Europa Eine Bahnfahrt bis an die Adria

Der Zug nach Belgrad steht bereit. Nur noch wenige Minuten bis zur Abfahrt. Ein Zugbegleiter führt uns zum Abteil. Höflich, formell - fast wie ein englischer Butler - weist er uns die Pritschen zu. Mit einer kleinen Verbeugung überreicht er die weiße Bettwäsche und holt eine dicke Eisenkette hervor. "In diesem Zug kommt es nachts häufiger zu Raubüberfällen oder schlimmeren. Ich werde die Tür von außen verriegeln. Wenn Sie raus möchten, klopfen Sie", erklärt er uns. "Und haben Sie ein Auge auf Ihre Mitfahrer." Und schon fällt die Tür ins Schloss. Wir schauen uns ängstlich an, und hören, wie die schwere Kette angebracht wird. Dann ist Stille.

Seit einer Woche reise ich mit einer Freundin durch Europa - im Zug. Unser Ziel ist der Balkan. Wir wollen uns Zeit nehmen, die Strecke nicht an einem Stück zurücklegen. Gestartet sind wir in Hamburg und haben bereits einige Stationen hinter uns. Höhen und Tiefen. Schlaflose Nächte, wundervolle Landschaften, leckere Snacks und nicht sehr Schmackhaftes. Eingesperrt jedoch wurden wir noch nie - aber dazu später.

Nach einem Kaffee in München am Marienplatz und einem Spaziergang entlang der Isar haben wir die bayerische Hauptstadt schnell wieder hinter uns gelassen. Zu sehr freuen wir uns auf den Südosten von Europa - für beide Neuland. Unsere nächste Station ist Ljubljana, die Hauptstadt von Slowenien.

Kurz hinter München tauchen die ersten Hügel auf. Saftig grüne Almen ziehen an der Fensterscheibe vorbei. Wir kommen den Alpen immer näher. Es wird bergiger, gewaltige Felsmassive versperren den Weg, der Zug bahnt sich seinen Weg durch Tunnel und Schluchten. Smaragdgrüne Bergbäche schlängeln sich neben den Schienen, und stürzen im nächsten Moment tosend den Hang hinab.

Majestätisch thront die Burg hoch über dem Fluss

Nach sechs Stunden erreichen wir unser Etappenziel: Ljubljana. Eine beschauliche Stadt. Etwa 300.000 Menschen leben hier. Das historische Zentrum zieht sich entlang des Flusses Ljubljanica. Die Ufer sind von barocken Prachtbauten gesäumt, weiße Brücken spannen sich über das türkisfarbene Wasser. Vor dem blauen Himmel zeichnet sich das warme Orange der Terrakottadächer ab, Leute sitzen auf ihren Holzverandas und beobachten das Treiben in den Gassen. Die gepflegte Promenade wird abends romantisch beleuchtet, Restaurants und Clubs sind gut besucht. Majestätisch thront die mittelalterliche Burg auf einem bewaldeten Hügel hoch über dem Fluss. Die alten Gemäuer und geheimnisvollen Türme verleihen der Stadt fast schon ein märchenhaftes Flair.

Begeistert von den ersten Eindrücken machen wir uns auf den Weg zu unserer Unterkunft. Sie liegt etwas abseits vom Touristentrubel. Das Hostel Celica war früher ein Gefängnis: In den Zimmern erinnern noch Gitterstäbe und Metallwaschbecken an die Vergangenheit des Gebäudes. Bedrückend ist die Stimmung aber nicht, denn bunt bemalte Wände und Kunst-Installationen machen das "Celica" zu einem richtigen Wohlfühl-Ort, den Rucksackreisende aus aller Welt ansteuern.

Neben dem Hostel wird gefeiert. Ein verlassener Industriekomplex ist heute Kulturzentrum. Nach Einbruch der Dunkelheit füllt sich der Hof mit jungen Leuten: Gothics mit schwarz gefärbten Haaren, Hip-Hop- und Metalfans strömen in die zum Teil heruntergekommenen Backsteingebäude. Hinter jeder Tür eine andere Party - und wir mittendrin.

<h2">Die milchgrüne Fläche reicht bis zum Horizont

Am nächsten Tag geht die Reise weiter. 14 Stunden Fahrt liegen vor uns. Ziel: Budapest. Nach acht Stunden beginnen meine Glieder zu schmerzen: erst die Beine, dann der Rücken. Der kalte Luftstrom der Klimaanlage streift ohne Erbarmen über meinen Nacken. Die abgegriffenen Lehnen kleben an den Fingern. Langsam wird es hell. Hinter der Fensterscheibe tauchen urwüchsige Laubbäume aus dem Dunkel. Üppige Baumkronen leuchten in frischem Grün, Moos und Efeu bedecken verwitterte Baumstümpfe. Plötzlich sehe ich ein riesiges Gewässer. Die milchgrüne Fläche reicht bis zum Horizont. Der Balaton liegt vor uns. Der Plattensee ist der größte Binnensee Mitteleuropas. In der Ferne gleiten weiße Segelboote über das Wasser, für einen Moment blitzt ein Schwarzstorch zwischen dem Schilf auf.

In Budapest übernachten wir bei einer Bekannten. Sie wohnt in einer großen Jugendstilwohnung mit vier Meter hohen Decken und Parkett. Nach einer Dusche und kleinen Stärkung wollen wir etwas von der Stadt sehen. Breite Boulevards, stuckverzierte Fassaden und pompöse Jugendstilvillen an jeder Ecke. Wir kommen an gusseisernen Straßenlaternen, Buntglasfenstern und der größten Synagoge Europas vorbei. Von den Giebeln schauen steinerne Gargoils auf uns herab, affenartige, geflügelte Fabelwesen. Abseits der Prachtstraßen finden wir charmante, zum Teil in die Jahre gekommene Mietshäuser und verwilderte Hinterhöfe.

Nach fünf Stunden Fußmarsch erreichen wir die Donau - und ich bin überwältigt: In der blauen Stunde glitzert der Fluss wie ein zerbrochener Spiegel. Hoch über der Donau, der Burgpalast - die Silhouetten der Kuppeln zeichnen sich noch schwach im Abendhimmel ab. Bis spät in die Nacht sitzen wir am Ufer.

Wir bleiben noch ein paar Tage in Budapest und besichtigen Denkmäler, probieren die ungarische Küche und bummeln durch die Innenstadt. Dann heißt es wieder Koffer packen und den nächsten Zug erwischen. Und hier sind wir nun. Hinter "Schloss und Riegel" auf dem Weg nach Belgrad. Die Nacht in dem abgesperrten Abteil alles andere als angenehm. Unruhig wälzen wir uns auf den Betten hin und her und sind froh, als die Morgendämmerung einsetzt, und der Zugbegleiter die Eisenkette wieder aufschließt.

Wir betreten serbischen Boden

Ankunft in Belgrad. Wir betreten serbischen Boden. Am Bahnhof deutet ein Schild auf einen Gepäckschalter hin, ein verwitterter Wellblechverschlag. Wir reichen unsere Rucksäcke durch eine rostige Luke, ein muskelbepackter Glatzkopf händigt uns grimmig Gepäckmarken aus. Wollen wir wirklich hier bleiben? Einen Versuch ist es wert. Der Bahnhof liegt am Rande der Stadt. Die wenigen Meter ins Zentrum gehen wir zu Fuß. Auf dem Weg liegen leere Straßen und heruntergekommene Viertel. Hier und da hat der Kosovo-Krieg Spuren hinterlassen: Einschusslöcher in den Häusern und bettelnde Kriegsverletzte führen uns vor Augen, dass die Bombardierung der Stadt 1999 noch nicht lange zurückliegt.

Der Anblick der Zerstörung macht uns betroffen. Doch in der Innenstadt lernen wir Belgrad von einer anderen Seite kennen: Die renovierte Einkaufsstraße ist lebendig. Pärchen schlendern an den Schaufenstern vorbei, Jugendliche schlittern auf ihren Skateboards über den glatten Asphalt. Wir setzen uns in ein gemütliches Straßencafé und bewundern die frisch verputzten Fassaden. Unser nächstes Ziel ist "Der Park der Freundschaft", eine Grünanlage auf einem Hügel zwischen den Flüssen Sava und Dube. Das Wetter ist gut, die Sonne scheint. Unter einem Baum packen zwei Männer ihre Instrumente aus: Akkordeon und Geige. Sie fangen an zu spielen. Pärchen versammeln sich um den Baum und beginnen zu tanzen. Einfach so. Die Damen tragen Kostüme und Stoffhandschuhe, die Herren Anzüge. Vielleicht ein Sonntagsritual, vielleicht.

Wir beschließen, die Nacht nicht in Belgrad zu verbringen. Hinter uns liegen 2000 Kilometer Zugfahrt, eine "Alpenüberquerung", das märchenhafte Ljubljana, ungarische Wälder, der Balaton und die Metropole Budapest. Belgrad verlassen wir mit Erleichterung. Die letzten Kilometer unserer Tour legen wir mit dem Bus zurück. In Dubrovnik an der kroatischen Adria endet unser Abenteuer. Auf uns warten das Meer und ein paar entspannte Tage.

Autor:
Eva Karnowski