baier, habe er an diese Erfolgsgeschichte geglaubt, als er nachts, im Winter und ohne Genehmigung die ersten R2-Schilder annagelte. Baier hört es nicht gern, aber er ist der Pionier des Murradwegs. Ohne ihn und seinen wegweisenden Einsatz seit 1983 bestünde heute keine lückenlose Streckenführung. "Das hat mich den einen oder anderen dicken Schädel gekostet ", scherzt er über seine oft abendfüllenden Tagungen mit den lokalen Größen. Auch so mancher Traum erfordert etwas Kondition. Unweit der Schiffsmühle in Mureck, inmitten des vielleicht romantischsten Streckenabschnitts zwischen Leibnitz und Bad Radkersburg, gabelt Michael Baier den Großstädter auf und begleitet ihn ein kleines Stück auf dieser seiner Tour de Styrie.

Vom Nationalpark über die Steirische Holzstraße, vom Zentrum der steirischen Eisenverarbeitung durch ein enges Tal hindurch nach Graz, von dort durchs südsteirische Hügelland, durch Maismeere und Kürbisfelder bis hin zu mit Reben bewachsenen Vulkankegeln im Südosten - quer durch das gesamte "grüne Herz Österreichs" zieht sich die Mur und damit der Murradweg.

Reinhard P. Gruber hat einmal geschrieben, dass in den Herzen seiner Landsleute ein "unverbleites Zweitaktgemisch " aus Kürbiskernöl und Schilcherwein brenne. Aber danach ist dann auch schon Schluss mit den Gemeinsamkeiten seiner Landsleute. Obersteirer sollen die lautesten und volkstümlichsten Steirer sein. Die Weststeirer gelten als Langweiler, die Oststeirer wiederum sprechen am unverständlichsten: "I kumm selm zu eich" - "Ich komme dann zu euch". Die Grazer (hochdeutsch) schauen herab auf die Provinzler und die Provinzler schmähen die Grazer. Und alle wundern sich über die Seltsamen im Ausseerland.

Die Südsteirer können sich ein Leben in der Obersteiermark nicht im Traum vorstellen, dabei ist Leoben gerade mal eine Autostunde von Leibnitz entfernt. Leoben, weiß der Großstädter inzwischen, ist übrigens die einzige Stadt der Welt mit allen fünf Vokalen hintereinander im Namen. So lästert jedenfalls die Reststeiermark: "Laeioubn". Doch damit genug der Vorurteile, die die Steirer gegen sich selbst hegen.

Heimatdichter Rosegger taugt auch hier als Friedensstifter: "Wir sprachen alle miteinander das ›Bäurische‹", schreibt er beiläufig in seiner Lebensbeschreibung. Weit ausführlicher erinnert er sich an "die Güte, die Aufrichtigkeit, die Wohltätigkeit, die Redlichkeit " und die "echte Religiosität" in seiner "Waldheimat". Am Abend der letzten Etappe macht der Großstädter einen Abstecher nach Klöch. Da sitzt er dann beim "Frühwirth " auf der Dachterrasse, vor sich eine formidable Brettljause, einen kühlen Welschriesling und die Berge. Auch Michael Baier ist gekommen.

Es ist ein milder Abend, ein Abend zum Pläneschmieden. Am Himmel weiden milde, weiße Lämmchen, die Weinberge leuchten nicht weniger als die Türme und Kuppel und Zinnen im Gebirge. Geographisch, erfährt der Großstädter, sei das da drüben die Untersteiermark, im heutigen Slowenien. Bald, verspricht Baier, "geht der Radweg sogar bis Kroatien, zur Mündung der Mur in die Drau". Und der längst nicht mehr fremdelnde Großstädter denkt: "I kumm selm wieder zu eich."

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Autor:
Hansjörg Falz