Monaco Das leichte Leben im Fürstentum

Das Licht ist anders. Nichts verschluckt es. In steilem Winkel fällt es auf die Hochhäuser am Hang und die Stadtvillen auf den Felsen, schießt hinab durch die Gassen, bis es sich schließlich im Hafenbecken sammelt. Hier unten bleibt es hängen zwischen den schneeweißen Yachten mit Namen wie "Alpha Papa", "Honey Bear" und "Awesome". Sie glucksen und funkeln im Wasser. Es ist keine weiche, sondern eine scharfe, schonungslose Art von Licht. "Ich quäle mich und kämpfe mit der Sonne", klagte der Maler Claude Monet einst, als er diesen Flecken Küste sah. "Man müsste hier mit Gold und Edelsteinen malen." Er stöhnte und reiste ab.

Das Licht ist nicht von dieser Welt, und das passt, schließlich ist auch dieser Ort irgendwie kein Teil von ihr: Monaco ist eine Utopie. Null Prozent Arbeitslose, keine Kriminalität, die weltweit höchste Lebenserwartung und an über 300 Tagen im Jahr prallt das gleißend-helle Sonnenlicht auf das zwei Quadratkilometer große Land. Seit dem 19. Jahrhundert ist der winzige Stadtstaat am Ende der Côte d’Azur der Zufluchtsort der Reichen und Schönen. Zuerst für die Großfürsten und Kurtisanen, später dann für die Playboys und Models, heute kommen Ölscheichs und It-Girls. Hier trifft altes auf neues Geld. Nirgendwo anders leben so viele Millionäre und Milliardäre auf derart engem Raum. An Gold und Edelsteinen mangelt es nicht.

Wer der Sonne entkommen will, findet ein wenig Schatten in den Gassen auf dem Felsen über dem Hafen. Hier oben begann die Geschichte Monacos. 1297 eroberten die Grimaldis die genuesische Festung auf der Spitze von "Le Rocher", wie die Monegassen den Felsen nennen. Der Legende nach verkleidete sich Francesco Grimaldi – Spitzname "Der Tückische" – als einfacher Mönch und erbat sich ein Nachtlager in der Festung. Kaum war er drin, erdolchte er die Wachen und öffnete seinen Soldaten das Tor. In den letzten Jahrhunderten haben die Grimaldis das Bollwerk in einen Königspalast verwandelt, um den herum das Quartier Monaco-Ville entstand. Das kleinste Viertel des Fürstentums steht ganz unter dem Stern von Grace Kelly. Ihre Hochzeit 1956 mit Fürst Rainier III. vermählte den mondänen Stadtstaat unwiderruflich mit dem Glanz Hollywoods. Erinnerungen überall. In den kopfsteingepflasterten Straßen der Altstadt erzählt eine Gedenktafel davon, wie die volksnahe Prinzessin hier jeden Morgen mit ihren Kindern zur Schule lief. In der alten Kathedrale liegen auf ihrem Grab mehr Blumen als auf dem ihres Gatten neben ihr. Und im Palast befinden sich wohl mehr Büsten und Gemälde der "Princess Grace de Monaco", die bei einem Autounfall 1982 ums Leben kam, als von jedem anderen Grimaldi.

Oliven auf dem Markt auf dem Place d'Armes.
Kalle Harberg
Gaumenschmauß: Auf dem Place d'Armes werden täglich regionale Spezialitäten angeboten.
Das Gegenstück zum königlichen Monaco-Ville ist das bodenständige Quartier La Condamine am Fuße des Felsens. Von den 35.000 Einwohnern Monacos sind die meisten zugezogen – nur jeder fünfte ist auch Monegasse. Einige von ihnen trifft man morgens an den Ständen des kleinen Marktes auf dem Place d’Armes. Unter den rot-gelben Planen liegen die Spezialitäten der Provence, von riesigen Orangen und Zitronen bis zu Schalen voller Oliven, die ihr ganzes Leben unter der Sonne der Côte d’Azur verbracht haben. In den Cafés drum herum blättern die Monegassen in aller Ruhe durch die Morgenzeitung, trinken den ersten Kaffee, und knabbern an den "fougasse monégasque", den klebrig-süßen Nusskeksen, die man in den Bäckereien um den Platz findet.

"Alle kennen mich hier. Sie haben Glück, dass sie mich treffen"

So besitzt jedes der kleinen Quartiers seine eigene Identität, und doch ist das Herz Monacos das Viertel, dessen Name heute fast bedeutungsgleich mit dem des Landes ist: Monte Carlo. Nacheinander fahren ein Maserati, ein Bugatti und ein Ferrari über den Place du Casino. Auf der Terrasse des Café de Paris recken sich die Hälse. Wer hier sitzt, und einen Softdrink für stolze acht Euro schlürft, will schließlich erkennen, welche Berühmtheiten aussteigen und die Treppen zum Casino und zum noblen Hotel de Paris hinauflaufen werden. Alle außer Karl Vanis, der feine Herr dazwischen im grauen Sweater und brauen Jackett, er kennt das ja zur Genüge. "Und alle kennen mich hier. Sie haben Glück, dass sie mich treffen", sagt der 75-jährige ohne die Miene zu verziehen.

Das Hotel de Paris.
Hotel De Paris / Monte-Carlo SBM
Mehr Luxus geht nicht: Das Hotel de Paris zählt zu den besten Hotels der Welt.
1962, als der gebürtige Essener nach Monaco kam, war er der jüngste Empfangssekretär im Hotel de Paris auf der anderen Straßenseite. "Ich kam mit null Komma nichts hierher. Damals dachte ich noch, wenn man eine Million hat, ist man reich. Ach was" – er winkt ab – "mehrere Millionen!" Danach hat Vanis so hart gearbeitet, bis er schließlich der jüngste Direktor in der Geschichte des Luxushotels wurde. Alle hat er sie getroffen, alle kannten sie ihn. Frank Sinatra, Günther Sachs, Grace Kelly. Mit Aristoteles Onassis hat er eng zusammen gearbeitet, mit Luciano Pavarotti verband ihn eine Freundschaft. Es sei ein Privileg in Monaco zu leben, erklärt er stolz, "und ich danke dem Herrgott jeden Morgen dafür."

Das Phänomen Monaco erklärt Vanis sich so: "Was suchen die Erfolgreichen? Ein schönes Leben. Reichtum ist nicht gleich Luxus. Luxus ist guter Geschmack, schöne Dinge, schöne Frauen, schöne Blumen, schöne Landschaft, schönes Meer. Das findet man alles hier!" Der Schlüssel, sagt Vanis, sei das Vertrauen der Einwohner in die Zukunft des Stadtstaates. "Aber Monaco ist nicht nur für die Reichen" – und seine Augen weiten sich – "sondern auch für arbeitende Menschen, die, wie ich damals, etwas werden wollen!"

Cafe de paris und das Casino.
Kalle Harberg
Wer sitzt da in der Luxuskarre? Von der Terrasse des Café de Paris hat man den besten Blick auf das bunte Treiben vor dem Casino.
Kamyar Moghadam ist solch ein Arbeiter. Auf dem Boulevard des Moulins in Monte Carlo, wo sich die Edelboutiquen aneinanderreihen, befindet sich auch sein Teppichladen Fashion For Floors. Der ewig lange rote Teppich auf dem Fürst Albert und Charlene 2011 zum Altar gingen, das war seiner. Moghadam ist offizieller Hoflieferant der Grimaldis, so wie sein Vater vor ihm. Wie die Moghadams ins Fürstentum kam, war "fast ein bisschen wie im Märchen", sagt er schmunzelnd. "1977 wurde mein Vater auf einem Wohltätigkeitsempfang durch Zufall Grace Kelly vorgestellt. Die Prinzessin fragte ihn, was er hier mache, und mein Vater antwortete, er mache mit seiner Familie Urlaub in Monaco. Als sie erfuhr, dass mein Vater in Deutschland mit Perserteppichen handelte, fragte sie ihn, ob er nicht in Monaco eine Galerie aufmachen wolle – sie wäre seine erste Kundin. Mein Vater dachte, sie scherze, aber als wir wieder Zuhause waren, kam ein Anruf aus dem Palast. Die Prinzessin habe für ihn einen Laden gefunden habe, sagte ihre Assistentin. Ob er in zwei Tagen da sein könnte?"

Kamyar Moghadam.
Fashion For Floors
Kamyar Moghadam, Hoflieferant in zweiter Generation, versorgt Monacos High Society mit Teppichen.
Ein goldener Wandteppich hängt in seinem Büro hinter Moghadam Junior, einem kleinen, geschmeidigen Mann, dessen Nasenspitze ein paar Zentimeter zu weit nach rechts zeigt. Softer Jazz läuft im Hintergrund. Statt alten Perserteppichen wie sein Vater im Geschäft nebenan, das die Prinzessin für ihn fand, verkauft der 44-Jährige in seinem Laden Textilien mit modernen und neoklassischen Designs, gemacht aus allem von handgeknüpfter Himalaja-Wolle bis zu recycelten Seidensaris. 2000 Euro kostet ein Exemplar im Durchschnitt. Zu seinen Kunden gehören neben dem Fürstenpaar Stars wie Elton John und Milliardäre wie Roman Abramovitch. "Man hat in Monaco Kontakt zu Leuten, die sonst unantastbar sind. Woanders auf der Welt laufen sie nur mit Bodyguards umher. Hier laden sie einen zum Kaffee nach Hause ein", sagt Moghadam. "Jeder von ihnen hat seine Geschichte und die ist jedes Mal ein Buch. Wenn man bescheiden bleibt, kann man hier extrem viel lernen." Aber nach Monaco zu ziehen, kann sich nur leisten, wer sein Geld bereits woanders gemacht hat. Auch Moghadam wohnt außerhalb des Fürstentums. "Die harten Arbeiter kommen morgens rein und gehen abends wieder. Wer hier wirklich lebt, will nur noch genießen." Dann entschuldigt Moghadam sich, er muss sich noch in Schale werfen. Sein Vater feiert heute Abend im Hotel Metropole im großen Stil seinen Geburtstag. Das Fürstenpaar steht auch auf der Gästeliste.

Hafen am Abend.
iStockphoto/Thinkstock
Wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, beginnt das Lichterschauspiel an der Hafenpromenade.
Glücksspiel ist Glaubenssache: Das Casino ist Monacos wahre Kathedrale

Während im Metropole an diesem Abend die vielleicht beste Party des Jahres steigt, füllen sich langsam auch die Privatsäle des Casinos. 1863 öffnete der Belle Epoque-Prachtbau mit den zwei Zwiebeltürmen seine Türen. Das Glücksspiel sollte damals Geld in die leeren Staatskassen spülen und aus ganz Europa kamen die Reichen, um hier ihr Geld zu verzocken. Das edle Interieur macht dem großen Namen des Casinos auch heute noch alle Ehre: goldverzierte Wandvertäfelungen, Kronleuchter an den Decken, und auf den Gemälden in den Ecken rekeln sich laszive Nymphen. Das Spielhölle ist Monacos wahre Kathedrale. In seiner Blütezeit, heißt es, gingen die Monegassen nur in die Kirche, um auf die Nummern des Psalmen zu wetten, die der Pfarrer vorlas.

Viel geredet wird nicht an den Roulettetischen, gelacht noch weniger. Nur einer hat sichtbar seinen Spaß. Ein winziger französischer Monsieur mit schütterem Haar spielt an drei Tischen gleichzeitig. Immer setzt er 5000 Euro und singt dazu drei Zeilen aus Frank Sinatras "Strangers in the Night": "Wondering in the night, what were the chances, dooby-dooby-doo…" Dann strahlt er die ganze Runde an. Dass er kein einziges Mal gewinnt, tut seiner Heiterkeit keinen Abbruch. Sind die Chips weg, wechselt er die nächsten 100.000. "Dooby-dooby-doo…"

Es ist eine milde Nacht. Draußen auf der Terrasse rauchen die Spieler und unterhalten sich über ihre Glückssträhnen. Von irgendwoher, vielleicht ja dem Metropole, dröhnt pumpende Diskomusik, weiter entfernt glitzern die Yachten im Hafen. Seit heute Morgen liegt dort ein gigantisches Kreuzfahrtschiff vor Anker. Sein Namenszug steht wie das Ortsschild Monacos am Eingang der Bucht. "Crystal Serenity". Kristallene Gelassenheit.

Autor

Kalle Harberg