Istanbul Der sagenumwobene Topkapi-Palast

Ihr rötliches Haar fließt in Locken über die Schultern, bis hinab auf die entblößten, weißen Brüste. Ihr Blick ist abwesend. Neben der üppigen Schönen steht eine Wasserpfeife, vor ihr sitzt eine Sklavin in Pluderhosen, die auf einem hölzernen Saiteninstrument zupft. Kostbare Teppiche bedecken Böden und Wände. Die Haremsdame räkelt sich auf einem golddurchwirkten Kissen und lauscht der Musik, ihre Scham nur spärlich bedeckt von einem Laken. Sie scheint nur darauf zu warten, ihrem Herrn und Sultan zu Willen zu sein.

Der französische Künstler Jean Auguste Dominique Ingres malte um 1840 die "Odaliske mit Sklavin", ohne jemals einen Harem betreten zu haben. "Haram" ist arabisch und heißt "verboten" - fremden Männern war es nicht gestattet, den innersten Bereich eines osmanischen Palastes zu betreten; im Topkapi-Serail hatten nur Herrscher und Eunuchen Zutritt. Letztere bewachten die Frauen und Konkubinen des Sultans, denen es verboten war, den Harem zu verlassen.

Wenige Themen haben die Phantasie westlicher Maler und Schriftsteller so sehr beflügelt wie die Welt des Harems. Von 1704 an erschien in Europa eine erste Übersetzung der Erzählungen von "1001 Nacht", ihr Autor Antoine Galland hatte zwar allzu Anstößiges weggelassen, dennoch waren seine Geschichten Auslöser für eine Schule des Orientalismus, in der der Harem zum exotischen Freudenhaus geriet, seine Bewohnerinnen zu begehrlichen Nymphen. Wer aber waren diese Frauen? Woher kamen sie? Wie lebten sie?

Die Realität war prächtig, aber weniger phantastisch: Mächtig spannt sich die Kuppel über den Saal, in der Mitte ein pompöser Kronleuchter, die Decke ist reich dekoriert mit Ornamenten in Gold, Hellblau, Türkis. An den Wänden weißblaue Keramikfliesen, auf dem Boden Sitzkissen aus Brokat. Unter einem hölzernen Baldachin steht ein goldenes Sofa. Der Hünkâr Sofasõ, der Festsaal des Harems, ist Teil des Topkapi-Palastes, heute eines der bestbesuchten Museen Istanbuls. Jahrhundertelang hatten die osmanischen Sultane von hier aus ihr Reich regiert, mehr als 5000 Menschen lebten zeitweise im Palast. Über 300 Zimmer zählte allein der Harem - im 16. Jahrhundert hatte man unter Sultan Süleyman dem Prächtigen mit seinem Bau begonnen. Mehrere hundert Haremsdamen lebten dort, Ende des Jahrhunderts sollen es sogar 1200 gewesen sein.

Eine der wenigen Europäerinnen, die Zugang zum Harem bekam, war Anfang des 18. Jahrhunderts Lady Mary Wortley Montagu, Gattin des englischen Botschafters in Konstantinopel, die voller Abenteuerlust und Neugier eine ihr fremde Welt erforschte und darüber in zahlreichen Briefen berichtete. 1717 beschrieb die damals 27-Jährige ihre Erlebnisse in einem Brief an ihre Schwester: "Ihr Kopfputz war mit Nadeln aus Smaragden und Diamanten bedeckt. Sie trug große Diamantarmbänder und hatte fünf Ringe mit Solitären an den Fingern, die die größten sind, die ich je gesehen habe. Ich bin sicher, dass keine europäische Königin halb so viele Edelsteine besitzt. Die Sultana gab mir ein Mittagsmahl von fünfzig Schüsseln, nach ihrer Sitte wurde nur eine auf ein Mal aufgetragen, was außerordentlich langwierig war. Die Pracht der Tafel entsprach jener der Kleidung. Die Messer waren aus Gold und die Hefte mit Diamanten besetzt."

Der Harem als Schlangengrube

Lady Mary verfasste diesen Brief nach ihrem Besuch bei Sultana Hafiten. "Ich versäumte diese Gelegenheit nicht, alles Mögliche aus dem Serail zu erfahren", notierte sie weiter. Und räumte im Folgenden gleich mit einer Legende auf: Suche sich der Sultan eine neue Bettgenossin aus, dann werfe er ihr ein Taschentuch zu Füßen. Die Auserwählte habe nachts in des Herrschers Schlafgemach zu kommen, am Fußende in sein Bett zu steigen - und ihm nun ihre Liebeskünste zu beweisen. So kolportierten es damals sensationslüsterne Zeitgenossen. Lady Mary wurde von der Sultana belehrt: Tatsächlich schicke der Herrscher des osmanischen Weltreiches seiner neuen Wunsch-Geliebten ganz offiziell den kzlar agas, den Schwarzen Obereunuchen, sowie ein "königliches Geschenk".

Der Harem des Topkapi-Palastes war ein eigener Kosmos mit strengen Regeln und klaren Hierarchien. Die Zimmer mit Aussicht gehörten den Prinzenmüttern. Hier, vom oberen Stockwerk, bietet sich ein wunderbarer Blick auf den blau glitzernden Bosporus und das Goldene Horn: je luxuriöser und größer die Zimmer, desto höher die Stellung ihrer Bewohnerin im Machtgefüge. Die wichtigste von allen, die mächtigste Frau im gesamten Osmanischen Reich, war die "Valide Sultan", die Sultansmutter. Ihre prachtvollen Gemächer lagen direkt neben denen des Herrschers. Sie hatte ein eigenes Bad aus Marmor und einen mit den kostbarsten Stoffen und Möbeln ausgestatteten Salon.

Die Valide Sultan beriet ihren Sohn in Regierungsfragen, versuchte ihn vor Intrigen zu schützen und suchte aus der Schar der Haremsdamen auch seine Favoritinnen aus. Die Ehefrau, die dem Herrscher einen Sohn gebar, konnte sich Hoffnungen machen, eines Tages selbst zur Valide Sultan aufzusteigen. Entsprechend hart umkämpft war diese Position, und so manche Prinzenmutter half der hohen Kindersterblichkeit noch ein wenig nach, um den Weg für ihren eigenen Sohn frei zu machen. Die meisten Haremsdamen aber bekamen den Herrscher ihr Leben lang niemals zu Gesicht. So warteten sie, rauchten Opium, gingen untereinander Liebesbeziehungen ein. Und langweilten sich zu Tode.

Eunuchen bewachten die Haremsdamen, unterrichteten sie, vor allem in Sprache und Schrift - viele Konkubinen waren Georgierinnen und Russinnen und für ihre Schönheit bekannt. Manche hatte man als Mädchen entführt, verschleppt und in den Sultansharem gebracht.

So wie Roxelane, die bis heute bekannteste aller Haremsdamen: Die Tochter eines polnischen Priesters machte im Harem Süleymans des Prächtigen eine steile Karriere. Stieg im 16. Jahrhundert auf von der Sklavin zur Lieblingsgemahlin des Sultans, mit dem sie in monogamer Beziehung lebte - das hatte es im Osmanischen Reich noch nie gegeben. Die Untertanen beobachteten das Wirken der "Hexe" mit Misstrauen, die Gemälde zeigen Roxelane als eine Frau mit scharf gebogener Nase. Intelligent und belesen soll sie gewesen sein. Sie informierte den Sultan während seiner Abwesenheit in Briefen über die Vorgänge in Konstantinopel und beriet ihn in politischen Fragen. Es hieß, Roxelane stecke hinter der Ermordung des Großwesirs Ibrahim Pasa und des ältesten Sultanssohnes Mustafa, den sie beseitigen ließ, um ihren eigenen Söhnen zur Macht zu verhelfen.

Die Geschichten über den Harem von Topkapi sind voll von solchen Berichten über Morde, Ränkespiele und Machtmissbrauch; der Harem, im Zentrum der Macht des riesigen Reiches, glich einer Schlangengrube. Roxelane steht für das, was Historiker als "Herrschaft der Frauen" bezeichnen und oftmals mit dem beginnenden Niedergang des Osmanischen Reiches in Verbindung gebracht haben: den Einfluss der Sultansgattinnen und -mütter auf die Politik. Intrigant und schädlich sollen sie gewesen sein.

Als am Bosporus dann der "kranke Mann" dahinsiechte - seitdem das Synonym für den Verfall des Osmanischen Reiches -, stürmten die Jungtürken 1909 den Harem, erhängten den Obereunuchen an der Galata-Brücke und entließen die Haremsdamen in eine ungewisse Freiheit. Viele kehrten zu ihren Familien zurück, einige schafften es bis in die oberste Schicht der Gesellschaft. Und andere tingelten durchs Land und ließen sich auf Ausstellungen als etwas begaffen, was das einfache Volk noch nie zu sehen bekommen hatte: als Haremsdame.

Autor:
Katja Michel