Baltikum Baltisches Hinterland

Ein einsamer Strand, Sand wie feuchter Goldstaub, schön wie alles Verwunschene. Ein halbes Jahrhundert war die lettische Nordwestküste militärisches Sperrgebiet, ein Jahrzehnt Freiheit hat den Bann nicht gebrochen. Die Luft ist sanft, im Sand liegt "Eva". Ihre Haut ist glatt, leuchtet wie die Haut der Meerjungfrauen, die sich dort draußen verbergen. Auch "Eva" will hinaus: ein junger und doch sehr altmodischer Fischkutter. Ein paar Meter weiter wartet ein riesiger rostgelber Traktor. Proktor, made in USSR, steht auf seinen sandverklebten Reifen. Das Monster wird Eva abschleppen, hinein in die See.

Wir aber wenden uns ab, gehen zum Auto, wir fahren dort los, wo die Ostsee der Westen ist, aber wir wollen nicht auf die See, sondern auf die baltischen Straßen, in die Dörfer, zu den Menschen.

Die Reklameschilder am Straßenrand von Liepja (Libau) sind so bunt und billig wie Plastiktüten: Unibanku, Autoremonts, Viesnica. Dahinter stehen die gleichen Plattenbauten, die auch Marzahn noch verschandeln. Die Garnison des ehemaligen Kriegshafens ist zerstört wie nach heftigen Luftangriffen, alte Männer in Baseballmützen und blauen Arbeitsanzügen klettern in den roten Backsteinruinen herum, klopfen und hämmern.

Auf einem drei Meter hohen Trümmerhaufen kauert eine kleine Frau mit großen, hübschen Augen, ihre Stoffschuhe sind braun vom Staub. Auch sie schlägt mit Hammer und Brecheisen auf alte Mauerstücke ein. "Ich heiße Walentyna. Und das hier ist besser als gar keine Arbeit." Sie lächelt wie eine Dame, die Rosenstöcke beschneidet. Für jeden Stein bekommt Walentyna einen Santims, umgerechnet eineinhalb Cent, 200 Steine schafft sie, verdient zwei Lati, also drei Euro am Tag.

Walentyna ist Polin, hat aber immer hier gelebt, in der Maschinenfabrik gearbeitet, früher. "Jetzt bin ich 47, ich habe zwei Kinder, meinen Mann rausgeworfen, weil er gesoffen hat." Die lettische Staatsbürgerschaft besitze sie noch nicht, sie spricht zwar fließend Lettisch, aber der Antrag kostet 15 Lati, mehr als eine Woche Steineklopfen, das spart sie sich. "Früher hatten wir Geld, aber es gab nichts dafür zu kaufen. Jetzt sind die Geschäfte voll, aber wir haben kein Geld", diesen Stoßseufzer kann man überall hören, wo Arbeiter und Bauern leben im ehemaligen Sowjetreich. Doch Walentyna lächelt wieder mutig: "Dafür sind wir frei, können reisen, wohin wir wollen."

Auf den Wiesen staksen Störche, hin und wieder torkeln Betrunkene über die Straße, langbeinige Mädchen auf Tourenrädern radeln vorbei. Aber vor allem sind alte, metallic-graue Audi 100 unterwegs, wieder aufgetragene deutsche Automode der achtziger Jahre. Es gibt wenig Kurven, aber viele Grenzübergänge. Ein junger Zöllner nimmt unsere Papiere in Empfang, eilt in seinen Blechcontainer, kommt mit seinem Chef. zurück: "Sie können hier nicht durch." Der Chef spricht sogar deutsch. "Ist nur ein kleiner Übergang, tut mir leid, ist nur für Leute von hier, schade." Es ist ihm sichtlich peinlich, wie weit die lettisch- litauische Grenzbürokratie noch von Europa entfernt ist. "Entschuldigen Sie. Diese Scheiße."

Der Berg ist rund und niedrig wie alle Berge im Baltikum. Vielleicht zehn Meter erhebt er sich über die Ebene von Siauliai (Schaulen), er rauscht, klirrt und klackert. Der Wind bewegt unzählige kleiner Kreuze, Kruzifixe und Rosenkränze aus Metall, Holz oder Elfenbein, die in Trauben an größeren Kreuzbalken hängen. Niemand weiß, ob hier 40.000 oder 120.000 Kreuze stehen. Die ersten wurden 1831 aufgestellt für Rebellen, die bei einem niedergeschlagenen Aufstand gegen die russische Fremdherrschaft umgekommen waren. Später errichtete man Kreuze für die litauischen Toten der Weltkriege, dann für die Opfer der Sowjetdiktatur, die Kommunisten ließen sie immer wieder fällen, die Litauer stellten sie immer wieder auf, manche landeten deswegen in Sibirien. Jetzt ist Litauen frei, der Berg ein Wallfahrtsort geblieben.

Unten am Parkplatz steht ein schnauzbärtiger Litauer und verkauft Halskreuze aus versilbertem Blech. "Vor acht Jahren habe ich selbst ein zwei Meter langes Kreuz von Vilnius nach hier geschleppt, für die Toten vom Fernsehturm." 1991 walzten Sowjetpanzer vor dem Fernsehturm in Vilnius eine Menschenkette der litauischen Unabhängigkeitsbewegung nieder. "Ich wollte auch zum Fernsehturm, aber ich lag krank im Bett." Ein Regenbogen hängt über dem Berg, gelbgrünrot wie die litauischen Nationalfarben. Fast kitschig schön.

Ein Straßenschild nördlich von Druskininkai. Wir bremsen, ein Schlag von hinten, es scheppert. Zwei litauische Autos waren so dicht hinter uns, dass wir alle drei karambolierten. Die beiden Fahrer schlendern unter Regenschirmen um ihre Wagen herum, einer lächelt traurig, der andere ruft per Handy die Polizei. Die Nasen ihrer Autos gleichen angeschlagenen Ostereiern, während unsere Stoßstange wie durch ein Wunder nichts abbekommen hat.

Aber mir schwant Böses: Erst gestern forderte ein fülliger Verkehrspolizist 150 Litai (umgerechnet 43 Euro) von uns, weil unser Auto, das einzige mit ausländischem Kennzeichen weit und breit, im Parkverbot stand. Er drohte bei Nichtbezahlung mit sofortigem Führerscheinentzug. Wir retteten uns, indem wir ihm erzählten, dass wir unterwegs seien, um einen Artikel über baltische Gastfreundschaft zu schreiben ...

Sein Kollege hier trägt die gleiche marineblaue Uniform. Aber er redet fast gar nichts, studiert den Straßenbelag und sein Zentimetermaß. "Sie sind nicht schuld", sagt er. "Ihre Hintermänner haben den Abstand nicht eingehalten." Er wendet sich an seine Landsleute:" Abstand muss man halten."

Hügelige Sandwege und violetter Fingerhut

Südlich und zuckeln jetzt auf hügeligen Sandwegen zwischen Wiesen voller violettem Fingerhut und himmelblauen Seen. Die Dörfer hier sind winzig, ein paar Häuser und Ställe, Zäune gibt es nicht. Ein Dutzend Kinder jauchzt und winkt. Als wir aussteigen, rennt die Schar mit Gebrüll davon, als wären wir Außerirdische und wollten Fangen mit ihnen spielen.

Ein hagerer Mann mit Stirnglatze tritt uns entgegen, er lächelt, ein Zahn fehlt." Johan heiße ich." Johan ist 37 Jahre alt, verheiratet und hat vier Kinder. Eigentlich hat Johan wenig Grund zu lächeln, keine Arbeit, nur seinen Hof, drei Hektar Land, bestellt mit Kartoffeln und Korn, für den Eigenbedarf, zwei Schweine, zwei Kühe, die Milch verkauft er für umgerechnet acht Cent pro Liter, seine einzige Geldquelle. "Und ich habe keine Ahnung, was die Zukunft bringt." Johan und die Seinen sind durch das Verteilungsraster der EU-Gelder gefallen, wie Tausende Dörfer und Einzelhöfe im ländlichen Osten des Baltikums, vergessene Freilichtmuseen der untergegangenen Planwirtschaft.

Johans Nachbar, ein Greis von 78 Jahren, gesellt sich zu uns. Auch er lacht, vier Lücken und ein Stahlzahn. "Als junger Kerl habe ich Berlin erobert, damals' 1945, ich war bei der Infanterie." Nach dem Krieg hätten sie ihn und die anderen Litauer noch drei Jahre bei der Armee gehalten, aus Schikane. "Aber unter Breschnjew haben wir ganz gut gelebt, wir hatten hier eine Sowchose. Jetzt sollen wir ja in die Europäische Union. Viele sagen, dann ginge es uns noch schlechter. Was haltet ihr Deutschen davon? Wollt ihr auch in die Union? Wenn ihr wieder nach Deutschland kommt, grüßt mir alle in Berlin."

Wie man zur Ordensburg Neuhausen bei Vastseliina kommt? In der Schlange vor dem Geldautomaten am Supermarkt steht Andres, 27, er gibt gerne Auskunft. "Da wollen wir auch hin, meine Freunde und ich. Wartet, ich steige bei euch ein und zeige euch den Weg." Andres' Englisch klingt eher amerikanisch als estnisch. Er trägt dunkelblaue Shorts, sonst ist er nackt, die Haut pellt sich rosa auf seinen Schultern:" Den Sonnenbrand habe ich von einem Baskettballturnier in Locarno. Da arbeite ich seit zwei Jahren als Webdesigner. Aber ich bin genug gereist, habe in den Staaten gelebt, in Malaysia und jetzt in der Schweiz, ich will zurück nach Estland, auch wenn ich hier nur 1000 Euro verdienen kann und nicht 6000 wie dort." Er ist zum Mittsommernachtsfest gekommen. "Früher waren wir ja alle Heiden, bis ihr verdammten Deutschen gekommen seid." Er grinst und zeigt auf die rote Ruine der Ordensburg Neuhausen, die vor uns auftaucht. Wir sind etwas enttäuscht von ihrem Anblick: Sie sieht aus, als hätten die Ordensritter vor 650 Jahren eine Brandschutzmauer an den Talgrund gebaut. "Erst die Deutschen, dann die Schweden, dann die Russen. Immer fremde Herren. Wer weiß,wie lange diesmal unsere Freiheit dauert." Andres nimmt einen kräftigen Schluck Bier aus der Dose (wohl nicht sein erster heute) und fügt hinzu:"Lacht nicht! Die Geschichte ist unberechenbar."

Die Wanddielen der Holzkirche sind skandinavisch blassgrün gestrichen, der Turm ist lutheranisch spitz, aber darüber leuchtet der Doppelbalken eines orthodoxen Kreuzes. Auf der Dorfstraße von Kolkja steht Jestafij, ein Russe, ein Erzrusse: 35-jähriger Nachfahr der Altgläubigen, die im 15. Jahrhundert die alten nationalen gegen die neuen griechischen Riten verteidigen wollten, deshalb in Russland verfolgt wurden und hierher geflohen sind, ans estnische Ufer des Peipussees. Estnisch sprechen wir nur ein paar Worte", erklärt Jestafij, "aber niemand unterdrückt uns." Nur der Fischfang sei jetzt strenger reglementiert. "Wir dürfen nicht mehr mit Netzen, nur noch mit Reusen fischen. Man muss sein Handwerk verstehen, um zu überleben. Aber im Übrigen können wir nicht klagen."

Jestafij und seine Brüder werden das Mittsommernachtsfest auch feiern, und sie werden - entgegen den strengen Sitten der Altgläubigen - sogar Alkohol trinken. "Selbst Gebrannten, wir trinken nur selbst Gebrannten, bei dem, was heute alles als Wodka verkauft wird. Erst letztes Jahr sind in Pärnu (Pernau) 59 Leute gestorben, an mit Methylalkohol versetztem Schnaps." EU hin, EU her, der gemeinsame Nenner zwischen Russen und Balten drückt sich noch immer in Alkoholprozenten aus.

Zehn Kilometer weiter nördlich teilt ein Strand das Schilf. Ich steige aus dem Auto, hinein in den See. Das Wasser reicht mir bis zu den Knöcheln, dann bis zu den Waden, ich gehe und gehe, der See wird nicht tiefer. Vor mehr als 750 Jahren schlug ein estnischrussisches Heer auf dem zugefrorenen Peipussee die Ordensleute, hunderte Ritter kamen ums Leben, das Ende des katholischen Drangs gen Osten. Nach 300 Metern kann ich endlich schwimmen. Jetzt bin ich dort angekommen, wo das Baltikum Westen ist. Der See gleicht einem stahlgrauen Meer, das in der Ferne gegen den langsam verblassenden Abendhimmel stößt. Nach weiteren zehn Minuten immer noch Boden unter den Füßen. Der Horizont im Osten scheint noch ferner entrückt. Als trennten mich vom großen Russland dahinter nicht 30 Kilometer, sondern schon ein Ozean. Ich gebe auf und wate zurück, dorthin, wo es Richtung Europa geht.

Autor:
Stefan Scholl