Tallinn Generation EU

Als Johan Uexküll seinen Kopf verlor, herrschte im Hafen Hochbetrieb. Deshalb hielt sich die Zahl der Gaffer in Grenzen, die durch die Große Strandpforte stadteinwärts geeilt waren, vorbei an der Dicken Margarete, dem massivsten aller 45 Wehrtürme Revals, durch die Langstraße und über den Marktplatz zum Schmiedetor. Dort machte der Rat der Stadt nicht lange Federlesen: Uexküll, Gutsherr aus Riesenberg (Riisipere), der seinen Bauern Maddis zu Tode gequält hatte, wurde öffentlich hingerichtet.

Im Hafen pendelten an diesem 7. Mai 1535 die Leichter zwischen dem Strand und den ankernden seegängigen Schiffen hin und her, holten flandrische Tuchballen, rheinischen Wein, Lüneburger Salz und Wismarer Bier an Land und brachten russische Pelze, Wachs, livländisches Flachsgarn, Teer und Seehundstran hinaus. Hier 300 Last für Rostock, dort 200 Fässer für Visby. Die Hansestadt Reval war auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen Blüte.

Schiffer und Hafenwärter, Reeder und Makler, Fuhrleute und Packer verhandelten, kommandierten und fluchten auf Estnisch, Schwedisch oder Russisch - und immer auch auf Platt, denn das redete und verstand hier jeder. Niederdeutsch, die Sprache der Hanse, war ein Medium der mittelalterlichen Globalisierung. Genauso wie das Lübische Stadtrecht, nach dessen auch in Reval gültigen Regeln Handel und Wandel funktionierten und der Scharfrichter den Gutsherrn Uexküll einen Kopf kürzer gemacht hatte.

Wieder ist es Mai, Johan Uexküll ist seit 468 Jahren tot, und im Park vor der Dicken Margarete explodieren die Kastanienblüten in süßem Duft. Der Abend tastet sich voran, doch das weiße nordische Licht will nicht weichen. Es macht Lust, lockt die Menschen noch immer durch die Große Strandpforte in die Langstraße und die Breitstraße Richtung Marktplatz oder Domberg - an Orte, die heute Paks Margareeta, Suur Rannavärav, Pikk, Lai, Raekoja plats und Toompea heißen. Wobei der Blick hinunter aufs Pflaster und hinauf zu den Giebeln immer wieder zu beweisen scheint, dass die neuen Namen in einem halben Jahrtausend schon genug Veränderung waren.

Die estnische Hauptstadt Tallinn hat das Bild der deutsch geprägten Hansestadt Reval bewahrt, restaurierte es mit akribischer Sorgfalt und ist damit weiterhin beschäftigt. Geld wird schon kommen. Vor und hinter vielen Kulissen staubt es gewaltig, selbst jetzt noch so spät in der Pikk, wo die bauchfreie Generation EU, Pärchen und Flaneure unterwegs zu den Straßencafés und Restaurants rund um den Rathausplatz sind und vor den eingerüsteten "Drei Schwestern" einen Bogen machen. Touristen, ganz im Bann des Déjà-vu und längst nicht satt vom Architekturgewürfel aus Gotik, Renaissance, Barock und Klassizismus, stehen vor den Fassaden der alten Handelshäuser und vergleichen die verzierten Tore, die Windenbalken der Lastenaufzüge, die Wetterfahnen mit denen in ihren Reiseführern.

Was in den Guides nicht zu finden ist, sind Hinweise auf die Dinge des früheren alltäglichen Lebens hinter den Mauern. Die Nachlasslisten der Mannsfeldt, von Husen, Bogemell und vieler anderer hat der Stadthistoriker Raimo Pullat in jahrzehntelanger Arbeit zusammengefügt. Die Notare des 18. Jahrhunderts registrierten unter anderem: "1 Groß Kupfern Brandtweins Keßel mit 3 Pfeiffen, 1 Rigischer Schlitten nebst dem Pferde Geschirr dazu, 1 Braun gebeizt Glaß Schranken, 500 Ganze Schloß Nägel, eine Partei Bouteljen, 34 Schaafscheeren, Leibnizen kleine Schriften, Molleri andächtige Paßions Gedanken, ein schwartz und weiß Canthus Frauens Unter-Rock, 157 St. geräuchert Bockfleisch, ein unprotestirter Wechsel von Joh. Israel Gelberg. Und tausend Dinge an Gold, Silber, Krahm Wahren, an Manns Kleidern, Steinguth und Porcelän. Und 9 Immericks Einfaßungen von Kuddrußen, wozu auch immer sie ihrem Besitzer nützlich gewesen sind".

Die Pikk ist die Straße der Kaufmanns- und Handwerkergilden. "Helf Godt Allezeidt" heißt es auf einem Relief am Haus der Schwarzhäupter, der jungen unverheirateten Kaufleute, die dem Rat einst auch einen Reitertrupp stellten. 20, 30 Brüder wollten noch 1940, als die Sowjets kamen, hier aushalten, doch in jener Zeit hat Gott nicht geholfen. Die Bruderschaft - als letzte mittelalterliche Vereinigung Estlands hat sie das Haus inzwischen zur Hälfte zurückerworben und teilt es mit einem estnischen Kulturzentrum - ist heute in Hamburg eingetragen und Urmas Oolup ihr erstes und vorerst einziges estnisches Mitglied.

Urmas Oolup in der nahen Tolli 6, der früheren Zollstraße, ist der Herr der Schätze des Tallinner Stadtarchivs. Seine Sammlungen können es, aneinandergereiht, spielend mit der jetzigen Länge der Stadtmauer aufnehmen - 5,6 Kilometer an Pergament und Papier gegen 1,85 Kilometer Kalkstein, wobei Oolup vor so einem Wettbewerb seine größten Kostbarkeiten natürlich hüten würde: das älteste Originaldokument Revals, die Urkunde eines päpstlichen Legaten aus dem Jahre 1237, Pergamentkodexe des Lübischen Stadtrechts und die ältesten auf Estnisch geschriebenen Texte, Gebete aus der Zeit um 1524. Das Resümee, das der Stadtarchivar aus seinen 420.000 lateinischen, niederdeutschen, schwedischen, hochdeutschen, russischen und estnischen Schriften zieht, könnte kürzer nicht sein:"Von unseren Eroberern", sagt er,"ging nicht nur Gewalt und Unterdrückung aus, sondern auch unsere Einbeziehung in den europäischen Kulturraum."

Von nebenan, den "Drei Schwestern", kommt wieder Baulärm. Doch ein Ende, weiß der Stadtarchivar, ist abzusehen. Das entkernte gotische Dreier-Ensemble wird zu einem feinen Hotel umgebaut, und schon im Herbst will man die ersten Gäste empfangen. Was zu Sowjetzeiten fünf Jahre dauerte, wird heutzutage in fünf Monaten erledigt. Tallinn packt an, kühl kalkulierend und rational, in bester Hanse-Tradition.

In Tallinn gibt es Hansebewusstsein

Als nach der Unabhängigkeit der baltischen Staaten die Lenin-Monumente in Tallinn, Vilnius und Riga fallen sollten, orderten die Esten sofort einen Riesen-Kran aus Finnland. In Vilnius verteilte man 2000 Vorschlaghämmer. Die Letten aber setzten eine Planungskommission ein, wird scherzhaft erzählt. Ralph-Georg Tischer bestätigt gern die nordisch-protestantische Prägung des Tallinner Arbeitsverständnisses. "In den Köpfen der Esten ging alles schnell voran", sagt der Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Estland, Lettland und Litauen, "und ganz sicher gibt es in Tallinn so etwas wie ein Hansebewusstsein, das Besinnen auf die westwärts gerichteten Verbindungen. Estland hat als erstes der drei Länder die Rubel-Währungszone verlassen, den Handel sofort Richtung Westen gedreht und am schnellsten Betriebe nach deutschem Treuhandmodell privatisiert. Ihre Kräfte aber wollen sie hier nicht etwa an Lettland und Litauen messen, sondern mit Finnland."

Finnland ist keine 50 Seemeilen entfernt. Wer von dort mit der Fähre anreist, hat eines der schönsten Stadtpanoramen der Ostseeküste im Visier - den massigen, steil abfallenden Kalksteinklotz des Dombergs, die wuchtigen Wehrtürme und Mauern der Unterstadt, die gotischen Spitzen und geschwungenen Barockhauben der Kirchen, den eleganten schlanken Rathausturm unten und die Zwiebeltürme der Alexander-Newski-Kathedrale oben auf dem Domberg.

Die Finnen kommen gern und in großer Zahl übers Wasser. Nicht eigentlich zum Kräftemessen, wohl aber zur Demonstration ihrer Kraft. Die Großen investieren. Seit Beginn der Marktwirtschaft führen finnische Unternehmen die Liga der ausländischen Investoren in Estland an. Die Kleinen konsumieren in den langen Nächten kurze Getränke. Sie tun das ebenfalls nach Kräften, weswegen sie hier Elche heißen. Da die Kneipen der Unterstadt locker für ein Wochenende ausreichen, kommt der Domberg im Universum der Elche nicht vor.

Wenn es an Sommerabenden ganz still ist, kann man auf dem Domberg aus den Häusern am Fuß des Felsens das Klappern von Geschirr hören. Jahrhundertelang aber hatten die hier oben und die dort unten sich nur widerwillig zur Kenntnis genommen. Reval und sein Domberg, das ist die Geschichte zweier Gemeinwesen, ach was: Welten. Die Unterstadt, schon unter dänischer Herrschaft im 13. Jahrhundert von deutschen Kaufleuten und Handwerkern besiedelt und Mitglied der Hanse, genoss alle Freiheiten einer Stadtrepublik. Auf dem Domberg hatten sich der Bischof und die Ritterschaft etabliert, die auf den Gütern draußen im Land das Sagen hatte. Dass Estland dann schwedisch und schließlich russisch wurde, hat Bürgerschaft und Nobilität nicht weiter irritiert. Man wahrte seine Privilegien, und die Strukturen der deutschen Machtstellung erhielten sich bis zum Ersten Weltkrieg.

Viele Esten sprechen erstaunlich wohlwollend über die einstigen Herren. Auch Mati Sirkel. "Die Sowjets haben die deutschen Sünden vom Tisch gefegt," sagt der Vorsitzende des estnischen Schriftstellerverbands, und hinüberblickend zum Domberg fügt er hinzu:"Und im Übrigen ist das deutsche Gesicht Tallinns auch mein Erbe."

Bis heute gibt es nur drei Wege zum Domberg. Die Straßen dort oben sind kurz und krumm, die Kirchen und Villen prächtig und stattlich.Wie eine fette Glucke hockt die russisch-orthodoxe Kathedrale über dem südlichen Rücken. Ihr Kontrapunkt im Norden ist der protestantische Dom, und seine Mauern sind übersät mit mehr als hundert Wappenepitaphen des deutschbaltischen Adels. Die Sowjets wagten nicht, sich daran zu vergreifen, aber jetzt werden die Schilde nach und nach abgenommen. Zur Aufarbeitung. Schmale Gassen führen zu den zwei Aussichtsterrassen. Tallinn öffnet sich: Der Blick geht auf das Stakkato der roten Dächer eng gedrängter, spitzgiebeliger Häuser und weit über Ostsee und Stadt. Unten klappern die Salatschüsseln wie seit je, und der ferne Kranz grauer Satellitenstädte wird gnädig vom vielen Grün verdeckt.

In den Repräsentationsbauten des Dombergs sitzen Parlament, Ministerien und Botschaften, was der Staat haben wollte, hat er bekommen. Wo ein Stadtpalais frei ist oder renoviert wird, steht meistens auch eine große Tafel: "Müüa luksuskorterid - Verkauf von Luxusapartments". Vor einem der Anwesen weht die blaue Sternenfahne der Europäischen Union, die mit ihrem Acquis communitaire so etwas Ähnliches wie das Lübische Stadtrecht installieren will. Schon angekommen in Tallinn, fast.

"In Tallinn nutzen die Eliten die vielen Freiheiten, die ihnen der liberale ,Nachtwächterstaat' heute gewährt", sagt Ralph-Georg Tischer. "Noch machen sie, was sie wollen. Wenn Estland der EU angehört, kann Brüssel intervenieren. Und auch Lernprozesse werden dann beschleunigt." Die Tallinner sind IT-verrückt, nach einer Statistik der Staatsbank rangieren sie in der Internet-Nutzung gleich hinter Schweden und Finnland und weit vor Deutschland. "IT und Biotech sind hier zwar politisch erwünscht", so der Wirtschaftsexperte,"man sollte aber nicht allein darauf setzen. Das traditionelle estnische Kerngeschäft sind Holzverarbeitung, Möbelindustrie und der Transithandel. Natürlich sind die Erwartungen an deutsche Investitionen hoch, doch Estland hat eine Randlage und der Markt ist klein. Nicht jeder kann BMW kriegen. Es sind deutsche Mittelstandsunternehmen, die hier viel geleistet haben."

Die Wirtschafts- und Kulturgemeinschaft, in die Tallinn zurückgekehrt ist, hat heute viele Namen. Bezog die mittelalterliche Hanse ihre Faszination aus der Weltoffenheit, dem Wagemut, dem innovativen und multikulturellen Denken ihrer Mitgliedsstädte, so hob der 1992 gegründete Ostseerat die Beziehungen der zehn Ostseeanrainer auf eine politische Ebene.Die eigentliche "neue Hanse" aber, die weit über die Baltic Sea Chamber of Commerce mit ihren 51 Kammern hinausgeht, gewinnt ihre Kraft aus einem inzwischen dichten Netzwerk vieler Organisationen. Sie treiben Energieverbünde und Verkehrsprojekte ebenso voran wie die Agenda 21 oder multilinguales Fernsehen.

Darüber weiß der Besucher Tallinns wenig. Doch er genießt und teilt mit den Tallinnern die neuen Freiheiten von Konsum und Warenverkehr. Wie zu Hansezeiten. An der Vene 6 führt ein Tor zu Hofgebäuden aus dem 14. Jahrhundert und in einen Gewölbekeller, wo einst Waren und Vorräte lagerten, heute aber Schmuck in eleganten Glasvitrinen beleuchtet wird. Der Architekt Jaan Pärn, Designer vieler dieser schönen Dinge, hat den Hofkomplex vor dem Verfall gerettet. Es entstand der gemeinnützige "Meistrite Hoov", der Hof der Meister, mit Ateliers und Gastwohnungen für Künstler, mit Galerien und Cafés. Hier sind estnische Meisterstücke zum Exportschlager gereift.

Im späten Mittelalter hatte die Kunst den umgekehrten Kurs genommen. Die Lübecker Werkstatt von Bernt Notke, dem Bildschnitzer und Maler der Spätgotik, lieferte um 1500 für die Revaler Nikolaikirche den berühmt gewordenen "Totentanz" mit Szenen von der Gleichheit aller Sterblichen im Angesicht des Todes.

Mit der Vergänglichkeit kann man derzeit in Tallinn, dem Maschinenraum der estnischen Prosperität, keine Punkte machen, mit der Vergangenheit aber immer. Die ist manchmal auch lustig. Bei Bänkelliedern und Minnegesang in der "Olde Hansa" am Alten Markt, einem netten, mittelalterlich gestylten Lokal, wo kostümierte Mädchen in Steinkrügen Bier servieren. Gewürzbier, gebraut nach Geheimrezepturen aus der Hansezeit, also hat schon Johan Uexküll davon getrunken. Mit Behagen verfällt man beim zweiten Krug, spätestens, in Phantastereien. Noch eins! Dieses Bier sollten die Tallinner unbedingt exportieren.

Autor:
Tibor M. Ridegh