Europa Die besten Plätze zum Sternegucken

Es glitzert und leuchtet am Himmel. Hunderte, Tausende, Millionen Sterne funkeln in der Nacht. Doch in Großstädten sieht man in der Nacht meist nicht viele der Himmelskörper. Verantwortlich für den "Verlust an Sternen" ist die sogenannte Lichtverschmutzung - Licht, das von Straßenlaternen, Werbetafeln und anderen künstlichen Lichtquellen in den Nachthimmel abstrahlt. Je höher die Bevölkerungsdichte, umso mehr ist der Blick auf die Sterne getrübt. Auf einer Skala von eins (keine Lichtverschmutzung) bis neun (Großstadthimmel) erreicht kein einziger Ort in Mitteleuropa noch die Stufe eins oder zwei und auch in Südeuropa wird die Stufe eins nicht mehr erreicht. Man muss sie schon kennen, die dunklen Nischen Europas, die den fast ungetrübten Blick auf die Pracht des Sternenhimmels zulassen.

In Deutschland haben Sternengucker entlang der Mecklenburgischen Ostseeküste gute Chancen, nachts einen klaren Blick auf das strahlende Band der Milchstraße zu werfen. Die ungetrübte Fernsicht auf den nördlichen Sternenhimmel ist in dieser Region mit bloßem Auge möglich. Außerdem arrangiert das Seebad Heringsdorf auf der Insel Usedom für Besucher der Volkssternwarte nächtliche Teleskop-Events (auf Anfrage). Bei klarer Wetterlage können Hobby-Astronomen bis in die endlosen Weiten des Universums schauen.

Regionen mit guter Sicht auf das Sternenband der Milchstraße ziehen sich von Lüneburg Richtung Osten bis zur Mecklenburgisch-Brandenburgischen Seenplatte. Dort haben Besucher der Sternwarte Schwerin Gelegenheit, den Blick mit einem Teleskop über den Sternenhimmel wandern zu lassen. Allerdings sollte eine Sternenreise in diese Regionen geplant sein: Im Norden Deutschlands sind die Nächte im Sommer sehr kurz, im Juni und Juli, zur Zeit der Sommersonnenwende, wird es dort nicht einmal richtig dunkel.

Ähnliche Verhältnisse herrschen in Großbritannien - auch dort sind wegen der nördlichen Lage Beobachtungen während der Sommermonate kaum möglich. Fast ideale Bedingungen finden Urlauber in Schottland vor, in den Highlands sind künstliche Lichtquellen rar: Vom Herbst bis zum Frühjahr, sofern das Wetter mitspielt, bringt schon ein kleines Fernglas Einzelheiten des Lichtjahre entfernten Orion-Nebels zum Vorschein oder gewährt seltene Eindrücke von der Andromeda-Galaxie, der Zwillingsschwester unserer Milchstraße. Einen Besuch lohnt das Royal Observatory in Edinburgh - von Oktober bis April steht die Sternwarte einmal wöchentlich Besuchern offen, die nach den Sternen greifen wollen.

Zu den "düsteren Ecken" Europas zählen auch die Alpenregionen der Schweiz und Österreichs. Abseits der Städte und Ortschaften entfalten bekannte Sternbilder ihre volle Schönheit. Hier ist die Vielfalt der Sterne so groß, dass sich der Kunstlicht geplagte Großstädter schwertut, Jungfrau oder Stier überhaupt auszumachen. Wer in Kärnten hoch hinaus möchte, kann sich im Glocknerhaus einquartieren, zwischen Mai und Oktober ist es bequem mit dem Auto über die Großglockner-Hochalpenstraße zu erreichen. Fernab jeder Ortschaft präsentiert sich tagsüber das fantastische Gebirgspanorama über die österreichischen Alpen und den Großglockner, den höchsten Berg Österreichs. Nach Sonnenuntergang gibt dieser Logenplatz für Sternengucker einen in fast alle Richtungen ungehinderten Blick auf Wassermann, Schwan oder Leier frei.

 

Rovinj
Kroatische Zentrale für Tourismus/M. Romulić & D. Stojčić
Die kroatische Stadt Rovinj schaltet zum Sternegucken ihr Licht aus.

Wem die Alpen nachts zu kalt sind, der fährt ans Mittelmeer: Tagsüber ein Bad in der Adria, abends die Sterne ins Visier nehmen. Einen besonderen Service bietet die kroatische Stadt Rovinj ihren Besuchern: Sie knipst für ihre Besucher jährlich am 13. August, dem Tag des Heiligen Laurentius, das Licht aus und macht die Sicht frei für die vom Himmel fallenden "Tränen des Laurentius". Bei Kerzenschein in Restaurants und Strandbars können Urlauber so ungeblendet den Sternschnuppenregen der Perseiden genießen und darauf hoffen, dass alle ihre Wünsche in Erfüllung gehen.

 

Srd.
iStockphoto/Thinkstock
Mit der Seilbahn geht es auf den Berg Srd.

Kroatien bietet seinen Besuchern viele dunkle Ecken, nicht nur im dünn besiedelten Landesinneren. Einen grandiosen Rundblick über Dubrovnik und die Elaphitischen Inseln haben Reisende vom 412 Meter hohen Berg Srd. Man erreicht den Aussichtspunkt am Gipfel mit dem Auto oder zu Fuß. Die einfachste Möglichkeit startet direkt in Dubrovnik - eine Seilbahn zum Gipfel. Der Betreiber hat ein Herz für Sternenfreunde: Von Juni bis August fährt die letzte Bahn abwärts um 24 Uhr - wer länger bleiben möchte, muss den Rückweg zu Fuß zurücklegen und sollte eine Taschenlampe einpacken.

 

Ätna Bergstation
Enit Fotothek/Sandro Bedessi
Die Bergstation auf dem Ätna.

Nicht ganz so dunkel präsentiert sich der Nachthimmel auf der anderen Seite der Adria, in Italien. Selbst viele Bergregionen sind dicht besiedelt und hell erleuchtet. Aus mehreren Gründen lohnt daher ein Ausflug zum Ätna auf Sizilien, mit 3323 Metern höchster aktiver Vulkan Europas. Ab der Bergstation Rifugio Sapienza geht es mit Seilbahn und Bussen auf etwa 3000 Meter. Im Sommer bietet der Betreiber der Ätna-Seilbahn zweimal wöchentlich geführte Wanderungen in die Nähe des Gipfels an. Start bei Sonnenuntergang - Sternenlicht inbegriffen. Aber auch von der Bergstation haben Sternengucker eine himmlische Aussicht - der Ätna liegt in einem Naturschutzgebiet, in dem kaum künstliche Lichtquellen vorhanden sind.

Gute Bedingungen herrschen auch auf den nördlich von Sizilien gelegenen Äolischen Inseln. Das Belvedere Quattrocchi, übersetzt "Vier Augen", ist der berühmteste Aussichtspunkt auf Lipari, der größten Insel dieser Gruppe. Der Legende nach braucht man vier Augen, um den Ausblick, der bis zur Nachbarinsel Vulkano reicht, überhaupt erfassen zu können. Das gilt nicht nur tagsüber, sondern auch nachts, wenn über Quattrocchi der Glanz der Galaxien aufflimmert.

Astronomisch betrachtet stehen ebenfalls die Kanarischen Inseln unter einem guten Stern. Gleich mehrere Großteleskope haben ihre Heimat auf den Berggipfeln der Insel La Palma. 400 Kilometer vor der Küste Afrikas gelegen und etwa ebenso weit vom nördlichen Wendekreis entfernt, sind hier schon weite Teile des südlichen Sternenhimmels zu beobachten. Wer auf den Kanarischen Inseln seinen Urlaub verbringt, sollte auf jeden Fall ein Fernglas mitnehmen, Hobby-Astronomen haben für solche Gelegenheiten wahrscheinlich ein kleines Reiseteleskop im Gepäck. Der Blick lohnt sich, denn am Nachthimmel präsentieren sich Sterne und Sternbilder wie Skorpion oder Großer Hund, von denen im übrigen Europa bloß Bruchteile zu sehen sind.

Autor

Rainer Mersmann